Donnerstag, 26. Juli 2012

Abschlussklasseee - rrrechts um!


Im Juni 2012 hat in Kirchberg (Hunsrück) die Abschlussklasse einer Schule bei ihrer Verabschiedungsfeier auf der Bühne das Lied 'Verlorene Träume' der rechtsextremen Band Sleipnir gesungen. Protest soll es keinen gegeben haben, außer dass einige Lehrer wortlos den Raum verlassen haben sollen. Auf Youtube soll ein Video davon zu sehen sein, sofern es nicht aus dem Netz genommen wurde.

Man sollte bei all dem bedenken, dass das nicht der spontane Abschluss einer bierseligen Feier war, bei dem ein paar Alkoholisierten die Emotionen durchgegangen sind, sondern eine geplante Aktion. Das Lied hatten die Schüler zuvor mit Bedacht ausgewählt und die Schulleitung soll das auch abgesegnet haben. Die Schulleitung ist übrigens für Fragen im Moment nicht erreichbar. In Rheinland-Pfalz sind noch Ferien.

Einige Schüler haben auf Nachfrage gemeint, der Text enthalte nichts Rassistisches oder gar Faschistisches. Das stimmt nachgewiesenermaßen: Es handelt sich in der Tat um einen x-beliebigen, sentimentalen Nostalgiesong mit eher redundantem Aufbau. Das heißt, dem Dichter ist nicht allzuviel eingefallen und er setzt auf die Magie der stetigen Wiederholung. Jede andere Deutschrockband könnte solche Verse schmieden, ohne sich irgendwie verdächtig zu machen.

Was also soll daran beunruhigend sein? Beunruhigend ist, dass der Erfolg, den die Neonazi-Szene mit ihren kostenlosen Schulhof-CDs zu haben scheint, zum ersten mal bei einem offiziellen Anlass sichtbar wird. Hey, guck mal hier, das ist echt okaye Musik und wir sind auch gar nicht so schlimm wie die alle immer sagen. Hör' doch mal rein. Wir sind eine prima Kameradschaft, die halt mit einigem in diesem Land nicht einverstanden ist, mehr nicht. Das wird man doch wohl noch dürfen. Darauf zu verweisen, dass extremistische Bewegungen aller Couleur mit solchen Mitteln arbeiten (nicht nur politische – auch manche Scientology-Karriere hat mit einem harmlosen Psychotest angefangen), macht das nicht besser.

Wo gedenkt der verschnarchte Michel eigentlich mal eine Grenze zu ziehen? Wenn die jungen Damen und Herren der nächsten Abschlussklasse vierstimmig das Horst-Wessel-Lied anstimmen? Oder wird sich auch dann irgendein Schmusebär finden, der sagt, na ja, das sei vielleicht nicht ganz unproblematisch, aber so seien eben junge Leute, nicht wahr? Außerdem müsse man ja auch die Umstände bedenken, in denen das Lied damals entstanden sei. Das seien eben wilde Zeiten gewesen und überhaupt, die Kommunisten hätten noch viel Schlimmeres gesungen.

Ist schon hysterisch, wer sich bei so was seine Gedanken macht? Oder anders: Wo hört Toleranz eigentlich auf und beginnt umzuschlagen in scheißliberal? Oder noch anders: Wäre ein Song von, sagen wir Ton Steine Scherben auch so problemlos durchgewunken worden, wenn er nur keine umstürzlerischen Parolen enthielte? Ja? Dann will ich nix gesagt haben. Nur ist es eben auch so, dass wir in Zeiten leben, in denen nicht wenige bereits Krämpfe und Schaum vor dem Mund kriegen, wenn sie auf der Straße nur eine Frau mit Kopftuch sehen.


1 Kommentar :

  1. Wir sind eine prima Kameradschaft, die halt mit einigem in diesem Land nicht einverstanden ist, mehr nicht. Das wird man doch wohl noch dürfen.

    Genau das ist das Problem. Man infiltriert die zunächst nicht rechtsextreme Welt, führt sich als nette Jungs von nebenan ein, die gute Musik machen, anständig sind, Omas über die Straße helfen, beim Sommerfest des Kindergartens oder der Grundschule mithelfen usw. Und dann hat man Zugang zu einem Publikum, aus dem man sich dann ganz gemütlich aussichtsreiche Kandidaten aussuchen kann, um sie dann gezielt zu bearbeiten und idealerweise für die eigene Ideologie zu rekrutieren. Gleichzeitig macht man sich einer breiteren Öffentlichkeit akzeptabel und schafft sich einen Korpus an wohlwollend Gleichgültigen, die diesen netten Jungs nicht gleich ans Bein pinkeln werden, wenn die mal nach rechts über die Stränge schlagen.

    Das Lied ist harmlos, hätte so ähnlich vielleicht auch von BAP oder so jemandem kommen können. Aber die Leute, die es singen, sind eben nicht harmlos. Deshalb ist es gut und wichtig, sich über solche Vorfälle Gedanken zu machen.

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