Mittwoch, 4. April 2012

Margot H. (85), uneinsichtig


Man soll nie etwas völlig ausschließen, aber es ist schwer vorstellbar, dass Margot Honecker in der ihr verbleibenden Zeit politisch noch irgendwelchen Schaden anrichten wird. Jetzt war in der Dokumentation "Der Sturz" ein Gespräch mit ihr zu sehen, und prompt kommen die moralinsauren Buß- und Ablassprediger angeschissen wie Kai aus der Kiste. Sie bereut ja gar nichts! Nicht die Spur! Frechheit! Verzeihung, aber was erwarten diese Menschen von einer halsstarrigen Greisin, die in dem System, das sie „Unrechtsstaat! Unrechtsstaat!“ zu beraunzen nicht müde werden, einen prima Posten hatte? Dass sie öffentlich in die CDU eintritt? Die große Bekehrung? Ein Wunder?

Es ist natürlich richtig, dass die DDR insofern ein Unrechtsstaat war, als dass sie ihren Bürgern massiv elementare Rechte verweigerte, wie Reisefreiheit bzw. erheblich in gewisse Rechte eingriff wie Unverletzlichkeit der Wohnung oder Presse- und Versammlungsfreiheit, oder dass sie diese Rechte erheblich ausgehöhlt hatte, z.B. das Recht auf einen ordentlichen Prozess. Das ist unbestritten, auch wenn Revolutionsromantiker so was immer noch legitim finden. Man kann als alter Wessi durchaus dankbar sein, diesem Staat nicht ausgeliefert gewesen zu sein.

Erich Honecker war immer ein Parteifunktionär, als Staatsmann fehlte es ihm an vielen Begabungen. Möglicherweise hat der verkrampfte Dachdecker aus Saarbrücken sein Amt wirklich mit guten Absichten angetreten. Die Frühlingsstimmung in seiner ersten Zeit, wie etwa bei den Weltjugendfestspielen 1973, lässt das vermuten. Er wäre damit nicht der Einzige, denn es kommt nicht selten vor, dass verbiesterte alte Knöppe in ihren jüngeren Jahren den Kopf voller Ideale hatten.

Selbstverständlich ist jeder Tote an der Mauer einer zu viel. Trotzdem werden Erich und Margot Honecker sich, ebenso wie der Rest der DDR-Führung, mit Sicherheit nicht einreihen in die Galerie der brutalen Gewaltherrscher der Geschichte. Erschreckend an der DDR-Führung war und ist nicht ihre besondere Grausamkeit, sondern ihre grenzenlose Durchschnittlichkeit, ihre verpupte, mausgraue Biederkeit. Groß war die Überraschung, als 1989 Kamerateams in das Bonzenghetto Wandlitz vordrangen: Statt orientalischem Despotenprunk, statt Saus und Braus Eiche massiv und Jägerzaun. Es gibt Ferienwohnungen der einfacheren Kategorie, die luxuriöser eingerichtet sind.

Ihre geistige Unbeweglichkeit, ihre Unfähigkeit, Entscheidungen zu reflektieren und Kritik auszuhalten, ihre mangelnde Fähigkeit, Alternativen zu denken und ihre Fixierung auf die Revolutionsrhetorik der Gründungsphase ließ diese Führungsclique sich analog zu dem Staat, dem sie vorstand, immer weiter verhärten und einigeln. Das ist ihr letztlich zum Verhängnis geworden. Mindestens ein Jahrzehnt zu lang meinte man sich von den Zeitläuften abkoppeln zu können indem man sich einmauerte und merkte nicht, wie man aus der Zeit gefallen war. Das Entsetzen eines Erich Mielke, der hilflos vor der Volkskammer herumstammelte, er liebe doch alle Menschen, war echt.

Die DDR-Führung fühlte sich von Anfang an von innen (Konterrevolution) und außen (Imperialismus) bedroht. Diese Paranoia gerann zur dauerhaften Staatsdoktrin. Mit ihr begründete man die zahlreichen Ein- und Übergriffe in das Leben der Bürger. Sich als revolutionär verstehende Regierungen haben so was seit der Französischen Revolution immer getan. Verbunden wird das in der Regel mit einem Versprechen auf eine goldene Zukunft: Ja, gut, im Moment sind das schwierige Zeiten, und wir sehen uns zu unschönen Maßnahmen gezwungen. Aber wenn das einmal vorbei ist und alle inneren und äußeren Feinde besiegt, dann wird es allen besser gehen. Dieses Versprechen konnte die DDR unmöglich einlösen.

