Freitag, 15. Juni 2012

Tut Buße, all ihr Glückssüchtigen!


Das Skript der Rede, das ihm das Präsidialamt an die Hand gegeben hatte, war professionell gemacht und ausgewogen. Eine typische Jubiläumsrede eben. Sie soll die Stimmung heben und möglichst niemandem weh tun, möglichst viele sollen sie unterschreiben können. Dann jedoch wich Bundespräsident Gauck von seinem Skript ab und improvisierte von sich aus jenen Satz hinein, der seit dem 12. Juni mit Recht so viel Staub aufgewirbelt hat.

Als sei es ein Problem, nach Glück zu streben auf der Welt, warf Gauck dem Großteil der Deutschen, der mit dem Einsatz der Bundeswehr, aus welchen Motiven auch immer, nichts am Hut haben mag, kollektiv vor, 'glückssüchtig' zu sein. Dieser Satz ist reine Demagogie. Er unterstellt damit allen, die irgendein Problem haben mit Auslandseinsätzen der Bundeswehr, die, wenn vielleicht nicht qua Völkerrecht, dann aber sicher de facto Kriegseinsätze sind, pauschal mangelnde Empathie als einziges Motiv für ihre kritische bis reservierte Haltung. Zum Defätismusvorwurf ist es da nicht weit. Allerdings muss der geübte Prediger Gauck übersehen haben, dass jedes Attribut auch in sein Gegenteil verkehrt werden kann. Wenn die Kritiker des Afghanistan-Einsatzes und die, denen er weitgehend egal ist, glückssüchtig sind, was sind dann die Befürworter? Unglückssüchtig vielleicht?

Was hat es mit Glückssucht zu tun, wenn Menschen ein Problem damit haben, dass andere Menschen verletzt, verwundet, traumatisiert oder gleich im Sarg aus Afghanistan zurückkommen und sie die Frage stellen: Was haben wir da eigentlich zu suchen? Wofür genau müssen diese Menschen leiden und sterben? Man kann einwenden, es sei Gauck weniger um die Kritiker des Afghanistan-Einsatzes gegangen, sondern um die, die ihn mehr oder weniger ignorierten, damit sie nicht gestört werden bei ihrem fröhlichen Partymachen. Es spricht einiges dafür, dass eine Mehrheit der Deutschen dieses Engagement überhaupt nicht will. Hat diese Mehrheit kein Recht darauf, hat sie nicht die Freiheit, sich damit bitte nicht gemein machen zu müssen? Sie per Schuldgefühl und moralischem Zeigefinger zum Hinsehen und Dazugehören nötigen zu wollen, ist undemokratisch.

Denn Demokratie bedeutet vor allem das Schaffen von Mehrheiten. Man darf annehmen, dass eine große Mehrheit der deutschen Bevölkerung gegen den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr ist. Genaue Zahlen lassen sich momentan schwer auftreiben, denn die letzte online greifbare Umfrage bei ZDF DeutschlandTrend stammt - warum auch immer - aus dem Januar 2010. Dort äußerten sich 71 Prozent der Befragten dagegen. Nimmt man an, dass sich seitdem im Kern nicht viel daran geändert hat, stellt sich die Frage, warum der Präsi der Herzen sich als guter Demokrat nicht erst einmal verpflichtet sieht, allen Zweiflern schlüssig darzulegen, warum dieser Einsatz so wichtig und richtig ist. Dass er das nicht für nötig zu halten scheint, liegt voll auf der Linie der aktuellen demokratischen Staatskunst, die jede kritische Debatte abwürgt und dem Volk lieber fertig gefasste Beschlüsse als alternativlos hineindreht.

Gaucks Worte sind nicht die eines Versöhners, keines Präsidenten aller Deutschen, sondern die eines Spalters, der die einen gegen die anderen ausspielt und alle die nicht mitmachen wollen bei den herrschenden Zuständen, sie gar kritisieren, per se für nicht satisfaktionsfähig erklärt, ohne auch nur den Eindruck zu erwecken, ihnen einen Moment lang zuzuhören, geschweige denn, sich die Mühe zu machen, sich mit ihrer Kritik überhaupt zu befassen. Damit knüpft Gauck nahtlos an Äußerungen aus der Zeit vor seiner Präsindentschaft an, wie etwa die Occupy-Demonstrationen als albern abzutun. Man muss es sicherheitshalber noch einmal hervorheben: Es ist kein Problem, dass Präsident Gauck ein Problem mit der Occupy-Bewegung hat und dass er der Meinung ist, die Menschen sorgten sich zu wenig um unsere Soldaten am Hindukusch. Das ist sein gutes Recht. Seine Art, damit umzugehen, ist hingegen sehr wohl ein Problem.

Vor gut zwanzig Jahren, kurz nach der Wiedervereinigung, fiel mir durch Zufall eines dieser erzkatholischen Erbauungsblättchen in die Finger. Ich war aufmerksam geworden, weil es dem Leitartikler zu meiner Überraschung überhaupt nicht gefallen wollte, dass der Wunschtraum der Konservativen in Erfüllung gegangen war. Seine These: Wir werden dieses Land bald nicht mehr wiedererkennen, denn es wird nicht nur deutlich atheistischer, sondern auch protestantischer werden. Wie schön, dass es noch Menschen gibt, die echte Probleme haben, war meine Reaktion damals. Mir war seinerzeit nicht klar, dass katholisch und protestantisch nicht nur religiöse, sondern auch kulturelle Kategorien sind.

An Gestalten wie Helmut Kohl und Franz-Josef Strauß gab es sicher etliches zu kritisieren, aber wenn es eines gab, das an ihnen sympathisch war, sie menschlich machte, dann ihre diesseitig-barocke Lebenslust. Die Zeiten sind vorbei. Mit Gauck und Merkel herrscht nun endgültig protestantisch-preußisch-mecklenburgisch-uckermärkische Askese an der Spitze des Landes. Der brave katholische Schreiber hatte recht behalten: Mit Gauck ist die piefig-rigorose Knittrigkeit des evangelischen Pfarrhauses vollends zur Staatsräson geworden.

Die letzten Reste der alten Nachkriegs-Bundesrepublik, sie werden gerade endgültig weggeräumt. Die Reste eines kleinen, bescheidenen, im Kern pazifistischen Landes mit nüchtern-geschäftsmäßig betriebenem politischem Zeremoniell, das auf internationaler Ebene eher zurückhaltend auftrat und in dem jeder irgendwie seinen Platz haben sollte. Jetzt erklärt uns Ex-Pfarrer und Hausvater Gauck, wer wo seinen Platz hat und wer nicht.

Macht der Mann so weiter, dann darf man gespannt sein, wann es bei einem seiner öffentlichen Auftritte zum ersten Mal ungemütlich werden wird. Und Glückssucht hat bereits jetzt gute Chancen, zum Unwort des Jahres 2012 gewählt zu werden.


1 Kommentar :

  1. So. Jetzt ist es vollbracht: Dem Herrn Feldprediger antwortet nun ein ganzes Buch: "Gemeinschaft der Glückssüchtigen" (http://gemeinschaft-der-glueckssuechtigen.blogspot.de/)...

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