Sonntag, 23. September 2012

Die eine Meinung haben


Sind sie nicht allerliebst? Wie sie eine Meinung haben? Man kann sie förmlich da stehen sehen, das Gewicht aufs Standbein verlagert und die Fäuste in die Seiten gestemmt. Wie sie, eine Schulter keck vorgereckt, jeden ihrer gewichtigen Beiträge zum höheren Segen der Menschheit einleiten mit einem selbstgefälligen „Tja“ oder einem herablassenden "Naja" - was beides so viel heißt, wie: Ihr könnt mir alle ganz viel erzählen, ich weiß es sowieso besser. Ich habe meine Meinung nämlich aus dem Fernsehen. Oder aus dem Internet herunter geladen. Passt ihnen ein Zeitungsartikel nicht, dann ist er sofort rundheraus Schrott und kompletter Schwachsinn. Aber für gebildet halten sie sich, auch wenn sie keinen Schimmer haben, was Bildung heißt. Sie glauben: Bildung bedeute, irgendeinen Abschluss in irgendwas haben. Quatsch, das ist Ausbildung. Bildung dagegen bedeutet: Offen, neugierig zu sein und zu bleiben, je älter man wird, desto mehr. Bildung bedeutet Fähigkeit zur Selbstreflexion und vor allem bedeutet Bildung auch: Herzensbildung, Empathie, mitfühlend zu sein und zu bleiben. Denn der Mensch lebt nicht vom Brot allein.

Begegnet ihnen etwas, das sie nicht verstehen, das nicht in ihr Raster passt, nicht ihre Ressentiments bedient, dann macht sie das nicht etwa neugierig, sondern es macht ihnen Angst. Und mit Händen und Füßen begehren sie, borniert zu bleiben. Gemütlich haben sie sich eingerichtet in ihren Narrativen. Kein Argument der Welt holt sie da mehr heraus. Und mit zehn, fünfzig, hundert Pferden braucht man es auch nicht zu versuchen. Aasfresser! schreien sie, wenn sie jemanden ein Schnitzel essen sehen. Ihren Zynismus verwechseln sie mit Abgeklärtheit: Hihi, die blöde Wulff! Ist auch selber Schuld, die eitle Plunze. Außerdem klagt die ja nur, weil sie Werbung für ihr Buch machen will, sieht doch wohl jeder. Und wer nicht, ist ein naiver Trottel. Menschen, die gerade fasziniert von einem einjährigen USA-Aufenthalt zurückkommen, erklären sie, dass die Amerikaner alle zu fett seien, keine Esskultur, keine politische und auch sonst keine Kultur hätten, obwohl sie selbst niemals dort waren. Und einem ägyptischen Ethnologieprofessor würden sie erzählen, wie rückständig und primitiv der Islam doch sei. Denn sie würden schließlich jemanden kennen, der schon zwei mal von türkischstämmigen Jugendlichen blöd angemacht wurde. Ist halt ihre Meinung, auf die haben sie ein Anrecht.

Sie kennen kaum noch Grenzen. Verlangte man von ihnen, einem Verstorbenen wenigstens für die Dauer der Beerdigung bitte keine Schmähungen ins Grab hinterherzurotzen, dann sähen sie sich in ihrer Meinungsfreiheit beschnitten. Auf die haben sie doch ein Anrecht. Etwas von lachhafter Political Correctness würden sie faseln. Denn überhaupt hätten alle doch nur ein Problem damit, die Dinge mal ehrlich beim Namen zu nennen. Äußert man eine abweichende Meinung und bemüht man sich, sachlich zu bleiben, sie mit fundierten Argumenten zu untermauern, dann finden sie das aber ganz schön arrogant.

Und was für tolle Tipps sie immer parat haben, obwohl man die gar nicht haben will! Ouhhh, geht ja gaaar nicht! Also, wenn du mich fragst, dann solltest du dich mal dies und jenes und so anziehen, dann klappts auch mit den Frauen. Geh doch mal da und da hin, da muss man einfach hin, sonst ist man voll out. Ihhh, wie kann man so was essen? Also seitdem ich jeden Tag fünf Liter Wasser trinke, fühle ich mich wie ein neuer Mensch. Solltest du uuunbedingt auch mal machen! Ganz einfach ist die Welt für sie: Wenn alle so denken und handeln würden wie sie, dann wäre alles prima. Es gibt Tage, an denen wünscht sich auch die friedfertigste Natur innigst einen See aus brodelnder Lava herbei, in den man solche wandelnden Heißluftgebläse kurzerhand versenken könnte.

