Dienstag, 25. September 2012

Tatort Ruhrgebiet


Einen neuen Ruhrgebiets-'Tatort' zu drehen, ist keine leichte Aufgabe, denn das Erbe ist ein schweres. Die Ruhrpott-Cops gehörten zu den ersten Hard Boiled Detectives im deutschen Fernsehen. Das Revier bot dafür die ideale Kulisse. Die Siebzigerjahre waren eine Zeit des Übergangs und der Ungewissheit: Zwar brannten viele der tausend Feuer noch und in der Montanindustrie wurde auch noch gut verdient, aber das Zechensterben ließ erstmals ernste Zweifel aufkommen, wie lange das noch so weitergehen würde. Während der Achtziger dann begannen viele Bergleute und Stahlkocher, ihren Söhnen davon abzuraten, auch einzufahren unter Tage, bei Krupp, Thyssen oder Haniel malochen zu gehen. Die Schließung des Stahlwerks in Duisburg-Rheinhausen mobilisierte 1987 noch einmal eine ganze Region, aber bald war Ruhe. Im Jahresrhythmus fielen Fördertürme, wurden Schornsteine gesprengt, kamen Deckel auf verfüllte Schächte, wurden Industriegelände dem Verfall preisgegeben. Benötigte ein Regisseur apokalyptische Bilder für ein Endzeitdrama, wurde er zwischen Duisburg und Dortmund schnell fündig in dieser Dekade des Verfalls. Doch begann sich in dieser Zeit auch so etwas wie Lokalpatriotismus herauszubilden. Wir sind am Arsch und wissen das. Aber es ist uns egal. Wir sind rau aber herzlich und in Puncto Currywurst und Fußball macht uns eh keiner was vor, sollen die Berliner Großschnauzen oder die arroganten Münchner mal ruhig reden.

Haferkamp - die Frisur sitzt (via brigitte.de)
Der Essener Kommissar Haferkamp (Hansjörg Felmy) verkörperte perfekt das Sowohl-als-auch der Siebziger, einer Nachkriegszeit, in die der Nonkonformismus der Achtundsechziger bereits gründlich eingesickert war. Äußerlich bieder daher kommend, im Trenchcoat als Reminiszenz an Phillip Marlowe, unterhielt er – shocking! – ein freundschaftliches Verhältnis zu seiner geschiedenen Frau und liebte Jazz. Anstatt sich von einer mütterlichen Zimmerwirtin bekochen zu lassen, wie es sich für einen Junggesellen damals geziemte, futterte er lässig Frikadellen aus der Hand, wozu er gern ein Döschen Altbier nahm. Nicht wenige Fälle dröselte er gemeinsam mit dem treuen Assistenten Willy Kreutzer (Willy Semmelrogge) an der Theke auf. Haferkamp war konventionell, ohne betulich zu sein und unkonventionell, ohne große Macken zu haben. Durch und durch Kind einer Zeit, in der es unvorstellbar schien, dass in Nordrhein-Westfalen einmal die CDU den Ministerpräsidenten stellen oder auch nur eine Stadt des Ruhrpotts jemals von etwas anderem als einem SPD-Bürgermeister regiert werden würde. Durch seine eigenen Lebensumstände ein wenig seiner Zeit voraus, verurteilte er nie jemanden voreilig, hatte für fast alles Verständnis und moralisierte nicht herum. Vor vierzig Jahren war so was beinahe schon Avantgarde. Noch heute gilt übrigens in Essen der Name Haferkamp etwas: Das gleichnamige Restaurant wurde lange vom Cartoonisten Jan Michael Richter alias Jamiri und seiner Frau Beate geführt.

Horst Schimanksi war mindestens so heruntergerockt wie sein Duisburger Revier. Verbal wie nonverbal immer zwischen Hilflosigkeit und trotziger Aggressivität hin- und her pendelnd, taumelte dieser Traumatisierte, den sein Chef einst von der schiefen Bahn und an die Polizeischule geholt hatte, durch eine Welt, die ins Rutschen gekommen war. Bekam abwechselnd aufs Maul oder verteilte selbst Hiebe. Man konnte es ihm nachfühlen, denn eigentlich war Schimanski nicht brutal oder gewalttätig. Er litt nur wie ein Hund an Korruption und Ungerechtigkeit, an Verrat und Verlogenheit. Weil ihn all das persönlich mitnahm, waren seine Gewaltausbrüche stets und unmissverständlich Akte der Hilflosigkeit eines Mannes, der mit seinen alten Methoden nicht mehr weiterkam. Seine Sidekicks, der korrekte Tanner (Eberhard Feik) und der gemütliche Holländer 'Hänschen' (Chiem van Houweninge) konnten ihm dabei kaum wirklich helfen. Viel ist über diese TV-Legende geschrieben worden, doch immer noch viel zu wenig übrigens über die große Schauspielkunst Götz Georges. In einem Interview erzählte Regisseur Hajo Gies einmal, wie George in monatelanger Arbeit aus ruhrgebietsdeutschen Versatzstücken eine eigene Schimanski-Sprache entwickelte. Jeder Stotterer, jedes "Ach Mann, du, …" war genauestens geplant. Wie George diese haarklein gesetzte Choreographie herüberbrachte, als sei sie gerade eben improvisiert, war und bleibt ganz großes Kino.



