Freitag, 29. Juni 2012

Verdient ausgeschieden


Vercoacht

Der 2:1-Sieg (2:0) Italiens war verdient und ging völlig in Ordnung. Auf deutscher Seite hätte man sich auch über eine 0:3- oder 0:4-Klatsche nicht beschweren dürfen. Das wiegt umso schwerer, als dass Prandelli taktisch nichts anders gemacht hat als in den Spielen zuvor und die italienische Mannschaft daher im Vorfeld eigentlich gut auszurechnen gewesen ist. Sollten sich beim DFB ein paar Leute mit Ahnung vom Fußball befinden, dann wird Löw sich für seine taktische Einstellung und seine Mannschaftsaufstellung zu Recht einige unangenehme Fragen gefallen lassen müssen. Man bedenke, dass Roy Hodgson mit der spielerisch und taktisch weitgehend überforderten englischen Elf Italien immerhin eine Verlängerung abverlangt hat, indem er ganz simpel eine 4-4-2-Formation gegen eine 4-4-2-Formation hat spielen lassen. Wenn Löw unbedingt mit seiner Aufstellung überraschen wollte, warum nicht von Anfang an mit zwei Spitzen, Reus und Klose, auflaufen? Warum keine Mittelfeldraute mit Özil und Khedira als Vertikalachse? Wieso musste unbedingt der sichtlich nicht fitte Schweinsteiger spielen?

Tiefer gehende taktische Reflexionen mögen Interessierte bei den Kollegen von Zonal Marking, Spielverlagerung, ballverliebt oder The Hard Tackle nachlesen, die können das weitaus besser.

Die deutsche Mannschaft hat in den vier vorangegangenen Spielen jeweils zwei mal zehn Minuten guten Fußball gespielt. Gegen Griechenland zwei mal fünfzehn, weil der Gegner es zuließ. Portugal steckte noch in der Vorbereitung, die Niederländer hatten nach zwanzig Minuten aufgegeben und die Dänen bewegten sich, wie die Griechen, bei allem Respekt vor ihrer Unverzagtheit und Kondition, an der Grenze zur Zweitklassigkeit. Gegen Italien wären mindestens siebzig, achtzig Minuten sehr guter Fußball nötig gewesen. Man zeigte aber auch hier nur zwanzig Minuten einigermaßen guten Fußball und das reichte nicht gegen einen echten Gegner.


Gefährlicher Tiki-Taka-Mythos

Dass Spanien das große Vorbild für Joachim Löw war, ist verständlich. Seine Idee vom Fußball ist ein fast körperloses, auf akribischer Planung basierendes Rasenschach, bei dem jeder Gegner mit rasantem Kurzpassspiel und No-Look-Pässen schwindlig gespielt wird und Schönheit durch Perfektion entsteht. In seiner Zeit als Trainer des VfB Stuttgart hat er mit seinem magischen Mittelfelddreieck, bestehend aus Fredi Bobic, Chassimir Balakov und Giovane Elber, eine Zeit lang so etwas zuwege gebracht. Die spektakulären Testspielerfolge gegen die Niederlande und Brasilien haben ihn vermutlich glauben lassen, auf dem richtigen Weg zu sein.

Wer nun mit einem Nationalteam, das nur wenige Wochen im Jahr Gelegenheit hat, miteinander zu trainieren, versucht, Spaniens Spielweise zu kopieren, darf eines nicht vergessen: Bei den Spaniern hat das in den letzten Jahren nur funktioniert, weil bei dort fast das komplette Mittelfeld des FC Barcelona auf dem Platz stand, das seit Jugendtagen aufeinander eingespielt und über viele Jahre zusammengewachsen ist. Kann es sein, dass Löw so auf Spanien fixiert war und deren Spielweise, dass er einen Gegner wie Italien nicht so ernst nahm, wie es nötig gewesen wäre?

Sowieso wird das von einfallslosen Reportern gern verbreitete Bild von den virtuosen Tiki-Taka-Ballschiebern dem spanischen Team der letzten Jahre keineswegs gerecht. Die spanische Mannschaft verdankte ihren Finaleinzug 2010 letztlich dem rustikalen Abräumer Charles Puyol: Als alle exquisite Spielkultur nicht mehr weiter half, schob der nach einer Ecke die deutschen Innenverteidiger beiseite und semmelte die Pille so kunstlos wie simpel mit einem wuchtigen Kopfball einfach hinein und fertig.


