Mittwoch, 22. August 2012

Das Leben der anderen


„If you need a role model, you are a dick.“ (Charlie Brooker)

Normalerweise interessiert mich Promiklatschkram ungefähr so sehr wie der sprichwörtliche Sack Reis in China. Manchmal aber stolpert man über etwas, das einen doch stutzen lässt. Es hatte meine Aufmerksamkeit erregt, dass die immer noch wunderbare Jodie Foster sich mit einem wütenden Artikel schützend vor ihre junge Kollegin Kristen Stewart gestellt hat. Dort meint sie, hätte man sich, als sie Anfang zwanzig gewesen sei, derart in ihr Privatleben eingemischt, wie das jetzt im Fall Stewarts passiere, sie die Schauspielerei sofort an den Nagel gehängt hätte. Was war geschehen?

Ambitionierten Filmeguckern und Kinogängern ist Stewart vor allem als Elfjährige bekannt. Da spielte sie 2001 in David Finchers Thriller Panic Room an der Seite Fosters. Seither hat sie vor allem in seichterer Ware mitgewirkt wie der Blutsaugerschmonzette Twilight. Und weil seitdem elf Jahre vergangen sind und Ms. Stewart inzwischen groß, hat sie es auch mit Männern. Nun hat sie es gewagt, mit dem Regisseur ihres aktuellen Filmes eine Affäre gehabt zu haben, obwohl der verheiratet mit Kindern ist und sie mit ihrem Schauspielerkollegen Robert Pattinson verbandelt.

In Zeiten sozialer Netzwerke löste diese Lappalie, die streng genommen eigentlich nur die Beteiligten etwas angeht, sofort mächtigen Wirbel aus. Neben den üblichen Klatschreportern, fluteten auch Tausende anderer Leute, die allesamt die Bedeutung nicht nur so einer Eskapade, sondern auch die ihres Daseins und die Relevanz ihrer Meinung gewaltig überschätzten, Printmedien, Kommentarspalten, Blogs, facebook-Gruppen und Tweets mit ihren unmaßgeblichen, meist feindseligen Gedanken. Nicht wenige demonstrierten sogar, dass sie nicht nur offenkundig zu viel Zeit, sondern auch zu viel Geld haben, indem sie massenhaft Stewart-feindliche T-Shirts kauften. Ms. Stewart sah sich daraufhin zu öffentlicher Abbitte bei ihrem gehörnten Partner genötigt.

(feisar.de)
Als in jeder Hinsicht Außenstehender steht man immer wieder kopfschüttelnd vor so was und fragt sich zum einen, wie wenig im Leben von Menschen los sein muss, die sich ernsthaft den Kopf über das Intimleben einer Jungschauspielerin zerbrechen. Was glaubt dieser Pöbel, welches Mitsprache- und Einmischrecht er hat in Bezug auf die Frage, wie die Dame ihre privaten Dinge regelt? Wie kommen diese hohlraumversiegelten Blitzbirnen auf die Idee, der Kauf von Kinokarte, DVDs und Devotionalien sowie das überflüssige Verfolgen irgendwelcher nichtssagenden Klatschmeldungen berechtigten sie dazu, sich zu einzumischen?

Zum anderen fragt man sich: Sind diese Menschen wirklich so dumm, dass sie nicht in der Lage sind zu reflektieren, dass die Erwartung an Schauspieler, Musiker und sonstige warum auch immer Prominente, gefälligst ein in jeder Hinsicht untadeliges Leben zu führen, schlicht ballaballa ist? Prominente seien schließlich Vorbilder, seiern sie dann immer den Klassiker aller moralinsauren Frömmler herunter. Also bitte! Wer allen Ernstes glaubt, entsprechend sozialisierte Jugendliche ließen sich durch das leuchtende Vorbild einer streng monogam lebenden Schauspielerin im Zweifel auch nur minutenweise vom fröhlichen Pimpern abhalten, schleppt eventuell ein arg idealisiertes Bild von Jugendlichen mit sich herum.

