Montag, 4. Juni 2012

Die Super-Hartzer


Man muss sich wirklich wundern, was einer Bevölkerungsgruppe, die gern als arbeitsscheu und nicht vermittelbar geschmäht wird, so alles an Fähigkeiten zugetraut wird. Alle paar Monate kommt irgendjemand mit einem kreativen Vorschlag um die Ecke, als was man Hartz-IV-Bezieher so alles einsetzen bzw. zu was man sie alles umschulen könnte. Von Schneeschippen über Hilfslehrer und Pflegearbeiten war so ziemlich alles dabei. Der jüngste Vorschlag aus dem Hause von der Leyen lautet: Machen wir doch Erzieher aus ihnen! Klar, man befürchtet, dass mit dem Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz ab 2013 eine Klagewelle bei den Sozialgerichten dräut, weil man sich an verantwortlicher Stelle offenbar gedacht hat, das Problem löse sich durch konsequentes Nichtbeachten von allein.

Wie aus der Hüfte geschossen kommen solche Vorschläge daher. Und sie offenbaren das Maß an Wertschätzung, die neben anderen sozialen Berufen der Beruf der Erzieherin hierzulande genießt und was die Sonntagsreden von den Kindern, die doch unsere Zukunft sind, eigentlich wert sind: irgendwas knapp um den Nullpunkt. Während in anderen Ländern frühkindliche Bildung von Hochschulabsolventinnen geleistet wird und schon eine Frau, die sich offiziell Kindermädchen nennen will, eine entsprechende Ausbildung vorweisen muss, gelten in Deutschland Erzieherinnen offenbar immer noch als reine Aufpasserinnen: Ringelreihen am morgen, den Kleinen ein bisschen beim Spielen zusehen, gucken, dass nix passiert und fertig.

Der ab 2013 geltende Anspruch auf Kinderbetreuung dient natürlich nicht primär dem Zweck, mit den Kleinen sinnvolle Dinge anzustellen, Gott bewahre! So was wird zwar gern als Nebeneffekt mitgenommen, vor allem aber ist das Ganze eine Investition in Infrastruktur. Es geht darum, dass Eltern flexibel genug sind für die zeitlichen Anforderungen des Arbeitsmarktes. Die Wirtschaft profitiert also davon und zwar in ähnlichem Maße, als wenn das Straßennetz ausgebaut oder in Hamburg ein neues Containerterminal hingesetzt wird. Die Kinder selbst tauchen in solchen Überlegungen vor allem als organisatorisches Problem auf.

Die Entwertung von Teilen des sozialen Sektors und seine Abqualifizierung als unwirtschaftliches, keine Gewinne generierendes Eiapopeia, das mit etwas gutem Willen und einem Abendkurs irgendwie jeder machen kann, sie scheint System zu haben. Am liebsten wäre es gewissen Kreisen wohl, wenn die gesamte Arbeit im sozialen Bereich von ein paar wenigen Festangestellten und ansonsten nur noch von Ehrenamtlichen erledigt würde. Was im Augenblick unter der Überschrift Bürgerarbeit läuft, kann man nur bezeichnen als Entehrung des Ehrenamtes als kostengünstige Ressource bei gleichzeitiger Umwandlung in eine Art Zwangsdienst. Gabriele Goettle hat sich die Mühe gemacht, die 'Arbeitsgelegenheiten' für Hartz-IV-Bezieher einmal zusammen zu fassen:
"Zur besseren Übersicht fasse ich kurz zusammen: MINIJOB, für Hartz-IV-Empfänger, 400 Euro monatl., keine Sozialversicherung. 1-EURO-JOB, für Hartz IV- Empfänger, 30 Wochenstunden gemeinnützige Arbeit, für 1,50 Euro Std., zusätzlich zum Regelsatz. Bestandteil des Hartz-IV-Konzeptes, „Gesetz für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt“. Bei Ablehnung Sanktionen. BÜRGERARBEIT, von Frau von der Leyen 2010 eingeführt, wird als ideales Gegenmittel zum Schrumpfen der Erwerbsarbeit ausgegeben, besonders geeignet für Hartz-IV-Empfänger, arbeitslose Jugendliche, Frauen, Rentner. 900 Euro brutto, 30 Wochenstunden, für drei Jahre. Bei Ablehnung Sanktionen, BUNDESFREIWILLIGENDIENST, seit 1. Juli 2011 als Nachfolge des Zivildienstes, in sozialen und kulturellen Bereichen, für alle offen, auch für Hartz-IV-Empfänger. Mindestzeit sechs Monate, es gibt ein Taschengeld."
Nicht nur auf dem Arbeitsmarkt würden Schnapsideen wie die Umschulungskampagne die Zwei- bis Dreiklassengesellschaft weiter vertiefen. Auch die soziale Streuung der Kindertagesstätten selbst wird sich vermutlich verschärfen. Es ist nicht ganz unrealistisch, zu befürchten, dass in Zukunft eine Art Rattenrennen um die exklusiveren Kitas beginnen wird, weil etliche Eltern, die über die nötigen Finanzmittel verfügen, möglicherweise einiges daran setzen werden, ihren Nachwuchs in hilfskraftfreien Einrichtungen unterzubringen.

