Samstag, 20. Oktober 2012

Das deutsche Doktoren-Desaster


Keine Ahnung, was an den Plagiatsvorwürfen gegen Annette Schavans Doktorarbeit im einzelnen dran ist. Man müsste sich im Detail damit befassen. Die Heftigkeit der Ad-Hominem-Anwürfe gegen den unter Pseudonym vorgehenden Plagiatsjäger Robert Schmidt legen jedenfalls den Verdacht nahe, dass da möglicherweise ein wunder Punkt getroffen wurde. Wie alles, so hat auch das Problem ihrer Doktorarbeit zwei Seiten. Annette Schavan, damals 25, schloss ihr Studium in Düsseldorf nicht mit Magister oder Diplom, sondern direkt mit der Promotion ab. Man erinnere sich, wie das damals war, mit der eigenen Abschlussarbeit: Man wollte/musste das Ding endlich fertig kriegen, steckte vielleicht in einer kleinen Sinnkrise und der Erwartungsdruck war hoch. 1980 waren Computer noch etwas für Ingenieure, vom Internet und seinen Möglichkeiten hatte noch niemals jemand gehört. Eine Doktorarbeit war damals, realistisch betrachtet, in den meisten Fällen etwas, das im Zweifelsfall nur ein sehr kleiner Personenkreis jemals zu Gesicht bekommen würde.

Wenn der Promotionsausschuss der Heinrich-Heine-Universität Frau Schavans Arbeit damals nach Prüfung akzeptiert und sie daraufhin promoviert hat, dann hat sie Brief und Siegel darauf, dass ihre Arbeit damals offenbar den Standards der Universität genügte. Es ist ein bisschen wie mit der alten Fußballweisheit, nach der ein Tor ein Tor ist, wenn der Schiedsrichter pfeift. Wenn nun, 32 Jahre später, herauskommt, dass das - ups! - offenbar doch nicht der Fall ist, dann muss sich nicht nur Frau Doktor Schavan, sondern auch die Universität Düsseldorf die Frage gefallen lassen, ob damals nicht nur die wackere Doktorandin schlampig gearbeitet hat. Es bleibt daher ein Rätsel, warum eigentlich nur die überführten Plagiator/innen im Fokus stehen, aber kaum die Universitäten, die den Kram seinerzeit anstandslos durchgewunken haben. Lange wird das hoffentlich nicht mehr gut gehen, und wäre das so, dann wären die denkbaren Konsequenzen alles andere als schlecht.

Ohne Frage muss, wer sich Forscher nennen will, in der Lage sein, komplexe Problemstellungen zu umreißen, eigenständig zu neuen Schlussfolgerungen bzw. Ergebnissen zu gelangen und das alles auch in angemessener Form für die Öffentlichkeit zu dokumentieren. Hier, und nur hier, haben Doktorarbeiten und Habilitationsschriften ihre Berechtigung und ihren Sinn. Eine via Titel ausgewiesene Zugehörigkeit zu einer Art Gelehrtenrepublik ist zweitrangig. Natürlich haben Leute, die zur Komplettierung ihres eigenen Egos unbedingt einen akademischen Titel brauchen, gewaltig einen an der Waffel. Das wäre auch nicht weiter problematisch, wenn nicht immer noch so viele sich davon blenden ließen.

Denn die immer noch verbreitete Annahme, ein Doktortitel sage irgendetwas aus über eventuelle menschlichen Qualitäten des Trägers, ist romantischer Kokolores. Auch wenn alles mit rechten Dingen zugegangen ist, dann kann man der betreffenden Person sicher eine gewisse Ausdauer attestieren, mehr aber auch nicht. Ansonsten gilt für die Damen und Herren Doctores das, was für alle gesellschaftlichen Gruppen gilt: Zwischen einigen hellen Lichtern am einen und ein paar Vollpfosten am anderen Ende der Skala läuft so ziemlich alles herum, was der Menschenzoo hergibt.

