Freitag, 13. Juli 2012

Pipipapa


Der Menschheit Heiligstes ist besudelt! Eine kleine Satirezeitschrift aus dem idyllischen Frankfurt hat es gewagt, auf seinem jüngsten Titelbild einen platten Photoshop-Witz über den Papst zu machen. Der hat eine Bonner Anwaltskanzlei damit beauftragen lassen eine einstweilige Verfügung am Landgericht Hamburg zu erwirken, um die weitere Verbreitung des Bildes zu stoppen. Kaum war das durchgesickert, standen schon zutiefst empörte Gläubige, Konservative, Neokonservative, Neubekehrte und notorische Linkenhasser auf den Barrikaden, bliesen die Backen auf und trugen den klassischen Kleinkariertenspruch auf den Lippen: Sie hätten ja nichts gegen Satire, aber das ginge nun wirklich zu weit. Willkommen im 21. Jahrhundert!

Man muss das ja gar nicht witzig finden. Ich gebe zu, auch schon schallender gelacht zu haben, aber das Wortspiel ('Vati leaks') war gelungen. Noch besser die gewohnt geschmeidige Reaktion des Blattes auf die einstweilige Verfügung: Es habe sich doch nur um das gelbe Lieblingsgetränk des Pontifex gehandelt, mit dem seine Heiligkeit sich die Soutane bekleckert habe. Was die Leute immer hätten!

Wenn Jan Fleischhauer nun Kurt Tucholsky als Kronzeugen anführt für jene seligen Zeiten, in denen deutschsprachige Satiriker noch Format gehabt hätten, dann ist das in etwa so aussagekräftig, als würde man sagen: Früher, ja früher, da gab es noch aufrechte Konservative hierzulande und nicht nur kleinkarierte Knittergeister wie ihn. Warum fällt solchen Leuten bei Tucholsky eigentlich immer nur das eine Zitat ein mit der Satire, die alles dürfe, um dann sofort zu befinden, Aktionen wie die der 'Titanic' fielen aber bestimmt nicht unter die Kategorie Satire? Warum sich nicht mal an ein anderes, nicht minder berühmtes Diktum aus dem gleichen Essay erinnern. Zum Beispiel: "Wenn bei uns einer einen guten Witz macht, dann sitzt am nächsten Tag halb Deutschland auf dem Sofa und nimmt übel?" Oder den hier:
"Das ist kein rechter Mann und kein rechter Stand, der nicht einen ordentlichen Puff vertragen kann. Er mag sich mit denselben Mitteln dagegen wehren, er mag widerschlagen – aber er wende nicht verletzt, empört, gekränkt das Haupt. Es wehte bei uns im öffentlichen Leben ein reinerer Wind, wenn nicht alle übel nähmen. "
Zwei Dinge an dem ganzen künstlichen Empörungstheater sind besonders amüsant: Erstens werden viele Verteidiger des christlichen Abendlandes nicht müde, die 'Titanic' zu marginalisieren. Es sei ein lächerlich kleines Blättchen, Auflage unter 100.000 und die Redaktion eine Ansammlung gescheiterter Existenzen. Mag sein, aber wenn dem so ist, dann stellt sich erst recht die Frage, warum die dann so einen Wind machen. Eine so mächtige, in sich ruhende Institution wie die katholische Kirche, die zudem behauptet, im Besitz der einzigen, selig machenden Wahrheit zu sein, könnte mit so was doch umgehen wie eine uralte Eiche, an der ein Pinscher sein Revier markiert.

Zweitens: Es ist nur Spekulation, aber es wäre interessant zu erfahren, wie viele von diesen konservativen Anti-Satire-Kreuzrittern im Fall der Mohammed-Karikaturen den empörten Muslimen vor ein paar Jahren noch hochfahrende Vorlesungen über Aufklärung, Religionsfreiheit, Trennung von Staat und Religion und westliche Werte im Allgemeinen gehalten und gemeint haben, sie müssten sich mal entspannen. Wie gesagt, man weiß es nicht, aber man liegt sicher nicht ganz falsch, wenn man vermutet, dass es viel ruhiger zuginge im Augenblick, wenn diese Leute jene Toleranz und Gelassenheit in religiösen Dingen zeigten, die sie Muslimen so gern abverlangen.

In all der Empörung um das inkriminierte Titelbild wird sowieso gern vergessen, dass der Papst eine Doppelfunktion hat: Er ist sowohl religiöses Oberhaupt als auch Staatsoberhaupt. In letzterer Funktion ist er übrigens der letzte absolutistische Regent Europas. Das übersehen frömmelnde Superkatholiken und Weihrauchkiffer leicht, die zu völlig zu Unrecht Knierutschen vermissen, wenn der Papst als Staatsoberhaupt auftritt.