Es gab Zeiten, da gab es etwas, das man Arbeiterklasse nannte. Die bestand nicht aus Intellektuellen. Es waren Rohe, Dumme und Primitivlinge darunter. Aber es gab auch genug, die ein Rückgrat hatten und aufrichtig genug waren, um zu sagen: Ich bin ein einfacher Kerl, meine Welt ist klein. Mit der großen Politik habe ich nichts am Hut und ich verstehe genau so wenig davon wie vom Gerede der Gelehrten. Aber ich weiß, was sich gehört und was nicht. Es genügt mir, wenn ich mein Auskommen habe und die Menschen um mich herum keine Arschlöcher sind. Ich erwarte nicht viel vom Leben, aber wenn die die da oben zu frech werden, dann wehren wir uns. Man darf sich nicht alles gefallen lassen.

Jetzt aber, da sich irgendwie alle der gebildeten Mittelschicht zugehörig fühlen, dünkt sich furchtbar schlau, wer alles Mitgefühl in sich abgetötet hat. Wer den Mächtigen, die ihm mehr und mehr nehmen, auch noch hinten rein kriecht. Wer das Anhäufen materieller Güter für Sinn und Ziel des Daseins hält. Und wer immer fleißig mitmacht, wenn Schwache in den Dreck getreten werden und ihnen die Schuld dafür auch noch selbst in die Schuhe geschoben wird. Dann stehen sie wieder da und haben eine Meinung: Tja, wenn doch nur alle so smart wären wie sie, dann wäre das nicht passiert!

Am liebsten möchte man sie für ein halbes Jahr auf eine Galeere schicken. Zum Rudern. Und sie 24 Stunden am Tag filmen, die Hackfresse in Großaufnahme. Um dann genüsslich zu verfolgen, wie sich allmählich, ganz langsam, nach zirka vier Monaten, das selbstgerechte Grinsen aus ihrer Visage zu verflüchtigen begönne.

Aber das würde wahrscheinlich auch nichts nützen. Denn seitdem sie alle brav Shades Of Grey gelesen haben, finden sie es irre angesagt, ausgepeitscht zu werden. Und grinsen sich immer noch eins.



Kommentare :

  1. Der "Rundumschlag" gefällt mir! Das elitäre Geschwafel im Namen der Meinungsfreiheit ganz und gar nicht. Ich muss bei der "Sorte" Mensch immer an Brentanos Satire über den Philister denken. Wenns doch nur genügend Mitmenschen gäbe, die jene "Tiefflieger" einfach nur lautstark auslachen würden. Ich glaube, das wäre die schlimmste Strafe - von den vermeintlich zu Belehrenden nicht ernst genommen zu werden.

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  2. "wandelnde Heißluftgebläse" - ein treffliches Bild, Kompliment.

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  3. Hallo Frau Lehmann

    Auslachen, so funktioniert das leider nicht, wirklich nicht, wir müssten etwas anderes finden, etwas, was wirklich hilft.

    Dann jene, die hier angesprochen sind, werden dann erst so richtig böse und ergreifen andere Maßnahmen. Man trifft sie damit hart, doch nicht jeder Treffer ist gleich einem Sieg. Das "Böse" lacht man nicht einfach mal so aus und es hält dabei stille oder zöge sich gar zurück.

    Wie weit sie dabei gehen, ist für Normalos nahezu unvorstellbar. Sie sind bei diesem Spiel einfach härter und uns weit überlegen. Denn sie kennen weder Scham, Anstand, noch Gewissen oder Skrupel bzw. stellen sich hinter jene, die sie dafür als Frontfigur, Vorturner ausmachen (weil sie die jeweilige Person einfach für noch erfolgreicher und skrupelloser halten, als sich selbst. Das ist i.Ü. das Einzige, dem sie Respekt zollen). Dabei sind sie im eigentlichen Sinne selbst die Front, bilden und machen eine Front. In einem solchen Spiel der Destruktivität sind sie uns einfach über. Das muss man erkennen (wollen) und m.E. sollte man es auch besser wissen.

