Samstag, 18. August 2012

Ein Arschloch namens Sommer

Endlich, endlich bekommen die Sommerfans noch ihren Willen. Jetzt, der August neigt sich fast dem Ende, erreichen die Temperaturen die von so vielen glühend herbei gesehnten Backofendimensionen. Das andauernde Genöle über den einigermaßen verregneten Sommer, das die Sonnenanbeter in einem fort anstimmten, war wirklich nicht mehr zum Aushalten. Och Menno, es ist Sommer und voll am regnen. Kann das Wetter nicht mal so sein, wie ich will?

Dann regnet es eben und ist kühl. Na und? Ist immer mal wieder vorgekommen und wird weiter vorkommen. Genauso wie es passieren kann, dass im Winter Schnee liegt, es mal glatt ist oder eben auch nicht. Shit happens in the gemäßigte Zone. Warum tun so viele immer so, als sei ein verregneter Sommer eine der größten Katastrophen, die über die Menschheit kommen kann? Regt euch nicht auf, geht in ein Museum oder eine Kunstausstellung, kramt eure Bücherschränke, so ihr noch welche habt, und eure DVD-Regale nach was Nettem ab, rollt euch gemütlich auf der Couch zusammen und fertig.

Fast allen Wetterlagen und Jahreszeiten vermag ich positive Seiten abzugewinnen und jammere deswegen auch nicht übers Wetter. Mit einer Ausnahme: "Hitze wird im sogenannten Hier und Jetzt / von den meisten Menschen grässlich überschätzt.", so reimte Wiglaf D. jüngst. Und wie so oft, hat er völlig recht.

Weil ich Hitze nicht gut vertrage, finde ich regnerische Sommer gar nicht übel. Am allerwenigsten komme ich klar mit der Art von Hitze, die in meiner Heimatregion meist herrscht, wenn es heißt, das Wetter sei schön. Hier wird es schnell unerträglich schwül und ich schwitze, obwohl ich mich eh kaum bewege, hänge nur noch dumm rum und jeder weitere Tag, an dem das Arschlochgestirn am Himmel das Land mehr zur Sauna macht, lässt meine Laune gereizter werden. Mein Flüssigkeitskonsum erreicht den eines Kamels mit Typ-2-Diabetes und nachts kann ich nicht schlafen, weil es nicht mehr richtig abkühlt. Hallenbäder sind geschlossen, die Freibäder heillos überfüllt, sodass es unmöglich ist, in Ruhe ein paar Bahnen zu schwimmen. Dabei gibt es wenig kontemplativere, geradezu arkadischere Orte als ein leeres Freibad mit altem Baumbestand, das noch nicht von der Spaßindustrie heimgesucht wurde.

Als ob das nicht reichte, benimmt sich auch Kollege Mitmensch sommers oft mehr daneben als sonst. Weil nicht wenige meinen, Sonnenschein befreie sie automatisch von lästigen Konventionen in puncto Kleidung, muten nicht wenige der Umwelt den Anblick von Körperregionen zu, die sie sonst zum Nutzen jener Umwelt bedeckt halten. Auch die einigermaßen gut belegte Erkenntnis, dass bei hohen Temperaturen häufigeres Duschen  Körpergerüche merklich reduzieren kann, scheint sich immer noch nicht überall herumgesprochen zu haben. Und wegriechen ist weit schwieriger als wegsehen.

Die Nachbarn fachen an jedem Abend, an dem es mehr als 20 Grad hat, ihre holzkohlebetriebenen Hochöfen an zwecks kontrollierten Verkohlens von Leichenteilen und hüllen dabei das ganze Viertel in eine Dunstglocke, die normalerweise Smogalarm auslösen müsste. Will man sich einfach nur in Ruhe irgendwo verkriechen, dann kann man sicher sein, von Leuten behelligt zu werden, die ab einer gewissen Temperatur von einer speziellen Form der Hyperaktivität befallen werden. Solche Leute müssen dann immer zwanghaft etwas unternehmen, auf dass der Tag ihnen nicht als verschwendet erscheint. Das schöne Wetter ausnutzen, so nennen sie diese Form der Lästigkeit.

