Mittwoch, 5. September 2012

Keine Tüte Mitleid


Im Augenblick lässt sich wieder sehr schön das allseits beliebte Särgetrinken spielen. Das geht so: Immer, wenn in den Fernsehnachrichten zu sehen ist, wie Demonstranten einen selbst gebastelten Pappsarg durch die Gegend tragen, muss die Runde ein Bier auf ex nehmen. Werden dazu noch Trillerpfeifen geblasen, einen Kurzen hinterher. Schaut man sich die Frequenz an, mit der solche Bilder bei den spezialisierten Nachrichtenkanälen in der Regel ausgestrahlt werden und dass Pappsärge eigentlich immer mit Trillerpfeifenbegleitung herumgeschleppt werden, kann man sich auf einen mehr als feuchtfröhlichen Abend freuen.

Momentan tragen Ärzte verstärkt Särge umher und pfeifen dazu. Ihre Forderung: Geld her oder Gesundheitssystem bald in der Kiste. Und damit es auch weh tut, werden Praxen bestreikt, damit die Patienten auch spüren, was ihnen in Zukunft blüht, wenn die Honorare nicht mal eben um 11 Prozent steigen. Dass übrigens Kammerpräsident Montgomery in diesem Zusammenhang von "Folterinstrumenten" redet, ist ein wirklich entzückender Rekurs auf die Frühzeit seiner Profession

Ich hasse es, das Gefühl zu haben, jemandem Unrecht zu tun, da macht die Ärzteschaft keine Ausnahme. Ich weiß, dass es etliche gibt, die wirklich nicht im Geld schwimmen, wie zum Beispiel Landärzte oder Allgemeinmediziner in nicht gut beleumundeten Gegenden. Ich glaube auch gern, dass das oft die sind, die sich ehrlich und mit großem Engagement um ihre Patienten kümmern. Trotzdem tue ich der weißen Zunft wohl keinen Tort an, wenn ich behaupte, dass ihre Angehörigen sicher nicht zu den ärgsten Hungerleidern im Lande gehören, so alles in allem.

Die Niedergelassenen unter ihnen weisen ja gern darauf hin, sie müssten schließlich teure Geräte und teures Personal bezahlen. Ja, kann schon sein, aber so what? Haben die schon mal den Inhaber eines Metallbaubetriebes gefragt, was moderne CNC-Maschinen so kosten und was er einem Schweißer im Monat bezahlen muss? Auch Inhaber kleiner Druckereien wissen durchaus ein Liedchen zu singen, wenn es um teure Technik geht (die übrigens auch dort immer teurer wird). Und wenn der brave Metallbauer bzw. Drucker sich das nicht leisten kann, dann hilft keine Demo, sondern nur Kreativität, sonst macht der Laden dicht. Es kommt der Punkt im Leben, an dem man sich entscheiden muss: Entweder man macht sich selbstständig, trägt das unternehmerische Risiko, kann aber auch ordentlich Kohle machen oder man stellt fest, dass man geordnete Verhältnisse mit sicherem Einkommen plus dreißig Tage Urlaub vorzieht und bleibt Angestellter. Beides auf einmal geht in der Regel nicht. Nur werde ich den Verdacht nicht los, dass viele der weißbekittelten Sargträger am liebsten beides hätten.

Liegt das an mir oder meinen nicht wenige Ärzte tatsächlich, sie hätten ein quasi natürliches Anrecht darauf, wohlhabend zu sein? Andere hochqualifizierte Akademiker müssen nach der Uni auch sehen, wie sie über die Runden kommen (man muss nur mal Ingenieure fragen). Aber die harte Ausbildung! Und die Verantwortung, die sie tragen! -- so was in der Art bekommt man meist zu hören. Schön. Und? Dass ein Medizinstudium kein Picknick ist, kann man vorher wissen. Auch ist es kein Geheimnis, dass die Zeit als Arzt im Praktikum keine allzu schöne ist und dass man als angestellter Arzt im Krankenhaus zum Teil groteske Dienstpläne kloppen muss. Wer's nicht aushält, muss es eben lassen. Oder sich verdammt noch mal dafür engagieren, dass das anders wird. Und die Verantwortung ist doch wohl genau das, was viele an dem Beruf reizt, oder etwa nicht? Also bitte nicht rumjammern, wenn man genau das bekommt, was man sucht. Übrigens hat die Krankenschwester von Station 6a auch eine Menge Verantwortung. Mediziner müssten eigentlich am besten wissen, was passieren kann, wenn man im Stress einem Patienten versehentlich die falsche Tablette verabreicht.

Und bitte jetzt nicht wieder die alte Leier, man stünde als Arzt ja wegen Kunstfehlerprozessen andauernd mit einem Bein im Knast! So reden Leute, die zwar andauernd über die Last der Verantwortung jammern, diese aber nicht tragen wollen, wenn es mal ernst wird. Außerdem müsste es, wäre da wirklich etwas dran, Spezialgefängnisse nur für Ärzte geben, zumindest wenn man zugrundelegt, wie häufig man diese Litanei zu hören kriegt. Gibt es eigentlich irgendwo eine Statistik, wie viele Ärzte eingebuchtet sind wegen Pfusch und wie viele, weil die Steuerfahndung sie drangekriegt hat? Jeder Kraftfahrer, der, Termindruck hin oder her, dauernd geblitzt wird oder Ruhezeiten nicht einhält, ist auch irgendwann seinen Job los.

