Donnerstag, 16. August 2012

Was ist grün und... ?


Werder Bremen war für die neue Bundesligasaison auf der Suche nach einem Trikotsponsor und ist mit Wiesenhof, Deutschlands größtem Geflügelzüchter und -verarbeiter, handelseinig geworden. Die Spieler in grün müffeln also von nun an nicht mehr nach Fisch, wie ihnen gern von gegnerischen Fans vorgeworfen wird. Sogleich regte sich nicht nur unter Werder-Fans eine Protest gegen den Deal mit dem Konzern, dem unter anderem Tierquälerei vorgeworfen wird: Massentierhaltung, bäh! Unhaltbare Zustände, wie kann man nur? Oh cool, gleich mal auf Fratzbuch bei der entsprechenden Online-Petition auf 'gefällt mir!' klicken.

Bilder aus Massentierhaltung und industrieller Schlachtung sind zweifellos kein schöner Anblick für einen sensiblen Menschen. Nur dürften die Methoden, derer Wiesenhof sich bedient, um das allseits beliebte Hühnerfleisch zu massenkompatiblen Preisen in die Supermärkte zu bringen, sich im Kern kaum von denen anderer Großfleischer unterscheiden. Im Gegenteil: Weil Wiesenhof in den letzten Jahren in die Kritik geraten ist, kann man sogar annehmen, dass man sich gerade dort noch am ehesten bemüht, etwas zu verbessern oder zumindest peinlich darauf bedacht ist, sich immer im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben zu bewegen. Gerade die Bewohner des schönen Bremen haben übrigens beste Gelegenheit, sich persönlich davon zu überzeugen: Liegt doch der Landkreis Vechta, eine Hochburg der fleischverarbeitenden Industrie, gleich um die Ecke.

Wem es ans Gemüt geht, wie Fleischfabrikanten mit Tieren umgehen, muss sich die Frage gefallen lassen, ob er bereit wäre, wenn schon nicht komplett auf Fleisch zu verzichten, dann wenigstens nur noch Bioware zu kaufen, um den Tierquälern so ihr blutiges Handwerk zu legen. Der möge sich im nächsten Bioladen bitte auch den Preis für ein Kilo Bio-Hähnchen ansehen. Der liegt im Schnitt bei etwa 15 Euro (mit Knochen). Strenger zertifizierte bioland-Ware liegt noch darüber. Das ist der Preis dafür, dass die Tiere artgerecht gehalten werden und alle an der Wertschöpfungskette Beteiligten zumindest theoretisch auch ordentlich verdienen. Zu bedenken ist noch, dass das durchschnittliche Bio-Federvieh aufgrund des ihm gewährten Auslaufs oft weitaus drahtiger daherkommt als die Artgenossen aus dem Wiesenhof-Stall. Das ist zwar eine gute Nachricht für die Hühner, aber eine schlechte für Liebhaber besonders fleischiger Hähnchen.

Denn für diejenigen, die Massentierhaltung und industrielle Schlachtung grundsätzlich ablehnen, gibt es, streng genommen, nur zwei, allenfalls drei Auswege. Erstens: Völliger Verzicht auf Fleisch. Zweitens: Wenn schon Fleisch, dann nur noch Bioware. Und eventuell drittens: Wenn schon Fleisch, dann nur noch vom braven Metzger des Vertrauens, der selbst schlachtet und einen eventuell mitnehmen kann zu den Bauern, von denen er seine Schlachttiere bezieht, auf dass man sich selber ein Bild machen kann von den Bedingungen, unter denen die Tiere gehalten werden. Alles andere, zum Beispiel sich in Heldenpose werfend, die Wiesenhof-Ware zu boykottieren und statt dessen zur Noname-Ware vom Discounter zu greifen, ist scheinheilig.

Der Verdacht liegt nahe, dass hier ein wohlfeiler, spottbillig zu habender Stellvertreterkrieg angezettelt wird. Man muss weder Massentierhaltung befürworten noch mit den Aufzucht- und Schlachtmethoden, die Wiesenhof angeblich oder tatsächlich praktiziert, einverstanden sein, um an der ganzen Empörung einen schalen Beigeschmack zu finden. So ist unter Werder-Fans meines Wissens nach noch nicht die Frage laut geworden, zu welchen Bedingungen zum Beispiel das Fleisch für die an jedem Spieltag tonnenweise verkonsumierte Stadionbratwurst produziert wird. Auch von einer Petition, in der wenigstens nach Soja- oder Tofuwürstchen als fleischlose Alternative verlangt würde, ist bislang nichts bekannt.

Oder warum sorgt man sich nicht zur Abwechslung mal um Menschen? Fast alle deutschen Bundesligavereine haben einen Ausrüstervertrag mit adidas, Puma oder Nike laufen. Die sind immer wieder in die Kritik geraten, weil sie ihre Produkte vorwiegend in Ostasien fertigen lassen. Wer protestiert gegen die Bedingungen, unter denen Trikots, Schuhe und Bälle hergestellt werden? Und selbst wenn die Trikots der Spieler in Herzogenaurach von gut bezahlten einheimischen Näherinnen gefertigt würden, die massenweise getragenen Fantrikots werden es sicher nicht. Wären die, denen es so um das Wohl der Flattermänner bestellt ist, auch bereit, auf das allerneueste Smartphone made by Foxconn zu verzichten, weil es ihnen in gleicher Weise um das Wohl der Arbeiter bestellt ist, die die Teile zusammen schrauben?

