Samstag, 23. Juni 2012

Der Mittelschichtspießer...


… fühlt sich grundsätzlich bedroht und braucht daher immer jemanden, auf den er seine Ängste projizieren kann. Willig lässt er sich aufhetzen von Medien, Lobbyisten und Bekannten. Fühlt er sich überlegen und sicher, dann drischt er kräftig drauf. Er blickt nämlich durch und zählt sich zu den Gebildeten. Ungewissheiten sind ihm ein Graus. Es muss immer Klarheit herrschen im Leben. Er hält sich auch für einen lupenreinen Demokraten. Er findet, jeder hat das Recht auf seine Meinung, aber alles hat Grenzen. Wenn einer eine völlig abgefahrene Meinung hat, die ihm fremd ist, dann hat der Typ jegliches Recht auf Respekt verwirkt. Ist halt seine Meinung. Auf die hat er ein Anrecht.

Angela Merkel findet der Mittelschichtspießer gar nicht gut, weil sie keine Ahnung von Politik hat. Und wie die schon aussieht! Wo immer es geht, lästert und meckert er über sie. Trotzdem wählt er doch jedes Mal die CDU. Denn wer weiß schon, was passiert, wenn die Roten drankommen. Die können schließlich nicht mit Geld umgehen und wollen immer nur Wohlstand auf Pump. Dann könnte er sich vielleicht die Raten für das Haus nicht mehr leisten. Wenn sie ihn nicht gleich enteignen. Lieber keine Experimente!

Nach der Arbeit ist er immer so geschafft, dass er abends außer Tagesschau nur noch RTL schaut. Alles andere ist ihm echt zu anstrengend. Er hat doch schon solchen Stress im Betrieb, da kann man ihm echt nicht zumuten, sich nach Feierabend noch so einen hochgeistigen Artekram anzutun. Wenn sich überhaupt mal alle so reinhängen würden wie er, dann ginge es auch allen besser. Jetzt soll Deutschland auch noch für die faulen Pleitegriechen zahlen.

Daher sind Arbeitslose und Hartz-IV-Bezieher seiner Meinung nach fast alle selbst schuld an ihrer Situation und müssen einfach den Hintern hochkriegen. Wenn man mal richtig hinsieht und ganz ehrlich ist, dann ist seiner Meinung nach an der Sache mit dem anstrengungslosen Wohlstand schon was dran. Die haben schließlich alle Handys und Flachbildschirme. Und Einbauküchen! Hat er letztens im Fernsehen gesehen. Wenn es nach ihm, dem Mittelschichtspießer, ginge, dann würden diese Leute überhaupt nichts bekommen, denn er hat es schließlich auch geschafft. Man muss halt nur mal richtig wollen und kann sich im Leben nicht immer alles aussuchen. Und wenn er eines absolut nicht abkann, dann, wenn andere sich auf seine Kosten einen lauen Lenz machen.

Ausländer, oder wie der politisch korrekte Mainstream zu sagen beliebt: Migranten, gehören seiner Meinung nach ausgewiesen, wenn sie keine Arbeit haben oder sich nicht anpassen wollen. In seinem Umfeld gibt es zwar keinen einzigen, aber wenn er samstags mit der Familie in die Stadt geht, dann sehen ihn die Araber und Türken alle immer so hinterhältig an. Das macht ihm schon Angst, irgendwie. Dabei sind die in ihrer Heimat immer so nett und gastfreundlich, wenn er dort in Urlaub ist. Multikulti funktioniert halt nicht. Gern hält er auch mal ein Schwätzchen mit der Nachbarin. Die ist von Beruf Erzieherin und es ist ein offenes Geheimnis, dass die ganze Familie in der NPD aktiv ist. Eigentlich weiß er, dass das nicht geht, denn mit Geschichte kennt er sich schon ein wenig aus. Aber in allem Unrecht haben sie ja auch nicht, wenn man mal ehrlich ist. Man ist doch kein Neonazi, bloß weil man mal was Unbequemes sagt. Dass er selbst keiner ist, sieht man auch daran, dass er mächtig stolz ist auf Leute wie Boateng, Özil und Khedira. Die sind ja eigentlich Deutsche, so tolle Leistungen, wie die bringen. Es geht eben immer nur um die Leistung.

Apropos Leistung: Die Studenten von heute sind nur noch faule Partymacher, die lieber etwas arbeiten sollten. Wenn sie schon unbedingt studieren müssen, dann bitte zügig und keineswegs umsonst. Sind schließlich unsere Steuergelder. Alles hat seinen Preis im Leben und ihm wurde schließlich auch nichts geschenkt. Außerdem gibt es sowieso zu viele von denen. Es können ja nicht alle Häuptling sein. Überhaupt sind Prüfungen heutzutage doch ein Witz und nichts mehr wert. Er hat damals noch richtig ackern müssen für sein Abi und ist noch richtig gebildet. Die Jugend von heute dagegen legt doch nur noch Klötzchen.

Der allein lebende Arbeitskollege ist bestimmt schwul. Denn der hat immer so schicke Sachen an und die Gerüchte sind einfach nicht auszurotten. Kein Rauch ohne Feuer! sagt er immer. Natürlich betont er, dass er selbstverständlich nichts gegen Schwule hätte. Er hat auch schon mal überlegt, den Kollegen gegen das Getuschel in Schutz zu nehmen, aber dann könnten ja die anderen denken, dass er auch andersrum sei. Also lässt er es und tuschelt weiter mit.

