Montag, 10. September 2012

Komm ma lecker bei mich bei!

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Was ist eigentlich gegen das Wort 'lecker' einzuwenden? Man kann es mögen oder nicht, das ist Geschmackssache. Aber warum scheinen sich in jüngster Zeit so viele daran zu stoßen? Zuletzt meinte der schreibende Koch und kochende Schreiber Jörn Kabisch im Freitag, das ginge nicht. Gut, unsere Nachbarn im Süden bringt das Einsickern des l-Wortes in ihren Sprachgebrauch freilich auf die Palme, weil das bei ihnen unangenehme Assoziationen in Richtung Annexion aufkommen lässt.

In der Tat ist die Verwendung von 'lecker' eigentlich ein Phänomen der Landstriche nördlich des Weißwurstäquators, also jeder Gefilde, die südlich dieser Demarkationslinie pauschal für Preußen gehalten werden. Während der Westfale sein Pfefferpotthast "leckooo!" und der Niedersachse seinen Grünkohl "leggääää!" findet, spricht der g'stand'ne Bayer meines Wissens nach von „Dös is' guad“, wenn etwas seinen Geschmack trifft.

Trotzdem: Was ist so schlimm an 'lecker', wenn es denn von Herzen kommt (man muss es selbst ja nicht verwenden)? Dass es an Kindersprache erinnert? Nun, da gibt es im angelsächsischen Sprachraum weit Schlimmeres: Attribute wie "yummy!" oder, schlimmer noch "yum-o!" klingen definitiv ärger nach Regression. Auch das seit einiger Zeit im Umlauf befindliche "delish!" ist mehr ein gestelztes In-Wort.

Die momentan angesagte lecker-Kritik ist weniger rational begründbar, sondern entspricht eher einem Unbehagen, einem Bauchgefühl und damit wirkt sie geschmäcklerisch. Es nervt halt irgendwie total. Was machen solche Leute eigentlich in den Niederlanden, deren Ureinwohner bekanntlich alles lecker finden, das nicht stinkt, nicht bei drei auf den Bäumen ist, sie nicht umbringen oder bei ihnen einmarschieren will? Kriegen die Ohrenbluten?

Sicher, auch das schönste, anschaulichste, poetischste und treffendste Wort ist bald zuschanden, wenn es inflationär gebraucht wird. Wer schon einmal beim Hören einer bestimmten Müsli-Radiowerbung* im Geiste zur Pumpgun gegriffen hat, um dem Elend ein Ende zu machen, weiß, wovon die Rede ist. Auch die Vokabel „superlecker“ kann gewaltig nerven, weil sie alles so schön niedlich macht. Wer schon einmal auf der Suche nach einem Rezept bei chefkoch.de gelandet ist und sich die Kommentare durchgelesen hat, kommt sich schnell vor wie im Lillifeeland und weiß auch hier, wovon die Rede ist: Alle finden alles sofort „superlecker“ oder, noch schlimmer „suuuperlecker!!!“ und bepatzen das auch eifrig mit Herzchen, Blümchen und Smileys. Brrr!

Das kann einem, wie gesagt, gehörig auf den Wecker gehen. Aber was wären denn sinnvolle Alternativen in der deutschen Sprache, wenn's drum geht, spontan ein gutes Essen zu loben? "Gut" bzw. "sehr gut" ist reichlich allgemein und damit nichtssagend. "Köstlich" mag noch angehen, wirkt aber schnell ein wenig förmlich. "Delikat" oder, schlimmer noch, "deliziös" miefen nach etepetete. "Scheiß die Wand an, schmeckt das geil!", mag zwar auch recht von Herzen kommen, ist aber möglicherweise dem Rahmen nicht immer angemessen. Was bleibt noch? Nonverbale Kommunikation a'la Martin Luther? Nicht wirklich.

Beim Wein immerhin habe ich seit kurzem eine Alternative: Der durchschnittliche Ruhrgebietler ist bekanntlich eher Wirkungstrinker. Als ich letztens mit einigen netten Leuten in einer Nachbarstadt ein Weinfest besuchte, meinte einer, nachdem er von einem wunderbaren, perfekt temperierten fränkischen Silvaner gekostet hatte: „Oh, der geht aber gut, du!“

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Kommentare :

  1. "Wohlschmeckend" oder "schmackhaft" klingt [Achtung: Klischeewarnung!] ein bisschen nach den Kochbüchern, aus denen Bionade-Biedermeier-Mütter ihrem doppelbevornamten Vorzeigenachwuchs ökologisch und ernährungsphysiologisch korrekte Speisen zubereiten. Und nach Loriot.

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    1. Absolut! Wenn man extra darauf hinweisen muss, etwas sei "wohlschmeckend" bzw. "schmackhaft", dann wird es verdächtig. Bringt schlimme Erinnerungen zurück an die glücklicherweise nur zeitweisen Gehversuche meiner Elterngeneration in Puncto Vollwert etc. Ich sag' nur: Kuchen, den man mit Hammer und Meißel essen musste (und später mit der Gießkanne zum Klo musste, damit's nicht so staubte)...

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  2. Naja, als Ruhrgebietler bist Du da auch ein wenig befangen, da 'lecker' in Deinen Ohren normal klingt, da selbstverständlicher Bestandteil aller nordwestdeutschen Dialekte. Da dieses eigentlich auf eine bestimmte Region beschränkte Dialektwort seit einiger Zeit geradezu inflationär in ganz Deutschland vor allem von der Werbung gleich einer Stalinorgel brutal ins Land gefeuert gefeuert wird stößt vor allem dort sauer auf, wo das Wort eben nicht zum angestammten Wortschatz gehört. Wie würde man im nordwesten reagieren, wenn die Werbung Deutschland auf einmal mit dem bayrischen 'griabig' für etwas gutes überschütten würde?

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