Montag, 11. Juni 2012

Dickie und der fliegende Teppich


Zum allerersten Mal konnte einem Dirk Niebel, im Hauptberuf Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit, fast sympathisch sein. Er wirkte plötzlich so menschlich, so normal. Fast wie der frühverrentete Bergmann von nebenan. "Hömma, du hass' doch den Kombi mit der großen Ladefläche und muss' morgen nach Herne, habbich gehört. Kannich da mal der Omma ihren Teppich mit bei packen? Den krieg ich nämlich in meine Karre nich' rein." So heißt das bei uns im Ruhrgebiet. Wenn der Typ einigermaßen in Ordnung ist, dann würde kaum ein Nachbar diese Bitte ohne guten Grund abschlagen.

Ähnliches muss Dirk Niebel sich gedacht haben. Das mit dem Teppich ist ja an sich keine große Sache unter Leuten, die rumkommen in der Welt: Minister auf Auslandsbesuch entdeckt irgendwo einen Teppich, der ihm gefällt, lässt das gute Stück gleich einpacken und in das Flugzeug des BND-Präsidenten verladen, das praktischerweise gerade zur Hand ist. Dass er ihn direkt vor Ort gekauft hat und nicht bei einem Händler in Deutschland, muss man noch nicht Neokolonialismus nennen. Der dortige Händler hat vermutlich einen besseren Schnitt gemacht, als wenn er den Teppich an einen Importeur und Großhändler verkauft hätte, denn dort mindern meist Rabatte und Skonto den Ertrag. Was Niebel daran gehindert hat, dem BND-Präsidenten mitzuteilen, das Frachtgut sei kein offizielles Gastgeschenk, sondern privat, ist auch leicht nachzuvollziehen: Der Versand eines solchen Packstücks per DHL hätte mit knapp 3.500 Euro zu Buche geschlagen. Was ihn aber auf die Idee gebracht hat, er müsse für das Teil nicht den fälligen Einfuhrzoll in Höhe von zirka 200 Euro abdrücken, bleibt vorerst sein Geheimnis.

Denn ein Bundesminister ist eben nicht Kumpel Anton von nebenan, der jeden Cent umdrehen muss. Niebel ist sowohl finanziell als auch in Bezug auf die Möglichkeiten, sich über die Modalitäten des Transports zu informieren, in der Lage, so etwas in jeder Hinsicht korrekt abzuwickeln. War da niemand unter den zahlreichen Beamten, deren Chef er ist, und den Botschaftsmitarbeitern, von denen er umgeben war, der ihm hätte sagen können, dass auf das Teil Zoll fällig ist und dass damit nicht mehr und nicht weniger von ihm verlangt wird wie von jedem Pauschalreisenden, der sich etwas Nettes aus dem Ausland mitbringt?

Wenn ja, wenn Niebels Verhalten also nicht auf Unwissenheit zurückzuführen ist, dann ist es typisch für Teile der Eliten und der politischen Klasse. Dieses offenbar von keinem Selbstzweifel getrübte Bewusstsein, dass Regeln und Vorschriften, gegen die zu verstoßen für alle nicht Privilegierten ernste Schwierigkeiten nach sich ziehen würden, für sie nicht bzw. nicht im selben Maße gelten. Und wenn man erwischt wird, dann kann man schließlich seinen Sprecher etwas verlauten lassen in der Art von: "Ups, sorry! Wir werden das sofort korrigieren. Kann ja mal passieren, nicht wahr?" Wenn jeder Freiberufler, dem man darauf kommt, bei der Umsatzsteuererklärung irgendwie - hoppala! - wohl etwas übersehen zu haben, mit so einer Erklärung auf Milde hoffen könnte, dann wäre ja alles gut.

Auch die Rahmenbedingungen sind pikant: Erinnern wir uns, wie Christian Wulff beim Emir von Katar wolkige Vorträge über Pressefreiheit gehalten hat, um ein paar Minuten später zu versuchen, die Veröffentlichung eines Artikels zu unterbinden, indem er per Handy BILD-Chefredakteur Diekmann zusammengestaucht und sich dann gewundert hat, dass der das ausnutzt. Ähnlich verhält es sich hier. Niebel hat in Afghanistan eine Konferenz zum Thema Good Governance besucht und auf dem Rückflug gleich mal demonstriert, was er von lästigen Vorschriften hält. Merken diese Leute noch etwas? Wer oder was vermittelt diesen Leuten, die gern so stolz sind, aus einfachen Verhältnissen zu stammen, eigentlich das Gefühl, dass sie jetzt, wo sie Leistungsträger/Minister/Chef oder sonst irgendwie wichtig seien, ungestraft Fünfe gerade sein lassen zu können?

Wer erklärt einem wie Niebel, dass ein Teppich, der in Deutschland inklusive Transport, Zoll und Margen des Importeurs mindestens um die 5000 Euro kosten würde, eben nicht Peanuts ist, sondern zirka drei Bruttogehältern eines kleinen Angestellten oder einer Verkäuferin entspricht, die damit noch nicht einmal am untersten Ende der Einkommensskala liegen? Kann diesen Leuten noch begreiflich gemacht werden, für wie viele Menschen in diesem Land so ein Betrag inzwischen ein unerreichbarer Wunschtraum ist und dass es unter anderem an solchen Wahrnehmungsstörungen liegt, dass die Öffentlichkeit zunehmend verschnupft reagiert bei so was?

In einem Land, dem es wirklich so gut geht, wie per regierungsamtlicher Propaganda verbreitet wird, dürfte er in der Tat auf mehr Nachsicht hoffen. Daher bleibt nur eine Erklärung übrig: Sie scheinen wirklich zu glauben, ihre Deutschland-geht-es-supi-Kampagnen entsprächen irgendwie der Wirklichkeit.


Lesetipp

Aufmerksamen Lesern dieses Blogs dürfte es nicht entgangen sein: Es ist Fußball-EM! In der taz bedeutet das, dass Deniz Yücel wieder seine köstlichen Kolumnen raushaut. Vor allem die Kommentare sind immer ein großer Spaß. Schon die erste Folge verspricht auch dieses Mal wieder so einiges. Vor dem Lesen der Kommentarspalte auf nüchternem Magen sei allerdings gewarnt.


Kommentare :

  1. Uuuh, - jeh. Da hab ich noch nie rein geschaut. Klasse. Danke für den Tip. :-))

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Dann habe ich noch einen Nachschlag, eb:
      Yücel zur WM 2010: http://www.taz.de/%21t19/
      und zur Frauen-WM 2011: http://www.taz.de/%2174635/

      Viel Spaß!

      Löschen
  2. Brillanter Text, lecker abgeschmeckt mit einer Prise sarkastischen Humors!
    Lässt mich erneut wieder erahnen, wie limitiert meine eigenen Mittel beim Verfassen der Texte meines Blogs sind.

    Ach ja, zu Yücel:
    Viel witziger und interessanter als seine Texte sind die Kommentare - gerade, jetzt während der EM.
    Geht ja sowas von gar nicht, für manche Doitschen, wenn ein Türke(!) über die Nationalelf lästert! :-)
    Köstlich. Selten, aber dort, kann ich über dumpfen Nationalismus herzhaft lachen..!

    AntwortenLöschen