Mittwoch, 11. April 2012

Ein garstig Lied


Die Logik atomarer Kriegführung ist eine eiskalte Logik des Alles oder Nichts. Sie ist so perfid, dass man sich nur ungern mit ihr befassen mag. Nukleare Arsenale werden aufgebaut als Drohkulisse, die möglichst nie zum Einsatz kommen soll. Alle Erfahrung lehrt, dass jede Erfindung irgendwann auch eingesetzt wird, ob es einem passt oder nicht. Dass es für die Menschheit vorerst bei Hiroshima und Nagasaki geblieben ist, ist, so tragisch das war, ein echter Glücksfall. Mit Atomraketen ausgerüstete U-Boote stellen in einschlägigen Szenarien die so genannte Zweitschlagskapazität sicher. Das bedeutet: Auch wenn ein Land bereits vollständig zu strahlendem Feinstaub zerbröselt ist, vermag es durch die im Verborgenen agierenden U-Boote immer noch, dem Gegner einen gleichermaßen vernichtenden Gegenschlag zu verpassen.

Wer immer über die Politik Israels krittelt, muss zwei Dinge bedenken. Erstens: Was die Fläche des Staatsgebiets angeht, ist Israel ein kleines Land. Mit knapp 21.000  Quadratkilometern etwa so groß wie ein durchschnittliches deutsches Bundesland. Wenige nukleare Sprengköpfe können diesen schmalen Landstrich in kürzester Zeit buchstäblich von der Landkarte fegen. Zweitens: Seit seiner Gründung ist es umgeben von Feinden und war mehrfach in seiner Existenz bedroht. Zwei Mal haben Präventivschläge Israel möglicherweise gerettet. Daher wird wohlmeinende Kritik an der Außenpolitik Israels, die ohne Krieg selten auskam, dort schnell als antisemitisch aufgefasst. Und deshalb hat es immer einen schalen Beigeschmack, wenn Israel sich aus außenpolitisch stabil eingebetteten Ländern moralinsaure, pazifistische, israelkritische Vorlesungen anhören muss, erst recht von friedensbewegten Deutschen.

„Ein politisch' Lied, ein garstig Lied!“, so rief vor gut 200 Jahren schon Geheym=Rath Göthe aus. Das ist keineswegs als politisches Redeverbot für Dichter zu verstehen, sondern als Warnung: Wenn Musensöhne meinen, sich zur Tagespolitik äußern zu müssen, dann dräuen mit hoher Wahrscheinlichkeit Brenzlig- und Peinlichkeit gleichermaßen. Dahinter steckt der sympathische Gedanke, dass, wer meint, einem schnöden Beitrag zum politischen Diskurs per Gedichtform höhere Weihen verleihen zu müssen, damit sowohl dem Beitrag selbst als auch der sich selbst viel zu viel an Bedeutung beimisst.

Günter Grass war einmal so etwas wie der Stadtschreiber der alten westdeutschen Bundesrepublik. Durch sein Engagement in Brandts Wahlkampf 1970 wurde er zum Idealbild des politisch sich engagierenden Dichters. Die Blechtrommel, 1959 erschienen, wurde und wird oft als erstes genannt, wenn es darum geht, spontan ein Schlüsselwerk der zeitgenössischen Literatur zu nennen. Dabei ist an der Blechtrommel nichts westdeutsch. In und um Danzig angesiedelt, der verlorenen Heimat im Osten, kann man sie begreifen als kaschubische Variante von Joseph Roths Radetzkymarsch. Diese beiden Romane eint ihre Doppelbödigkeit: An der Oberfläche melancholisch-nostalgischer Abgesang auf eine unwiederbringlich verschwundene alte Zeit, sind sie darunter durchaus scharfsichtige Analysen der Unausweichlichkeit dieser Untergänge. Trotz der subversiven Szenen und der schweinischen Passagen, trotz der scheinbar unbeholfenen Kindersprache, schwingt in der Blechtrommel genug Nostalgie, um auch stramme Vertriebenenfunktionäre gern zu der Schwarte greifen zu lassen. Grass' weiteres Schaffen ist seitdem von dem krampfhaften Bemühen geprägt, noch ein Mal so auf der Höhe der Zeit zu sein, wobei er auch vor narzisstisch säftelnder Altherrenlyrik nicht zurückschreckte. Ohne Erfolg.

Nun sagt Grass, mit letzter Tinte, wie er anfügt, das, was seiner Meinung nach gesagt werden muss, weil es ja sonst keiner tut. Zunächst ziert die gepeinigte Seele sich noch kokett. Nein, man darf es ja nicht sagen! Doch es muss einfach heraus, ich kann nicht anders. Hiiilfäää! Zwischen lutheranischem „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“-Georgel und autoritärem „Ich will doch nur dein Bestes!“ wird Israel mal eben bezichtigt, eine Gefahr für den Weltfrieden zu sein. Wenn man bedenkt, dass Israel sich spätestens seit Amtsantritt des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad massiver nuklearer Vernichtungspropaganda ausgesetzt sieht, muss man schon die Frage stellen, was man in Jerusalem bitteschön anders machen soll, damit Grass es zufrieden ist.