Nimm dies, Schlampe! (skreened.com via ibtimes)
Schließlich fragt man sich, was diese andauernden, teils abgepressten öffentlichen Entschuldigungen eigentlich sollen. Sorry seems to be the hardest word, nicht wahr? Blödsinn! Eine routinierte, möglicherweise erzwungene Entschuldigung abzugeben, gehört mit etwas Übung und Abgebrühtheit zu den am wenigsten schwierigen Dingen überhaupt. „Nie nimmst du den Müll mit, wenn du heruntergehst! Muss man dir alles sagen?“ - „Du hast recht, Schatz, entschuldige. Ich bin der schlechteste Ehemann der Welt.“ [Will heißen: Den Teufel werd' ich tun; ich ändere das doch nach zehn Jahren nicht mehr. Wenn du beim nächsten Mal wieder rumjammerst, bringe ich halt einen Blumenstrauß mit, dann herrscht erst mal für ein paar Wochen Ruhe.]. Nein, solches Zeremoniell dient nur der Selbsterniedrigung und dem Zweck, dass kleingeistige, rachsüchtige Klatschweiber ohne eigenes Leben sich moralisch überlegen fühlen können.

Natürlich hat es Klatsch und Tratsch immer schon gegeben. Möglicherweise ist sogar etwas dran an der Behauptung, Klatsch sei eine Art sozialer Kitt. Geschenkt auch, dass es Menschen gibt, die sich mehr für so einen Kram interessieren als ich. Steht man aber vor einem durchschnittlichen Zeitschriftenregal oder klickt man sich in so einem Fall wie dem von Kristen Stewart, durch ein paar Online-Medien - übrigens auch durch welche, die für sich in Anspruch nehmen 'Qualitätsjournalismus' zu machen - dann schreit einen nur noch eine Frage an: Meine Güte, ist so was etwa wichtig, weltbewegend am Ende? Weltbewegend definitiv nicht. Aber je mehr solche Nebensachen zu ausgewachsenen Lebensinhalten aufgeblasen werden, neben denen alles andere verblasst, desto verdächtiger wird es.

Je mehr Menschen ihre Energie dafür verwenden, sich mit solchen Promiaffärchen oder meinetwegen auch mit dem Wohl und Wehe von Fußballklubs zu befassen, und eben nicht mehr damit, was wirklich falsch läuft, desto ruhiger können die Leute schlafen, in deren Namen wirklich was falsch läuft. Zbigniew Brzezinski prägte Mitte der  Neunziger für so was den Begriff Tittytainment. Laut wikipedia steht dabei "Titty- [...] für das Durchfüttern und -tainment für das Unterhalten der übrigen 80 Prozent der Bevölkerung, um diese ruhig zu stellen. So, wie dem schreienden Säugling die Brust gegeben wird, sollen die für die Güterproduktion überflüssigen Menschen mit trivialer Unterhaltung (Fernsehen, Internet usw.) davon abgehalten werden, die gesellschaftlichen Zustände in Frage zu stellen."

Kein allzu neuer Hut, aber das trifft es wohl am ehesten.

Kommentare :

  1. Stars und Promis sind die heutigen Mythen, Legenden, Vorbilder und Götzen für den Pöbel. Sie agieren als Ablenkungs- und Beschäftigungstherapie.

    Die Medien freuen sich darüber, so können sie stets Personen bebildern. Sachthemen waren und sind ihnen schon immer eher zuwider gewesen, denn wo es schwer ist, Bilder zu zeigen, da fällt meist gleich die ganze Berichterstattung weg. Deswegen wird auch ständig versucht, jedes noch so komplexe Problem auf Menschen/Personen zu reduzieren.

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  2. Hallo Herr Rose

    Volle Zustimmung!