Wenn das Doktorarbeiten-Desaster der letzten Monate eine Erkenntnis gebracht hat, dann die, dass genau diese vornehmlich deutsche Tradition, einem Doktortitel neben seiner rein wissenschaftlichen Funktion auch die eines Elitenausweises zuzuschreiben, der im weiteren Leben Türen und Karrieren eröffnet, schlicht obsolet ist. Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Mir ist es zum Beispiel vollkommen wumpe, ob der Arzt, der mich gerade behandelt, vor zwanzig Jahren mal eine mehr oder weniger umfangreiche schriftliche Arbeit getippt hat und er deswegen die heiligen zwei Buchstaben vor dem Nachnamen zu führen berechtigt ist. Ein behandelnder Arzt muss kein ausgewiesener Forscher sein. Viel wichtiger ist, dass der Weißkittel sich immer brav fortgebildet hat und sich fachlich einigermaßen auf der Höhe bewegt. Ist er in seinem Metier so gut, dass er im Rahmen einer Professur Vorlesungen hält über sein Wirken oder eben auch als Doktor in der Forschung tätig ist, soll's mir recht sein und die Welt mag es auch gern erfahren.

Schaut man sich die Entwicklung der Akademikerquote in Deutschland an, dann wird klar, warum immer mehr ambitionierte Menschen zwecks Segregation so gern einen Doktor hätten: Bis in die 1980er gehörte man als Akademiker zu einem kleinen, exklusiver Zirkel von weniger als zehn Prozent der Bevölkerung und irgendeinen Abschluss zu haben war meist schon ein Ticket für höhere Einkommen. Inzwischen hat der Prozentsatz an Akademikern sich verdoppelt, was die Exklusivität eines Uni-Abschlusses mehr und mehr verblassen lässt. Das Bestreben vieler, bei wachsender Konkurrenz nach dem Abschluss noch schnell einen Doktor nachzuschieben, ist also ebenso verständlich wie das vieler Studierender, sich in Zeiten von Bologna eben nicht mit dem Bachelor zufrieden zu geben.

Diese doppelte Funktion des Doktortitels entwertet ihn letztendlich. B-Doktorarbeiten, die kein Nachweis eigenständigen Forschens sind, sondern schlimmstenfalls nur eine hastig heruntergekasperte Formalität, um in den Besitz des begehrten Titels und Karriereturbos zu gelangen, drücken im Zweifel wissenschaftliche Standards und lassen die Hochschulen, die solche Titel vergeben,  am Ende blöd dastehen. Weil das kaum in deren Interesse sein wird, kann es eigentlich nur eine Konsequenz geben: Weg mit der deutschen Praxis, den Doktor lebenslang quasi als Namenszusatz und Elitennachweis zu führen. Doktortitel gern für die, die tatsächlich in der Forschung arbeiten und für die Dauer der Tätigkeit, danach nicht mehr. Frühere Forschungstätigkeit nebst Nachweis darüber gehört, wie alles andere, in den Lebenslauf und nicht ans Türschild oder auf die Visitenkarte. Denn es gibt ein Leben nach der Uni.


Kommentare :

  1. Die Frage nach den Universitäten und den Leuten, die die jetzt als Plagiate geouteten Arbeiten abgenommen haben, ist schon berechtigt. Wie streng man da im Einzelfall sein sollte, weiß ich aber nicht.

    Man kann vielleicht von so einer Kommission nicht erwarten, dass sie eine Dissertation so detailliert abgoogelt wie GuttenPlag das mit des Freiherrn Werk getan hat. Aber wenigstens ein paar der nichtzitierten Passagen hätten schon auffallen können, zumal wenn sie aus einschlägiger Fachliteratur stammen. Bei dem freiherrlichen Prozentsatz an Abgekupfertem jedenfalls.

    Was die Arbeit von Frau Schavan angeht: Die hatten damals natürlich auch viel weniger technische Möglichkeiten, Plagiate zu erkennen. Wo die (möglicherweise) plagiierten Passagen herkommen, weiß ich nicht, und wie einfach die zu finden gewesen wären auch nicht. Ob man jetzt bis zu Humboldt zurückgehen und jede Dissertation durch den Plagiatswolf drehen sollte, weiß ich nicht.

    Man sollte so einen Doktortitel wirklich nicht überbewerten. Viele, die wirklich was auf dem Kasten haben, machen um den Titel auch kein großes Gewese und belächeln die lautstarken Doctores eher.

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  2. Ja, die Frage nach der Verantwortung der Universitäten ist gut! Ich kenne die Antwort zwar nicht, aber ist sie erst einmal gefunden, kann sie womöglich auch erklären, wieso so wenige Menschen wegen diesem Zeug in der Asse den Rest ihrer Tage im Knast verbringen müssen. Wird irgendwas mit "Verantwortungsdiffusion" oder so zu tun haben...

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