Donnerstag, 25. Oktober 2012

Bezahlstudium durchgefallen


Mit Studiengebühren ist es ein wenig wie mit dem Falschparken: Die mit den dicken Autos schmerzt ein Knöllchen kaum, während es beim geringverdienenden Parksünder sehr wohl ein Loch ins Monatsbudget zu reißen vermag. Berücksichtigt man die soziale Herkunft der Studierenden in Deutschland, dann dürften 500 Euro Studiengebühren pro Semester, was gut 83 Euro pro Monat entspricht, für die Mehrheit nichts Unzumutbares gewesen sein. Sie denen zu erlassen, die sich das wirklich nicht hätten leisten können, wäre kein Problem gewesen. Die hätten ein sehr genaues Instrument in der Hand gehabt, ihre Bedürftigkeit zu unter Beweis zu stellen: Ihren BAFöG-Bescheid. Denn mit dem weisen angehende Akademiker eine Prüfung darüber nach, dass die Familie finanziell nicht in der Lage ist, das Studium des Sohnes oder der Tochter adäquat zu stemmen.

Das Bezahlstudium sollte damals alles besser machen: Die Hochschulen sollten mit den Einnahmen, die sie weitgehend selbstbestimmt verwenden konnten, besser dastehen, die Studierenden sollten sich als Kunden begreifen, die für ihr Geld auch eine ordentliche Gegenleistung einfordern konnten. Außerdem, so hieß es im besten Neoliberal-Sprech, sei etwas, das nichts koste, auch nichts wert. Warum haben dann alle Bundesländer bis auf Niedersachsen und noch Bayern die Gebühren inzwischen sukzessive wieder abgeschafft? Reiner Populismus für ein paar Wählerstimmen? Wohl kaum. Eher kann man davon ausgehen, dass sich die Gebühren in jeder Hinsicht als kontraproduktiv erwiesen haben und die Vorhersagen der Kritiker weitgehend eingetreten sind. Eine Frage wurde dabei gern übergangen: Wie kann jungen Menschen aus weniger privilegierten Schichten der Zugang zum Studium trotz Gebühren weiterhin ermöglicht werden?

Das schien nie wirklich wichtig, denn Abitur und akademische Bildung sind vor allem Mittel von Eliten und Bessergestellten, sich nach unten hin abzugrenzen und den Zustrom in ihre Reihen zu steuern. Daher hatten diejenigen, aus deren Reihen sich die Studierenden in Deutschland mehrheitlich rekrutieren, auch noch nie ein sonderlich großes Interesse daran, gymnasiale bzw. akademische Bildung allzuweit zu öffnen, denn man bleibt lieber unter sich. Man unterschätze nicht, wie weit Ressentiments verbreitet sind der Marke: Wo kämen wir denn da hin, wenn jeder so einfach Abitur machen und studieren kann? Es muss doch schließlich auch Indianer geben, nicht nur Häuptlinge. (Natürlich ist so was ausschließlich von denjenigen zu hören, die sich selbst nicht zu den Indianern zählen.) Solchen Leuten sind Studiengebühren natürlich hoch willkommen. Und wenn sie auch nur eine Minderheit sind, dann ist es die Minderheit, die am ehesten Kampagnen organisieren kann und deren Forderungen auch gehört werden.

Dass neoliberale Lobbygruppen wie die Bertelsmann-Stiftung, die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft und das Centrum für Hochschulentwicklung sich immer nachdrücklich für eine bundesweite Einführung von Studiengebühren eingesetzt haben, ist kein Zufall. Schwer scheint das Argument zu wiegen, wieso die gering verdienende Familie des Azubis der Zahnarzttochter aus gut situiertem Hause per Steuern das Studium finanzieren sollen. Auch die Frage, warum Handwerker mehrere tausend Euro für die Meisterschule hinblättern sollen, während der akademische Nachwuchs für lau davon kommt, scheint berechtigt.

