Mittwoch, 26. September 2012

Romnesie


Mitt Romney und der Mythos vom selbst erarbeiteten Reichtum

George Monbiot

Man könnte es Romnesie nennen: Jene Fähigkeit von Superreichen, den Kontext zu vergessen, in dem sie ihr Geld gemacht haben. Ihre Ausbildung zu vergessen, ihre Herkunft, ihre Familiennetzwerke, ihre Kontakte und wer sie wem alles so vorgestellt hat. Die Arbeiter zu vergessen, deren Arbeit sie reich gemacht hat. Die Infrastruktur zu vergessen, die Sicherheit, die Ausbildung ihrer Arbeiter und nicht zuletzt die Aufträge, Subventionen und Rettungsprogramme die sie von Regierungen erhalten haben.

Jedes politische System braucht einen Mythos zu seiner Legitimation. Die Sowjetunion hatte Alexej Stachanow, jenen Bergmann, der während einer einzigen, sechs Stunden langen Schicht 100 Tonnen Kohle allein gefördert haben soll. In den USA ist es Richard Hunter, der Held aus Horatio Algers Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Geschichten.

Beide Geschichten enthalten ein Körnchen Wahrheit: Stachanow arbeitete hart für etwas, an das er glaubte. Allerdings war seine bemerkenswerte Leistung wohl ein Märchen. Zu der Zeit, in der Alger seine Romane schrieb, waren in den USA gerade ein paar arme Leute sehr reich geworden. Je weiter aber ein System sich von seinen Idealen (Produktivität im Fall der Sowjetunion, Chancen nutzen im Falle der USA) entfernt, desto heftiger werden diese Legitimierungsmythen propagiert.

Je weiter in westlichen Industrieländern extreme Ungleichheit und soziale Immobilität zunehmen, desto mächtiger erstrahlt der Mythos des Self Made Man. Er dient dazu, das genaue Gegenteil zu rechtfertigen: Eine unantastbare Klasse Kapitalrentner zu schützen, die ihr meist ererbtes Geld dazu einsetzt, um an den Reichtum anderer Leute zu gelangen.

Das wohl krudeste Beispiel für Romnesie ist die australische Bergbaumagnatin Gina Rinehart. "Darauf, Millionär zu werden, gibt es kein Monopol, ", meint sie. "Wenn Sie neidisch sind auf die, die mehr Geld haben als Sie, dann sitzen Sie nicht rum und jammern Sie. Tun Sie etwas, um Ihrerseits mehr Geld zu machen – verbringen Sie weniger Zeit mit rauchen, trinken und ausgehen und stattdessen mehr mit arbeiten… Besinnen Sie sich unserer Wurzeln und arbeiten Sie an Ihrem eigenen Erfolg."

Aber genau das, sich der eigenen Wurzeln zu besinnen, ist es, was Rinehart eben nicht tut. Sie vergisst zu erwähnen, dass es hilfreich ist, in Zeiten eines Rohstoffbooms vom Vater eine Eisenerzgrube und ein Vermögen zu erben, wenn man Millionärin – in ihrem Fall sogar Milliardärin – werden will. Hätte sie ihr ganzes Leben ausschließlich damit verbracht, im Bett zu liegen und die Wände mit Darts zu bewerfen, sie wäre immer noch schwerreich.

Die Listen der Superreichen sind voller Leute, die ihr Geld entweder geerbt oder aus Kapitalrenditen generiert haben, also eben nicht mittels Innovationen und Verkaufserlösen. Diese Rankings sind geradezu ein Stelldichein der Spekulanten, Großgrundbesitzer, IT-Monopolisten, Kredithaie, Bankiers, Ölscheichs, Rohstoffmagnaten, Oligarchen und Spitzenmanager, deren Bezahlung in keinerlei Verhältnis steht zu den von ihnen geschaffenen Werten. Kurz gesagt: Plünderer. Die reichsten Minenbesitzer sind die, die Staaten irgendwann einmal natürliche Ressourcen weit unter Preis abgeschwatzt haben. Russische, mexikanische und britische Oligarchen haben öffentliches Eigentum für einen Apfel und ein Ei gekauft, weil Regierungen im Privatisierungswahn waren, und wirtschaften seither wie die Zöllner. Banker benutzen unverständliche Instrumente dazu, ihre Kunden und den Steuerzahler zu schröpfen. Wenn die Finanzmärkte die Wirtschaft gekapert haben, dann muss auch die andere Seite der Geschichte erzählt werden.

Kaum ein Republikaner in den USA versäumt es, bei jeder Gelegenheit das Richard-Hunter-Narrativ aufzuwärmen, und fast alle dieser Tellerwäscher-Geschichten erweisen sich letztlich als Blödsinn. "Alles, was Ann und ich besitzen", behauptet Mitt Romney, "haben wir auf die altmodische Art verdient." Altmodisch im Sinne Captain Blackbeards vielleicht. Zwei aufschlussreiche Artikel im Rolling Stone Magazine dokumentieren nicht nur seine gehebelten Buyouts, die gesunde Unternehmen, reale Werte und Jobs vernichtet haben, sondern auch die kostspielige staatliche Rettung, die seine Haut gerettet hat.

