Dienstag, 17. Juli 2012

Antischnippelaktivismus


Heute morgen im Deutschlandfunk hören zu müssen, wie wohlmeinende deutsche Ärzte gleich zwei Weltreligionen freundliche Angebote machen, sich endlich bitte, bitte auf das zivilisatorische Niveau des Kölner Landgerichts hinaufhieven zu lassen, das war dann doch sehr erhellend. Jüdische Teilnehmer verwahrten sich gegen die Unterstellung, sie seien traumatisiert. Es half nichts. Der deutsche Therapeut wußte es besser.“ (Jörg Lau)
Ehrlich, ich wollte ich mich nicht zu diesem Beschneidungsurteil des Kölner Landgerichts äußern. Das Thema ist mir zuwider. Nicht, dass ich ein Problem damit hätte, darüber zu reden, was in anderer Leute Schritt passiert. Es interessiert mich schlichtweg nicht, was andere Menschen, aus welchen Gründen auch immer, mit den Fortpflanzungsorganen ihrer männlichen Nachkommenschaft anstellen, so lange nichts strafrechtlich Verbotenes geschieht, also nicht sexuell missbraucht oder verstümmelt wird. Zuwider ist mir die ganze Sache vor allem wegen des ignorant-spießbürgerlichen Gehabes, das einige Mitmenschen meinen, an den Tag legen zu müssen und der Tonfall in dem sie ihren Lieblingsbeschäftigungen nachgehen, dem Vorschriftenmachen und Welterklären.

[Exkurs: Definiere spießbürgerlich! Ein berechtigtes Ansinnen, weil der Begriff hier bereits das eine oder andere Mal gefallen ist. Ein Spießbürger hat bei mir nix mit Jägerzaun, onduliertem Vorgarten, Wackeldackel auf der Hutablage und Heinoplatten im Schrank zu tun. Nein, spießbürgerlich ist ein anderes Wort für Verbohrtheit, für die Unfähigkeit, über den eigenen Tellerrand zu sehen und seine eigene Erfahrungswelt für allgemeingültig zu halten.]

Ich bin nicht groß zum Recherchieren gekommen, aber meines Wissens ist die Beschneidung von Jungen seit sehr langer Zeit in Teilen der Welt ziemlich normal. Im Judentum und im Islam ist sie aus religiösen Gründen obligatorisch, in den USA wird das angeblich aus hygienischen Gründen flächendeckend praktiziert, heißt es. Bis vor kurzem wurde auch kein großes Gewese gemacht darum. Die einen haben da was, das die anderen da eben nicht haben und gut.

Nun bin ich selbst nicht betroffen und auch kein Arzt, gehe aber wohl nicht zu weit, wenn ich behaupte, dass das Stückchen Haut, das da entfernt wird, keineswegs lebensnotwendig ist. Auch ansonsten scheint das zu einem in jeder Hinsicht normalen Leben als Mann nicht zwingend erforderlich zu sein. Wäre das so, dann hätte all jene paranoiden Islamkritiker, die sich andauernd wegen Überfremdung per Reproduktionsrate ins Hemd machen, richtig was zu feiern. Auch die Antisemiten dieser Welt hätten Grund zu Freude.

Festzuhalten bleibt, dass dieser massenhaft vorgenommene Eingriff sicher in Einzelfällen zu Problemen führen kann, für die überwiegende Mehrheit der Beschnittenen vermutlich keine große Sache ist, auch wenn sie nicht gefragt worden sind. Das unterscheidet diese Praxis von anderen, ungleich brutaleren, die wirklich eine massive, nachhaltigen Schaden anrichtende Verstümmelung sind. Zum Beispiel die Beschneidung von Mädchen. Wer das einfach gleichsetzt, offenbart damit, dass es um Propaganda geht und nicht um Diskussion.

Es geht auch weniger um die Frage, ob die Beschneidung gerade Geborener rechtlich vertretbar ist oder nicht. Darüber kann man diskutieren und muss man diskutieren dürfen in einem säkularen Land. Was an der ganzen Sache so gewaltig stinkt, ist wie so oft der respektlose, von keinem Selbstzweifel getrübte Tonfall, in dem da gemaßregelt wird. Was sind schon ein paar tausend Jahre Religionsgeschichte, was ist ein halbes Leben spirituellen Weges und Auseinandersetzung mit dem eigenen Glauben gegen einen deutschen Halbgebildeten, der sich im Recht und moralisch überlegen dünkt? Wie der unzivilisierte Gast im Café, der glaubt, die Tatsache, dass er für den Service bezahlt, entbinde ihn automatisch von den einfachsten Geboten der Höflichkeit, halten auch diese wackeren Verteidiger der zu Millionen traumatisierten muslimischen und jüdischen Jungen Respekt für überbewertet. Als Beispiel mag das Interview dienen, das der 'Freitag' mit dem selbstgerechten Anti-Schnippel-Aktivisten Christian Bahls geführt hat.

Durch Erfahrung sensibilisierte Migranten haben oft nicht zu Unrecht das Gefühl, viele Deutsche meinen in Wahrheit Assimilation, wenn sie von Integration reden (die natürlich keine Einbahnstraße ist!). Nach dem Motto: Pluralismus ist gut und schön, endet aber da, wo ich es sage, Punkt! Mann, Mann, Mann, wie kann man eigentlich behaupten, Multikulti sei gescheitert, wenn man es noch nie wirklich versucht hat?



