Donnerstag, 19. Juli 2012

Sommerloch 2012 - die Zwischenbilanz


Das Sommerloch, früher auch Saure-Gurken-Zeit genannt, ist die Hochsaison der schrägen Einzelleistungen. Der Bundestag hat Pause, die Fernsehsender bringen viel Füllstoff und auch die Printredaktionen fahren halbe Besetzung. Eine ideale Gelegenheit für parlamentarische Hinterbänkler und andere, die sich zuweilen nicht genügend beachtet vorkommen, sich mit ebenso kreativen wie abstrusen Vorschlägen zu Wort zu melden. Jetzt, da die erste Hälfte der Feriensaison sich dem Ende neigt, ist es an der Zeit, eine erste Halbzeitbilanz zu ziehen.

Natürlich gibt es massenhaft irrelevante Lokalmeldungen mit dem Nachrichtenwert des sprichwörtlichen, in China umgefallenen Reissacks. Zum Beispiel die, dass sich ein Möchtegern-Hobbyburgherr im saarländischen Dudweiler seit dreißig Jahren und unter Verwendung von bisher 5.500 Säcken Reis, pardon: Zement, sein ganz persönliches Traumschloss hinstellt. Das mag zwar amüsant sein, doch würde es ein wenig den Rahmen sprengen, das alles hier aufzuzählen.

Überregional liegt die Latte inzwischen ziemlich hoch, nach solchen Krachern wie der Forderung, Schulschwänzern eine elektronische Fußfessel umzuschnallen (2003) oder der nach einer Sonderabgabe für Übergewichtige (2010). Auch in diesem Jahr ist deutlich abzusehen, dass es nach wie vor schwer angesagt ist, irgendwas verbieten bzw. unter Strafe stellen zu wollen:
  • Als ungekrönte Königin der unausgegorenen Ideen erweist sich auch diesmal wieder Kristina Schröder (CSU). Die forderte ein Ausgehverbot für Jugendliche unter 16 nach 20 Uhr, um das Komasaufen zu unterbinden. Herrlich! Sechzehnjährige Jungschützenbrüder könnten sich demnach unter Aufsicht und mit dem Segen der Erwachsenen weiter die Großhirnrinde wegbrezeln, während Siebzehnjährigen Kinobesuche bei Cola und Popcorn nach der Fünfuhrvorstellung verwehrt sein würden.
  • Wo wir gerade beim Saufen sind: Auch schön der Vorschlag von NRW-Innenminister Jäger (SPD), die Promillegrenze für Radfahrer von 1,6 auf 1,1 zu senken. Entschuldigung, aber wer sich mit 1,6 Promille an den Hacken noch aufs Radl schwingt und sich allen Ernstes für fahrtüchtig hält, dem ist auch mit einer niedrigeren Promillegrenze nicht mehr zu helfen.
  • Sowieso erweist sich der Straßenverkehr auch in diesem Jahr als unerschöpfliche Quelle für Sommerloch-Meldungen. Ein gelungener Querpass aus Brüssel war zum Beispiel die Ankündigung, Autos, die älter als sieben Jahre sind, demnächst jährlich zur Hauptuntersuchung zu schicken. Das macht Leuten, die nix um teure Neu- und Jahreswagen geben und denen es völlig reicht, in einer günstigen Kalesche einfach nur von A nach B zu kommen, das Leben schwer. Autoindustrie und Prüfgesellschaften drücken jedenfalls schon mal die Daumen. 
  • Da wollten die Grünen natürlich nicht zurückstehen und sie haben ihre alte Pointe von Tempo 30 auf fast allen Straßen wieder rausgekramt. Verleidet den Kindermördern auf vier Rädern das Autofahren, lautet das Motto. Sagen wir mal so: Wenn man sich ansieht, mit was für einem Affenzahn Anwohner verkehrsberuhigter Zonen, in denen eigentlich Schrittgeschwindigkeit gilt, so herumbrettern, dann wäre schon ein riesiger Schritt in Richtung mehr Verkehrssicherheit getan, wenn sich erst einmal mehr Leute an bestehende Tempolimits halten würden.
  • Den meisten Staub aufgewirbelt hat bisher zweifellos Hotte Seehofer (CSU) mit seiner Forderung, den Länderfinanzausgleich zugunsten Bayerns umzustricken. Seehofer erweist sich damit als echtes Trüffelschwein bezüglich angesagter Trends, denn Paranoia vor Schmarotzern ist spätestens seit der Eurokrise die angesagte Nummer. Aus bayerischer Sicht gibt es jetzt nicht mehr nur faule Südländer (Griechenland, Italien, Spanien, Portugal), die ihre Giergrabbeln nach unserem schönen Geld ausstrecken, sondern auch noch nicht minder parasitäre Nordländer (Bremen, Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen etc.). Kurz: Alles faule Säcke außer den Schwaben und uns. Sie wollen uns alles nehmen! Anstrengungsloser Wohlstand! Von unserem Geld! Wir sind umzingelt! Hiiilfääää! Kein Zweifel: Der Mann hat Wahlkrampf im Vorstadium.
  • Die wahre und echte Sensation des diesjährigen Sommerlochs ist jedoch, dass Jan Fleischhauer zum ersten Mal eine Kolumne geschrieben hat, der ich über weite Strecken nur zustimmen kann – Ehre, wem Ehre gebührt! Oder werde ich langsam alt...?
Trotzdem, liebe Hinterbänkler und Vorwahlkämpfer: Da geht noch mehr. Der Sommer ist noch nicht vorbei. Los, lasst euch was einfallen!


