Donnerstag, 10. Mai 2012

Die Jugend von heute mal wieder


"History does not repeat itself but it rhymes." (Mark Twain)

Wenn es gilt, die hierarchische Gesellschaft der Kaiserzeit zu karikieren, ist es beliebt, überzogen dandyhaft den Handrücken an die Stirn zu patschen und zu seufzen: „Man bekommt einfach kein gutes Personal mehr, heutzutage!“ Dass das keineswegs Vergangenheit ist, beweisen immer wieder aufs Neue die Klagen diverser Wirtschaftsfunktionäre über die jungen Menschen, die das Schulsystem ihnen Jahr für Jahr zwecks Verwertung bereitstellt. Jetzt hat sich  auch DIHK-Präsident Driftmann wieder einmal hervorgetan mit der Forderung, auf Schulzeugnissen wieder Kopfnoten einzuführen.

Aus Sicht der Driftmanns mag es vielleicht normal sein, von den Schulen gefälligst zu erwarten, ihnen möglichst fertige, d.h. bestens angepasste, gut funktionierende, mit allen nötigen Kulturtechniken und aller nötigen Grundbildung ausgestattete junge Menschen vor die Türe zu stellen. Das Ganze bitte auch in ausreichender Zahl, sodass man, wie im Supermarkt, die Wahl hat und den jungen Menschen, die nicht so doll brav funktionieren mögen, erzählen kann, dort draußen stünden noch zehn andere Schlange und wären dankbar. Es ist auch verständlich, wenn solche Leute von eben jenen Schulen erwarten, schon einmal ein wenig vorzusortieren. Das alles ist verständlich und normal. Unnormal ist es hingegen, wenn eine Gesellschaft solche Forderungen mehrheitlich nicht als das ansieht, was sie sind: überzogen, anmaßend und deppert.

Auf derselben Ebene bewegt sich - nebenbei bemerkt - das ewige Gejaller, dieses und jenes Unterrichtsfach umgehend in die Lehrpläne der Schulen aufzunehmen. Wirtschaftsverbände fordern mehr wirtschaftliche Bildung, kaum ein medienpräsenter Koch ist noch ohne die Forderung nach Geschmacksunterricht denkbar und kaum eine Krankenkasse ohne die nach einem Schulfach Gesundheitserziehung. Ich bin nun weiß Gott nicht der Meinung, das Schulsystem sei perfekt so wie es ist oder tue das Bestmögliche. Aber in solchen Fällen kann ich Lehrer und Schulaufsicht verstehen, wenn sie bei so was nur noch abwinken und das geflissentlich ignorieren.

Panik vor jungen Menschen, die sich einfach nicht anpassen wollen, zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte wenigstens des Abendlandes und fast immer ist sie übertrieben. Die Mutter aller Klagen über die verdorbene, nichtsnutzige Jugend ist zweieinhalbtausend Jahre alt und von Platon. Kaum vorstellbar mutet es heute an, dass Jugendliche, die nichts wollten außer möglichst ohne Dauerzugriff von Eltern und Lehrern gesund zu leben in freier Natur, und sich zu diesem Zweck unter der Bezeichnung Wandervogel zusammen taten, noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Teilen des Establishments bekämpft wurden.

Zum Archetyp des rebellierenden Jungmannes geriet der Moped fahrende und Lederjacke tragende Marlon Brando in The Wild One. Der antwortete auf die Spießbürgerfrage, wogegen er und seine Gang denn eigentlich rebellierten, trocken: „Was habt ihr denn zu bieten?“ Genau darum geht es: Warum wird bei der tausendsten Meldung Marke 'Die Wirtschaft fordert von den Schulen...' immer noch panisch und unkritisch auf der nichtsnutzigen Jugend und den untauglichen Schulen herumgehackt? Wäre es nicht sinnvoller, die Wirtschaft einmal zu fragen, was sie den Jugendlichen denn bieten würde, abgesehen von der Gnade, für ungeeignet befunden zu werden? Dem DGB zufolge, ist da längst nicht alles Gold, was glänzt. Zum Beispiel bestünde ein direktes Verhältnis zwischen den Branchen, die sich schwer täten, Ausbildungsstellen zu besetzen und der durchschnittlichen Ausbildungsvergütung, die in diesen Branchen gezahlt werde. Potz Blitz!

Zurück zu den Kopfnoten. Wer sie fordert, will keine eigenständigen, denkenden Menschen, sondern Untertanen. Wer Kopfnoten fordert, ignoriert geflissentlich, dass eine punktuelle, unter ganz bestimmten Umständen in einem ganz bestimmten Milieu irgendwie zustande gekommene Bewertung kaum eine Aussagekraft hat über den weiteren Lebensweg der betreffenden Person. Dahinter steckt der Irrglaube, Bildung sei nichts weiter als zertifizierbarer Kompetenzerwerb und Schulabgänger daher sowohl in fachlicher als auch persönlicher Hinsicht in irgendeiner Weise fertige Produkte. So passiert’s eben, wenn man auch noch den letzten Winkel dieser Welt durchökonomisiert hat.

