Donnerstag, 1. März 2012

Wanderhure, rächend


Beginnen wir mit den schlechten Nachrichten. Die schlechteste zuerst: Dies wird kein Verriss des Films „Die Rache der Wanderhure“ (28.02., Sat 1). Erstens, weil ich ihn nicht gesehen habe und zweitens, weil so was billig wäre. Viele Polizeibeamte, heißt es, seien große Krimi-Fans, weil das, was in den allermeisten Fällen zu sehen und zu lesen sei, mit echter polizeilicher Ermittlungsarbeit nur sehr am Rande zu tun hat. Ähnliches hört man von Ärzten bzw. Krankenschwestern und von Lehrern. Diese Berufsgruppen schätzen Fernsehserien, die in ihrem Metier spielen, vor allem als großen Spaß. Warum sollten Historiker bei entsprechenden Machwerken anders verfahren? So lange niemand ernsthaft behauptet, aus Büchern und Filmen wie denen rund um die mobile Dienstleisterin ließe sich Substanzielles über Alltagsleben und Geschichte des Mittelalters lernen, soll es mir recht sein.

Natürlich handelt es sich, nach allem, was ich weiß, um eine durch und durch heutige, eher simpel gestrickte Empowerment-Geschichte, die zu jeder beliebigen Zeit spielen könnte. Und sie wäre immer ahistorisch: Ehrbares Mädchen gerät durch heimtückische Ränkespiele nach ganz unten, sie wird entehrt und misshandelt. Eine Hure mit goldenem Herzen rettet ihr das Leben und zum Schluss, nach viel Schwertergeklirr, Hufgetrappel und großen Gefühlen, folgt ein Happy End. Oder ein Cliffhanger, von wegen Fortsetzung. So weit, so vorhersehbar. Auch dass das Mittelalter in solchen Produktionen immer finster und schmuddelig ist, die Charaktere einem simplen Gut-böse-Schema folgen - geschenkt. Die meisten Hollywood-Historienfilme, die zur Zeit des Kalten Krieges entstanden sind und denen man zum Teil erheblichen filmhistorischen Rang zuspricht, waren auch pure Propaganda, bei der die Guten immer irgendwie verdächtig an Amerikaner erinnerten.

Wanderhure a.D., ernsthaft angefressen (Alexandra Neldel) - via stern.de
Nein, so lange Trash im vollen Bewusstsein konsumiert wird, dass es sich um welchen handelt, gibt es kein Problem. Alles andere ist bequemster bildungsbürgerlicher Dünkel. Apropos: Mir sind durchaus schon hochmögende Philologen begegnet, die nach dem dritten Weinchen oder Bierchen ein wenig verschämt einräumten, ihren ganz persönlichen literarischen Giftschrank zu haben, den sie mit Hingabe pflegen.

Daher mag ich auch über das Autorengespann der Romanvorlagen, das unter dem Pseudonym Iny Lorentz firmiert, nicht herumkritteln. Ich habe gelesen, die beiden seien Autodidakten und kämen aus der Fantasy-Szene. Also machen sie Fantasy, zur Abwechslung auch mal vor historischer Kulisse. Außerdem haben die beiden offenbar ein Rezept gefunden, überaus süffigen Lesestoff zu verfassen, der sich bislang millionenfach verkauft hat. Habe ich nicht. Also neidlosen Respekt dafür, auch wenn ich mir nicht vorstellen kann, eines ihrer Bücher auch nur in die Hand zu nehmen, wenn es die einzig verfügbare Lektüre auf einer einsamen Insel wäre.

Darth Vader im 15. Jh.? Der Inquisitor (Julian Weigend) - via stern.de
Ähnliches mag für die beteiligten Schauspieler gelten. Ich kenne kaum Schauspieler persönlich, weiß aber von Orchestermusikern, dass in deren Kreisen sehr fein unterschieden wird zwischen künstlerischen Herzensangelegenheiten, routiniertem Brötchenerwerb und lustvoll hingebrettertem Kitsch. Schauspielern wird es ähnlich gehen. Wenn das 'Wanderhuren'-Ensemble beim Drehen vor allem mal seinen Spaß hatte, beim Schwertschwingen und Chargieren dem Affen ordentlich Zucker gegeben und nicht gemeint hat, Gott weiß wie große Kunst zu machen, geht auch das in Ordnung.