Stilistisch müffelt das Teil arg nach Brecht. Wer An die Nachgeborenen kennt, findet bei Grass nichts, aber auch gar nichts Neues, außer, dass Brecht besser auf den Punkt kam. Man kann es auch anders ausdrücken: Willkürlich-beliebiger Zeilenumbruch verwandelt prätentiöses Geschwurbel noch lange nicht in Lyrik.

Nicht minder daneben sind allerdings die Nachgeburten von Grassens Kopfgeburt. Die meisten Kritiker - Tö-rööö! Benjamin Blümchen hat was zu sagen! -  legten die Platte mit dem ganz Hohen Lied der Verdammnis auf ("Hassgesang!", "ekelhaft!". Für sie besteht kein Zweifel: Grass ist Antisemit. Bei alledem tut man so, als habe Grass hundert mal mit braunem Dosenlack F**K!!! THE JEWS auf die Klagemauer gesprüht. Und ein Hakenkreuz daneben. Nun kann man Grass gewiss vieles nachsagen, aber ein Antisemit ist er nicht. Und wenn doch, dann müssten diese ganzen wohltönenden Edelfedern, die dies nunmehr ventilieren, sich fragen lassen, warum sie ausgerechnet diesen skandalösen Aspekt in Grassens Vita während der letzten Jahrzehnte immer übersehen haben. Den Vogel ab schoss hierzulande fürs Erste Rolf Hochhuth: Der bekannte öffentlichkeitswirksam, er schäme sich angesichts der Grassschen Stanzen dafür, Deutscher zu sein.

Es gibt gewiss gute Gründe, sich für sein Deutschsein zu schämen. Manchmal reicht schon ein Blick auf Gestalten, die ihr Deutschsein für eine rundum prima dolle Sache halten, auf die sie auch noch stolz sind. Sich aber seines Deutschseins zu schämen wegen der kaum maßgeblichen Einzelmeinung eines ostpreußischen Pfeifenheinis, der Ende der Neunziger nicht ausgewichen ist, als man aus Stockholm mit Nobelpreisen warf, dafür muss man schon mächtig einen an der Waffel haben. Oder Nationalität deutlich wichtiger nehmen als sie ist. Was ja beides gern Hand in Hand daherkommt.

Auch andere Reaktionen aus In- und Ausland machten ihrem Referenzsubjekt in ihrer Schlicht- und Verquastheit alle Ehre. In Israel legte sich vor allem Innenminister Jischai ins Zeug und erklärte Grass zur Persona non grata. Begründung: Einmal SS – immer SS. Das ist insofern ungeschickt, als dass so was dem nicht nur Grassschen "Ich werde verfolgt!"-Gehabe unnötig Vorschub leistet. Zumal Jischai und seine Forderungen auch in Israel nicht unumstritten sind. Der Historiker Tom Segev, der das Einreiseverbot vor allem als innenpolitisches Manöver ansieht, nannte es schlicht idiotisch. Ähnlich deppert die Forderung, Grass den Literaturnobelpreis abzuerkennen: Die Schwedische Akademie wird den Teufel tun. Denn wenn sie jetzt einem ihrer Preisträger das Teil wieder wegnimmt, nur weil der später einmal irgendetwas nicht Nobelpreiswürdiges von sich gibt und das Schule macht, dann dürften bald kaum noch Preisträger übrig sein. Solche Forderungen sind pure Gratissymbolik und werden in dem sicheren Bewusstsein erhoben, dass garantiert niemand sie jemals umsetzen wird.

Für zahlreiche Medienintellektuelle gibt es offenbar nichts Schöneres als das Anstoßen oder, besser noch, das Lostreten von Debatten. Und je mehr es knallt, desto toller finden sie's. Denn wenn ihnen so richtig die Späne um die Ohren fliegen, dann werfen sie sich in Opferpose und beklagen lauthals, es finde eine Hexenjagd gegen sie statt. Sie sprächen doch nur mutig aus, was ansonsten totgeschwiegen würde. Grass selbst ließ sich zu dem Bonmot hinreißen, die deutsche Presse sei „gleichgeschaltet“. Irgendeine Nazi-Analogie geht immer! Am Ende sind meistens alle so schlau wie vorher, nur die Fronten sind noch ein Stück verhärteter. Das macht auch nichts, denn solche Debatten sind überhaupt nicht auf Erkenntnisgewinn angelegt. Sie sind nur Windmaschinen, die Staub aufwirbeln und Aufmerksamkeit erregen sollen, weiter nichts. Insofern hat der von Grass angezettelte Sturm im Wasserglas seinen Zweck bestens erfüllt.

Wie immer ist Humor das Mittel der Wahl, wenn es gilt, Verkrampfungen, verletztem Stolz, Nationalismus und anderen Wichtigmachereien die Luft rauszulassen. Amos Biederman, Karikaturist der Zeitung Haaretz, ließ zwei Kiffer auf dem Dach eines Hauses in Tel Aviv ordentlich einen durchziehen und sich angesichts der Nachricht vom Einreiseverbot für Grass vor allem ernsthafte Sorgen um ihren Nachschub machen.


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