Montag, 12. März 2012

Mit aller Härte des Gesetzes


Humor ist in Deutschland bekanntlich eine ernste Sache. Ein paar Dinge jedoch gibt es, da versteht der Deutsche überhaupt keinen Spaß. Wenn's um Kinderschänder geht zum Beispiel. So richtig aber rastet er aus, wenn es jemand wagt, sich an seinem liebsten Kind zu vergreifen, dem Auto.

Dem 28-jährigen André H. wurden 102 Autobrandstiftungen nachgewiesen, für die er sich jetzt vor Gericht zu verantworten hat. Außerdem wird ihm gefährliche Körperverletzung vorgeworfen, weil die Flammen in einem Fall auf ein benachbartes Haus übergegriffen haben. Dass der Mann verurteilt und im Rahmen der geltenden Gesetze bestraft werden wird, ist so gut wie sicher und auch selbstverständlich.

So was ist kein Spaß und erst recht kein Dummejungenstreich. Man kann nur froh sein, dass kein Mensch verletzt wurde. Und die, die klammheimliche Schadenfreude empfinden darüber, dass es endlich einer den Bonzen mit ihren Angeberkarren gezeigt hätte, zeigen damit allenfalls die gleiche Unreife wie ihre Spiegelbilder von der anderen Seite: die Blockwarte. Die schreien nach drakonischer Bestrafung, wobei sie dem deutschen Justizwesen pauschal unterstellen, eine einzige große Schmuseecke zu sein. Das Geständnis des Täters, in dem er Reue und Bedauern ausdrückt, ist für sie bloßes Mitleidsgetue, um sich mildernde Umstände zu erschleichen.

Wie hart soll die Strafen denn bitte ausfallen? Wann sind diese Leute zufrieden? Wenn der Mann mitten auf dem Gendarmenmarkt öffentlich ausgepeitscht oder sonstwie gezüchtigt wird? Wenn er im gestreiften Anzug und mit Eisenkugel am Fuß unter dem Spott der braven Bürger den Rest seines Lebens Steine klopfen muss? „Jaja, das hättste nicht gedacht, was? Das nächste Mal überlegst du Drecksau dir das mit dem Zündeln mal lieber. Komm, Else, wir gehen. Wenn ich diesen Abschaum länger ansehen muss, wird mir schlecht!“ Oder darf es vielleicht eine Prise Saudi-Arabien sein? Lernen von der Scharia?

Nein, so unbescheiden ist man dann doch nicht. Gern aber wird die Forderung laut, so einer dürfe den Rest seines Lebens nicht mehr in Freiheit kommen. Als Begründung wird dann meist angeführt, sobald so jemand nach zwei Jahren Knast, pardon: Wellnessurlaub auf Staatskosten, wieder auf freien Fuß käme, dann könne er ja sofort wieder Autos anzünden. Außerdem würden härtere Strafen schließlich potenzielle Nachahmer abschrecken.

Man kann es nicht oft genug wiederholen und der Hals tut weh, aber: Härtere Strafen machen nichts ungeschehen. Sie machen kein Mordopfer wieder lebendig, zaubern weder körperliche noch seelische Narben weg, machen keine Vergewaltigung rückgängig und keinen Überfall. Härtere Strafen bedienen einzig und allein das unmittelbare Bedürfnis nach Rache und Heimzahlen. Das aber ist nicht Aufgabe der Strafjustiz. Man kommt sich vor wie eine Gebetsmühle, wenn man sich wieder einmal genötigt sieht, herunterzuleiern, dass härtere Strafen keinen Täter abschrecken. Ein Blick die USA zeigt das sofort: Trotz der prozentual meisten Gefängnisinsassen, trotz eines riesigen Polizeiapparates, trotz wirklich lebenslänglicher Haftstrafen und trotz Todesstrafe in etlichen Bundesstaaten, haben alle Verschärfungen langfristig die Kriminalität nicht zu senken vermocht. Wenn überhaupt, dann zeitlich und lokal begrenzt.

Nach Wiedergutmachung rufen sie auch noch gern. Wie soll das konkret aussehen? Man kann davon ausgehen, dass André H., wenn er nach verbüßter Strafe wieder versucht, Fuß zu fassen  – was übrigens nur mit Sozialarbeit funktioniert und nicht mit Hieben – wahrscheinlich, wenn überhaupt, sich nur eine bescheidene Existenz wird aufbauen können und auch nicht besonders üppig verdienen wird. Der finanzielle Schaden, den er angerichtet hat, geht in die Millionen und er wird nach menschlichem Ermessen keine Chance haben, ihn in diesem Leben irgendwie zurück zu zahlen. Also: Was stellen diese Leute sich genau vor unter Wiedergutmachung?