Das Scheitern des kommunistischen Experiments in Mittel- und Osteuropa 1989 hinterließ im Westen zahlreiche jubilierende Sieger. Francis Fukuyama ließ sich 1992 sogar zu dem Diktum vom 'Ende der Geschichte' hinreißen: Nun, mit dem Sieg der liberalen westlichen Demokratie sei die Menschheit im Begriff, in ihren seligen Idealzustand überzugehen.

In Westdeutschland schienen die triumphierenden Siegerfressen noch ein Stückchen großmäuliger, weil man plötzlich eine neue Tätergeneration im eigenen Lande hatte: Buße sollten sie tun, die alten DDR-Großkopferten, Eingeständnisse ihres Scheiterns, ihres moralischen Bankrotts wollte man herauspressen aus ihnen, und zwar öffentlich. Wie sie ihr Leben an einen Unrechtsstaat verschleudert hätten. Unrechtsstaat, immer wieder Unrechtsstaat, lautete das Mantra. Stellt sich mal jemand quer, wie Egon Krenz und jetzt Margot Honecker, dann blasen sie so richtig die Backen auf und finden das unerhört.

Deutschland, meinte der von mir bekanntlich sehr geschätzte Wiglaf Droste einmal, sei, neben vielem anderen, zuvörderst das Land der Unentspannten. Die medialen Reaktionen auf das Honecker-Interview zeigen das.

Denn widerlich ist es, wenn moralisch sich höher stehend Dünkende orgeln: „Finden Sie nicht, dass Sie sich entschuldigen sollten?“ Warum sich nicht mal entspannen und das Ganze eine Nummer tiefer hängen? Die Witwe Honecker gibt in ihrer Verbohrtheit ein ebenso schönes wie warnendes Beispiel dafür ab, woran die DDR und mit ihr die anderen kommunistischen Staaten eben auch gescheitert sind: An Engstirnigkeit und Kleingeistigkeit ihrer Protagonisten. Es zeugt nicht gerade von Reife, diesen Fehler zu wiederholen. 

 

Kommentare :

  1. Empfinde ich ganz genauso. Diese ständige Überstrapazierung von Symbolen, hat durch sich selber schon etwas abstrus doppelmoralines an sich. ( Wenn ich das einfach mal anfügen darf, - du hast eine tolle lebendige Art zu schreiben.)

    (Hab den Comment ein zweites Mal eingegeben, - aus irgendeinem Grund funkt mein Firefox nicht bei dir. Und mit Opera, war schon mein letzter etwas zerhackt. Und die Vorschau, funzt auch da erst nach mehreren Versuchen, - Merkwürdig)

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  2. Hm, bei dem technischen Problem bin ich ehrlich gesagt überfragt. Der Blog wird bei mir auf verschiedenen Maschinen (Heim-Desktop/Laptop mit 16:9- und 14:9-Display, Bürorechner mit 4:3-Monitor) und verschiedenen Betriebssystemen (ubuntu 10.04, Win7/Vista) jeweils mit Firefox (aktuelle Version) korrekt angezeigt. Gibt es die Probleme bei anderen Blospot-Seiten wie dem Oeffinger Freidenker oder ad sinistram auch? Da tuckert nämlich die gleiche Software unter der Haube.
    Eigentlich kann es nur an global deaktivierten Cookies, deaktiviertem JavaScript, irgendeinem Addon, das sich querstellt oder einem Popup-Blocker liegen.

    Mal eine Frage an andere regelmäßige Leser/innen: Hat noch jemand ähnliche Probleme?

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    1. Nö, keine Probleme, kann mir hier nur den Blumen anschließen ;)
      Gruss
      rosi

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    2. Nee, wat viele Blumen, wie man in dieser Gegend zu sagen pflegt. Besten Dank!

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  3. Übrigens: Danke für die Blumen!!!

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  4. Na, ich denke das liegt bei mir. Hab ähnliche Probleme auch an anderen Stellen. Hat angefangen mit dem letzten firefox-update.
    Der Tip mit den cookies, hat aber anscheinends schon funktioniert. Bei dir muss ich die Drittanbieter auch anstellen. Jetzt bekomm ich auch die Vorschau.
    Aber
    Uhhh ubuntu 10.04 und aktuelle Firefox Version. Da bist du generell der richtige Ansprechpartner. Icke kann seit diesem Update nur noch von/nach /home/myname und /tmp up- und downloaden obwohl viele andere dirs die gleichen rechte haben. Wenn du eine Idee hast, oder mal was hörst, lass es mich bitte wissen. Hab schon alle foren durch und auch die about:config von oben nach unten. keine Lösung.

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