Es ist ja weiß Gott nichts dagegen zu sagen, wenn Menschen sich Gedanken machen über die Schattenseiten industrieller Fleischproduktion und zu dem Schluss kommen, dass etwas gewaltig falsch läuft, im Gegenteil. Nur muss man dann auch persönliche Konsequenzen ziehen wollen. Das Problem ist, dass diejenigen, die ganz groß darin sind, mit dem Finger auf die Übeltäter zu zeigen, viel zu selten bereit sind, das eigene Konsumverhalten infrage zu stellen und entsprechend zu ändern. Der Deutsche erweist sich auch beim Protestieren als recht preisbewusst und ist mit sich selbst oft weit weniger streng als mit denen, auf die er den Zeigefinger richtet.

Woher ich diese Weisheit habe? Ich habe längst hinter die Fassade des ökologisch korrekten Protestbürgers geblickt: 1995 rief Greenpeace zum Boykott gegen Shell auf, weil die Versenkung der konzerneigenen Ölplattform Brent Spar in den Tiefen der Nordsee angeblich eine Ökokatastrophe apokalyptischen Ausmaßes auslösen würde. Der Zufall wollte es, dass ich genau zu dieser Zeit als Student ein paar Stunden pro Woche an einer Shell-Tankstelle jobbte. Der Boykott des empörten deutschen Autofahrers währte etwa eine Woche. Allerdings nur bei Tageslicht. Nach Anbruch der Dunkelheit herrschte Andrang wie immer und der Umsatzeinbruch hielt sich in Grenzen. Die im Dunkeln sieht man bekanntlich nicht. Auch nicht den anonymen Helden, der nachts um zwei per Telefon mit einem Brandanschlag auf die Tanke drohte.


Kommentare :

  1. Ich versuch mal eine Argumentation pro Protest gegen Wiesenhof contra Änderung des eigenen Konsumverhaltens:

    Die paar Hähnchen, die ich so im Lauf eines Jahres esse, machen den Kohl nicht fett. Wenn ich Biofleisch kaufe, ändert sich dadurch gar nichts. Aber Wiesenhof ist ein Riesenbetrieb und Werder macht jetzt Werbung für die, das ist doch eine Schweinerei. Da geht es gleich um Millionen von Hühnern, denen man die Quälerei doch ersparen sollte!

    Und die Kinder in Asien sollen froh sein, dass sie durch unsere Handys überhaupt die Möglichkeit haben, einer geregelten, bezahlten Arbeit nachzugehen. Ohne das iPhone würden die doch alle verhungern oder im Rotlichtmilieu arbeiten.


    So oder so ähnlich. Das ist natürlich alles nur böse Unterstellung, so denkt sicher niemand in echt.

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  2. Nur um deine Argumentation zu verstehen: Man muss also erstmal ein paare Jahre als Aktivist gegen Sweatshops in Bangladesh gearbeitet haben und darf keine Apple-Produkte besitzen, bevor man moralisch berechtigt ist Massentierhaltung und die damit verbundene Quälerei ekelhaft zu finden?

    Ich glaube, das ist überspitzt die Quintessenz deines Artikels. Ob man mit dieser Haltung dazu beiträgt, dass es dem Arbeiter am Band bei Foxconn, dem Geflügel bei Wiesenhof, oder gleich beiden, besser geht, oder ob man damit eine Scheissegal-Haltung befördert lass ich mal als Frage im Raum stehen.

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  3. @ Anonym: Aber Sie sehen schon die Ironie, die darin liegt, aufgeregt gegen Wiesenhof als Sponsor eines Fußballvereins zu protestieren und gleichzeitig durch das (zugegebenermaßen nur unterstellte) eigene Konsumverhalten genau die Art der Tierhaltung zu fördern, die man Wiesenhof vorwirft? Oder auch gegen Kinderarbeit zu sein, aber trotzdem unter menschenunwürdigen Bedingungen zusammengebaute Handys zu kaufen? Ich brauche auch keine Atomkraftwerke, weil bei mir der Strom aus der Steckdose kommt.

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  4. Je näher man seine Verhältnismäßigkeiten der Wiedersprüche an Eindeutigkeiten bringt, desto glaubhafter und ehrlicher ist man. Je weiter, desto doppelmoraliner. Da würden sich bestimmt noch jede Menge verschiedener Stufen von akzeptierten Verhältnismäßigkeiten finden lassen. Den einen,- wären die Aussagen hier leicht, etwas, viel oder gar übertrieben überspitzt, - den anderen, - leicht, etwas, viel oder gar übertrieben moderat. Was an der Aussage aber gar nichts ändert. Verbesserungen kriegt man nur über quantitative Mithilfe und Ehrlichkeit durch. Und der erste Schritt dazu, ist es wenigstens zuzugeben, - und sich nicht raus zu schwafeln. Der rudimentäre Schluss dieses doppelmoralinen Zustandes, wäre übrigens der Tierliebhaber, der zärtlich seinen Hund streichelt, und die Zähne fett ins Steak haut. Das simple Zugeständnis dieses Widerspruchs, könnte ihm schon den Appetit verderben. ... Könnte. Ein bisschen Aufforderung zur Praxis, - finde ich überhaupt nicht überspitzt. Eher ehrlich.

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