Alles andere wäre auch wirklich sozialistische Gleichmacherei, woll?



Kommentare :

  1. Wie an anderer Stelle schon mal erwähnt: Erzieher sind für viele (Politiker wie die Masse der Beölkerung) bessere Nannys, die ihre Kinder in einem Aufhalte- und Abschiebebahnhof liebevoll betreuen sollen. Das Erzieher auch Bildungsarbeit liefern können und sollten, dass Kitas Bildungseinrichtungen sind, in denen grob- und feinmotorische Übungen, kognitive, sprachliche, kreative, sozial-emotionale Fähigkeiten geschult werden können, das interessiert die Wenigsten. Hauptsache ich habe einen Platz zum Unterbringen der Kinder, damit die Lohnarbeit/Karriere nicht gestört wird - so denken leider viel zu viele.

    Ein richtig guter Vorschlag, wie man ALG2-Empfänger einsetzen kann, kam im Jahre 2008 vom FDP-Politiker Henner Schmidt: Hartz4-Empfänger sollten in Berlin
    Ratten erlegen und pro Ratte einen Zusatzeuro erhalten.

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  2. Oh, da hab ich noch was
    rentableres.
    Und wie so oft bei jungen Märkten, - bietet er jede Menge Chancen.....

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  3. Was muss ich da lesen, epikur? Die Kleinen indoktinieren, indem man ihnen kognitive (!), kreative (!!) und sogar sozial-emotionale (!!!) Fähigkeiten beibiegt??? Bist du des Wahnsinns? Willst du etwa eine ganze Generation sozialromantischer, linkslinker Gutmenschen-Kuschler heranzüchten, die sich nicht in einer Tour verarschen lassen und die in jeder Hinsicht ungeeignet ist für die Herrrausforrrderrrungen der globalisierrrten Wirrrtschaft mit ihrem perrrmanenten Wettbewerrrb jeder gegen jeden??? Ich bin, ich kann gar nicht sagen, was ich da bin, aber so was von...
    Und, eb, du ekelst dich vor überhaupt nix, was? ;-)

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    1. Ganz richtig. Lernen hat in der Schule stattzufinden, sonst nirgends. Eigentlich erst im Gymnasium. Grundschule ist ja nur Vorbereitung für das Gymnasium, und zum Menschen wird man eigentlich erst mit dem Abitur. Manche sagen sogar, mit dem Magister oder Diplom (wie das jetzt in Bachelor und Master umzurechnen ist, weiß ich nicht).

      Für die Arbeit im Kindergarten reicht es, ein paar Kinderlieder zu kennen und eine Bastelschere von einer Uhu-Tube unterscheiden zu können.

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  4. Willst du etwa eine ganze Generation sozialromantischer, linkslinker Gutmenschen-Kuschler heranzüchten...

    Eigentlich nennt sich genau das Erziehung zu einer selbstbewussten, unabhängigen und selbstdenkenden Persönlichkeit. In den ersten fünf Jahren und in der Pubertät werden hier viele Grundsteine gelegt, die ein lebenlang prägend sein können und oft auch sind. Deshalb ist die Bildungsarbeit in der Kita nicht zu unterschätzen.

    Aber freidenkende Menschen sind ja weder von Bertelsmann, noch vom Arbeitgeberverband, noch von der Bundesregierung erwünscht. Was gefordert wird, sind vorauseilende Marktsklaven.