    Dazu fällt mir doch gleich wieder dass von Ihnen bei ZG verlinkte Video ein:
    http://www.zeitgeistlos.de/zgblog/2012/was-ist-aufklarung/comment-page-1/#comment-5969
    (gefällt mir so gut, dass ich es hier wieder einstelle, sorry)

    Würde hier doch auch sehr gut passen, gehört alles zusammen, greift ineinander, die Fokussierung auf Klatsch ist quasi einer der vielen Folgen.
    Denn was bleibt letztlich vom Denken übrig, was lässt man vom Denken übrig? Richtig, nur noch Klatsch, der Inbegriff von Oberflächlichkeiten. Der was genau erreichen soll? Exakt, jeden Aufstand des Denkens zu unterbinden und jene, denen es einfach nicht abzugewöhnen ist, zu übertönen.

    Denn wenn man das genau betrachtet, geht es in allen Lebensbereichen, von der Politik (insbesondere so die Wahlen näher rücken oder es sich vor dem eigenen Versagens entledigt) über die Mainstreampresse, inkl. dem, was man alles Nachrichten nennt sowie den Sportnachrichten, wie auch in des Volkes Miteinander doch nur noch um Klatsch. Irrelevant, ob Individuen im Rampenlicht oder auch nicht, ob über Social Network oder im TV zur Schau gestellt. In Vereinen oder nachbarschaftlichen Beziehungen ... ganze Bevölkerungsgruppen oder gar Nationen. Nirgendwo macht das halt. Mich hätte eher gewundert, so man mit jenen auf der Bühne (egal welcher) anders verfahren würde. Eigentlich doch gar nicht mehr möglich.

    Denn das ist alles, was als Restfunken des Denken übrig bleibt, wenn man das Denken ausschaltet. Es spiegelt das erlernte Nachplappern wieder. Und zumindest ein Trieb sollte schon stimuliert werden, sei es Sensationslust, die Befriedigung des ausgestreckten Moralin-Fingers oder was auch immer, damit die Menschen laut nachplappern. Das weiß man, das hat sich mehrfach bewährt, deswegen funktioniert es auch so gut. Aus diesem Grund halte ich es für nicht ganz korrekt, es derart auf ein Phänomen der heutigen Zeit zu beziehen (Adorno hin, Adorno her, andere Lebenszeit, vermutlich ein ähnliches Fazit auf der Basis anderer Parameter). Auf unserer Zeitachse der Entwicklung pendeln doch stets die Epochen, in denen das Denken mehr oder weniger Gewicht erhält. Doch zu nahezu in jedem Jahrhundert waren sich die großen Denker einig (zumindest seit man dergleichen nachlesbar festhält), dass es stets zu wenig sei. Nur die Gründe dafür und die angewandten Mittel wechseln derart, wie sich der Menschen Lebensumfeld entwickelt. Und stets ist es die Jugend, die am schnellsten verfällt (die sich schnell verführen lässt). Und doch können nur aus der einstigen Jugend wieder solche resultieren, die sich im Laufe ihrer Lebenserfahrung daraus zu befreien wissen.

    Und, das möchte ich nicht unerwähnt lassen, halte ich den Menschen (in der Masse, jupp, tatsächlich in der Masse) generell für fähig, weitaus mehr zu leisten und so wenige (wie man glaubt oder wie es sich in dem Film anhört), die sich das eigene Denken erhalten haben, dürften es m.E. gar nicht sein. Man hört sie nur nicht (Verblödung/Klatsch ist wesentlich lauter, aufdringlicher, penetrant) und die meisten sagen vermutlich auch nichts, zumindest nicht dort, wo andere sie hören könnten.

    Daraufhin deutet z.B. auch die Entwicklung im www ... Wobei ich hierbei unschlüssig, manchmal förmlich hin und her gerissen bin, weil es dort ebenso der Klatsch zu schaffen scheint, anderes einfach zu überlagern. Doch noch flackert es immer wieder auf, bricht sich seine Bahnen, das Denken und irgendwie rafft sie sich generell immer wieder auf, die Menschheit. Pendelt halt vor und zurück und doch irgendwie bleibt ein Stück nach vorne übrig.

    *Haha*, lange Rede, kurzes Fazit: Die Zeiten sind für Denker eigentlich stets zu verblödet. Und so langsam frage ich mich, ob das des Denkers ewiges Schicksal ist, egal, wann er auch geboren wird.

    Gruss
    Rosi

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