    Jeder Versuch eines völlig normalen Menschen mit Verstand, das logisch und emotional zu verstehen, voraus zu planen oder sich mit intellektuell-sozialen Normal-Mitteln dagegen zu stellen, wird scheitern. Gleiches mit Gleichem zu vergelten erst recht. Dass es so ist und so funktioniert, zeigt mir die Gegenwart und die Geschichte; sonst würden wir nicht stetig von Psychopathen regiert, die ein Herr von Fans vor sich her schieben.

    Ausgelacht, nicht für voll genommen, das haben die Menschen die Nationalsozialisten ebenso nicht, interpretiere ich viele Schriften korrekt ... Schon gar nicht die Intellektuellen, in Scharen flohen sie aus dem Land, als die Realität sie einholte.

    Niemand, der im Lande blieb, wagte es erfolgreich am Verstand der jeweiligen Führer zu zweifeln (egal bei welchem und in welcher Epoche). Wir haben in der Geschichte (und auch heute) mehr Psycho- und Soziopathen an der Spitze, als es Normale jemals geschafft hätten ... Erschreckend, nicht wahr? Und das Volk tapert immer hinterher, nicht selten verehren sie diese Frontfiguren.

    Solange wir nicht bereit sind, das zu erkennen (warum auch immer), wird es auch so bleiben. Davon bin ich felsenfest überzeugt und es gehört für mich zu den Gründen, warum sich Menschheit - seit sie solche Kulturen pflegt - sozialgesellschaftlich ewig im Kreis dreht. Jeder kleine Fortschritt der Hoffnung gibt, wird in einer Zeitspanne wieder zunichte gemacht, welcher in der Regel gar weit unter der Lebenspanne eines Menschen liegt. Traurig aber wahr ...

    Gruß
    Rosi

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  4. @ Rosi

    Treffend beschrieben , und trotzdem habe ich den Eindruck , daß dieser Kriecher-und Radfahrertypus seinen Zenit überschritten hat.

    20, vielleicht 30 Jahre haben wir jetzt schon diesen langsamen Rückmarsch ins kleinbürgerliche Denken , ich habe das Gefühl , daß die Zahl derer wächst , die davon die Schnauze voll haben , es entsteht zunehmend eine Atmoshäre der Ruhe vor dem Sturm.

    Die immer größere Lautstärke des Kriechertypus , die in letzten Jahren immer augenfälliger wurde , könnte auch ein Hinweis sein auf Schwäche , das ganze Verhalten riecht ein bißchen nach Angst.

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    1. Hallo Art

      Stimme Dir zu, es hat seinen Zenit überschritten und sicherlich befinden wir uns in der Phase: "die Ruhe vor dem Sturm". Das wollte ich auch gar nicht abstreiten ;).

      Mein Problem ist nur, dass es sich immer wieder durchsetzt ... früher oder später. Und meiner Einschätzung nach hat dieser Rückmarsch schon begonnen, als wir nach WKII den Neuanfang probten bzw. wurde er niemals ganz abgelegt (sonst hätten die 68er nicht derart dagegen revoltiert) ... Wie auch?

      Es ist deutlicher, seit dem Mauerfall sichtbarer, da hast Du völlig recht. Doch m.E. war es niemals überwunden. Jetzt riecht es mittlerweile wieder einmal penetrant und aufdringlich ranzig.

      Und Du hast richtig "gerochen", die Angst ist der maßgebliche Motivator, die Angst vor vielem, auch die Angst vor der eigenen Verantwortung (damit meine ich nicht die neolib-gepredigte "Eigen"verantworung, sondern Selbstverantwortung), vor dem autark Sein, quasi Angst davor, tatsächlich erwachsen zu werden.

      Eines von unsagbar vielen Beispielen, beachte man die Reaktionen, spricht man von direkter Demokratie. "Gott bewahre uns davor ... Gott bewahre uns vor der eigenen Entscheidung und Verantwortung ..." (und es folgt der Hinweis auf Vergangenes, was jedoch wenig mit direkter Demokratie zu tun hatte und m.E. nicht statthaft ist). Das sagt eigentlich alles. Das muss man sich mal wirklich durch die Windungen laufen lassen. Denke, auf diesem Sektor, lieber zu verzichten, dürften wir eine aussterbende Spezies sein ...