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  5. @Stefan
    Doch, doch, ich hab da schon meine Grenzen ;-)
    Aber Extrembeispiele sind immer gut geeignet, die Normalitäten aufzuzeigen, wo eigentlich Ekel hin gehört. Ich hab meinen Link mal ein paar dieser Yuppies auf der ständigen Suche nach dem schnellen Euro gezeigt. Die Antwort war einfach; - Geile Geschäftsidee. Was will man da machen? Die blicken das einfach nicht. (Übrigens, - alles Nichtraucher ;-) (Sorry epikur, - duck und wech, aber volle Zustimmung;-)

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  6. Merkwürdig ... verstehe diese neue Aufregung nicht. Das ist seit Jahren längst Praxis, der 1 Euro Jobber in der Kita. In diesem Bereich ungelernte, völlig fachfremde Personen (nicht selten ansonsten schwer vermittelbar) die das eh schon immer spärlicher eingesetzte Fachpersonal zusätzlich belasten ... Kräfte, die dann zusätzlich auch noch beaufsichtigt werden müssen, glaubt man den Aussagen von Insidern. Aber, sie halten die Löhne in Schach, wie bei anderen Jobs auch. Preiswert sind sie natürlich auch ... keine Frage; draufzahlen tun die Kinder und das Fachpersonal.

    Hhhm ... warum das jetzt wie ein gaaanz neuer Vorschlag durch die Medien geistert, aus dem Munde von v.d.L., diese Logik erschließt sich mir nicht. Warum, bevor sich das als längst gängige Praxis herum spricht? Ist schon was dabei schief gelaufen? Oder, Frau von und zu ... sich das als Sparerfolg auf die Fahne schreiben kann ... bzw. später mal den Sündenbock macht? Also wenn dann tatsächlich einmal etwas passiert, was die überarbeiteten Fachkräfte nicht mehr verhindern konnten und doch öffentlich wird?

    Jetzt geht ein Aufschrei durch die Bloggergemeinde ... Als hätte man zuvor noch niemals etwas davon gehört, nirgends gelesen, in keiner Diskussion, in keinem Kommentar, bei keinem Streik der Fachkräfte je ein Wort zur Kenntnis genommen, niemals in einer 1 Euro-Jobber-Debatte erwähnt ... da staune ich doch schon ein wenig.


    Gruss
    rosi

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    1. Schon richtig, rosi, das ist wirklich nichts Neues. Ich denke, was die Bloggerszene (incl. meiner Wenigkeit) bei den jüngsten Hirnpfürtzen aus dem Hause VdL so auf die Palme bringt, ist weniger das Prinzip, das dahinter steht (denn das ist, wie du richtig anmerkst, nicht neu). Es ist vielmehr die Art und Weise, die Dreistigkeit, mit der das vorgetragen wird und wie wenig Mühe man sich politikerseits offenbar noch meint machen zu müssen, diese Ausbeuterei, diesen verkappten Reichsarbeitsdienst noch irgendwie zu bemänteln.

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  7. Reichsarbeitsdienst ... der Begriff trifft es irgendwie ;).
    Man hat ihn zwar im Kopf ... doch so herausgelassen, so es einer ausspricht, klingt es gleich wieder ganz anders.

    Die Dreistigkeit, die stört mich auch. Wenn es nicht bemäntelt wird ... gerade das gibt mir zu denken ...

    Hier im Lande wird so gut wie nichts ausgesprochen, was man besser unter den Teppich kehren sollte. Erst Recht nicht in solch einer Deutlichkeit. Es ist ein Unterschied, zwischen den gerne propagandierten Zwangsrekrutierungen zwecks Spargelfeld/Schneeschippen/Erdbeerpflücken und den Kitas ... Wäre es dem Volk tatsächlich schon egal, wer es macht? Sind wir schon wieder soweit?

    Man kann mich schon fast paranoid nennen, doch ich bin misstrauisch, an Zufälle glaube ich nur als Ausnahme (und dann erkannte man die Verkettung der Umstände nur nicht).

    Wenn also Frau v.d.L. jetzt so etwas ausspricht, somit der Reichsarbeitsdienst durch Leistungsgefangene am Kinde dem Volke zu Bewusstsein getragen wurde, dann hat das in der Regel seinen Grund.

    Gibt es sicherlich eine Menge Möglichkeiten, z.B.: "Deutschland hat genug Kitas, bringt nur keiner mehr die Kinder hin, deswegen planen wir die Privatisierung".

    Gruß
    Rosi

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