Samstag, 12. Mai 2012

Wählen gehen? Aber sicher!


An diesem Sonntag wird in meinem Heimatbundesland zur Landtagswahl gerufen und damit stellt sich jedem mit den herrschenden Verhältnissen Unzufriedenen, wie bei jedem Urnengang, wieder eimal die Frage: Was tun? Eigentlich gibt es für jemandem, der noch nicht einmal Teile seiner Interessen vom Großteil der regierenden und nicht regierenden Mehrheiten vertreten sieht, nur drei Möglichkeiten:
1. Das vermeintlich kleinste Übel wählen,
2. eine ungültige Stimme abzugeben und
3. überhaupt nicht wählen zu gehen.
Die dritte Möglichkeit scheidet für mich aus. Es gibt natürlich gute Gründe und ist daher völlig legitim, mit unserem Vier- bis Fünfparteiensystem zu großen Teilen bzw. überhaupt nicht einverstanden zu sein. Nur kann man dem anders Ausdruck verleihen als durch bloßes Zuhausebleiben am Wahlsonntag. So verständlich es sein mag, aber nicht wählen zu gehen, ist kein Statement. Und wenn, dann ein sehr maues. Zu viel Scheißegal steckt darin und zu groß die Gefahr, mit denen in einem Topf zu landen, die das aus purer Faulheit und/oder Ignoranz tun.

Die zweite Möglichkeit, bei der Wahl eine ungültige Stimme abzugeben, ist schon eher eine politische Äußerung. Denn ungültige Stimmen werden immerhin gezählt, während die Nichtwähler eine statistische Größe bleiben. Wenn das auch zugegebenermaßen nicht viel bringen mag, ist es immer noch die wirksamste Art, innerhalb des Systems Wahlen einer grundsätzlichen Ablehnung Ausdruck zu verleihen.

Bleibt die Wahl des vermeintlich kleineren Übels. Das ist nur etwas für ausgemachte Optimisten. Man kann sich als reallohneinbüßender Arbeitnehmer zum Beispiel der schalen Hoffnung hingeben, dass die SPD sich vielleicht in Zukunft ein wenig resozialdemokratisieren werde, aber das ist Vabanque. Die Grünen sind eine prima Sache für Studienräte, die gern Müll trennen. Und wer glaubt, die FDP würde sich jetzt ganz bestimmt ganz doll bessern, weil der Herr Lindner mit seinem lieben Dackelblick das doch so fest versprochen hat, der glaubt auch noch ans Christkind.

Es gibt aber noch eine vierte Möglichkeit.

Man kann durchaus der Auffassung sein, dass an dem viel zitierten Bonmot, Wahlen wären verboten, würden sie wirklich etwas verändern, etwas dran ist. Die Frage ist aber, welche Konsequenzen man daraus ziehen will. Politischer Journalismus und die Bloggosphäre (ich nehme mich keineswegs aus!) haben zunehmend einen unangenehmen Hang zum staatstragenden Bierernst entwickelt. Das ist schade, denn manchmal ist Humor das beste, wenn nicht das einzige Mittel, wirklich etwas zu verändern. Eine einzige, wohlgezielte Pointe zur rechten Zeit kann eine Welt zum Einsturz bringen. Fritz Teufels trockenes "Wenn's der Wahrheitsfindung dient", hat vermutlich mehr bewegt als Stapel geschliffener, juristisch bestens fundierter Besinnungsaufsätze. Man muss nur in Kauf nehmen, dafür eine Menge schlechter Pointen zu ertragen

Warum sich also gleich beleidigt abwenden vom System? Wo ist die gute alte Subversion geblieben? Wenn die Verhältnisse so schlimm sind, dann kann man immer noch seinen Spaß haben. Mein Vorschlag: Machen wir uns doch einfach mal locker und schauen nicht mehr auf Inhalte, sondern konsequent nur noch auf den Unterhaltungswert.

Was spricht dagegen, allen Unkenrufen zum Trotze, seine Stimme exakt jenen Kräften zu geben, die vom etablierten Medien- und Machtkartell so gern als nicht ernst zu nehmend und als unwählbar geschmäht werden? Gar nicht mal, um sie unbedingt an die Regierung zu bringen oder weil man echte Veränderungen erwartet, sondern einzig und allein, damit insgesamt ein wenig Leben in die Bude kommt. Wenn einem das System eh schon egal ist, was macht's dann?

Die Linkspartei ist heillos zerstritten, unwählbar, hat keine klare Linie? Prima, dann erst recht! Und wenn's einzig und allein dafür gut ist, dass die, die sie in den letzten Monaten so eifrig nieder geschrieben haben, begossen dastehen. Die Piraten sind ein Haufen Chaoten, die keine Frauenqoute haben und wollen, dass im Internet alles umsonst ist? Ist doch ein Anfang. In die Parlamente mit ihnen. Heißa, das wird lustig! Was ist gegen so genannte Spaßparteien einzuwenden? Wenn an dem Ressentiment, die Herrschenden verarschten uns nur, etwas dran ist, dann wird jetzt eben zurückverarscht. Bis auf die Retter des christlichen Abendlandes von pro NRW und NPD ist mir eigentlich alles recht. Gäbe es eine Karnevalspartei, die fordert "Mer lasse de Dom in Kölle" zur Landeshymne zu machen, ich würde sie wählen. Habe ich schon erwähnt, wie schade ich es finde, dass die legendären Yogischen Flieger von der Naturgesetzpartei nicht mehr antreten?

Ich will ja niemanden, der wählen geht und weiß, was er wählen wird, davon abbringen. Ich möchte nur diejenigen unter den durchschnittlich 40 Prozent Nichtwählern, die aus Resignation zu Hause bleiben, ermuntern, ihre Stimme nicht einfach zu verschleudern, sondern sie dazu zu verwenden, den Landtag ein wenig bunter und Politik weniger mausgrau zu machen. Wenn das schon nichts nützen mag, dann schadet es wenigstens auch nicht, so lange man keine rassistischen Radikalinskis wählt.

Denn nicht wählen ist politischer Selbstmord. Nicht wählen bedeutet, denen, die das System gekapert haben, den Sieg kampflos zu überlassen. Und bevor das passiert, kann man sie immer noch auslachen.

Apropos Selbstmord: Erich Kästner schrieb einmal die folgenden Verse, die seit über zwanzig Jahren dazu beitragen, dass ich noch nie ernsthaft auf die Idee gekommen bin, mich durch eigene Hand von der Menschheit zu subtrahieren:
"Diesen Rat will ich dir geben:
Wenn du zur Pistole greiftst
und den Kopf hinhältst und kneifst,
kannst du was von mir erleben. [...]

Ja die Bösen und Beschränkten
sind die Meisten und die Stärkern.
Aber spiel nicht den Gekränkten.
Bleib am Leben, sie zu ärgern!"
In diesem Sinne legen die 'Fliegenden Bretter' eine kurze Pause bis zum nächsten Wochenende ein, weil ich zwecks Tapetenwechsel ein paar Tage auf den Britischen Inseln verbringen werde. Ein Artikel liegt aber noch auf Halde und wird Montag eingestellt. 


Kommentare :

  1. Schönen Urlaub! (Und nicht über die Wasserhähne ärgern...! ;)

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  2. Besten Dank, ich werd' mir Mühe geben.

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  3. Hoffe, Du hast deutsches Brot mitgenommen! :)
    Schönen Urlaub!

    Der Duderich

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