Mittwoch, 18. April 2012

Einer von uns


So makaber es klingt, aber vermutlich wäre vieles einfacher, wenn Anders Breivik, wie fast alle Amokläufer der letzten Jahre, durch Kugeln der Polizei getötet worden wäre. Wohl kaum jemand hätte ein Problem damit gehabt und der Mann wäre aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit weitgehend verschwunden. Einfacher wäre es sicher auch, ihn als kranken, durchgeknallten Einzeltäter abzustempeln und ihn somit quasi aus der Gesellschaft auszuschließen.

Es ist müßig, als Laie am grünen Tisch darüber zu spekulieren, ob Breivik nun geisteskrank ist oder nicht. Gut möglich, dass er sich zumindest am Rande der Psychose bewegt. Vielleicht ist er aber auch nur ein Einzelgänger, der sich ausgestoßen und unverstanden fühlt und sich daher immer mehr in ein verquastes Weltbild aus Bürgerkriegs- und Erlösungsphantasien zurückgezogen hat, in dem er der Retter des christlichen Abendlandes in schimmernder Templerrüstung ist. Dass er nichts bereuen mag, ist übrigens nichts Ungewöhnliches: Wie viele Gewalttäter, tut er sich selbst am meisten leid.

Der Wunsch, Anders Breivik als Geisteskranken zu sehen, als unzurechnungsfähig, mag im ersten Moment verständlich sein. Doch impliziert das auch den Wunsch nach Distanzierung und Abgrenzung. Er gehört nicht wirklich zu uns, lautet der Subtext. Ist er unzurechnungsfähig, also psychisch krank, dann darf er nicht bestraft werden, sondern braucht Behandlung und Hilfe. Ist er es nicht, dann gehört er zu uns, zu einer westlichen, freiheitlichen Gesellschaft, ob es uns passt oder nicht. Keine der beiden Varianten ist angenehm. Erst recht nicht für die, die nach Wiedergutmachung und ausgleichender Gerechtigkeit dürsten. Die aber kann, ein Rechtsstaat nicht immer liefern, bei aller Trauer um die Toten und allem Schmerz der Hinterbliebenen.

Man kann angeekelt sein von dem, was Breivik vor Gericht vorträgt. Aber wenn man sich nicht abschrecken lässt von den richtig widerlichen Passagen, zum Beispiel, dass er allenfalls bereue, nicht noch mehr Menschen umgebracht zu haben, klingt vieles erschreckend vertraut: Der Popanz von der drohenden Islamisierung und von der grotesk aufgeblasenen linken Gefahr für das christliche Abendland. Solche Hetze findet sich tagtäglich massenhaft in Foren und Kommentarspalten vieler Online-Zeitungen, auch hierzulande.

Es ginge zu weit, diesen Propagandisten der Kälte und des Egoismus in Online-Plattformen und anderen Medien, den alten und neuen Rechten, den Sozialdarwinisten, den Islamophoben und Rassisten, denen, die propagieren, jeder sei sich selbst der Nächste, denen die immer mehr Härte und noch mehr Schikanen fordern gegen die, die eh schon marginalisiert werden, eine direkte Mitschuld zu geben an dem, was im Juli 2011 in Oslo und Utøya passiert ist. Aber die Frage, welches gesellschaftliche Klima eine Zeitbombe wie Anders Breivik letztlich glauben ließ, er handele im Sinne und zum Wohl der Allgemeinheit, diese Frage muss erlaubt sein. Und sie muss gestellt werden.


Kommentare :

  1. Was Breivik angeht bin ich tatsächlich gespaltener Meinung. Diesem Massenmörder solch ein Forum zu geben, obwohl es eine Anklageschrift, Zeugenaussagen usw. gibt. Warum kann man ihn nicht einfach anklagen, verurteilen und fertig?

    Egal wie der Prozess weiter verlaufen wird, er kann nur gewinnen. Dabei geht es nicht mal unbedingt um die Verbreitung seiner menschenverachtenden Thesen, die erleben wir -das hast Du gut beschrieben- auch so jeden Tag in den Medien. Nein, die Aufmerksamkeit an sich, das weltweite bekanntwerden, den Eintrag in die Geschichtsbücher, das hat er nicht verdient, es ist eine Verhöhnung der Opfer. Denn über die wird nicht berichtet.

    Auch im Jahre 2012 bleibt es dabei: tötest du einen Menschen bist du ein Mörder. Tötest du zehn Menschen bist du ein Massenmörder. Tötest du mehr als 50 Menschen gehst du in die Geschichte ein. Das sollte sich endlich ändern!

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    1. Welche Chance, bleibt sonst, - als den Spiegel vor zu halten? Humanismus vermittelt man nicht, indem man die dunklen Seiten der Menschen als Plattform betrachtet. Sondern man zeigt sie ihnen, um sich selber darin zu erkennen, - oder nicht. Ob ich nun Themen nehme, wie z.B. Pädophile ( über 90 % davon sind Menschen wie du und ich, - eine der Dinge, die jeder gerne klammheimlich von sich weist ), - oder Massenmörder aus Weltbildern oder Ideologien heraus.) Oh, - ja. Ich habe schon Linke erlebt, die vor lauter Eiseskälte in ihrem Systemdenken, ihre Kinder verprügelt haben, weil ihnen einfach jedes humanistische Grundgefühl fehlt, - aber groß die Sau beim sogenannten sozialen System raus hängen. Solange es keine wirkliche humanistische Vermittlung gibt, - werden solche Sachen passieren. Dass ist kein Politikum mehr, - es ist Grundkonsens. Breivik ist kein Produkt einer politischen Richtung. Er ist ein Produkt des Antihumanismus. Und der ist links, - wie rechts, - ein ernstes Thema.

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    2. Ich muss noch nachfügen ( my fault, because clicking the "answer" ;-), dass ging nicht speziell gegen @epikur. Auf keinen Falls dies.

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  2. Da habt ihr schon beide recht - es ist ein Riesenthema und kann, bei aller menschlichen Tragik, die man nie außer Acht lassen darf, einen Rechtsstaat auch an die Grenzen bringen. Mich beeindruckt aber sehr, wie man in Norwegen größtenteils dem Prinzip 'Recht, nicht Rache' zu folgen scheint und wie man entschlossen scheint, dem Inhumanen mit Humanität zu begegnen.

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