      So bleiben wir, wie die Hunde unserer Herrchen quasi abhängige Welpen für immer (vergleiche ich die Hunde mit ihren Urvätern ... undenkbar ... mit dem Wolf ... deswegen sind Wolfshunde auch so schwer zu halten ... und gehören nicht in des Menschen Wohnzimmer) und das geben wir auch gleich an unsere Welpen so weiter.

      Sie ist stark diese Angst ... vor dem Unbekannten. Denn gerade wir in Deutschland (u.v.a.m. ein Grund, warum die Weimarer Republik so gescheitert ist ... der Wunsch, wieder behütet zu werden) haben gar nicht so viel Erfahrung mit der freiheitlichen Demokratie, die paar Jährchen (natürlich gibt es auch andere Nationen, die das gleiche Problem haben, doch auch andere Beispiele). Wir scheinen das ständig zu übersehen, nicht zu bemerken, nicht zu beachten und nicht damit zu rechnen, es hat nicht einmal die Zeitspanne einer menschlichen Lebensdauer überschritten.

      Und selbst initiiert haben wir sie auch nicht, unsere Demokratie. Vll. wissen wir sie deswegen nicht so zu schätzen ... Eine scheixx Basis, zusammengenommen mit den "Erziehungslagern", durch die wir gegangen sind ... und wovon wir heute noch vieles praktizieren, was jedoch einiges erklärt, finde ich.

      Und erschreckender Weise liest man noch heute solche Wünsche ... (nein, nein, meine nicht den Wunsch nach dem Nationalsozialismus, sondern nach einer starken Führungshand). Einige Mitmenschen (gar nicht mal so wenige) führen sogar aus, dass es ohne feste Führungshand kein friedliches Zusammenleben geben könnte.

      Schwäche selbst, das ist gestattet, Angst auch. Zu überwinden die Angst wäre unsere Aufgabe, haben darf man das. Bis zu einem gewissen Grade ganz gesund, nur beherrschen darf sie das Leben nicht und das tut sie. Heutzutage wieder ganz ungeniert, an allen Ecken und Kanten des allgemeinen Daseins. Da stelle ich mir schon die Frage, wozu Menschheit die Naturkräfte zu einem Großteil überwunden hat, nur um ganz in der Angst vor sich Selbst zu schwelgen.

      Grüsse
      Rosi

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  5. Schöner Text! Habe mich auch schon oft diesem Thema gewidmet, aber Du hast das alles gut zusammengefasst.

    Gemütlich haben sie sich eingerichtet in ihren Narrativen. Kein Argument der Welt holt sie da mehr heraus.

    Leider. Leider. Ist auf Dauer auch sehr frustrierend, denn Du kannst so sachlich und argumentativ wie möglich sein, es bringt alles nichts.

    Auch der Seitenhieb auf "shades of grey" ist angebracht. Literarisch, sprachlich und inhaltlich nichts weiter als ein billiger Softporno, ist er derzeit der absolute Renner in einem Großteil der Frauenwelt. Traurig. Und zugleich ein Spiegel unserer Gesellschaft.

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    1. "Schöner Text! "
      Dem schließe ich mich an ... unhöflich, wie ich bin, Herr Rose, .. habe ich das nicht erwähnt ...

      Der Artikel hält der Gesellschaft den Spiegel vor, berührt an allen Ecken und Kanten die gesellschaftlichen Probleme unserer Zeit.

      Lieben Gruß
      Rosi

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  6. @ Rosi

    "Doch m.E. war es niemals überwunden. Jetzt riecht es mittlerweile wieder einmal penetrant und aufdringlich ranzig."

    Ach deswegen stinkts da draußen so....

    Ich fürchte , es wird niemals wirklich überwunden, es gibt aber bessere und schlechtere Phasen . Bekämpft wird es wahrscheinlich immer nur dann , wenn es die von Dir genannten Eigenschaften in zu großer Intensität annimmt.

    Bei direkter Demokratie wäre ich etwas gnädiger , da gibt es auch Viele , die eben gerade dem Kriecher mißtrauen und deshalb Bedenken haben.

    "(damit meine ich nicht die neolib-gepredigte "Eigen"verantworung, sondern Selbstverantwortung)"

    Wesentlicher Punkt , wird von Neolibs gezielt in einen Topf geworfen , und natürlich selten selbst beachtet.

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