Werder Bremen war für die neue
Bundesligasaison auf der Suche nach einem Trikotsponsor und ist mit
Wiesenhof, Deutschlands größtem Geflügelzüchter und -verarbeiter,
handelseinig geworden. Die Spieler in grün müffeln also von nun an
nicht mehr nach Fisch, wie ihnen gern von gegnerischen Fans
vorgeworfen wird. Sogleich regte sich nicht nur unter Werder-Fans eine
Protest gegen den Deal mit dem Konzern, dem unter anderem
Tierquälerei vorgeworfen wird: Massentierhaltung, bäh! Unhaltbare
Zustände, wie kann man nur? Oh cool, gleich mal auf Fratzbuch bei
der entsprechenden Online-Petition auf 'gefällt mir!' klicken.
Bilder aus Massentierhaltung und
industrieller Schlachtung sind zweifellos kein schöner Anblick für
einen sensiblen Menschen. Nur dürften die Methoden, derer Wiesenhof
sich bedient, um das allseits beliebte Hühnerfleisch zu
massenkompatiblen Preisen in die Supermärkte zu bringen, sich im Kern kaum
von denen anderer Großfleischer unterscheiden. Im Gegenteil: Weil Wiesenhof in den letzten Jahren in die Kritik geraten ist, kann
man sogar annehmen, dass man sich gerade dort noch am ehesten bemüht, etwas zu
verbessern oder zumindest peinlich darauf bedacht ist, sich immer im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben zu
bewegen. Gerade die Bewohner des schönen Bremen haben übrigens beste Gelegenheit,
sich persönlich davon zu überzeugen: Liegt doch der Landkreis Vechta, eine Hochburg der fleischverarbeitenden Industrie, gleich um
die Ecke.
Wem es ans Gemüt geht, wie
Fleischfabrikanten mit Tieren umgehen, muss sich die Frage gefallen
lassen, ob er bereit wäre, wenn schon nicht komplett auf Fleisch zu
verzichten, dann wenigstens nur noch Bioware zu kaufen, um den
Tierquälern so ihr blutiges Handwerk zu legen. Der möge sich im
nächsten Bioladen bitte auch den Preis für ein Kilo Bio-Hähnchen
ansehen. Der liegt im Schnitt bei etwa 15 Euro (mit Knochen).
Strenger zertifizierte bioland-Ware liegt noch darüber. Das
ist der Preis dafür, dass die Tiere artgerecht gehalten werden und
alle an der Wertschöpfungskette Beteiligten zumindest theoretisch
auch ordentlich verdienen. Zu bedenken ist noch, dass das
durchschnittliche Bio-Federvieh aufgrund des ihm gewährten Auslaufs
oft weitaus drahtiger daherkommt als die Artgenossen aus dem
Wiesenhof-Stall. Das ist zwar eine gute Nachricht für die Hühner,
aber eine schlechte für Liebhaber besonders fleischiger Hähnchen.
Denn für diejenigen, die
Massentierhaltung und industrielle Schlachtung grundsätzlich
ablehnen, gibt es, streng genommen, nur zwei, allenfalls drei
Auswege. Erstens: Völliger Verzicht auf Fleisch. Zweitens: Wenn
schon Fleisch, dann nur noch Bioware. Und eventuell drittens: Wenn
schon Fleisch, dann nur noch vom braven Metzger des Vertrauens, der
selbst schlachtet und einen eventuell mitnehmen kann zu den Bauern,
von denen er seine Schlachttiere bezieht, auf dass man sich selber
ein Bild machen kann von den Bedingungen, unter denen die Tiere
gehalten werden. Alles andere, zum Beispiel sich in Heldenpose
werfend, die Wiesenhof-Ware zu boykottieren und statt dessen zur
Noname-Ware vom Discounter zu greifen, ist scheinheilig.
Der Verdacht liegt nahe, dass hier ein
wohlfeiler, spottbillig zu habender Stellvertreterkrieg angezettelt
wird. Man muss weder Massentierhaltung befürworten noch mit den
Aufzucht- und Schlachtmethoden, die Wiesenhof angeblich oder tatsächlich praktiziert, einverstanden sein, um an der ganzen
Empörung einen schalen Beigeschmack zu finden. So ist unter
Werder-Fans meines Wissens nach noch nicht die Frage laut geworden,
zu welchen Bedingungen zum Beispiel das Fleisch für die an jedem
Spieltag tonnenweise verkonsumierte Stadionbratwurst produziert wird.
Auch von einer Petition, in der wenigstens nach Soja- oder
Tofuwürstchen als fleischlose Alternative verlangt würde, ist
bislang nichts bekannt.
Oder warum sorgt man sich nicht zur
Abwechslung mal um Menschen? Fast alle deutschen Bundesligavereine
haben einen Ausrüstervertrag mit adidas, Puma oder Nike laufen. Die
sind immer wieder in die Kritik geraten, weil sie ihre Produkte
vorwiegend in Ostasien fertigen lassen. Wer protestiert gegen die
Bedingungen, unter denen Trikots, Schuhe und Bälle hergestellt
werden? Und selbst wenn die Trikots der Spieler in Herzogenaurach von
gut bezahlten einheimischen Näherinnen gefertigt würden, die
massenweise getragenen Fantrikots werden es sicher nicht. Wären die, denen es so um das Wohl der Flattermänner bestellt ist, auch bereit, auf das allerneueste Smartphone made by Foxconn zu verzichten, weil es ihnen in gleicher Weise um das Wohl der Arbeiter bestellt ist, die die Teile zusammen schrauben?
