Samstag, 5. Mai 2012

Schluss mit dem Doktor-Getue!


Bundeskanzler a.D. Helmut Kohl ist bekanntlich über alle Maßen stolz auf seinen Doktortitel. "Für Sie bin ich der Herr Doktor Kohl!", pflegte er in bräsigem Pfälzisch zu blaffen, wenn es galt, sich bei unbotmäßigen Pressbengels Respekt zu verschaffen. Er erinnerte dabei an eine späte Kopie von Heinrich Manns Diederich Heßling, der das auch gern tat. Dass sich im Übrigen hartnäckig das Gerücht hält, Umfang und wissenschaftliche Bedeutung von Kohls Doktorarbeit - dass sie unter Verschluss gehalten wird, ist wirklich ein Gerücht - verhielten sich antiproportional zu der Bedeutung, die er selbst der Sache zugemessen hat, verleiht der Sache eine zusätzliche pikante Note.

Hochfahrendes Getröte wie das des raumgreifenden Oggersheimers ist von Frau Schavan nicht bekannt. Über ihre Amtsführung als Ministerin weiß ich nicht viel zu sagen, aber sie ist bislang nicht als geltungssüchtig oder sonderlich eitel aufgefallen. Erst recht nicht, was ihren Doktorgrad angeht. Im Gegensatz zu gewissen anderen ehemaligen oder Immer-noch-Titelträgern hat man bei ihr das Gefühl, dass ein eventueller Verlust des Titels sie vielleicht ärgern, aber nicht in eine schwere Lebenskrise stürzen würde. Sollte das so sein, dann wäre das sympathisch, denn das Getue, das zuweilen um zwei Buchstaben und einen Punkt vor dem Nachnamen immer noch veranstaltet wird, ist nicht nur komplett sinnlos, sondern nervt auch gewaltig.

Ein Zufall hat mich als Kind eines Angestelltenhaushalts seinerzeit an ein Gymnasium verschlagen, auf das auch viele Akademiker der Gegend ihren Nachwuchs schickten. Meine Eltern haben mir damals strengstens eingeschärft, auf keinen Fall zu vergessen, zum Vater meines damals besten Freundes "Herr Doktor" zu sagen, wenn ich dort zu Besuch war. Als Zehnjähriger hatte ich das Gefühl, einen Doktor aus Versehen nicht so zu nennen, sei ein ähnlich schwerwiegendes Vergehen wie die Schändung einer Kirche oder während einer Beerdigung einen fahren zu lassen. Apropos Kirche: Während meines Zivildienstes in einem katholischen Krankenhaus veranstalteten vor allem die dort tätigen Ordensschwestern bei der Chefarztvisite immer einen Zinnober um den "Herrn Professor", als würde mindestens der Papst aufkreuzen. Es war vermutlich den Hygienevorschriften geschuldet, dass sie den Weihrauch im Schrank ließen.

Nicht wissenschaftlicher Ehrgeiz, sondern genau dieser ehrfürchtige Blick von außen auf die akademische Welt ist es, der nicht wenige motivieren dürfte, ihren Doktor zu machen. Meine Erfahrung ist, dass diejenigen, die es sich noch am ehesten leisten könnten, kaum irgendeinen Bohei darum machen. Zu meinen Studienzeiten hat kein einziger Dozent und keine einzige Dozentin, egal ob promoviert, habilitiert oder was auch immer, jemals ernsthaft Wert darauf gelegt, mit Titel angesprochen zu werden. Ganz im Gegensatz zu vielen, die ihren Doktor außerhalb der akademischen Sphäre Gassi führen: Vor Jahren habe ich kurze Zeit für eine Firma gearbeitet, deren Inhaberin einen Doktor und es auch sonst schwer nötig hatte. Wer es versäumte, sie entsprechend anzureden, musste mit ernsten Konsequenzen rechnen. Zum Glück war ich damals freiberuflich für den Laden tätig und es ergab sich bald etwas anderes, sodass ich meine Mitarbeit dort schnell beenden konnte.

Entgegen einem immer noch weit verbreiteten Irrtum ist ein Doktortitel, wie alle anderen akademischen Grade, kein Bestandteil des Namens und niemand hat irgendein Recht darauf, so angeredet zu werden. Den Titel einfach wegzulassen, ist daher allenfalls unhöflich, weiter nichts. Wäre das nicht so, dann könnte ich mit demselben Recht darauf bestehen, gefälligst mit "Herr Magister" angesprochen zu werden. Oder meine Kollegin aus dem Büro nebenan mit "Frau Diplom-Sozialarbeiterin". Bei den neuen Bologna-Graden wäre das bestimmt lustig, denn "Frau Master" oder "Herr Bachelor" kommen einem doch recht schwer über die Lippen. Zudem dürfte gerade der Bachelor seit dem Aufkommen gewisser Fernsehformate und deren Protagonisten nichts sein, mit dem man sich gern schmückt.

