Freitag, 1. Juni 2012

Gouvernanten XXL


Es war zu befürchten. Nachdem man die Raucher weitestgehend aus dem öffentlichen Leben geschurigelt hat – sicher, ein paar Nischen gibt es noch, aber die werden auch in meinem Bundesland demnächst vermauert – beginnt man jetzt ernsthaft damit, den Übergewichtigen in ihr Leben hineinzuregieren. New Yorks Bürgermeister Bloomberg, der vor zehn Jahren eines der schärfsten Antirauch-Gesetze durchgedrückt hat, geht dem Übergewicht ans Leder und will als erstes den Verkauf so genannter XXL-Softdrinks verbieten. Damit sind Getränke in 1-Liter-Bechern in der Gastronomie gemeint.

Natürlich kann man geteilter Meinung sein über die Frage, ob es sinnvoll oder erstrebenswert ist, Getränke aus Monstergebinden zu sich zu nehmen, aber das ist nicht der Punkt. Dass das Verbot im Zweifel wenig bringen dürfte, ist eh klar. Zum einen sollen Bier und Fruchtsäfte von der Regelung ausgenommen werden. Bier hat in etwa den gleichen, die meisten Fruchtsäfte haben, auch wenn sie naturrein sind und keinen zusätzlichen Zucker enthalten, einen höheren Energiegehalt als Cola & Co. Zum anderen gibt es den USA häufig die Option Free Refill. Das heißt, man bezahlt einmal für ein Getränk und kann seinen Becher dann beliebig oft nachfüllen. Wir kennen das unter anderem durch Aktionen von IKEA-Restaurants.

Im Falle von Rauchern kann man ja noch argumentieren, ihr Tun sei eine Belästigung für alle Nichtrauchenden – abgesehen von möglichen Schäden durch Passivrauch (die in der Wissenschaft übrigens weit umstrittener sind, als allgemein bekannt). Weil unzivilisiertes Benehmen mir ein Graus ist, musste auch ich als Raucher akzeptieren, dass zahlreichen meiner Mitmenschen der Qualm offensichtlich zuwider ist und mich fügen.

Wer aber meint, literweise picksüße Chemiecocktails in sich hineingießen zu müssen, schädigt in erster Linie sich selbst. Sollte man jedenfalls annehmen. Aber nein, quaken sie dann ihre erbärmliche Sozialdarwinisten-Litanei von der Volksgesundheit herunter: Ihh, Kuck mal, wegen den undisziplinierten Dicken, die ja nur willensschwach sind und sich nicht so primadolle im Griff haben, nicht so irre vernünftig sind wie unsereins, müssen wir alle höhere Krankenkassenbeiträge bezahlen. Zum Schädling am Volkskörper ist es da nicht mehr weit.

Wer so argumentiert, offenbart, dass er längst mittendrin steckt in der durchkapitalisierten Welt und seine Mitmenschen nur noch in ökonomischen Kategorien wahrnimmt. Denn das Argument mit den Krankenkassen ist ihr Einziges. Fragen wie die, ob das statistisch belegbar ist und wer noch so alles die Beiträge hochtreibt, werden in der Regel nicht diskutiert. Ansonsten haben sie noch ihr hochfahrendes, geschmäcklerisches Angewidertsein auf Lager. Ihr Gegreine, wie sehr ihr ästhetisches Empfinden doch beleidigt würde durch den Anblick von Old Wabble und Konsorten: "Bäh, wenn ich diese Fetten sehe, wie sie sich voll stopfen und wie die schon rumlaufen! Gehört doch verboten, so was. Also, ich finde ja, jeder soll so leben, wie er will, aber das geht zu weit...", prötern sie dann rum. Dass das kein Argument ist, sondern Ansichtssache, fällt ihnen nicht auf. So kann es kommen, wenn man meint, Marius-Müller-Westernhagen sei ein ernst zu nehmender Künstler, der der Welt Relevantes mitzuteilen hat.

Es geht darum, den Lebensstil der politisch aktiven, situierten, gesundheitsbewussten Mittelschicht, der die Sozialkassen angeblich so schont, von Gesetzes wegen allen aufzuzwingen. Sie wollen sich eine blitzeblanke Heileheilegänschenwelt wie in der Waschmittelreklame herbeiverbieten und jede Zumutung, die das Leben bereit hält, ausschließen.

Würden diese wackeren Gouvernanten der Volksgesundheit ihre Logik konsequent zu Ende denken, dann müssten sie auch Aufschläge bei der Rentenversicherung fordern. Und zwar für alle, bei denen aufgrund ihrer Lebensweise zu befürchten steht, dass sie überdurchschnittlich alt werden und sie somit die Rentenkassen – sprich: die Allgemeinheit – überproportional in Anspruch nehmen werden. Ach so, das ist etwas anderes. Verstehe.



Kommentare :

  1. Alles Leute die mal gesagt haben; Deutschlands Kinder sind zu dick: Ulla Schmidt, Renate Künast,
    (das war die mit dem (Pulverfaß), Claudia Roth, Angela Merkel, Horst Seehofer.
    Hellmut Kohl war dunnemals etwas weiser und ich denke, auch Herr Altmaier wird sich etwas zurückhalten. Die "heile Welt"- und Reinheit-des-Essens-Kampagne, rollt übrigens auch schon bei uns über den Tresen (Ich stell mir gerade Herrn Gabriel vor, - na du süßes kleines Dickerle, wieder mal zu viel Süßigkeiten genascht oder? Haben deine Eltern nicht die Bildung um dir richtiges Essen zu besorgen? Und dann ist das Steinmaiers Enkel.)

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  2. Problematisch finde ich immer, dass solche Regulierereien kein Ende finden. Viele der einzelnen Maßnahmen mögen für sich gesehen noch diskutabel sein, aber sie verbinden sich zu einem Trend, der in eine üble Richtung führt. Wehret den Anfängen, wie es immer so schön heißt:

    Gestern die Raucher (ganz nebenbei: rauchfreie Kneipen finde ich genial, man kriegt die Kopfschmerzen nur noch vom Bier, nicht mehr vom blauen Dunst), heute die Übergewichtigen. Morgen kommen dann die Alkoholtrinker an die Reihe, die Motorradfahrer, die zu-viel-Fernseher, die zu-laute-Musik-Hörer usw. Und irgendwann schreiben sie uns vor, wann wir ins Bett zu gehen haben...

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