Samstag, 15. September 2012

Flaschenpfand als Skandal


Es dürfte sich herumgesprochen haben, dass vor ein paar Tagen in Deutschlands meistgelesener Zeitung ein Artikel über die obdachlose Kerstin S. erschienen ist. Sie wurde von einem Passanten dabei fotografiert, wie sie den Inhalt von 113 Einweg-Wasserflaschen der Gosse überantwortet. Der Steuerzahler und investigative Journalist Nils Mertens recherchierte dazu folgendes: Die Dame hatte beim Jobcenter angegeben, ihr Portemonnaie verloren zu haben und daraufhin Lebensmittelgutscheine bekommen. Auf die Frage, warum sie die Flaschen entleert habe, sagte sie, einen Einkaufstrolley kaufen zu wollen, was mit den Gutscheinen aber nicht möglich sei, weil diese nur gegen Lebensmittel eingelöst werden können. Daher kaufte sie 113 Flaschen Wasser zu 0,19 Euro das Stück und leerte sie, um im Laden das Pfand in Höhe von 28,25 Euro zu erhalten. Im Artikel heißt es, sie wollte davon Alkohol und Zigaretten kaufen (interessanterweise wird dafür keine Quelle genannt).

Man könnte noch so etliches sagen über diese als Journalismus getarnte Ungeheuerlichkeit. Das haben mehrere Kollegen aber bereits in angemessener Weise getan und dem ist auch nichts hinzuzufügen. Eines jedoch wurde bislang übersehen: Der Artikel enthält einen glasklaren Beweis dafür, dass die Springergazette schlicht Falschaussagen in die Welt setzt.

Im Aufreißer des Artikels heißt es: "Dieses Foto empört jeden Steuerzahler!" Den Gesetzen der Logik zufolge, gilt meines Wissens nach eine derartige Aussage, die Anspruch auf Allgemeingültigkeit erhebt, als widerlegt, sobald auch nur eine Ausnahme nachgewiesen werden kann.

Wenn das so ist, dann ist die Aussage definitiv falsch. Ich bin nämlich Steuerzahler und mich empört das geschilderte Geschehen keineswegs, sondern macht mich eher traurig. Empört bin ich dagegen über einige andere Dinge:

Ich bin empört, dass ein Land, das sich immer noch zu den reichsten der Welt zählt, es nicht hinbekommt oder nicht hinbekommen will, allen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen, obwohl das sehr wohl ginge.

Es empört mich, mit welch billiger Denunze hier die weniger Schwachen gegen die Schwächsten aufgehetzt werden.

Es empört mich jedes Mal aufs Neue, wenn ich sehe, wie eine gepflegt gekleidete alte Dame einmal in der Woche alle Mülleimer auf dem Gelände meiner Arbeitsstätte durchwühlt auf der Suche nach Einwegflaschen, weil ihre Rente nicht zum Leben reicht und sie sich dessen zutiefst schämt.

Mich widert die kniepige Arbeitshaus- und Sklavenhaltermentalität von Leuten an, die meinen, Beziehern von Sozialleistungen vorschreiben zu müssen, wofür sie die paar Kröten gefälligst auszugeben haben ("Die machen sich auf unsere Kosten einen Lenz, die haben sich von meinem Geld keinen Alkohol und und keine Zigaretten zu kaufen!").

Weiterhin finde ich es empörend, dass der Filialleiter eines Einzelhandelsgeschäfts nicht nur ohne weitere Begründung die Auszahlung des Flaschenpfandes verweigert, sondern auch sein Hausrecht nach Gutsherrenart auslegt, indem er einer Kundin, die nichts Illegales getan hat, Hausverbot erteilt, nachdem sie ihm 21,47 Euro Umsatz beschert hat.

Es kotzt mich an, dass 28,25 Euro Flaschenpfand ein Riesenproblem sein sollen in einem Land, in dem es offensichtlich kein Problem ist, dass jeden Tag tausende Tonnen einwandfreier Lebensmittel entsorgt werden, nur damit die Brottheken bis spät abends proppenvoll sind, die Gemüsetheken aussehen wie auf Hochglanzfotos und weil massenhaft Halbgare zu blöd sind zu kapieren, was ein Mindesthaltbarkeitsdatum ist. Nochmal zum Mitschreiben: 28,25 Euro sollen ein Problem sein in einem Land, in dem Milliarden an Staatsknete nicht nur windigen Investoren in den Rachen geworfen werden im Rahmen so genannter Public Private Partnerships, von denen nicht wenige ungefähr so lebenswichtig sind wie ein bösartiger Tumor, sondern auch Banken, die sich schlicht verzockt haben, damit die weiter fette Boni ausschütten können.

Und nicht zuletzt bin ich empört darüber, dass man es offenbar völlig okay findet, wenn ein Passant mal eben so eine wildfremde Person knipst (hat sie dem zugestimmt? Egal, ist ja nicht wichtig), damit diese dann von der Presse öffentlich durch den Wolf gedreht werden kann.

Übrigens, eine Sache noch: Egon-Erwin-Kisch-Preisanwärter Mertens und die Boulevard-Lobotomierten der Nation werden es vielleicht nicht wahrhaben wollen, aber auch Kerstin S. ist Steuerzahlerin. Auf Lebensmittel sind nämlich 7 Prozent Mehrwertsteuer fällig. Bei anderen Konsumartikeln wie einem Einkaufstrolley sind es 19 Prozent, bei Bier und Kippen kommen noch Tabak- und Alkoholsteuer oben drauf.