Das Elend der 'Goldenen Generationen'

Eine einzigartige Ansammlung großartiger Talente und Ausnahmekönner beisammen zu haben, ist keine Garantie für Erfolge. Die Beispiele im Fußball sind zahlreich: Wunderteams wie das brasillanische von 1982 und 1986 um Zico, Falcao und Sócrates oder das portugiesische der 1990er um Luis Figo, Rui Costa und Joao Pinto sind von Experten vor Turnieren immer als Topfavoriten gehandelt worden und immer sind sie gescheitert. Wenn man beim DFB nicht in sich geht und weiter einfach darauf beharrt, noch nie so einen hervorragenden Kader gehabt und auch sonst alles richtig gemacht zu haben, dann wird auch diese unzweifelhaft talentierte Truppe weiter nur eine talentierte Truppe bleiben und weiter kurz vor dem Ziel scheitern.

Sicher hat man während der letzten zehn Jahre einiges richtig gemacht beim DFB, vor allem in den Bereichen Jugendförderung und Integration. Allerdings scheint sich im Umfeld der Nationalmannschaft in den letzten Jahren auch eine fatale Alles-super-Stimmung breitgemacht zu haben, in der Kritik von außen weitgehend verpönt, wenn nicht gar verboten ist. Keinem wird mehr weh getan, keiner mag mehr anecken. Hey, wir haben so tolle Leute und trainieren so fleißig, außerdem sind wir diesmal einfach an der Reihe mit der Europameisterschaft und der Jogi wird’s schon richten, war der Tenor der Medien. Scherte mal einer aus wie Mehmet Scholl, der es wagte, Mario Gómez zu kritisieren, dann wurde ihm im Brustton der Empörung eine öffentliche Entschuldigung abverlangt. Ein selbstbewusstes Team hätte das schulterzuckend an sich abprallen lassen und nicht groß darüber diskutiert.


Wo sind die Verrückten?

Der alte Knarzkopp Ede Geyer hat kurz vor der EM gesagt, ihn beunruhige an der deutschen Mannschaft am meisten, dass die alle viel zu brav seien. Er vermisse die Narren, die Querköpfe und Exzentriker. Ohne echte Typen überstünde das beste Team kein Turnier. Wer Geyer immer nur für eine autoritäre Ganzkörperverspannung auf zwei Beinen gehalten hat, den mag das überrascht haben, doch der Turnierverlauf scheint dem alten Fuchs recht zu geben: Nach außen macht die deutsche Nationalmannschaft seit 2006 den Eindruck einer Ansammlung super angepasster, hoch motivierter, ehrgeiziger Trainierer, die sich an alle Fitness- und Ernährungspläne halten und immer ein professionelles Statement auf den Lippen haben. Medienvertreter und andere Fans von fotogenen Schwiegersöhnen und spurenden Parierern mögen so was natürlich gern.

Einen Titel gewinnt man aber nicht, wenn nicht auch der eine oder andere Kerl mit Ecken und Kanten dabei ist. Denn wenn ein ausgefuchster taktischer Plan nicht aufgeht, dann muss improvisiert werden, ist Rückgrat gefragt. Dann braucht es diesen Schuss Wahnsinn und Anarchie, der große Mannschaften immer erst groß gemacht hat und der von jeher den Reiz des Fußballs ausmacht. Wer kann so was im System Löw? Philipp Lahm? Also bitte! Sicher ist Lahm ein netter Mensch und technisch ein hervorragender Fußballer, aber fällt es jemandem auf, dass er Mannschaftskapitän ist?

Es mag Zufall sein, ist aber bezeichnend, dass beim letzten Titelgewinn einer deutschen Mannschaft 1996 Mario Basler dabei war. Dieser leicht durchgeknallte Individualist, alles andere als Everybody's Darling, schwänzte gern einmal eine Trainingseinheit für ein paar Biere, qualmte wie ein Raddampfer, gab dabei einen Dreck auf Rauchverbote und legte sich deswegen andauernd mit Trainern und Betreuern an. Aber wenn er einen guten Tag hatte, dann gaben seine kreativen Impulse dem Spiel der Mannschaft jenen Tick an Unberechenbarkeit, die sie für Gegner schwer ausrechenbar machte. Michael Ballack kann man sympathisch finden oder nicht, doch konnte er, wenn es kritisch wurde, ein echter Drecksack werden. Faltete, wenn es sein musste, Schiedsrichter und Mitspieler zusammen und beendete den Höhenflug eines Gegners auch schon mal durch ein wohlgezieltes Foul. Nicht schön, so was, aber mit Nettigkeit allein kommt man nicht immer weiter. Es wäre interessant gewesen zu sehen, was ein Ballack, ein Kahn oder meinetwegen auch ein Thorsten Frings beim Stande von 0:1 gemacht hätten.