Kommentare :

  1. ....wie kann man eigentlich behaupten, Multikulti sei gescheitert, wenn man es noch nie wirklich versucht hat?

    Dies ist so was von wahr, das gibt's gar nicht. Und ich bin wahrlich der letzte, der dem nicht zustimmen würde. Aber ich lebe dies nun mal auch. Und wenn es um religiöse Riten geht, ist die Doppelmoral bei allen gleich. Es geht darum, die eigenen Überzeugungen auf die Kinder zu pflanzen, bevor diese sich selber entscheiden können. Ob Muslim, ob Christ, ob Buddhist, ob Hinduist, ob Türke, ob Russe, ob Rumäne, ob Pole, ob Inder, ob Pakistanie und, und und. Das Problem ist, dass nichts so sehr einem Multikulti im Wege steht, wie religiöse Überzeugungen. Daran machen die Menschen die Andersartigkeit des anderen fest. Eine einfache Lösung, wird, - und darf es nicht geben. Niemand darf dies aus seinem eigenen Kulturkreis heraus bewerten. Und die gesundheitliche Schiene dabei, ist hier sowas von doppelmoralin. Aber die Logik bleibt trotzdem bestehen. Es geht darum, Überzeugungen auf Menschen zu übertragen, (impfen), bevor diese selber entscheiden können. Das ist etwas, was auch alle verstehen. ( Jedenfalls ist dies meine Erfahrung) Und dies wäre eigentlich auch der wirkliche Diskussionsgrund. Aber wie gewohnt, redet man nur aus den eigenen horizontalen Grenzen heraus. Das es aber Logik für alle gibt, dem sträuben sich auch alle.

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  2. Durch Erfahrung sensibilisierte Migranten haben oft nicht zu Unrecht das Gefühl, viele Deutsche meinen in Wahrheit Assimilation, wenn sie von Integration reden (die natürlich keine Einbahnstraße ist!).
    So sieht das aus. Integration heißt, dass die alles so machen wie wir(TM), oder ihren heidnischen Schweinkram wenigstens daheim im Kämmerlein bei vorgezogener Gardine machen.

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  3. Ich glaube, es wird diesem Thema nicht gerecht, es auf ein Spießerproblem und dem anderen-einen-reinwürgen zu reduzieren. Ich denke, hier ist sehr viel mehr, und letztlich sehr gedrohliches im Spiel als nur ein paar erbärmliche Spießer, die den Molsems und Juden mal ordentlich Vorschriften machen wollen.

    Das auslösende Gerichtsurteil ist letzlich nicht weniger als eine Anwägung zwischen religiöser Tradition und moderner Welt. Es kocht runter auf die Frage, wie sich der Standpunkt "Gott will, daß ich meinem Sohn die Vorhaut abschneide" zur modernen Vernunft verhält. Aus diesem Satz springt einem die ganze Absurdität ins Gesicht, die in allen Religionen steckt. Und wenn das Urteil bestand hat und Gottes Interesse an fremden Vorhäuten geringer gewertet wird als der moderne Verstand, dann wäre das nicht nur ein Schlag gegen Islam und Judentum, sondern gegen jede Religion. Und gerade weil das Urteil nicht einfach eine stumpfsinnige Ablehnung fremder Bräuche ist, sondern sorgsam begründet, wird die Angelegenheit so gefährlich. Darf man in Deutschland aus Vernunftgründen so fundamentale religiöse Bräuche wie die Beschneidung eindämmen, dann ist es doch nur eine Frage der Zeit, bis die Vernunft sich auch fragt, weshalb andere, nicht weniger absurde Religionen bevorzugt behandelt werden. Weshalb dürfen die Kirchen in Medienräten und Ethikkommissionen über andere entscheiden, weshalb bekommen sie arbeitsrechtliche Sonderstellungen, weshalb werden sie an staatlichen Universitäten alimentiert, und und und.
    Gibt man einmal der Vernunft eine so weitgehende Macht gegenüber einer Religion wie in dem Beschneidungsurteil, dann öffnet man eine Büchse der Pandora voller Laizismus und Säkularisierung. Und dazu darf es nicht kommen, nicht in Deutschland. Niemand, wirklich niemand in der deutschen Parteienlandschaft wird sich an so einen Schritt gegen die religiöse Lobby wagen. Also sind sich alle einig, ein Beschneidungsverbot wird es in Deutschland nicht geben. Nicht mal, wenn man damit den Moslems und Juden eins reinwürgen könnte.

    (Und eigentlich wollte ich mich zu diesem Thema auch niemals äußern....! ;)

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    1. Das ist das Beste, was ich bisher an Reaktionen zum Beschneidungsurteil gelesen und gehört habe.

      Zu bedenken wäre meines Erachtens jedoch, ob es nötig ist Kleinkinder zu beschneiden. Wäre es nicht sinnvoller, wenn der zu Beschneidende dies selbst entscheiden könnte? Gott (wer immer das auch sein soll), hat doch das männliche kleine Wesen MIT Vorhaut auf die Welt kommen lassen. Wenn er diese als Opfer wieder haben will, wäre es dann nicht in seinem Sinne, dass der der das Opfer erbringen soll, auch selber entscheidet? Dasselbe gilt für mich auch Ritualen der Katholiken wie Taufe und Kommunion.

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