Kommentare :

  1. "Meines Wissens nach gilt, den Gesetzen der Logik zufolge, eine derartige Aussage, die Anspruch auf Allgemeingültigkeit erhebt, als widerlegt, sobald auch nur eine Ausnahme nachgewiesen werden kann.

    Wenn das so ist, dann ist die Aussage definitiv falsch. Ich bin nämlich Steuerzahler und mich empört das geschilderte Geschehen keineswegs."

    Mit mir wären es dann schon zwei. Doppelt widerlegt! ;)

    Sehr guter Text übrigens. Volle Zustimmung!

    AntwortenLöschen
  2. Dreifach belegt, schließe mich meinem Vorredner an.

    Über Vorschriften an Sozialhilfeempfänger kann man ja wenigstens noch diskutieren. Obwohl, die Leute, die Kippen und Bier statt Essen für die Kinder kaufen, kriegt man sowieso nicht mit Vorschriften. Was mich aber regelmäßig auf die Palme bringt, ist die Dreistigkeit, mit der die große Bulwarzeitung erstens für sich in Anspruch nimmt, für alle zu sprechen ("Deutschland diskutiert über...", "Ganz Deutschland empört über...") und zweitens die Bigotterie, mit der sie einerseits ständig wehleidige Schluchzgeschichten der Art "Behördenwillkür: Schaut mal, so dreckig geht es Elvira T., jetzt kann sie sich nicht mal mehr Sonnenblumenkerne für ihren süßen Wellensittich Hansi leisten." bringt und gleichzeitig mit einer beinahe pathologisch anmutenden Gehässigkeit über die ganzen angeblichen Schmarotzer herzieht, die sich von Hartz IV einen schönen Lenz auf unsere Kosten machen. Einerseits wird da gebarmt, dass die Schwarte kracht, andererseits wird gnadenlos auf die Leute eingedroschen, grundsätzlich unter der Gürtellinie. Das Maß an Niedertracht muss man erstmal schaffen.

    Da fällt mir der amerikanische Witz ein, nach dem man jetzt keine Ratten mehr für Tierversuche nimmt, sondern Juristen. Warum? Es gibt Dinge, die Ratten einfach nicht machen. Ich hätte eine Vorstellung, wen man hierzulande statt Juristen vorschlagen könnte...

    AntwortenLöschen
  3. Also ich bin schon empört! Ich meine, das schöne Wasser... Und in Afrika verdursten die Kinder!
    Aber ich bin kein Steuerzahler, insofern bin ich für die kleine Statistik hier egal. ;)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Andererseits hat die Dame auch deutsche Arbeitsplätze wenn nicht geschaffen so doch vor dem Wegfallen bewahrt. 21,47 Euro Umsatz sind natürlich nicht weltbewegend, aber jeder Cent trägt dazu bei, dass in dem betreffenden Laden Leute ihr Geld verdienen. Das sollte man auch nicht unter den Tisch kehren!

      Löschen
    2. Das ist wahr. Auf der anderen Seite sollte man aber auch einen Blick auf den CO2-Fußabdruck der Affäre werfen. Da wird das Wasser aus der Erde gepumpt, in durch Erdgascracking oder sowas hergestellte Polyethylenflaschen abgefüllt und mit dem Lastwagen wer weiß wie weit herumgekarrt. Und am Ende wird es nicht einmal getrunken, sondern weggekippt? Ich bleibe empört!

      Löschen
    3. Gut, da ist was dran. Aber immerhin ist das nur Wasser, was sie da weggekippt hat. Das ist grundwasserneutral, davon versauern keine Seen, veralgen keine Flüsse, und wenn Fische das schlucken, schadet es ihnen nicht. Und die Flaschen werden ja - dank Einwegpfand - wohl auch wiederverwendet.

      Löschen
  4. Nun, ja Empörte heißen in diesem Lande Wutbürger. Wir sollten schon die mediale Nomenklatur einhalten. Gemessen am schönen Füllen von Swimming-Pools und sonstigen Wasserfontänen fürs Wohlbefinden begüterter Deutscher im fernen Afrika, hat die unkonventionelle Verwendung von 113 Einwegflaschen eher weniger Einfluss auf die Erdrotation. Eine extrem mangelnde Verhältnismäßigkeit und gerechte Berichterstattung im erwähnten Posaunenblatt,- bleibt dagegen bestehen. Hier heißen die Empörten übrigens Neider. Man gönnt sich ja sonst nichts.

    AntwortenLöschen
  5. @Thomas: Wieso bist Du kein Steuerzahler? Du bist garantiert einer ;-)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Naja, da Geld in der Schweiz heutzutage auch nicht mehr sicher ist, habe ich mich mit der Kohle, der Jacht und dem Blog längst nach Grand Cayman abgesetzt...

      Löschen
  6. Nach diesem Artikel "Schwerbehinderter durch Mitarbeiter des Jobcenters Düsseldorf Mitte schikaniert" ist der Jobcenterleiter Werner Rous selbst nicht nur unsozial sondern auch asozial.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Der Link zum Artikel "Schwerbehinderter durch Mitarbeiter des Jobcenters Düsseldorf Mitte schikaniert": http://pressemitteilung.ws/node/405020

      Löschen