Donnerstag, 3. Mai 2012

Fußball, Timoschenko, Trampeltiere


Wenn Glück von der Größe der Dollarzeichen abhängt, die man in den Augen hat, dann müssen wir und die Spitzen von IOC, FIFA, UEFA und FIA als sehr glückliche Menschen vorstellen. Fußball-Welt- und Europameisterschaften gehören mit Olympischen Spielen und Formel-1-Rennen zu den profitabelsten Sportereignissen überhaupt. Nirgends werden größere Summen bewegt, fettere Bauaufträge vergeben, lukrativere Sponsorenverträge abgeschlossen und den Akteuren höhere Gagen gezahlt, wenn man einmal von denen in olympischen Randsportarten absieht.

Die Vergabe solcher Events an Länder, die mit so was bis dahin nur wenig am Hut hatten, folgt allein ökonomischen Erwägungen. Wenn in einem politisch instabilen Wüstenstaat wie Bahrain eine Autorennstrecke gebaut wird oder einem Emirat mit der Bevölkerung einer durchschnittlichen europäischen Großstadt wie Katar eine Reihe heillos überdimensionierter Fußballstadien, dann wird als Grund gern angeführt, man wolle dem Sport dort zu größerer Anhängerschaft verhelfen und dadurch die internationale Verständigung fördern.

Das ist natürlich kompletter Quatsch. Es geht um das Erschließen von Märkten, sonst nichts. Alles andere wird als netter Nebeneffekt mitgenommen, muss aber nicht unbedingt sein. Am wenigsten unsympathisch bei solchen Spielchen erscheint dabei ausgerechnet der ebenso geldgierige wie skrupellose Formel-1-Impresario Bernie Ecclestone. Der ist wenigstens noch halbwegs ehrlich dabei, denn er macht keinen Hehl daraus, dass seine Veranstaltungen Business sind und Menschenrechtsverletzungen ihm am Arsch vorbei gehen, wenn er seine Autos im Kreis fahren lässt.

Der Vorwurf an die ukrainische Regierung, die Fußball-EM zu missbrauchen, um ihr autokratisches Regime auf internationaler Bühne in positivem Licht darstellen zu können, ist mehr als fadenscheinig. Die lange Reihe politisch instrumentalisierter Sportereignisse, von Berlin 1936 über Argentinien 1978 bis zu Peking 2008, lässt für große Sportverbände nur eine Konsequenz zu, will man am Ende nicht blamiert dastehen: Niemals ein Großereignis an ein Land zu vergeben, dessen politische Lage labil erscheint oder die Regierungskreise im Verdacht stehen, überdurchschnittlich viel Dreck am stecken zu haben.

Dass die UEFA sich bei der Vergabe 2007 möglicherweise vom Schwung der Orangenen Revolution hat mitreißen lassen, ist möglich und mag auch verständlich sein, zeugt jedoch von großer Naivität. Wahrscheinlicher ist, dass man auf die Entwicklungsmöglichkeiten in den dortigen Ligen schielt: Vor allem in der Ukraine habe zahlungskräftige Oligarchen in den letzten Jahren mit ihren Milliarden einige Vereine der dortigen Fußballliga in lukrative Franchises umgebaut.

Was an den Vorwürfen, die Julia Timoschenko, ihre Tochter und ihre Anwälte gegen die ukrainische Regierung erheben, letztlich dran ist, muss ohne Insiderwissen Spekulation bleiben. Möglich ist das allemal und die ungeschickte Reaktion der Regierung tut ein Übriges. Nur sollte man nicht aus dem Blick verlieren, dass auch Timoschenko keine verfolgte Unschuld ist, sondern eine ebenso gewiefte wie skrupellose Politikerin und Geschäftsfrau, die ihr sorgfältig konstruiertes Image wohlkalkuliert einzusetzen versteht. Die Ukraine diplomatisch zu isolieren wegen der Causa Timoschenko, ist nur dann eine vernünftige Idee, sofern man sich vorher international abgestimmt hat. Joachim Gaucks Vorpreschen dagegen wirkte wenig koordiniert, eher wie ein einsamer Entschluss.

An anderer Stelle ist bereits über die Rückkehr der Trampeltiere in die deutsche Außenpolitik berichtet worden. Die aus Bundestagskreisen vorgebrachte Forderung, der Ukraine die EM kurzfristig wegzunehmen und anderswo stattfinden zu lassen – übrigens, man habe da hierzulande gewisse Kapazitäten frei für eine halbe Europameisterschaft – ist nicht nur eine instinktlose Dreistigkeit allerersten Ranges. Nein, man entblödet sich nicht, die vielleicht wirklich misshandelte Julia Timoschenko und die prekäre Situation der Menschenrechte in der Ukraine zu missbrauchen, um mal fix ein neues Sommermärchen abzugreifen, damit man wieder was zum Jubeln und Abkassieren hat.

Man muss keine Karriere im diplomatischen Dienst gemacht haben, um zu wissen, dass es selten gut ankommt, wenn man anderen auf solche Weise die Party kaputt machen will. So was lernt man normalerweise im Kindergarten. Im Elite-Kindergarten offenbar nicht.

Haben diese geschichtsvergessenen Heinis eigentlich keine Berater, die sie über die historischen Entwicklungen der letzten paar Jahrzehnte informieren können? Dass es angesichts dessen, was SS und Wehrmacht in der Ukraine angerichtet haben, an ein Wunder grenzt, dass das deutsch-ukrainische Verhältnis bislang fast völlig frei von Misstönen ist? Dass sich das aber durch Fresseaufreißen sehr schnell wieder ändern kann und man dann in einer weitaus ungünstigeren Position ist, etwas zu bewegen bei den Menschenrechten?

Immerhin beweist man wenigstens beim DFB diplomatisches Geschick, indem man wohlweislich die Klappe und sich auch ansonsten bedeckt hält in dieser Frage. Und wenn man zu der Erkenntnis kommt, dass Politiker sich bei Fußballfunktionären eine Scheibe abschneiden können, dann sagt das so einiges.



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