Donnerstag, 7. Juni 2012

Scheißrotgold


Wenn man es nicht ins Stadion schafft, dann ist Fußball gucken per TV am schönsten in einem überschaubaren Kreis netter, nicht allzu fanatischer Menschen, von denen zumindest einige ein wenig Ahnung von und Liebe zu dem haben, was da auf dem Rasen abgeht. Fachsimpeln und Diskutieren gehören zum Fußball wie Bratwurst und Bier. Daher kann man das bei entsprechendem Wetter verbinden mit einer kleinen Grillparty, das eine oder andere Fässchen Gerstengebräus dazu. Auf keinen Fall jedoch: Fahnen, Schminke und andere lächerliche Devotionalien. Hymnengesinge mit aufstehen ist erst recht verpönt. Zu prägend ist die Erinnerung an die Siebziger, an die Breitners und Netzers, die während des Einigkeitundfreizeit-Songs vor den Augen der Welt demonstrativ Kaugummi kauten.

Das seit 2006 angesagte Public Viewing hingegen ist eine Pest. Die so genannten Fanmeilen sind rappelvolle Grölzonen, in denen überwiegend ahnungslose Adabeis ihren scheißrotgoldenen Partynationalismus ausleben. Vor allem aber sind diese Veranstaltungen potenziell gefährlich. Stadionbesuche dagegen sind in der Regel problemlos, weil ausgefeilte Sicherheitskonzepte und erfahrene Polizeikräfte einigermaßen zuverlässig verhindern, dass es irgendwo zu Ausschreitungen kommt. Ob das so schön ist, ist eine andere Frage, aber normalerweise muss man beim Besuch eines Erstligaspiels nicht befürchten, auf die Glocke zu kriegen. Das Relegationsspiel zwischen Hertha BSC und Fortuna Düsseldorf ist kein Gegenbeispiel, weil Bengalos im Ultrablock zwar lästig sind, aber etwas anderes als handfeste Randale. Für die überwiegende Mehrheit der Stadionbesucher bestand zu keinem Zeitpunkt irgendeine Gefahr, außer dass sie am nächsten Tag wegen des Schießpulvergeruchs vermutlich ihre Sachen waschen mussten.

An einem lauen Juliabend im Jahr 2006 traten die Nationalteams Italiens und Deutschlands in Dortmund zum Showdown im Halbfinale an. Ich gab mir das mit Freunden in einem Biergarten, in dem es einigermaßen gesittet zuging. Die sehr taktisch geführte Partie blieb lange Zeit offen und es ging nach neunzig torlosen Minuten in die Verlängerung. Das Ende kam plötzlich: Grosso und Del Piero holten in der 119. und der 120. Minute den ganz großen Eimer mit dem Eiswasser raus und beendeten alle Hoffnungen der deutschen Fans. Die fröhliche Euphorie sackte schlagartig auf den Nullpunkt. Auch ich war nicht begeistert, muss ich zugeben, denn mitgefiebert hatte ich schon.

Auf dem Heimweg spürte ich zum ersten Mal in meiner schnarchigen Heimatstadt nackte Aggression in der Luft liegen. Ich drückte mich an Massen von Enttäuschten vorbei, die deutlich wahrnehmbar auf der Suche waren nach einem Hühnchen zum Rupfen. Als plötzlich eine Gruppe ausgelassen feiernder Italiener auftauchte, war der Gestank von Hieben förmlich mit Händen zu greifen. Ich bog in eine ruhige Seitenstraße ab und machte, dass ich wegkam. Nicht mein Fall, so was.

Bei der nächsten WM beschloss ich, der Sache eine zweite Chance zu geben und besuchte das Public Viewing eines Spiels mit deutscher Beteiligung. Dass dass ganze inzwischen Eintritt kostete, nun gut. Dass man zwei Stunden vorher da sein musste, um überhaupt noch reinzukommen, geschenkt. Auch dass man wegen des Lärms den Kommentator nicht verstehen konnte, war angesichts dessen, was sich die Mehrheit der öffentlich-rechtlichen Profiplauderer so zusammen quasselt, gut zu verschmerzen. Weniger zu verschmerzen war das Generve nicht weniger Anwesender, die jeden, der sich weigerte, andauernd "SIEG!" zu bölken oder sich von ihnen das Gesicht patriotisch beschmieren zu lassen, allen Ernstes einen Vaterlandsverräter nannten. Noch weniger erträglich war der Anheizer auf der Bühne, der ein nationalistisches Trara veranstaltete, als sei er einer ebenso pathetischen wie nervenden Bierwerbung entsprungen. Seine Stimmungsmache sollte dankbare Adressaten finden. Erst recht, weil es gegen Ghana ging.

Die deutsche Mannschaft tat sich über die gesamten neunzig Minuten äußerst schwer gegen die kompakt stehenden, geschickt verteidigenden Ghanaer und nur wegen eines traumhaften Volleyschusses von Mesut Özil ging es am Ende 1:0 aus. Was aber während des Spiels an rassistischen Schmähungen über die ghanaische Mannschaft zu hören war, ging auf keine Kuhhaut und bewog mich und meine Begleiter, den Ort des Geschehens zur Halbzeit zu verlassen. Eine Straße weiter lag eine Kneipe, deren Inhaber Fußballfan ist und so ein Gehabe nicht toleriert. Dort ließ sich das Spiel inmitten sachkundiger, fairer Sportsleute, die nicht nur würdig zu verlieren, sondern auch zu gewinnen wussten, in Ruhe zu Ende schauen. Erholsam war es, wieder unter Leuten zu sein, die nach dem Schlusspfiff nicht lauthals triumphierten, sondern angesichts des knappen Ergebnisses eher erleichtert waren und auch mit anerkennenden Worten über die Leistung des Gegners nicht sparten. So geht das.

Wer auf Fanmeilen geht, will nicht Fußball zelebrieren, sondern Party machen, die Fresse aufreißen und Schland beim Siegen begrölen. Mit Fankultur hat das nicht das Geringste mehr zu tun. Wer sich das antun will, bitte, aber meins ist das nicht. Erst recht nicht bei Welt- und Europameisterschaften.


Kommentare :

  1. Uns Österreichern ist dieses Sieg-Gegröle naturgemäß völlig fremd. Weil man als Österreicher im Fußball grundsätzlich NIE gewinnt ; )

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    1. Wieso? Ist Cordoba etwa verjährt? ;-)

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    2. Darum nehmen wir Österreicher ja netterweise an der EURO-Endrunde nicht teil. Damit sich Deutschland nicht vor uns fürchten muss.

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  2. Schwarzrotweißblech - ich finde die ganze nationalfarbenen Mätzchen ziemlich bescheuert. Schminke, Fähnchen an Auto und Fahrrad, Außenspiegelkondome, M&Ms usw. sind fast immer fast überall reichlich lächerlich.

    [Offenlegung: Ich habe mir neulich bei Penny ein schwarzrotgoldenes Fan-Knicklicht für 99 Cent gekauft, aber nur, weil mich der schwarze Teil interessiert. Ganz sicher werde ich das nicht irgendwo schwenken gehen.]

    Und Veranstaltungen mit Animateur und verordneter Fröhlichkeit sind sowieso unerträglich. Da sind ein kleiner Fernseher, eine Handvoll Freunde und ein paar Biere die weitaus bessere Wahl.

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  3. Das war ein super Artikel und ich bin froh die Home
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