Dass das so hervorragend verfängt, ist verständlich: Geringverdiener und sozial Schwache, die allen Hindernissen zum Trotze versuchen, ihren Kindern die bestmögliche Bildung und Förderung zu ermöglichen, werden im Vorschulbereich sowie in Primar- und Sekundarstufe I oft erheblich zur Kasse gebeten. Selbst wenn der Kindergarten kostenlos ist oder vom Jugendamt übernommen wird, ist es das Mittagessen in der Regel nicht. Gleiches gilt für Schulessen in Ganztagsschulen. Dort kommen von jeher noch Kosten für Schulmaterial, Fotokopien, Lehrbücher und andere Aktivitäten wie Klassenfahrten oder Schulfeste oben drauf. In einigen Schulen leisten Eltern schon lange ehrenamtliche Arbeit, etwa beim Renovieren von Klassenräumen. Und da sollen die Damen und Herren Studiosi gratis davon kommen? Natürlich haben auch Studenten teils erhebliche Kosten für Bücher, doch wird das weniger wahrgenommen. Aber auch darum ging es nicht wirklich.

Studiengebühren waren vor allem ein wichtiger Baustein für die totale Ökonomisierung der Gesellschaft. Sie sollten dazu beitragen, der Nation weiter das Märchen hineinzuschrauben, nach dem das Solidarprinzip im Kern ungerecht, weil leistungsfeindlich sei, Privatisierung und Marktwirtschaft dagegen für ein Höchstmaß an Gerechtigkeit sorgen würden. Sicher kann man fragen, warum die Allgemeinheit einer Minderheit ihre höhere Bildung bezahlen sollen. Dann kann man auch einige Reihe weiterer interessanter Fragen stellen: Warum zum Beispiel sollen Geringverdiener bessergestellten Bildungsbürgern mittels Steuern die Konzert- und Theatervormieten mitfinanzieren? Warum sollen selbst nicht üppig verdienende Arbeitnehmer mit ihren Steuern Aufstockung im Niedriglohnsektor mitfinanzieren, damit Arbeitgeber die Löhne noch weiter drücken können? Warum sollen Pazifisten mittels Steuern an der Beschaffung von Waffensysteme für die Bundeswehr beteiligt werden? Oder warum sollen Vegetarier durch EU-Subventionen Massentierhaltung unterstützen?

Dieses Land schmückt sich selbst gern mit dem Attribut Bildungsrepublik, und in Sonntagsreden wird unermüdlich davon schwadroniert, dass Bildung und der Zugang zu Bildung in einem ressourcenarmen Land das Wichtigste überhaupt sei. In so einem Land wäre ein kostenfreies Studium kein Skandal. Dass in so einem Land Bildung überhaupt eine Frage der sozialen Herkunft und der jeweiligen finanziellen Mittel ist, das ist ein Skandal. Man kann nicht andauernd den Popanz vom angeblich drohenden Fachkräftemangel durchs Dorf tragen und gleichzeitig Zehntausenden den Zugang zu höherer Bildung unnötig erschweren. Streng genommen gibt es nur einen Ausweg aus dem ganzen: Zurück in die Siebziger, als freie Bildung für alle, unabhängig vom Elternhaus, als gesellschaftlicher Fortschritt galt, nicht als Gutmenschentum und auch nicht als Bedrohung. Dass die Häuptlinge das ungemütlich finden, sollte einen nicht schrecken.


Kommentare :

  1. Wer dann ein abgeschlossenes Studium hat, muss später dann vielleicht diesen Kurs besuchen um für den Arbeitsmarkt wieder fit zu sein:
    http://www.gegen-hartz.de/nachrichtenueberhartziv/jobcenter-kurs-de-qualifizierung-von-akademikern-9001163.php

    Weiß momentan wirklich nicht, ob ich das glauben soll/kann!

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    1. Gefundenes Fressen für Blogger!
      Habe bereits einen Beitrag darüber geschrieben:
      http://aufzeichnungen-eines-gutmenschen.blogspot.de/2012/10/aprilscherz-2013-jetzt-schon.html
      Das Buffet ist eröffnet! :-P

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  2. @Duderich
    Nun gut, es war ein verfrühter Aprilscherz. Aber viele - auch ich zunächst - haben das für möglich gehalten, nach allem, was man schon zur Kenntnis nehmen musste. Ich denke, der Dequalifizierungs-Artikel war so etwas, was Dieter Hildebrandt einmal "Realsatire" nannte; und in Kürze werden wir uns an eine vergleichbare Realität gewöhnt haben.

    Hans-H.

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