Was sagt ein Doktortitel aus? Eigentlich nichts weiter, als dass die betreffende Person ein gutes Examen gemacht und danach ein paar Jahre ihres Lebens damit verbracht hat, sich mehr oder weniger intensiv mit einer wissenschaftlichen Problemstellung zu befassen. Das kann, je nach Universität, Fach, Fakultät und Vernetzung mehr oder weniger aufwändig sein. Es gibt Doktortitel, die hart und ehrlich erarbeitet sind und es gibt welche, die woanders als Diplom-, Magister- oder Masterarbeit durchfallen würden wegen Leistungsverweigerung, wenn sie nicht gleich abgeschrieben sind. Auch die Motivation, einen Doktor zu machen, kann unterschiedlich sein. Für die einen ist es eine Frage des persönlichen Ehrgeizes, andere sehen den Titel als reinen Karrierebonus und wieder andere schrecken davor zurück, sich den Fährnissen des Arbeitsmarktes auszusetzen und hängen lieber noch ein paar Jahre Uni dran. Genau so verschieden können die Umstände sein, unter denen eine Doktorarbeit entsteht. Es gibt Doktoranden, für die diese Zeit eine echte Tortur ist, weil sie sich mit befristeten, miserabel bezahlten Assistentenstellen irgendwie durchschlagen müssen. Und es gibt privilegierten, mit großzügigen elterlichen Zuwendungen ausgestatteten Nachwuchs, der die Sache eher lässig angehen kann. Und wenn's nicht so laufen sollte, kann immer noch der Alte mit den richtigen Leuten telefonieren. Mit Chancengleichheit oder Leistung hat das alles im Zweifel wenig zu tun.

Erst recht sagt ein Doktortitel nichts aus über die Eignung für die meisten Berufe. Mein Zahnarzt zum Beispiel hat keinen. Er meinte einmal, für einige ältere Patienten sei das manchmal ein Problem, weil ein Arzt für sie nun einmal der Herr Doktor sein müsse. Er habe einfach keinen Bock mehr auf Uni gehabt und reise außerdem gern. Das koste aber Geld, das er als Doktorand nicht gehabt hätte. Außerdem sei bei vielen medizinischen Doktorarbeiten in wissenschaftlicher Hinsicht das Papier, auf dem sie gedruckt seien, deutlich wertvoller als der Inhalt. Was Zahnmedizin angeht, bin ich zwar kompletter Laie, kann also nicht beurteilen, wie gut der Mann seinen Job wirklich macht, aber die Haltung gefällt mir.

Was also ist ein Titel noch wert, der auf so viele unterschiedliche Arten und unter so vielen verschiedenen Umständen erworben werden kann, unter anderem nach Feierabend neben einer Tätigkeit als Abgeordneter? Richtig, gar nichts. Und sollte doch was davon übrig sein, dann haben das die Guttenbergs, Koch-Mehrins, Chatzimakis' und Saßs inzwischen gründlich der Lächerlichkeit preisgegeben.

Einen einmal erworbenen akademischen Grad lebenslang zu führen und daraus irgendeine Bedeutung in Bezug auf die eigene Person abzuleiten, ist ein Relikt aus vergangenen Zeiten und im wesentlichen ein Phänomen des deutschen Sprachraums. August von Kotzebue hat sich schon 1802 in seiner Komödie Die deutschen Kleinstädter über die Titelhuberei des aufstrebenden Bürgertums lustig gemacht. Bis auf wenige Nischen ist das heute weitgehend passé. Kaum jemand kommt noch auf die Idee, einen Feuerwehrmann mit "Herr Oberbrandmeister" anzureden oder eine angehende Anwältin mit "Frau Rechtsreferendarin". Die Welt ist deswegen nicht ins Chaos gefallen und keinem ein Zacken aus der Krone. Im Gegenteil: An der Uni erwiesen sich Kommilitonen, die sich als erstes Visitenkarten drucken ließen, um sich fürderhin als stud. bzw. cand. irgendwas dicke zu tun, fast immer als arge Peinsäcke und lösten eher Heiterkeit oder Mitleid aus.

Also weg mit dem Doktor? Das ist nicht nötig, denn man kann ihn weiterhin gut als Berufsbezeichnung verwenden. In anderen Ländern ist ein Doktor- oder Professorentitel in der Regel an eine Tätigkeit in der Forschung gekoppelt und spielt ansonsten im alltäglichen Leben keine Rolle. Auch bei uns klappt das anderswo problemlos. Es ist völlig normal, beispielsweise einen gewählten Bürgermeister für die Dauer seiner Amtszeit mit "Herr Bürgermeister" anzusprechen und danach nicht mehr. Damit ist dem Protokoll Genüge getan und gut. Mehr muss nicht sein im 21. Jahrhundert.


Kommentare :

  1. Völlig lächerlich finde ich es auch, die Ehefrau eines Promovierten mit "Frau Doktor" anzureden. Aber glücklicherweise ist dieser Brauch mittlerweile so gut wie ausgestorben.

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  2. Neinneinneinneinnein, ein Doktortitel ist schon ganz was anderes als ein schnöder Bildungsabschluß - er ist was für's Leben! Schließlich kann ein Doktorgrad auch wegen "Unwürdigkeit" nachträglich wieder entzogen werden, selbst wenn mit der Arbeit alles in Ordnung ist. Kann man ein Abi oder ein Sozialpädagogikdiplom wieder aberkennnen, weil der Träger sich eines Abiturienten oder Sozialpädagogen unwürdig verhalten hat?
    Da bleibt noch viel mehr Muff auszulüften...

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