Es ist ja weiß Gott nichts dagegen zu
sagen, wenn Menschen sich Gedanken machen über die Schattenseiten
industrieller Fleischproduktion und zu dem Schluss kommen, dass etwas
gewaltig falsch läuft, im Gegenteil. Nur muss man dann auch persönliche Konsequenzen ziehen wollen. Das Problem ist, dass
diejenigen, die ganz groß darin sind, mit dem Finger auf die
Übeltäter zu zeigen, viel zu selten bereit sind, das eigene
Konsumverhalten infrage zu stellen und entsprechend zu ändern. Der
Deutsche erweist sich auch beim Protestieren als recht preisbewusst
und ist mit sich selbst oft weit weniger streng als mit denen, auf die er den Zeigefinger richtet.
Woher ich diese Weisheit habe? Ich habe
längst hinter die Fassade des ökologisch korrekten Protestbürgers
geblickt: 1995 rief Greenpeace zum Boykott gegen Shell auf, weil die
Versenkung der konzerneigenen Ölplattform Brent Spar in den
Tiefen der Nordsee angeblich eine Ökokatastrophe apokalyptischen Ausmaßes auslösen würde.
Der Zufall wollte es, dass ich genau zu dieser Zeit als Student ein
paar Stunden pro Woche an einer Shell-Tankstelle jobbte. Der Boykott
des empörten deutschen Autofahrers währte etwa eine Woche.
Allerdings nur bei Tageslicht. Nach Anbruch der Dunkelheit herrschte
Andrang wie immer und der Umsatzeinbruch hielt sich in Grenzen. Die
im Dunkeln sieht man bekanntlich nicht. Auch nicht den anonymen Helden, der nachts um zwei per Telefon mit einem Brandanschlag auf die Tanke drohte.
Ich versuch mal eine Argumentation pro Protest gegen Wiesenhof contra Änderung des eigenen Konsumverhaltens:
AntwortenLöschenDie paar Hähnchen, die ich so im Lauf eines Jahres esse, machen den Kohl nicht fett. Wenn ich Biofleisch kaufe, ändert sich dadurch gar nichts. Aber Wiesenhof ist ein Riesenbetrieb und Werder macht jetzt Werbung für die, das ist doch eine Schweinerei. Da geht es gleich um Millionen von Hühnern, denen man die Quälerei doch ersparen sollte!
Und die Kinder in Asien sollen froh sein, dass sie durch unsere Handys überhaupt die Möglichkeit haben, einer geregelten, bezahlten Arbeit nachzugehen. Ohne das iPhone würden die doch alle verhungern oder im Rotlichtmilieu arbeiten.
So oder so ähnlich. Das ist natürlich alles nur böse Unterstellung, so denkt sicher niemand in echt.
Nur um deine Argumentation zu verstehen: Man muss also erstmal ein paare Jahre als Aktivist gegen Sweatshops in Bangladesh gearbeitet haben und darf keine Apple-Produkte besitzen, bevor man moralisch berechtigt ist Massentierhaltung und die damit verbundene Quälerei ekelhaft zu finden?
AntwortenLöschenIch glaube, das ist überspitzt die Quintessenz deines Artikels. Ob man mit dieser Haltung dazu beiträgt, dass es dem Arbeiter am Band bei Foxconn, dem Geflügel bei Wiesenhof, oder gleich beiden, besser geht, oder ob man damit eine Scheissegal-Haltung befördert lass ich mal als Frage im Raum stehen.
@ Anonym: Aber Sie sehen schon die Ironie, die darin liegt, aufgeregt gegen Wiesenhof als Sponsor eines Fußballvereins zu protestieren und gleichzeitig durch das (zugegebenermaßen nur unterstellte) eigene Konsumverhalten genau die Art der Tierhaltung zu fördern, die man Wiesenhof vorwirft? Oder auch gegen Kinderarbeit zu sein, aber trotzdem unter menschenunwürdigen Bedingungen zusammengebaute Handys zu kaufen? Ich brauche auch keine Atomkraftwerke, weil bei mir der Strom aus der Steckdose kommt.
AntwortenLöschenJe näher man seine Verhältnismäßigkeiten der Wiedersprüche an Eindeutigkeiten bringt, desto glaubhafter und ehrlicher ist man. Je weiter, desto doppelmoraliner. Da würden sich bestimmt noch jede Menge verschiedener Stufen von akzeptierten Verhältnismäßigkeiten finden lassen. Den einen,- wären die Aussagen hier leicht, etwas, viel oder gar übertrieben überspitzt, - den anderen, - leicht, etwas, viel oder gar übertrieben moderat. Was an der Aussage aber gar nichts ändert. Verbesserungen kriegt man nur über quantitative Mithilfe und Ehrlichkeit durch. Und der erste Schritt dazu, ist es wenigstens zuzugeben, - und sich nicht raus zu schwafeln. Der rudimentäre Schluss dieses doppelmoralinen Zustandes, wäre übrigens der Tierliebhaber, der zärtlich seinen Hund streichelt, und die Zähne fett ins Steak haut. Das simple Zugeständnis dieses Widerspruchs, könnte ihm schon den Appetit verderben. ... Könnte. Ein bisschen Aufforderung zur Praxis, - finde ich überhaupt nicht überspitzt. Eher ehrlich.
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