Ich kann und will ja auch gar nicht beurteilen, ob Forderungen im Einzelnen nun berechtigt oder überzogen sind. Auf eines aber sollten die Weißkittel besser nicht hoffen: Auf das Mitgefühl und die Solidarität ihrer Patienten. Vor allem nicht der gesetzlich versicherten Mehrheit der Patienten, die seit Jahren das Gefühl hat, immer weniger zu bekommen für immer mehr Zuzahlungen. Diese Leute warten manchmal monatelang auf einen Termin beim Doc und erleben dann oft genug eben nicht das viel beschworene, vertrauensvolle Verhältnis des Arztes zu seinen Patienten, sondern schnöde Massenabfertigung im Minutentakt. Die hören und sehen auch in den Nachrichten immer wieder, was Pharmafirmen so alles springen lassen, was Pharmareferenten so verdienen und werfen noch mal einen Blick auf ihre Gehaltsabrechnung. Der fällt deswegen oft interessant aus, weil viele gesetzlich versicherte Durchschnitts- und Normalverdiener schon länger mit Lohneinbußen klarkommen müssen. Nur haben die normalerweise keinen Hartmann, Marburger oder weiß Gott was für einen Bund hinter sich.

Daher kommt es auch weniger gut an, wenn man zum Beispiel beim Zahnarzt andauernd angekobert wird wegen irgendwelcher Implantate, Inlays und Kronen, obwohl die Beißer es noch prima tun. Ja, Herr Rose, Sie müssen auch einmal was in Ihre Gesundheit investieren, höre ich dann. Am Arsch die Räuber, Zahnreißer! Wenn ich jedes mal die EC-Karte zückte, weil irgendjemand mir sagt, ich müsse jetzt aber dringend mal in dieses oder jenes in dies und das in der Zukunft investieren, dann hätte ich spätestens nächsten Monat den Kollegen Zwegat nebst Flipchart in der Bude. Außerdem habe ich dieses Jahr bereits in meine Zahngesundheit investiert, weil ich dank der neuen Gebührenordnung die Mehrkosten einer Wurzelbehandlung aufgebrummt bekommen habe, ohne vorher gefragt worden zu sein. Habe ich übrigens schon erwähnt, dass mein fünfzehn Jahre altes Auto seit einiger Zeit so komische Geräusche macht?

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ohne Zweifel ist eine flächendeckende ärztliche Versorgung wichtig. Mir deucht aber auch, dass die rechnerisch durchaus machbar sein müsste. Denn wenn es auf dem flachen Land vielerorts zu wenige Ärzte geben mag, dann hat man in den Städten nicht selten das Gefühl, dass in jedem zweiten Haus mindestens einer sein Wesen treibt. Und die scheinen alle davon leben zu können. Ich wüsste jedenfalls nicht, wann zuletzt eine Praxis hätte Konkurs anmelden müssen.

Wie wäre es denn, wenn die Ärzteschaft zur Abwechslung einmal selbst überlegte, wie sie angesichts der Milliarden, die jedes Jahr in das ganze System fließen, flächendeckende Versorgung sicher stellen kann, anstatt immer nur nach mehr zu schreien und bei den Patienten auf die Tränendrüse zu drücken? Oder anders gefragt: Wie wäre es, wenn die Ärzteschaft sich einmal selbst mit der Frage befasste, ob es gerecht ist, dass der Radiologe so viel mehr verdient als der Allgemeinmediziner und, wenn nicht, wie man daran etwas ändern könnte? Oder noch anders gefragt: Könnte es sein, dass wir seit einiger Zeit erleben, dass auch das Gesundheitswesen zunehmend Gewinner und Verlierer produziert? Wenn das so sein sollte, dann ist es genau das, was in allen Systemen zu beobachten ist, die von egalitär auf kommerziell umgepolt werden. 

Kommentare :

  1. Eigentlich kein Thema, welches mich umtreibt. Trotzdem gelesen, weil wirklich geil geschrieben! :-)

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    1. Thanks. Das muss daran liegen, dass das dringend mal raus musste...

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  2. Naja, das schließ ich mich großflächig schon an. Finanzielle Verantwortung, - ist jede Menge da, - aber bei der gesellschaftlichen, - sieht's echt düster aus beim akademisierten Medizinervolk. Ich trau mich schon gar nicht mehr zum Doc. Weil ich einfach nicht mehr weiß, was der mir verhökern will. Das Vertrauen, - ist jedenfalls auf Null gesunken. Und das gilt es erst mal wieder aufzubauen. Dann können Ärzte von mir aus auch wieder jammern.

    Und für den Satz:

    ...die von egalitär auf kommerziell umgepolt werden.

    .. gibt's die goldene Zahnkrone, für weitaus größere Erkenntnisfähigkeit, als so ein Medizinstudium offenbar hergeben kann.

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    1. Danke fön...
      Letztens meinte ein (privat versicherter) Bekannter, als ein Zahnarzt ihm eine sauteure Überbehandlung angedeihen lassen wollte: Ist doch nicht mein Job, dem seinen neuen Porsche zu finanzieren...

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