Was sagen zum Beispiel miese Kopfnoten in Kategorien wie 'Beteiligung' und 'Fleiß' aus, wenn die betreffende Person einfach nur keinen unnützen Aufwand betreiben will um Schule, ansonsten aber keineswegs untätig herumhängt, sondern sich engagiert bei Dingen, an denen ihr wirklich etwas liegt, wie Sportverein, Jugendzentrum und Theatergruppe? Denkt man an Klassentreffen, dann ist es eher die Regel als die Ausnahme, dass die vermeintlichen Chaoten und Faulenzer von einst keineswegs als Obdachlose unter der Brücke geendet sind, sondern oft durchaus interessante Wege eingeschlagen haben. Und der Klassenprimus ist meist, je nach Schulabschluss, irgendein mehr oder weniger hoher Beamter geworden. Unter Personalern, die ihren Job verstehen, das heißt unter denen die wissen, wie begrenzt die Aussagekraft von Schulnoten über die Eignung für die meisten Berufe ist, kursiert nicht umsonst der Satz, der Punk von heute sei der Banker von morgen.

Den Rebellen geben, einst als Privileg der Jugend geduldet, darf nach gängiger Lesart heutzutage erst, wer etwas erreicht hat im Leben und sich das auch leisten kann. Den Brando machen darf nur, wer sich das, ganz verbiestert protestantisch, erst einmal erarbeitet hat. Wo kämen wir sonst hin? Dumm nur, dass, wer als wohlhabender Zahnarzt oder Bauunternehmer mit Mitte Vierzig anfängt, mit der Harley rumzubrettern, gegen nichts und niemanden wirklich rebelliert, sondern bloß eine lahme Simulation davon abfeiert, indem er sich entsprechende Attribute kauft. Das ziemlich genaue Gegenteil von Freiheit und Rebellion.

Jugendliche, die oft nichts gelernt haben im Leben als Kunden zu sein, sind viel angepasster als uns lieb sein kann. Mehrheitlich wollen sie nur das, was die Leistungsträger vorleben: Schicke Sachen, nette Familie, schönes Haus, neuestes Handy, schnelles Auto und so weiter. Das ganze Konsumismusprogramm eben, und zwar mit so wenig Aufwand, wie die allgegenwärtige Werbung suggeriert. Nicht wenige der duch G8 und Bologna-Uni geschossenen sind bereit, für den vermeintlichen Traumjob, die steile Karriere, noch das soundsovielte un- bis schlecht bezahlte Praktikum dranzuhängen. 

Das Problem ist keineswegs eine übermäßig sich verweigernde Jugend, sondern, dass sie immer mehr zur Minderheit und von der mittelalten Mittelschicht abgedrängt wird, wo es nur geht. Denn die fürchtet den Nachwuchs vor allem als Konkurrenz und zieht die Leitern ein. Wer’s nicht glaubt, braucht nur auf den paternalistischen Unterton zu achten, der in der Debatte um die Piratenpartei vielerorts zu vernehmen ist. Obwohl die vielfach gar nicht so jung sind. Es geht dabei überhaupt nicht um die Frage, ob das, was die Piraten meinen und wollen, richtig ist oder falsch. Es geht nur um den herablassenden Umgang der Etablierten mit ihnen. Und da sind wir wieder in der Kaiserzeit. „Hamse übahaupt jedient?“, pflegte man da gern zu schnarren. Heute heißt das: "Die müssten erstmal..."

Apropos alte Zeit: Wohlfeil, sagt man, sei es auch, auf den Rat der Alten zu hören. Doch in diesem Land neigen wir, wie in vielem, zum Extrem: Unsere Alten werden entweder ins Ghetto gegeben – meist mit Euphemismen wie Seniorenresidenz versehen – oder aber die Medien verwandeln sich gleich selbst in eine. Bei Frau Maischberger war zu sehen, wie drei Opas, von denen mindestens zwei ihre Bedeutung und die Relevanz ihrer Gedanken deutlich überschätzten, einen Vertreter der nachfolgenden Generation unwidersprochen niedertalkten. Auch da ging es weniger um richtig oder falsch, sondern um die Art und Weise.




1 Kommentar :

  1. Sehr schön herausgearbeiteter Text! Danke dafür.
    Die Durchökonomisierung ist allerortens und wird dadurch von den meisten gar nicht mehr wahrgenommen (der Wald den man vor lauter Bäumen nicht sieht). Die Schule als Zurichter von jungen Menschen zum verwertbaren 'Humankapital' ist hier nur eine Facette unter vielen. Von dieser Knochenmühle zugerichtet fehlt es meist auch den Studenten beispielsweise in Wirtschaftsstudiengängenan an der Fähigkeit kritisch zu hinterfragen, so dass z.B. bereits widerlegte ökonomische Dogmen (Neoliberalismus) unterhinterfragt angeeignet und pünktlich zur Leistungskontrolle wieder abgefragt werden.
    Wie gesagt, dass ist nur ein weiterer Aspekt unter vielen.

    Grüße, Duderich

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