Wenn man ihnen all diese Argumente wegnimmt, dann jallern die Streiter für Law and Order immer noch: "Aber was da alles hätte passieren können!", anstatt froh zu sein, dass kein einziger Mensch zu Schaden gekommen ist. „Stell dir mal vor, dir würde so etwas passieren. Du kämst morgens aus dem Haus und dein Wagen wäre abgefackelt worden. Du wärst auch nicht begeistert.“

Natürlich wäre ich nicht begeistert. Ich wäre sogar stinksauer und sicher in der Stimmung, Ohrfeigen zu verteilen. Die Gedanken, die ich in der ersten Gefühlsaufwallung hegen würde über das, was mit dem Täter meiner Meinung nach zu geschehen hätte, brächten mich wahrscheinlich mit dem Gesetz in Konflikt, würde ich sie offen aussprechen. Ich habe übrigens eine gewisse Erfahrung darin, weil mir zu Studentenzeiten mehrere, zum Teil nicht gerade billige Fahrräder trotz Sicherungsmaßnahmen geklaut wurden.

Nachdem ich den ersten Zorn überwunden hatte, habe ich mich natürlich gefragt, was man tun kann. Abgesehen davon, mein Fahrrad in Zukunft immer nach Möglichkeit dort unterzustellen, wo ich gerade war und einem besseren Schloss fiel mir nicht viel Sinnvolles ein. Ich musste eben lernen, mit dem Risiko zu leben, dass Fahrräder leider auch geklaut werden können. Wollte ich das nicht akzeptieren, hätte ich mit dem Bus fahren oder zu Fuß laufen müssen. Es gibt nun einmal ein gewisses Restrisiko im Leben. Und gegen einen ansonsten unauffälligen Soziopathen wie André H. gibt es erst recht keine Lebensversicherung.

Wer das zynisch findet, muss sich die Frage gefallen lassen, warum er sich dann nicht mit der gleichen Verve über die im letzten Jahr wieder gestiegene Zahl der Verkehrstoten ereifert. An dem Sachschaden, den schon eine einzige herbstliche Massenkarambolage auf der A31 hinterlässt, hatte André H. ein ganzes Jahr lang zu stricken. Von den Verletzten und Toten ganz zu schweigen.

Aber das ist natürlich etwas ganz anderes, nicht wahr? Damit muss halt leben, wer freie Fahrt für freie Bürger will, oder? Hey, no risk, no fun! Man spielt schließlich auch ein Leben lang Lotto, weil die theoretische Chance von eins zu zigmillionen besteht, den Jackpot zu knacken.

Noch einmal zurück zu den Autos. Es ist nur ein Nebenaspekt, aber auffallend oft wurde betont, es habe sich bei den ausgebrannten Autos vornehmlich um besonders luxuriöse gehandelt. Grenzen wir das mal ein wenig ein: Mit Luxusautos sind in der Regel Oberklasselimousinen gemeint. Also das, was in Stuttgart, München und Ingolstadt vom Band rollt und dessen Neupreis sich normalerweise im oberen bis obersten fünfstelligen Bereich bewegt.

Ich kenne die Berliner Verhältnisse nicht, aber da, wo ich herkomme, werden solche Autos nachts eher selten direkt an der Straße geparkt. In der Regel sind deren Besitzer so solvent, dass sie eine Garage auf ihrem Grundstück haben, das wiederum meist noch mit einer Alarmanlage gesichert ist.

Apropos solvent: Auch wenn Neuwagen dieser Preisklasse in der Regel vollkaskoversichert sind, bleibt dem Besitzer eines ausgebrannten Autos natürlich ein Verlust, da er nur den Zeitwert ersetzt bekommt. Allerdings nur, wenn er wirklich der Besitzer bzw. Halter des Wagens ist. Bei dicken Chefschubsen ist das keineswegs gesagt, denn die sind zu zirka 90 Prozent Firmenwagen.

Die Leichtigkeit, mit der sich die Schauergeschichte mit den brennenden Luxusschlitten ins Wanken bringen lässt, verleiht der Sache einen argen Geruch nach gezielter Panik- und Stimmungsmache. So von wegen: verfluchte Neidgesellschaft! Nicht mal eine dicke Karre darf man mehr haben. Seht hin, hart arbeitende Leistungsträger und sich bedroht fühlende Mittelschichtler! Wenn ihr wissen wollt, was passieren wird, wenn die Linken einmal Oberwasser bekommen, dann schaut auf diese Stadt und macht euch Sorgen.

Leute, die ein Interesse daran haben, dass dieser Eindruck entsteht, gibt es jedenfalls.



1 Kommentar :

  1. Die Mehrheit der Bevölkerung handelt emotional, irrational und nach dem Vorteilsprinzip. Hätten wir eine Justiz nach Wünschen der Bevölkerung, hätten wir nicht nur härtere Strafen, nein, nein - wir hätten längst wieder die Todesstrafe, öffentliche Auspeitschungen und Erhängungen in der Stadtmitte mit Bier und Bockwurst. Vielleicht sogar mit "public viewing"...

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