Dienstag, 24. Juli 2012

Herostraten der Vorstädte


Angeblich soll ein gewisser Herostratos im Jahr 356 v. Chr. aus Geltungssucht den Artemistempel von Ephesos, eines der sieben Weltwunder der Antike, in Brand gesetzt haben. Mit Erfolg. Noch heute nennt die Kriminalistik Menschen, die aus solchen Motiven Verbrechen begehen, Herostraten und das zugehörige Krankheitsbild Herostratismus. Zu den  bekanntesten modernen Vertretern gehört Mark Chapman, der 1980 John Lennon erschoss, weil er sich von der Menschheit zu wenig beachtet fühlte.

Der 24jährige Student James E. Holmes, der am Freitag bei einer Filmpremiere in Aurora, Colorado zwölf Menschen getötet und mehr als fünfzig zum Teil verletzt hat, passt beängstigend genau in das Profil des Amokläufers der westlichen Welt. Zynisch könnte man sagen, der Amoklauf hat sich zu einem typischen Verbrechen der Kinder der weißen, suburbanen, leistungsorientierten Mittelschicht gemausert. Die Täter sind häufig jung, d.h. selten über dreißig, stammen meist aus gutem Hause und sind gebildet, neigen zum Einzelgängertum oder zu Randständigkeit, haben leichten Zugang zu Waffen und haben sich fast immer in Gegenwelten mit eigenen Gesetzmäßigkeiten und eigener Moral zurück gezogen. Nach außen bleiben sie meist bis zur Tat eher unauffällig und angepasst und entsprechen so gar nicht dem Bild, das der Boulevard sich vom irren Gewaltverbrecher zu machen pflegt. Im Gegenteil, sie sind meist so angepasst wie der von Michael Douglas in Joel Schumachers Film Falling Down gespielte William 'D-Fens' Foster.

Für furzbequemen Antiamerikanismus gibt es übrigens schon längst keinen Grund mehr. Auch unsere europäischen Gesellschaften bringen inzwischen genug Außenseiter hervor, die ordentlich was wegmetzeln. Hierzulande töteten Robert Steinhäuser und Tim Kretschmer 2002 bzw. 2009 zusammen dreißig Menschen. Die RAF brachte es in den knapp dreißig Jahren ihres Bestehens auf vierunddreißig. Am Rande: Wie viele deutsche Staatsbürger sind eigentlich seit 2001 durch islamistischen Terror ums Leben gekommen? Wie? Das kann man nicht vergleichen und ist etwas völlig anderes? Ja klar, verstehe.

Als erstes gerät meistens das Waffenrecht in den Fokus der Öffentlichkeit. In den USA ist das in der Regel schnell erledigt, weil die mächtige NRA, an der vorbei niemand Politik machen kann, jeden Versuch, das heilige Recht der Amerikaner auf Waffenbesitz einzuschränken, routiniert im Keime erstickt. Notfalls wird das alte Mantra ausgepackt, dass es nicht mehr zu solchen Tragödien käme, wenn alle bewaffnet wären. Was die hasenfüßigen Linken (in den USA: Liberals) aber andauernd verhinderten. Auch hier kann man über die Fähigkeit einiger Kommentatoren, alles, aber auch wirklich alles Übel auf der Welt irgendwie den Linken in die Schuhe zu schieben, nur noch staunen.

Man stelle sich bildlich vor, was geschehen würde, wenn wirklich alle eine geladene Waffe am Mann bzw. der Frau hätten. Was passierte, wenn in einem abgedunkelten Kinosaal, der gerade von einem Amokläufer gestürmt wird, alle die Knarren ziehen und losballern würden? Glauben diese Leute allen Ernstes, da würde dann weniger passieren?
(Jen Sorensen via slowpokecomics.com)
In Deutschland geraten nach solchen Taten Jäger und Schützenvereine ins Blickfeld. Weil es auch bei uns eine Waffenlobby gibt und die Grünröcke im allgemeinen hervorragend vernetzt sind, ist auch hier der Fall meist schnell erledigt. Natürlich kann man es puren Zufall finden, dass die Täter, die zuletzt in Deutschland für traurige Schlagzeilen gesorgt haben, alle ungehinderten Zugang zu Schusswaffen und Munition hatten. Auffällig ist es auf jeden Fall.

Weil man an der Stelle mit Fingerzeigen nicht weiter kommt, wird gern nach anderen Sündenböcken gesucht. Da wird dann auch die wichtige zivilisatorische Errungenschaft des Kunstvorbehalts infrage gestellt. Bei der Schießerei an der Columbine High School in Littleton hatten die kulturpessimistischen Sittenwächter vor allem Marilyn Manson als Übeltäter ausgemacht, dessen heftige Musik und bizarre Auftritte harmlose Teenager in Mörder verwandelt haben muss. Manson entledigte sich den Vorwürfen auf die denkbar beste Weise. Als der Filmemacher Michael Moore ihn in seinem Dokumentation Bowling For Columbine fragte, was er den Schülern sagen würde, antwortete Manson, er würde diesen Kindern und Jugendlichen überhaupt nichts sagen wollen, er würde ihnen zunächst einmal zuhören. Damit wirkte dieser vermeintliche Kinderschreck wie eine der wenigen Stimmen der Vernunft und Empathie in einem Meer aus Selbstgerechtigkeit und Verlogenheit.

Anlässlich des Amoklaufs von Robert Steinhäuser in Erfurt wurde hitzig über so genannte Killerspiele diskutiert, nachdem klar geworden war, dass Steinhäuser ein begeisterter Counter Strike-Spieler gewesen ist. Außer vagen Zuschreibungen ist bislang nur wenig Fassbares bei der oft moralinsauren Zeigefingerei herausgekommen.