Seit Haferkamp und Schimanski ist kaum ein 'Tatort' noch denkbar ohne problematische Beziehungsbiografie des Ermittlers oder sonst ein Problem, das ihn für den wahren Polizeidienst ungeeignet machen würde. Daran knüpft der neue Ruhrgebiets-Tatort an, der in Dortmund spielt. Das vierköpfige Team besteht aus zwei jüngeren und zwei älteren Ermittlern. Der neue Chef, Hauptkommissar Faber (Jörg Hartmann) ist ein ziemliches Wrack. Gerade aus Lübeck zurück nach Dortmund versetzt, schleppt er ein schweres Familienproblem mit sich herum, trägt soziopathische Züge, haust in chaotischen Verhältnissen und erweist sich als echter Stinkstiefel. Zudem hat er offenbar mal eine Fortbildung zum Profiler gemacht, und ermittelt oft per Einfühlung in die Täter. Na, klingelt's? Faber wirkt wie eine Mischung aus einem schlanken Fitz, einem weniger miesepetrigen Dr. House bzw. etwas freundlicheren Sherlock. Das muss kein Problem sein, so lange man es im weiteren Verlauf nicht bei einer bloßen Kopie belässt. Die anderen Figuren hängen noch ein wenig in der Luft und harren weiterer Entwicklung. Seine Stellvertreterin Bönisch (Anna Schudt), allein erziehende Mutter, bleibt noch etwas farblos, scheint sich aber bereits mit dem Sonderling anfreunden zu können. Vielleicht ist sie auch ein wenig fasziniert von ihm. Die beiden Jungspunde Dalay (Aylin Tezel) und Kossik (Stefan Konarske) sind auch privat ein Paar, halten ihr Verhältnis aber geheim. Insgesamt wirkt vieles noch ein wenig unausgegoren und wenig ausbalanciert, teilweise überzogen, aber schauspielerisch stimmt einiges und die Konstellation hat Potenzial. Das sollte nach der ersten Folge genug sein.

Tach, wir sind die Neuen! (via wdr3.de)
Die jeweiligen Zeitumstände haben, wie gesagt, bei den Ruhrpott-Tatorten eine wichtigere Rolle als bei anderen gespielt und sie waren immer weit mehr als bloßes Lokalkolorit. Denn am Ruhrgebiet der letzten dreißig, vierzig Jahre lässt sich wie unter einer Lupe studieren, was mit einer Gesellschaft im Übergang zur postindustriellen Phase geschieht. Konflikte, Kontraste, vor allem zwischen Altem und Neuem treten stärker hervor als anderswo. Das wurde in der ersten Folge Alter Ego schlau umgesetzt: Der Sohn eines Stahlbarons der alten Sorte erweist sich als latent schwul und hat seinen Lover brutal umgebracht. Mag das vielleicht als ziemliche Holzhammer-Metapher für den inneren Konflikt des Juniors gedacht gewesen sein, ist es ein schönes Bild, wie trotz mühsam hochgehaltener Fassade die alten Gewissheiten des Reviers verschwunden sind. Die preußische Härte des Alten zählt nichts mehr und wirkt in der hippen Kreativ-Metropole, in der längst anderes zählt, so aus der Zeit gefallen wie der alte Taubenvater. Wie die Gründerzeitvilla des Alten, sind die verbliebenen Zechen nur noch museal erhaltene Landmarken und werden längst neu genutzt. Die jüngere Generation, verkörpert durch die beiden jungen Ermittler, kennt es gar nicht mehr anders. Kommissarin Dalays Migrationshintergrund ist ungefähr so ein Aufreger wie ihre Frisur, und als Kossik nach einer abendlichen Observation mit Faber aus einem Schwulenclub kommend, in seine feiernden Kumpels von der Südtribüne rennt, hat er wenig Schlimmeres zu befürchten als dumme Sprüche.

Was zu lachen gab es übrigens auch: Faber gesteht offen, Schalke-Fan zu sein. Das in Dortmund auszusprechen, erfordert in der Tat Mut. Oder einen Schuss Wahnsinn.

Verdikt? Nicht überragend, aber vielversprechend. Zweite Chance? Unbedingt! Könnte was werden. Oder ist es der Lokalpatriotismus?

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