Vor allem für Bewohner von Stadtwohnungen gilt: Sommerliche Hitzewellen machen vor allem bräsig. Sie lähmen körperliche wie geistige Aktivität und nehmen einem auch die Freude am Essen, sofern man kein Fan von Salätchen und anderen wenig nahrhaften Kaltspeisen ist. Man verstehe mich nicht falsch: An einem lauen Abend nach Einbruch der Dunkelheit im Freien zu sitzen und im Kreise netter Menschen ausgiebig zu speisen, kann etwas sehr Schönes sein. Das ist aber etwas völlig anderes, als die hierzulande verbreitete Unart, im Sommer rund um die Uhr alles, also auch das Esszimmer nach draußen zu verlegen und sich in praller Mittagssonne warme Speisen reinzuschieben. Weniges hasse ich mehr, als wenn mir beim Essen Freund Lorenz auf den Pelz brennt und es geht mir auf den Zeiger, angeschaut zu werden als sei ich grenzdebil, wenn ich mich mit meinem Teller nach drinnen verpfeife.

Zwar ist Vorsicht geboten mit der pauschalen Aussage, das Ausland mache dies und jenes traditionell so und so. Man darf hingegen sehr wohl annehmen, dass Bewohner tropischer und subtropischer Gegenden über Generationen zu einer Lebensweise gefunden haben, die den menschlichen Organismus Temperaturen jenseits der dreißig Grad am besten verkraften lässt. Dazu gehört, der Mittagshitze auszuweichen, wann immer es geht, auch sonst nach Möglichkeit die Schlagzahl herunter zu fahren und alle Aktivitäten, die unnötig belasten, wozu im Hochsommer auch eine warme Mahlzeit gehören kann, auf angenehme Tageszeiten zu verlegen. Das alles wird seine Gründe haben. Genau so wie die in heißen Gegenden verbreitete Auffassung, Klimaanlagen nicht etwa für eine schwere Umweltsünde zu halten, sondern für eine segensreiche Erfindung und entsprechend zu nutzen.

Weil aber nicht immer nur unkonstruktiv genörgelt werden soll, sei hier ein wirksames Gegenmittel gegen die Auswirkungen tropischer Hitze verraten, das wirklich hilft (vorausgesetzt, man verträgt es). Vor ein paar Jahren beschloss ich an einem besonders brüllheißen Sommerabend, es zu machen wie die Bewohner des indischen Subkontinents.

Als Freund indischer Küche koche ich von Zeit zu Zeit das eine oder andere Curry auf Vorrat. So hatte ich noch ein selbst fabriziertes Vindaloo im Gefrierschrank, und Kenner der Materie wissen: Das ist einer der ärgsten Brenner. Auftauen ging dank Mikrowelle fix und auch ein Portiönchen Reis ward schnell bereitet. Was soll's, dachte ich, viel schlimmer konnte es eh nicht kommen. Außerdem hatte ich nichts mehr vor und konnte mich notfalls zur Ruhe betten, falls mir das endgültig den Rest geben sollte.

Die höllische Mixtur aus Knoblauch, Ingwer, Anis, Nelken, Zimt und massenhaft Chili verfehlte ihre Wirkung nicht. Sofort war ich am ganzen Körper klatschnass, als sei ich soeben samt Kleidung der Badewanne entstiegen. Also nichts wie unter die Dusche und frische Sachen angezogen. Danach aber, oh Wunder, war alles gut. Alle Trägheit war verflogen, ja, es stellte sich sogar eine gewisse Beschwingtheit ein. Und kein Schweißtröpfchen netzte für den Rest des Abends mehr die Stirn. Gar nicht so dumm, dieses Ausland.


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