Vegetarier sind für ihn armselige Figuren, die nur ihr Gewissen beruhigen wollen. Soll er etwa auf sein Nackensteak für 1,99 das Kilo von Aldi verzichten und auf die Salami für 79 Cent, bloß weil so ein paar verweichlichte Müslis davon Albträume kriegen und ihm ein schlechtes Gewissen machen?

Auch mit moderner Kunst hat er es nicht so. Seine Frau will ihn immer in diese Schrottausstellungen schleppen und manchmal lässt er sich sogar breitschlagen. Kultur ist halt schon irgendwie wichtig, aber er kann beim besten Willen nicht verstehen, wie so was Kunst sein soll. Letztens war er mal im Theater und ist in der Pause gegangen, weil er wegen der modernen Inszenierung das Stück nicht wiedererkannt hat. Theater ist ja auch ein Stück weit Entertainment, findet er. Und wenn er Geld bezahlt und diese Theaterleute so dick mit Subventionen gefüttert werden – es ist schließlich auch sein Geld! – dann kann man ja wohl erwarten, dass man das, was die da machen, auch versteht.

Wer nun denkt, das alles sei übertrieben, braucht sich als Beispiel nur den Schriftwechsel zwischen dem Abiturienten Maik Luu aus Eschweiler und der Firma Clemens & Partner aus Elsdorf anzusehen. Luu fragte dort an, was das Mieten einer Hüpfburg kosten würde. Sie würden gern anlässlich ihres Abischerzes eine aufstellen. Er fügte hinzu, dass sie kein allzu hohes Budget hätten und nach einer möglichst günstigen Lösung suchten. Luu im Wortlaut:
"Sehr geehrtes Mietpark-Team, […] wir suchen für unseren Abischerz am 22.6.2012 eine Hüpfburg […]. Da wir nicht viel Budget haben, möchten wir es aber so günstig halten, wie geht."
So weit, so normal. Die Antwort von Clemens & Partner fiel dann so interessant aus, dass Luu beschloss, den Schriftwechsel zu veröffentlichen:
„Hallo Herr L., da Sie offensichtlich kein Geld haben, würde ich vielleicht von meinem Luxusdenken etwas abrücken. Wir sind Vermieter und machen das beruflich für unseren Lebensunterhalt mit dem Ziel, nicht da zu stehen wo Sie offensichtlich stehen. Sollten Sie bei uns irgendwo ein Schild gesehen haben ,Geschenkeladen', lassen Sie es mich bitte wissen.“
Nun kann es sein, dass der Verfasser dieser Zeilen einen schlechten Tag erwischt hatte. Kann ja mal passieren. Nein, der Typ legte noch einen nach:
„Studenten waren noch nie unsere Kunden aus wirtschaftlichen Gründen. Und sollten diese denn irgendwann mal Geld verdienen (70 % werden Hartz IV), werden diese ihre Anfrage nicht mehr so stellen wie Sie, weil die dann in einer anderen Liga spielen.“
Die Veröffentlichung löste eine Welle der Empörung aus und spülte nebenbei einiges an Sponsorengeld in die Kasse der Schüler. Shitstorms sind ein Phänomen, das mir eigentlich zuwider ist. Aber im Fall dieses Ladens hielt sich mein Mitgefühl doch in Grenzen. Abgesehen davon, dass der großspurige Kleinunternehmer mit dem professionellen Internetauftritt nicht in der Lage ist, Studenten von Abiturienten zu unterscheiden, dürfte er bis jetzt nicht begriffen haben, was für ein Ding er sich da selbst ins Knie geschossen hat. Und wenn es ihm endlich auffällt, dann wird er wahrscheinlich was von Hexenjagd, Neidgesellschaft und Hetzkampagne rumtrompeten.

Inzwischen hat sich übrigens eine Firma gefunden, die gern bereit ist, den Schülern kostenlos eine Hüpfburg zur Verfügung zu stellen.



Kommentare :

  1. Traurig, aber wahr. Ich bin zwar gegen diese Schichtenmodellierungen, aber das durchschnittliche Charakterbild des sogenannten Mittelständlers, ist perfekt getroffen. So Tüten wie dieser dummdreiste Unternehmer hier, konnte ich sogar mal selber während erwerbsloser Zeiten beim Bewerben selber erleben. Und so wie du den perfekten Mittelschichtler beschreibst, treff ich den ständig auch heute noch am Tresen. Die stinken vor Dummheit, aber tun so, als hätten sie die Weisheit mit Löffeln gefressen.

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  2. Toller Artikel! Trifft den Punkt.

    @eb

    "Die stinken vor Dummheit, aber tun so, als hätten sie die Weisheit mit Löffeln gefressen."

    Sie definieren Klugheit, Weisheit und Intelligenz anders: jedes Wissen, dass zum "Geld-machen" dient, ist kluges Wissen. Jeder, der Vermögen hat oder viel Geld im Monat "macht" ist ein schlauer Fuchs. So sind Dieter Bohlen oder völlig hirnlose Models eben doch irgendwie klug: sie haben Kohle (gemacht).

    Kunst, Philosophie, Politik, Kultur usw. - dafür interessieren sich doch nur Klugscheißer und Wichtigtuer.

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  3. Super Artikel :) und

    Treffer versenkt; das gilt auch für die Kommentatoren.

    Gruss
    Rosi

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  4. Klasse Artikel, spricht mir aus dem Herzen.

    Beste Grüße
    onlyme

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