Kommentare :

  1. Naja, - das ist das mit dem Gestaltungswillen. Gestalte irgendwas, - egal was, - Hauptsache es bewegt sich was, - über welches sich der Gestalter profilieren bzw. positionieren kann. Normales Managementdenken mittlerweile.

    AntwortenLöschen
  2. Was das Fleischhauer angeht, so war es statistisch einfach fällig. Seit Jahren hängt das Männlein permanent daneben - die Steilvorlage der TAZ konnte er nicht liegen lassen.
    Zu Deiner Aufforderung " Los, lasst euch was einfallen!" könnte man Innenminister Friedrich lobend erwähnen wegen der Bestallung des neuen Chefs des Verfassungsschutzes. Eine Misswahl der Extraklasse.

    Ist das Sommerpause, wenn Kurt Beck die EU um ein Darlehen anfleht, um seinen maroden Rummelplatz "Nürburgring" zu retten? Dieses mit Milliardenbeträgen angehübschte Hypodrom, von dem jedem Denkenden wusste, daß das krachen gehen mußte?

    Erwähnenswert wären auch die Pläne der münchener Stadtverwaltung, gegen agressive Hunde bußgeldfinanzierte Parkwächter anzustellen. Ein-Eurojobber als Köder für den tollwütigen Rottweiler. Mit einem Schnellkurs in Hundepsychologie und einem Kotelette um den Hals gebunden.
    ... nur so als Vorschlag
    MvG
    das Pantoufle

    AntwortenLöschen
  3. Schwaben? Die Badener sind das Rückgrad des Ländles! Badener haben das Auto erfunden und die Grundlagen für die Erfindung des Fahrrads gelegt. Die Schwaben kehren dagegen hauptsächlich ihre Treppenhäuser und verdrängen, dass Mercedes keine schwäbische Erfindung ist. Die Verkürzung Baden-Württembergs auf Schwaben ist völlig inakzeptabel, gerade angesichts der zweifelhaften Entstehungsgeschichte dieses Bundeslandes. Und jetzt verbuddeln die noch die Landeshauptstadt! Da ist noch jede Menge Sommerlochpotenzial drin.

    AntwortenLöschen
  4. Habe ich wirklich gerade "Rückgrad" geschrieben? Ausgesprochen peinlich...

    AntwortenLöschen