Ist es vorstellbar, dass Löw und sein Trainerstab einen Mario Balotelli im Team dulden, würden, einen Zinedine Zidane, wenn sie ihn denn hätten? Hielten sie einen George Best aus, einen Günter Netzer oder Paul Breitner? Kaum. Daher kommt das DFB-Team 2012 daher wie eine Bologna-Uni oder eine von McKinsey auf Linie getrimmte Firma: Strebsam, ehrgeizig, top motiviert, aber leider auch entsetzlich hilflos, wenn's mal nicht so läuft (dafür sitzen die Frisuren). Noch einmal: Wenn sich daran nichts ändert, dann wird es auch 2014, allem Expertenlob zum Trotze, nix mit einem Titel und man bleibt Trainingsweltmeister der Herzen.


Und das Positive?

Die Niederlage ist Wasser auf die Mühlen derer, denen die BILD-gehypten Deutschland-Fans, Partymacher und SIEG!-Brüller, die nur wegen des Gewinnens und Lärmmachens Fußball schauen gehen und ansonsten wenig Ahnung haben, gewaltig auf den Sack gehen. Etwas über das Fressehalten und die Kunst des würdigen Verlierens zu lernen, kann solchen Zeitgenossen nur gut tun. Auch dass ausgerechnet Balotelli mit seinen beiden Toren diesem speziellen Pack weitgehend das Maul gestopft haben dürfte, stimmt am Ende versöhnlich. Ach ja, dass der Finalausgang am Sonntag entweder mit einem Chianti oder einem Rioja und nicht mit Eifelbrause stilecht zu begießen ist, gehört nicht zu den ganz schlimmen Dingen im Leben.



Kommentare :

  1. Geschmeidige Analyse, und besonders der letzte Absatz geht runter wie Öl - dafür ein Dankeschön!

    Nur ein kleiner Einwand: Puyol ist nun kein "baumlanger" Kerl. Er misst 1,78m. Eher gedrungen also. Einer der ganz großen Fußballer des Planeten ist er aber unbestreitbar.

    Frdl. Grüße,
    Ihr Horst Penunser

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    1. Ups, danke für die Information. Das kommt davon, wenn man nicht ordentlich recherchiert. Mir kam er in der Situation jedenfalls baumlang vor... ;-)

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  2. Sehr, sehr guter Text, Bruder im Geiste.

    Ähnliche Gedanken dazu, sind hier zu lesen:

    http://aufzeichnungen-eines-gutmenschen.blogspot.de/2012/06/schon-dass-wir-verloren-haben.html

    Grüße
    Duderich

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  3. Oh, geht doch. Der Artikel ist das Lesenswerteste, was mir in letzter Zeit zur Fuppes EM untergekommen ist.Wohltuend unaufgeregt.Bedankt.

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  4. Endlich ist der Party-Patriotismus vorbei. Wie die Lemminge machen sie alle mit - ein deutlicheres Zeichen für ein massenhaftes Mitmachen und Nichtdenken gibt es dieser Tage kaum.

    Als ich letztens mit einem Freund darüber diskutierte, dass die Moral einer Nationalmannschaft in der Regel völlig unterschätzt wird, zeigte Spanien wieder einmal, wie wichtig diese doch ist. Sie spielen gelassen, entspannt und ohne große Aufregung. Die Deutschen spielen völlig nervös, von 10 Torschüssen, treffen sie höchtens einen. Auch wenn sie sich in Interviews gelassen und cool geben, sie sind es auf dem Spielfeld ganz und gar nicht.

    Als die Spanier 4:0 gewonnen hatten, haben einige Spieler zuerst an ihre Kinder gedacht und sind zu ihnen gerannt. Die Familie gibt ihnen Kraft, Ruhe und Selbstbewußtsein. Und unsere deutschen? Die lichten sich mit Models ab.

    Die Moral, der Teamgeist, der Spirit - sind mindestens genauso wichtig, wenn nicht gar wichtiger, wie Taktik, Technik und Einzelleistungen.

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