Im Augenblick muss sich Christopher Nolan, der Regisseur des Batman-Films, bei dessen Premiere es zur Tragödie von Aurora kam, unangenehme Fragen gefallen lassen. Interessant daran ist, dass der Vorwurf im Raume steht, dieser Film solle James Holmes inspiriert haben, obwohl er bis zum Zeitpunkt der Tat noch gar nicht veröffentlicht war.

Warum trauen sich eigentlich so wenige an das eigentlich Problem heran? Nämlich, ob es wirklich Kulturverfall und laxe Waffengesetze sind, die Menschen so weit bringen oder ob so etwas nicht vielmehr eine Folge des Umgangs miteinander sein könnte in einer zusehends atomisierten und entsolidarisierten Gesellschaft.

Denn schwierig kann es sein, den Erwartungen der modernen Leistungs- und Ellenbogengesellschaft gerecht zu werden. Für die Stilleren, Nachdenklicheren und Sensibleren können schon Schule und Universität zur echten Tortur werden. Wer als junger Mensch, obwohl durchaus intelligent, ein ums andere Mal erlebt, dass die Smarten mit der großen Klappe, die sich gut verkaufen können, wie man so sagt, locker an ihm vorbeiziehen, ihn dabei auch noch immer wieder demütigen, er bei den Mädchen immer wieder abblitzt, kann auf Dauer einen echten Knacks davon tragen. Darüber zu reden kommt nicht für alle infrage, denn das könnte ja als Eingeständnis von Schwäche aufgefasst werden. Und Schwäche zeigen, das geht gar nicht heutzutage. Hinzu kommt, dass seit etwa zehn Jahren Berufswahlorientierung in den Schulen immer früher immer intensiver betrieben wird. Vielen mag das sicher helfen. Andere setzt das zusätzlich unter Druck und klaut ihnen den letzten Rest Kindheit.

Wenn der kleine dicke Junge oder der schmächtige Versonnene mit der dicken Brille immer als letzter in die Fußballmannschaft gewählt wird, dann muss das noch nicht schlimm enden, so lange er sich woanders Respekt verschaffen kann. Vielleicht ist er in einem anderen Schulfach ein As und lässt weniger Begabte daran teilhaben. Vielleicht ist er ein Bastler, der Roller frisieren oder einem Kostenloses für XBox und Playstation besorgen kann. Ist das nicht der Fall, dann ist die Flucht in Phantasiewelten eine Möglichkeit, damit umzugehen. Dort ist man dann der edle Ritter, der draufgängerische Raumpilot, der Held von Mittelerde oder der fintenreiche Feldherr.

Wenn Selbstbild und Realität irgendwann so weit auseinanderklaffen, dass es schmerzt, reagieren einige mit komplettem Rückzug. Andere landen in psychiatrischer Behandlung und wieder andere zwingen der Welt ihre Phantasien irgendwann mit Gewalt auf – dann knallt's.

So lange aber der Konformitätsdruck in Schule, Ausbildung und im Privatleben nicht weniger wird, so lange unsere Gesellschaft weiter massenhaft Verlierer hervorbringt und als Versager stigmatisiert, weil nur noch Anpassung und Leistung zählen, so lange wird es wohl immer wieder einmal knallen. So sehr das schmerzen mag, das scheint der Preis zu sein, wenn es zwischen Gewinnen und Verlieren immer weniger geben soll, für das sich zu leben lohnt.



Kommentare :

  1. Guter Artikel. Ist ja leider nicht der erste Amoklauf. Da kann ich gleich wieder meine alten Artikel auskramen. Sind heute noch genauso aktuell...^^

    Solange der gesellschaftliche Frieden und das soziale miteinander immer weiter abgebaut und ausgehöhlt werden, wird es auch weiterhin Amokläufe geben. Es ist das Symptom einer kalten, kapitalistischen und menschenfeindlichen Gesellschaft und nicht das Werk einzelner Verrückter."

    http://www.zeitgeistlos.de/zgblog/2009/symptom-einer-kranken-gesellschaftsordnung/

    http://www.zeitgeistlos.de/killerspiele/killerspiele.html

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  2. Bin über einen Text im Spiegel gestolpert, der mich maßlos aufgeregt hat, da er Erklärungen zu dieser Tat aus seiner (Holes) mangelnden Internetpräsenz herleitet. !!!???
    Das ist dann schon keine Hobby-Psychologie mehr, sondern mehr Huhngedärmeleserei...

    Diese Wut habe ich mir dann hier Luft gemacht:
    http://aufzeichnungen-eines-gutmenschen.blogspot.de/2012/07/bin-gerade-mal-wieder-uber-einen.html

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    1. Ich meinte "(HolMes)". Freud'sche Fehleistung...

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  3. Super Artikel

    "Warum trauen sich eigentlich so wenige an das eigentlich Problem heran?"

    Weil sie dann in den eigenen Spiegel sehen müssten ... Dieses Bild dürfte eben nicht gefallen und das wissen sie in der Regel vorher ... Ganz intuitiv, deswegen sucht der Finger, der in diesem Falle dann so gerne auf andere zeigt, schnell nach einer vermeintlich leicht verdauliche Erklärung, die man jemand anderes unter schieben kann.

    Irgendwie brachte dieser junge Komiker das einmal exakt auf den Punkt:
    http://www.youtube.com/watch?v=idNbopcjlvc

    Gruss
    Rosi

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