Mittwoch, 3. Oktober 2012

Ein freier Tag


Der dritte Oktober ist ein freier Tag für mich, weiter nichts. Dieses Jahr angenehmerweise als Halbzeitpause der Woche. Als Feiertag lässt dieser Tag mich ebenso kalt, wie es zuvor schon der 17. Juni getan hat. An dem hätten wir eigentlich der geknechteten Landsleute im anderen Teil Deutschlands gedenken müssen. Tatsächlich haben wir meist im Freibad herum gehangen oder Radtouren gemacht. Auf jeden Fall war Ausschlafen angesagt.

Undankbarkeit? Seien wir doch mal ehrlich. Der Wunsch nach Wiedervereinigung war im alten Westdeutschland ein Minderheitenprogramm. Wer sich im Westen in den Achtzigern öffentlich zum Ziel der Wiedervereinigung bekannte, lief Gefahr, sich lächerlich zu machen und stand schnell in der reaktionären Ecke. Auch die Praxis des Springer-Verlags, die DDR in Gänsefüßchen zu setzen, galt nicht als konsequentes und visionäres Statement, sondern wurde vielerorts eher belächelt. Die deutsche Zweistaatlichkeit wurde von vielen nicht als himmelschreiendes Unrecht empfunden, als widernatürlicher Zustand, sondern war täglich gelebte Realität. Wer Verwandte 'drüben' hatte, redete und dachte sicher anders, keine Frage.

Man mag einwenden, dass das äußerst egoistisch klingt. In der Tat: Wir hatten uns ganz bequem eingerichtet, hier in diesem reihenhausschmalen Streifen Deutschland zwischen Rhein und Elbe mit seinem bescheiden-geschäftsmäßigen Protokoll und dem Provisorium am Rhein als Hauptstadt. Wir begehrten auch nicht, größer zu sein. Das Apardheit-Regime in Südafrika hatte uns immer weit mehr empört als die Mauer und Paris war als Reiseziel immer verlockender gewesen als Potsdam. War das Schicksal der eingeschlossenen, von der Stasi in privatim bespitzelten und drangsalierten, den von den Grenztruppen mit Gewalt am Reisen gehinderten Brüder und Schwestern uns denn komplett egal? Nicht unbedingt. Sich weitgehend mit dem Status Quo arrangiert zu haben, bedeutete noch lange nicht, mit allen Begleiterscheinungen einverstanden zu sein. Vor allem nicht mit dem, was einem als Wessi vom Alltagsleben in der DDR bekannt war. Daher wurde die Öffnung der Mauer am 9. November 1989 von den meisten Westdeutschen sehr wohl freudig begrüßt. Man freute sich über Reisefreiheit, darüber, dass Repressionen wegfielen und wie die pupsgrauen DDR-Apparatischiks auf einmal ziemlich harmlos und armselig dastanden.

Politisch lautet die offizielle Lesart bis heute, es habe damals keine Alternative zur schnellen Wiedervereinigung gegeben. Helmut Kohl habe das winzig kleine Zeitfenster, das sich bot, gegen alle Widerstände, auch in der eigenen Partei, entschlossen genutzt. Das mag so gewesen sein, so lange die Sowjetunion noch weiter bestand, also bis 1991. Aber ist es wirklich denkbar, dass ein Russland, das ab 1990 die Auflösung des Warschauer Paktes und damit die Auflösung der Nachkriegsblöcke nolens, volens hinnehmen musste, noch auf Jahrzehnte die DDR als Faustpfand hätte halten können? Wäre eine Wiedervereinigung nach einer Phase der Zweistaatlichkeit wirklich komplett ausgeschlossen gewesen, wenn eine Volksbefragung ergeben hätte, das sei der eindeutige Wille der Bevölkerung? Man weiß es nicht. Das muss die Geschichte zeigen, bzw. die Gechichte, wie es der damals amtierende Kanzler formuliert hätte. Alternativlos jedenfalls ist im Zweifel gar nichts im Leben.

Per Westfernsehen hatte man über Jahrzehnte den Landsleuten 'drüben' die Möhre vom Einkaufsparadies hingehalten, vom Wohlstand für alle. Konsumismus, Kohls Versprechen von den "blühenden Landschaften", war der Köder, der ihm und der CDU den größten Wahlsieg seit Adenauer bescherte. Natürlich ist es zutiefst verständlich, dass Menschen, die jahrelang warten mussten auf ein technisch inferiores Auto, sich im Laden mit einem eingeschränkten Warenangebot bzw. sich im Urlaub mit Bulgarien oder Ostsee begnügen mussten und Platten mit anständiger Musik nur auf dem Schwarzmarkt bekommen konnten, vom besseren Leben träumten und dieses bessere Leben verbanden mit eben jenem Konsum. Käme die D-Mark nicht zu den Menschen, dann kämen die Menschen zur D-Mark, so hieß es. Ein Massenexodus! Nicht auszudenken! Nun, der Massenexodus hat in der Folgezeit so oder so stattgefunden, wenn auch nicht schlagartig.