Auch seitens des Vatikan werden feine Unterschiede gemacht, ob der Chef gerade in staatlicher oder religiöser Mission unterwegs ist. Besucht zum Beispiel Angela Merkel Benedikt XVI. im Rahmen eines Staatsbesuches, dann ist sie quasi geschlechtsneutrale Repräsentantin der Bundesrepublik Deutschland und es gilt das bei solchen Anlässen übliche Protokoll. Das heißt, sie könnte angezogen sein wie immer bei solchen Gelegenheiten und ein schlichter Handshake genügte zur Begrüßung. Kommt sie aber zu einer Papstaudienz, dann wäre sie protokollarisch als Privatperson zu behandeln, als Frau zudem, die vom geistlichen Oberhaupt der katholischen Kirche empfangen wird. Dann, und nur dann würde von ihr erwartet, sich entsprechend zu kleiden und einen Hofknicks zumindest anzudeuten. 
Man kann Papst- und Kirchenwitze anstrengend finden oder nicht. Eines aber muss festgestellt werden: Die Katholische Kirche hat sich in Deutschland lange eine als eine Art Staat im Staate aufgespielt, als Hüterin von Moral und Sitte, für die es selbstverständlich war, nicht nur ihren Schäfchen auch noch in das Privateste hereinzureden. Diese Zeiten sind vorbei und es gibt auch mal Gegenwind. Wenn so einer Organisation ihre Selbstgerechtigkeit auf die Füße fällt, nicht zuletzt wegen des einen oder anderen Skandals, bei dem sie selbst sich ihren in hochtönenden Predigten formulierten eigenen Ansprüchen in keiner Weise gewachsen zeigte, dann muss sie eben auch platte Witzchen aushalten.

Staatsoberhäupter sind aus gutem Grund sowieso nicht vor Satire geschützt. Können wir jetzt bitte wieder zur Tagesordnung übergehen?



Kommentare :

  1. Also, eindrucksvolle Beispiele für den zweiten Punkt lassen sich leicht finden!

    PI etwa schrieb einst einem MiGAZIN-Redakteur:
    "In Deutschland dürfen nämlich Angehörige jeder Religion das Recht auf freie Meinungsäußerung in Anspruch nehmen, und dürfen sogar jede Religion verhöhnen, die sie wollen."

    Das Titanic-Cover ist für PI aber eine "Schmiererei" "feiger Charakterschweine", "Waschlappen" und "Dreckspatzen":
    "Man macht also dreckige Witze über die Schwächeren, den deutschen Papst und über die eigene Kultur..."

    Pas mal, Pascal!

    (Keine Sorge, beide links mit "nofollow"! ;)

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  2. Es ist immer wieder erheiternd, wie der, der den Zepter der Gerechtigkeit schwingt, im Brustton der (Selbst-)Gerechtigkeit - sich letztendlich der Lächerlichkeit preisgibt.

    Wie viel besser hätte der Kirche Gelassenheit gestanden? Aber diese verknöcherte Institution verdient so viel Schlauheit gar nicht.

    Aber es geht nicht nur um die Kirche!
    Es geht darum, dass eine Schneise getrieben wird, zwischen politisch korrekt und politisch nicht korrekt.

    Und wer bestimmt was politisch korrekt ist? Richtig, die Mächtigen. Und damit nicht unbedingt unsere demokratisch gewählten Volksvertreter.

    Mir ist schon oft bei der Satire von der Titanic das Lachen im Halse stecken geblieben!

    Ich halte dies für einen wichtigen Auftrag der Satire: Das im Halse stecken gebliebene Lachen auszulösen.

    Ich möchte nicht nur noch politisch korrekt lachen dürfen.

    Dafür steht die Pressefreiheit. Ich denke, die viel gelesene BILD-Zeitung strapaziert diese Pressefreiheit viel mehr, als dass im Vergleich eher auflagenschwache Satire-Magazin TITANIC.

    Aber dass TITANIC-Magazin wird letztendlich davon profitieren und deshalb kurzfristig ihre Auflage steigern können.

    Auch wenn ausgleichende Gerechtigkeit immer seltener ist: Dies Ding geht nach hinten los!

    In freudiger Erwartung
    Eurer Duderich

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  3. Im Zeichen von Zeiten, wo Satire mächtige Schwierigkeiten damit hat, die ständige Realsatire überhaupt noch überspitzen zu können, sind solche kirchlichen Ambitionen zur Reinhaltung des Bildes aufs eigene Klischee, einfach nur noch albern, und zu-höchst doppelmoralin. Mitunter weiß man doch gar nicht mehr, was hier das Satireblatt ist. Titanic, - oder Bild? Stellt euch doch nur mal ein Bild der Titanicumsetzung zum Satz; "Wir sind Papst" vor. Na? Danach politisch korrekt aber unbedingt Wäsche waschen, - gelle?

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