Donnerstag, 29. März 2012

Versenkt die Titanic!


Wenn es um historische Ereignisse und deren Deutung geht, sind Forderungen nach Schlussstrichen in der Regel problematisch. Eine Ausnahme sehe ich mich jedoch genötigt zu machen:

Können wir die Titanic (den Dampfer, nicht die Zeitschrift) bitte ein für alle mal versenken und auf dem Grund des Atlantiks mitsamt den Toten in Frieden ruhen lassen? Danke!

Der Untergang der Titanic 1912 hat von Anfang an die Gemüter bewegt. Die Illustrationen des koppheister versinkenden Ozeanriesen sind zu den ersten Ikonen des 20. Jahrhunderts geworden. Nicht weniger als elf mal ist das Drama bereits verfilmt worden, darunter 1943 in Form eines perfiden Propagandastreifens aus dem Hause Goebbels. Das waren noch Randphänomene, die sich vergleichsweise gut ignorieren ließen.

Als Robert Ballard 1985 das Wrack mittels eines Forschungs-U-Bootes entdeckte und ein buntes Bilderbuch sowie einen Dokumentarfilm daraus machte, waren die Dämme gebrochen. Was dann losging, grenzt an Leichenfledderei. Regisseur James Cameron, seit jeher fasziniert vom Wasser, wo es am tiefsten ist, machte einen Spielfilm daraus, der so ziemlich alle Oscars abräumte, die gerade unbenutzt rumstanden. Zum Jubiläum wird der Film erneut veröffentlicht, diesmal in schickem 3D.

Was zu Anfang noch einen gewissen nostaglischen Charme gehabt habe mochte – das berühmte Wrack als eine Art Zeitkapsel, als modernes Pompeji gleichsam, in der die Welt von 1912 schnappschussartig eingefroren schien – ist in der Folge zu einem höchst lukrativen Zweig der Unterhaltungsindustrie angewachsen. Den wird sie nicht eher aus der Hand geben, ehe sie nicht den letzten Cent herausgeschüttelt hat.

Auf den Britischen Inseln geht es im Jubiläumsjahr 2012 besonders hoch her. Eine besonders kitschige Gedenkausgabe der Kirchenmusiksendung Songs Of Praise wurde bereits gesendet. Ebenso eine Miniserie, die die Konflikte unter den irischen Werftarbeitern während des Baus ins Zentrum stellte. Jetzt, da der der 14. April näher rückt, kommt es knüppeldick: Die BBC wird ein Gerichtsdrama senden, das auf den Originaltranskripten der offiziellen Untersuchung der tragischen Ereignisse basiert. Weiterhin wird eine Gedenkveranstaltung mit Musik, Tanz und Feuerwerk angedroht, in der auch gewaltige Chöre zum Einsatz kommen sollen. Dann noch eine 30-teilige Serie, in der die Geschichte der Titanic anhand von 30 Fundstücken rekonstruiert wird. Ferner eine Dokumentation, die sensationelle, bislang unveröffentliche Enthüllungen in Aussicht stellt sowie eine Folge der Kindersendung Blue Peter, in der an die überlebenden Kinder erinnert werden wird. Am großen Tag selbst soll es Sondersendungen geben, unter anderem live vom genauen Ort des Untergangs.

Inhaltlich sind das größtenteils Flachheiten und hohles Pathos. Nichtssagend, außer, dass den Machern dieses Schmonzes schon längst nichts Substanzielles mehr einfällt zum Thema. Doch muss es unbedingt ausgeschlachtet werden, weil es eben die Menschen so bewegt, wie es dann immer heißt. Alles Wesentliche ist bereits im Unglücksjahr selbst von Joseph Conrad gesagt worden, dem Seefahrtsexperten unter den Schriftstellern:
"Man baut ein 46000 Tonnen Hotel aus dünnen Stahlplatten, um die Gunst von tausend reichen Leuten zu gewinnen; man dekoriert es im Stil der Pharaos und von Louis Quinze, um diesen albernen Individuen zu gefallen, die mehr Geld in der Tasche haben, als sie ausgeben können, und unter dem Beifall zweier Kontinente schleudert man diese Masse mit 2 000 Menschen an Bord mit 21 Knoten übers Meer - dann passiert's"
Die Titanic ist zu einem Wiedergänger geworden, einer Art Fliegendem Holländer. Alle paar Jahre taucht der abgesoffene Kahn in den Medien auf und nervt rum. Hach, da sind sie wieder, arroganten Schnösel, die geglaubt haben, ihr Schiff sei unsinkbar. Haben sie? Egal, Hybris! Da, High Society, Klassengegensätze! Dieses Treppenhaus! Nur zwei Klos für die dritte Klasse. Iiihhh! Die wenigen Rettungsboote. Frauen und Kinder zuerst! Ah, die gute alte Galanterie. Dieser feige Reeder! Ah, das mutige Orchester, das weiter spielte bis zum Schluss. Man rätselt noch darüber, was als letztes angestimmt wurde. Schreie. Stille. Dann das Ende in den eisigen Fluten: Der Bug zuerst. Telegrafen singen die Schreckensnachricht in die Welt. Die Geburtsstunde eines Mythos...

Bitte, nein, Schluss damit! Was an historischer Erkenntnis soll die x-te Dokumentation, das x-te Dokudrama, der x-te bunte Bildband denn noch bringen, abgesehen von ein paar winzigen technischen Details? Es soll hier nicht gefordert werden, Forschung irgendwelche Fesseln anlegen zu wollen. Aber bei dem Titanic-Business geht es nicht um Forschung, sondern um puren Kitsch und um Banalitäten, deren Erkenntnisgewinn in keinem Verhältnis steht zum betriebenen Aufwand und zum Tamtam, das darum veranstaltet wird.

Meinetwegen soll eine weitere bunte Doku gesendet, ein, zwei Bücher mehr geschrieben werden – darauf kommt es auch nicht mehr an. Aber dann möge bitte Ruhe sein im Karton. Wenn es geht, für die nächsten 100 Jahre.



1 Kommentar :

  1. Die Belfaster haben nach viel Eigenschämen, das Geschäft jetzt auch entdeckt, - und wollen mit profitieren. (Da ist der Pott gebaut worden)
    Kommentar eines Souvenirhandlers: Mit einem englischen Kapitän einem schottischen 1.Offizier und einem kanadischen Eisberg, war nichts anderes zu erwarten. Business, - as usual.

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