Und noch eines muss lobend erwähnt werden: Die Hauptdarstellerin. Abgesehen davon, dass Zuckerschnute Alexandra Neldel nett anzuschauen ist, scheint sie auch eine ehrliche Haut zu sein. Als sie vorletztes Jahr, beim Erscheinen des ersten Teils, gefragt wurde, wie sie sich denn vorbereitet hätte, meinte sie locker, sie habe sich das Hörbuch des Romans angetan und sich ansonsten ein paar Internetseiten angesehen. Diese Herangehensweise ist sympathisch, weil sie offenbart, dass Frau Neldel ziemlich genau verstanden hat, wie viel an historischem Wissen für diese Rolle wirklich nötig ist.

Wem das oberflächlich erscheint, möge sich nur einen Moment lang das Grauen vorstellen, das über uns alle gekommen wäre, wenn dieser Part zum Beispiel der ehemaligen Kartoffelkönigin und jetzigen Millionario-Schnalle Veronica Ferres in die Hände gefallen wäre. Wochenlang hätten wir Interviews und Features erdulden müssen, in denen Frau Ferres sich über ihre monatelange Vorbereitung auf die Rolle ausgebreitet hätte. Wie viele Bücher sie gewälzt hätte, wie sehr sie sich zu einhundert Prozent emotional da hineingegeben hätte, wie oft sie beim Dreh weinend zusammen gebrochen wäre, weil die Gefühle sie übermannt hätten und welch ein Bedürfnis es ihr sei, der Welt mitzuteilen, welch starke Frauen es schon im Mittelalter gegeben hätte. Brrr.

Römer? Germanen? Wikinger? Mittelalter? Egal, Hauptsache Happy End - via stern.de
Eines aber muss nun zur Freude der Kulturpessimisten doch empfindlich gerügt werden: Der ebenso reißerische wie unbeholfene Name, der in schönster Tradition kreuzdoofer deutscher Filmtitel steht. Man soll amerikanische Produktionsfirmen nicht unnötig in den Himmel loben, aber wäre das eine amerikanische Produktion, dann hätte man sich mit Sicherheit was richtig Cooles einfallen lassen. Etwa: Zu düster-dräuender Musik arbeitet sich vor nachtschwarzem Hintergrund wahlweise in bluttriefdender roter oder schmiedeeiserner Schrift das Wort 'WHORE' langsam nach vorn. Auf jeden Fall irgendwas Lakonisches ohne ein Wort zu viel. Und vor allem nichts, bei dem man andauernd an 'Wanderdüne' denken muss.



Kommentare :

  1. Hallo lieber Herr Rose,

    nicht gesehen ... so so ... ;). Da hab ich ein kleine, textliche Zusammenfassung:
    http://meedia.de/fernsehen/das-protokoll-der-wanderhure-bei-sat1/2012/02/29.html
    (zum Schmunzeln).

    Kommt so hin, soweit ich das durch meinen Einstieg ab der geschilderter Passage 22:45 schließen kann ...

    Danach gab es noch eine Art von Kurz-"Doku" ... :
    http://www.sat1.ch/film/die-rache-der-wanderhure/kaeufliche-liebe-im-mittelalter

    für jene, die u.U. hätten vergessen können, dass es sich nur um ein Phantasieprodukt handeln kann.

    Obschon ich nicht glaube, dass die Menschheit tatsächlich ein Problem damit hat, virtuell Präsentiertes für Realität zu halten (nur, wenn sie das so denken möchte). Mir dünkt es eher, als sei es umgekehrt. Nichts, was über virtuelle Kanäle transportiert wird, scheint das wahre Leben da draußen - so real es dann auch sei - vermitteln zu können. Alles zu weit weg, alles nur im TV ... und morgen schon wieder vergessen, sofern nicht durch persönliche Erfahrung untermauert.

    Da schaut man halt den Film «Krieg in Afghanistan», «Übernahme Griechenland» usw. usf..

    Gruss
    rosi

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    1. Besten Dank für den Link, rosi. Ich habe wirklich sehr gelacht (die 'Doku' spare ich mir aber noch auf). Was das nicht gesehen haben angeht, habe ich mir gedacht: Mach es wie die Profis - ich möchte nicht wissen, wie viele TV- und Filmkritiken aus Pressemappen zusammen geschrieben werden... ;-)

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