Donnerstag, 12. April 2012

Sechs Punkte Vorsprung


Während der ersten Halbzeit an diesem Mittwochabend im April hatte man nicht das Gefühl, dass Bayern München die Mannschaft ist, die Ambitionen hegte, das Tripel zu holen, also neben der deutschen Meisterschaft noch den DFB-Pokal und die Champions League zu gewinnen. Pomadig und ängstlich auftretend, ging der Rekordmeister in der ersten Halbzeit im Dortmunder Angriffswirbel förmlich unter. Nur der legendär katastrophalen Chancenauswertung der Schwarzgelben war es geschuldet, dass es zur Pause im bebenden Westfalenstadion nicht schon 3:0 stand. Mehr als einmal hatte man Stefan Werner Hanschs legendären Verzweiflungsruf auf den Lippen ("Mensch Junge, den musste doch reinmachen!"). Über 70.000 ausflippende Borussen verwandelten die Hütte in etwas, gegen das ein Hexenkessel wie ein buddhistisches Kloster wirkt.

In der zweiten Hälfte endlich zeigten die Bayern Rückgrat und wehrten sich gegen die drohende Blamage. Es wurde ein ausgeglichenes Spiel, bis Lewandowski in der 77. Minute die Münchner Titelträume mit einem blind gespielten Hackentrick zunichte zu machen schien. Dann folgten die dramatischsten zwanzig Minuten der aktuellen Saison. Robben, der beim 0:1 unglücklich das Abseits aufgehoben hatte, holte gegen Weidenfeller einen Elfmeter raus und schoss selbst. Weidenfeller korrigierte seinen Fehler. Dann folgte das, was Fußballreporter seit Menschengedenken als „offenen Schlagabtausch“ zu bezeichnen pflegen: Jeweils ein Lattentreffer auf jeder Seite, am Ende blieb es beim 1:0 und eine Hälfte des Ruhrpotts lag sich selig feiernd in den Armen.

Bei aller Freude als BVB-Anhänger muss so viel Fairness sein: Bayern erwies sich als würdiger Gegner. Für einen würdigen Meister war ihr Spiel auch in der deutlich besseren zweiten Halbzeit zu schematisch und zu durchschaubar, hatte zu wenig Biss. Eine bestimmte Gruppe des Münchner Gefolges aber möge die volle Ladung Schadenfreude abkriegen. Und noch einen Nachschlag.

Unter Fußballanhängern gibt es keine verhasstere Spezies als die so genannten Glory Hunter. Das sind die, die sich eigentlich aus Fußball nichts machen, bei Großereignissen wie Welt- oder Europameisterschaften aber schwer einen auf Fußballexperte machen und immer zu der Mannschaft halten, die die größten Titelchancen hat. Bei Weltmeisterschaften führten diese Typen in den letzten zwanzig Jahren meist Brasilien-Trikots Gassi und nervten mit Sprüchen über die unglaubliche Eleganz des brasilianischen Fußballs ("Das lernen die da ja schon als Kinder am Strand."). Bei den Vereinsmannschaften in Deutschland hat Bayern München die meisten dieser Gestalten am Hals. Für Bayern zu sein, ist für sie meistens eine sichere Sache, weil man mit einiger Wahrscheinlichkeit dem deutschen Meister anhängt.

Sie sehen aus wie Fußballfans und benehmen sich so, aber sie sind keine. Denn sie haben eine wichtige Sache nicht begriffen: Zum Dasein eines Fußballfans gehört immer auch eine Portion Masochismus. Ohne Schmerz und Fremdschämen, wenn die eigene Mannschaft eine schlechte Phase hat, keine Titeltriumphe. So gehört das, und nur dann schmecken auch Siege richtig süß. Ein Freund von mir ist seit über dreißig Jahren Fan des 1. FC Köln. Kein leichtes Los, erst recht nicht im Moment, aber so viel Treue verdient Respekt. Ich bin alles andere als Nationalist, aber bei internationalen Meisterschaften wird zur deutschen Mannschaft gehalten, komme was wolle (allerdings mache ich das grassierende Schwarzrotgold-Getue nicht mit). Auch das war nicht immer ein reines Vergnügen. Die bleierne Zeit unter dem Regime von Schnarchkoryphäen wie Berti Vogts und Erich Ribbeck, die etwa zehn Jahre zu lang währende Karriere des fränkischen Meisterrhetorikers und ewigen Liberos Loddar Maddäus sind Erinnerungen, in denen man nicht gern schwelgt.

Wenn deutsche Vereine es weit bringen in Champions und Europa League, dann werden gefälligst die Daumen gedrückt, das gebietet die Sportlichkeit. Mit einer Ausnahme, versteht sich: Blau-Weiß Herne-West. Denen wünsche ich natürlich gar nichts. Aus Prinzip. Außer nochmal zwei Jahre Felix Magath vielleicht. Aber das hätte auch mit Fußball nichts zu tun, sondern wäre ein Verstoß gegen die Haager Landkriegsordnung. Sollte Bayern München tatsächlich gegen Real Madrid gewinnen, dann werde ich nicht feiern, aber applaudieren, denn so was muss man erst einmal schaffen. Nimmt man die Vorstellung vom Mittwoch als Maßstab, dann werden sie sich aber noch gewaltig steigern müssen. Trotzdem: Echte Feindschaft gegen andere Mannschaften und deren Anhänger liegt mir fern.

Eines aber stößt zunehmend sauer auf, bei aller Freude über den Sieg und die Meisterschale in Griffweite. In den Reihen der Borussia schleichen sich in letzter Zeit Arroganzen und Unsportlichkeiten ein, die einer großen Mannschaft nicht würdig sind. Der Ausraster von Subotic gegen Robben am Mittwoch oder das Benehmen von Großkreutz gegenüber Asamoah beim DFB-Pokalhalbfinale gegen Fürth sind Dinge, die man normalerweise als Jugendlicher auf dem Bolzplatz abgewöhnt bekommt. Klopp entschuldigt so was immer nonchalant damit, wie sehr „die Jungs“ auf Adrenalin seien. Mag sein, aber es sind Profis, die auch mit solchen Situationen verdammt noch mal umgehen müssen. Schwer vorstellbar, dass José Mourinho, Arsène Wenger oder Josep Guardiola ihren Spielern so etwas durchgehen ließen oder sie gar noch dazu ermunterten, wie das bei Klopp zu sehen ist.

Dass aber die zahlreichen Münchner Glory Hunter nun beleidigt ihre großmäulige Vorfreude auf die Meisterschaft aufessen müssen, ist Zucker fürs Gemüt. Weil Fußball so viel mit Leidenschaft zu tun hat und mit einem Schuss Irrsinn, begreifen sie das alles nicht. Weil sie nur als Konsumenten ins Stadion gehen, die für ihr Geld Unterhaltung verlangen. Weil sie ein Fußballspiel für eine pure Dienstleistung halten und sich für Kunden, was anderes haben sie nie gelernt. Weil sie ihre Sympathien nach Statistiken vergeben und nicht mit dem Herzen. Und wenn ihre Lieblinge nicht mehr die rechte Leistung bringen, dann suchen sie sich einfach einen neuen Verein. Daher ist zu befürchten, dass diese Leute sich in Zukunft verstärkt an Dortmund heranwanzen werden.



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