Romney verkörpert ökonomisches Parasitentum. Der Finanzsektor ist zu einer Maschinerie geworden, die Jobs zerstört, Menschen obdachlos macht, Existenzen vernichtet und andere in Armut stürzt, um sich zu bereichern. Je mehr diese Maschinerie die Politik im Griff hat, desto lauter müssen deren Repräsentanten die gegenteilige Geschichte erzählen: Die von segensreichem Unternehmertum und Investment, von mutigen Machern, die durch nichts als Cleverness und Ausdauer zu ihren Reichtümern gekommen sind.

Diese Geschichte hat eine offensichtliche Kehrseite. "Jeder kann es schaffen – ich habe es schließlich auch ohne fremde Hilfe hinbekommen", bedeutet übersetzt: "Ich sehe nicht ein, wieso ich Steuern zahlen soll, um anderen Menschen zu helfen, denn die können sich doch schließlich alle selbst helfen." - egal, ob sie nun Daddys Bergwerk geerbt haben oder nicht. In dem Artikel, in dem sie den Armen empfiehlt, es ihr doch einfach gleichzutun, meint Rinehart auch, dass die Mindestlöhne gesenkt werden sollten. Klar, wer braucht schon faire Bezahlung, wenn doch jeder Millionär werden kann?

Im Jahr 2010 sackte das reichste Prozent in den USA erstaunliche 93 Prozent der Einkommenssteigerungen ein. Im gleichen Jahr verdienten Spitzenmanager im Durchschnitt 243 mal so viel wie der durchschnittliche Arbeiter (1965 war die Schere zehnmal kleiner). Zwischen 1970 und 2010 stieg der Gini-Koeffizient, mit dem sich [Einkommens-] Ungleichheit messen lässt, in den USA von 0,35 auf 0,44. Ein Riesensprung.

Im Hinblick auf soziale Mobiliät führen Großbritannien, Italien und die USA die OECD-Liste der Länder an, in denen es am wahrscheinlichsten ist, dass das Einkommen der Bevölkerung dem der Väter ähnelt. Anders gesagt: Wer in diesen Ländern arm oder reich geboren wurde, wird es höchstwahrscheinlich auch bleiben. Es ist kein Zufall, dass [mindestens zwei] diese[r] drei Länder sich penetrant als Hort schier grenzenloser, unvergleichlicher Möglichkeiten inszenieren.

Chancengleichheit, Eigeninitiative und heroischer Individualismus: Das sind die Mythen, die der Raubtierkapitalismus für sein politisches Überleben braucht. Romnesie ermöglicht es den Superreichen, die Rolle zu ignorieren, die andere Menschen beim Anhäufen ihres Reichtums gespielt haben und denen, die nicht so viel Glück hatten wie sie, jede Hilfe zu verweigern. Ein Jahrhundert zuvor haben Unternehmer noch versucht, sich als Parasiten auszugeben, indem sie den Lebensstil der quasiadligen Klasse der Kapitalrentner imitierten. Heutzutage behaupten die Parasiten, sie seien Unternehmer.


Erschienen im Guardian am 24.09.2012. Eine Version mit allen Belegen findet sich auf der Webseite des Autors. Der Titel wurde verändert, sonstige Änderungen durch eckige Klammern kenntlich gemacht. Unautorisierte Übersetzung aus dem Englischen (nicht für gewerbliche Zwecke): S. Rose


Kommentare :

  1. Schöne Wortschöpfung - Romnesie. Recht hat er, der Herr Monbiot. Danke für den Artikel, der wäre mir sonst entgangen!

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    1. Der Herr Monbiot hat meistens ziemlich recht - wenn er nicht in Klima- und Ernährungsdingen übers Ziel hinaus schießt. Leider werden die Übersetzungen seiner Artikel im 'Freitag' seit dem Relaunch seltener...

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  2. Die US-Einwanderungsbehörde informiert: Die Karrierechance "Vom Tellerwäscher zum Millionär" wird ab sofort nicht mehr angeboten. Ersatzweise gibt es jetzt "Vom Millionär zum Gouverneur bzw. Präsidentschaftskandidaten" sowie "Vom Kleindealer zum Dauer-Gefängnisinsassen". Wir bitten, dies bei Ihrer Green-Card-Bewerbung zu berücksichtigen.

    MfG

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  3. Guter Artikel, eine schöne Zusammenfassung. So funktioniert unsere Welt, mitnichten nur USA, exakt so auch in Deutschland. Dem Artikel ist nichts hinzuzufügen.

    Gruss
    Rosi

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  4. Guter Beitrag.
    Immer wieder stellt sich die Frage , ob diese "Eliten" überhaupt interessiert sind an ihrem Machterhalt oder sich nicht unterbewußt danach sehnen , von ihrem "Leiden" erlöst zu werden.

    Will ich meine Macht erhalten ,halt ich meine Klappe und laufe nicht rum und spiele den Gefahrensucher , indem ich diejenigen bis aufs Blut provoziere , die schlechter gestellt und zahlenmäßig weit überlegen sind.

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    1. Sie sind halt nicht "normal" ... und dort ist das völlig "normal", dass man das so kombiniert.

      Gruss
      Rosi

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