Die schnelle Währungsunion schaffte jene Fakten, die der westdeutschen Wirtschaft zu einem riesigen Boom verhalfen, den konkurrenzfähigen Teilen der ostdeutschen Wirtschaft den schnellen Todesstoß verpassten und dem frisch vereinigten Land die bis dahin größte Staatsverschuldung aufbrummten. (Nein, Stopp! Schulden machen immer nur die Linken. Konservative tun grundsätzlich nur das, was nötig ist.) Schnell brach die Zeit der Glücksritter an, die die Kapitalismus-Neulinge nach allen Regeln der Kunst über den Tisch zogen. Es ist ein Treppenwitz der Geschichte, dass exakt jene politischen Kräfte, die sich heute am lautesten gegen eine europäische Transferunion stemmen, damals die bis dato größte Transferunion aller Zeiten ins Werk gesetzt haben.

Die Bürgerrechtsbewegung, die maßgeblich zum Sturz des DDR-Regimes beigetragen hatte, und die danach Ideen entwickelte, wie es weitergehen kann, wurde von Kohl und Konsorten mit populären, aber nicht zu haltenden Versprechungen vom Wohlstand für alle schnell beiseite gewischt. Mahnende Stimmen wurden als unpatriotische Miesmacher und Nestbeschmutzer gebrandmarkt. Ebenso verlogene wie opportunistische Konservative, die noch ein Jahr zuvor den Gedanken an Wiedervereinigung als utopische Träumerei bezeichnet hatten, taten plötzlich so, als hätten sie ihr Leben lang für nichts anderes gekämpft. Die Bundestagswahl 1990 wurde flugs zum Plebiszit umgedeutet, was sie nicht war. Das alles hat maßgeblich zu dem verbreiteten Grundgefühl beigetragen, die Wiedervereinigung sei kein demokratischer Prozess gewesen, sondern von oben oktroyiert und dass 'die da oben' doch sowieso machen, was sie wollen. Es ist und bleibt die Ursünde von 1989/90, dass man Demokratie zwar gepredigt, aber aus Sicht vieler nicht praktiziert hat.

Nach wie vor spricht nichts dagegen, den 9. November zum zentralen Feier- und Gedenktag zu machen. Das Argument, dieser Tag sei zu belastet, weil sich an ihm auch die Reichspogromnacht jährt und man wolle doch schließlich ungetrübt feiern, ist dummes Gewäsch, denn genau darum geht es. Ob es einem passt oder nicht, bietet die Erinnerung an deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert eben nicht nur Anlass für ausgelassene Partys und kein anderer Tag im Jahr spiegelt das so genau. Daher wäre ein Feiertag, der ein wenig stiller ausfällt wegen der Schattenseiten, denen er auch gedenkt, alles andere als unangemessen. Der 3. Oktober ist vor allem eine Huldigung von Kohls großem Projekt von oben. Der 9. November hingegen würde neben anderem auch an ein paar Monate echter Demokratie erinnern, an die Menschen, die wirklich mutig waren, damals im Herbst 1989 und den 3. Oktober erst möglich gemacht haben.


Kommentare :

  1. Schön geschrieben. Ich denke auch, dass die Allermeisten beiderseits der Grenze mit offenen Grenzen, Reisefreiheit und konvertierbarer Währung zufrieden gewesen wären. Das mit der überhasteten Wiedervereinigung hatte wirklich etwas von diesen zeitlich begrenzten Sonderangeboten, wo man mit psychologischen Tricks dazu gebracht wird, einen eigentlich unnötigen Kauf zu am Ende dann doch nicht so günstigen Bedingungen zu tätigen. Bei näherem Hinsehen hätte man das niemals unterschrieben.

    Bei allem Verständnis für die empfundene Jetzt-oder-nie-Situation 89/90 hätte ich mir auch gewünscht, dass man die Sache unaufgeregter angegangen wäre. Schon wenn das mit dem Wechselkurs 1:1 nicht gewesen wäre, ginge es heute allen Beteiligten besser. Vor allem die schamlose Übers-Ohr-Hauerei und der Ausverkauf der neuen Bundesländer hätte in der Form wohl nicht stattgefunden.

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    1. Schade drum. Aber immerhin haben wir einen freien Tag davon..

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