Sonntag, 14. Oktober 2012

Westalgie: Das neue YPS ist da!

 
Meine Eltern hatten den Kampf irgendwann aufgegeben. Man muss sagen, dass sie schon damals keine mehr von denen waren, die Comics per se für jugendgefährdenden Schund gehalten haben. Sie selbst lasen hin und wieder gern Asterix und da fiel es natürlich schwer, das ganze Genre in Bausch und Bogen zu verteufeln. Die Sechziger waren schließlich vorbei. Außerdem pflegte sogar unser konservativer, aber schrulliger Lateinlehrer manchmal, lateinische Asterixhefte in seinen Unterricht einzubauen. Wer konnte da also kategorisch nein sagen? Mit einem Phänomen hatten sie dagegen fast immer ein Problem: YPS. Das Blatt war für sie Schund, weil es Arbeit machte. Das Zimmer eines Kindes, das sich jede Woche eines dieser Hefte kaufte, wies dank des beiliegenden Gimmicks bald einen Bestand an kleinteiligem, nicht funktionierendem, halb zusammen gebastelten Krimskrams auf, an den kein Flohmarkt der Welt so leicht herankam. YPS war ihnen ein schreibuntes Billigheft mit Kinderköder als Zugabe. Oder umgekehrt.

Andere sahen mit YPS gleich den Untergang des Abendlandes heraufdämmern. Wenn auch weniger wegen Verdummung der Jugend durch platte Bildergeschichten. Die Eltern eines meiner Grundschulfreunde waren ostpreußische Spätaussiedler und versuchten verzweifelt, meinen und den YPS-Konsum ihres Sohnemanns zu unterbinden mit der Begründung, wer diese Hefte kaufe, unterstütze den Kommunismus. Was wir damals par tout nicht verstanden, hatte sogar einen wahren Kern: Pif Gadget, das französische Vorbild für YPS, war ursprünglich aus einer Jugendzeitschrift der Kommunistischen Partei Frankreichs hervorgegangen.

Ach ja, die Gimmicks! Wer erinnert sich nicht an die 'Urzeit-Krebse'? In einem Heft gab es ein Tütchen mit getrockneter Brut, die in Salzwasser zu geben war, im nächsten folgte dann das Futter. Irgendwann war das Futter alle. Man war zu jung, um zu wissen, dass es sich bei den Tierchen nicht etwa um etwas besonderes und seltenes handelte, sondern um schnöde Salinenkrebschen (Artemia salina), die jede größere Zoohandlung als Lebendfutter für Zierfische feilhält. Auch wusste man bald nicht, was mit dem Einmachglas auf dem Fensterbrett geschehen sollte, in dem es so lustig wuselte. Das Gewusel war bald langweilig geworden und so ging meine Population den Weg der meisten im Lande, nämlich den in die örtliche Kanalisation. Spätestens die Kläranlage wird ihr Schicksal gewesen sein. Friede ihrer Asche. Oder ihrem Klärschlamm. Insgesamt war der beigelegte Kram von höchst unterschiedlicher Qualität: Es gab simples Product Placement wie martialische Spielfiguren ("Kriegsspielzeug!", wetterten friedensbewegte Eltern), offensichtlichen Schrott wie die als 'Abenteuer-Zelt' angepriesene, bodenlose Mülltüte und manchmal auch wirklich Originelles wie jene Presse, mit der sich eckige Eier herstellen ließen. Manchmal gab es sogar ernsthaft was zu lernen, wie mit den 'Solar-Zeppelin'.

Oft unerwähnt dagegen bleiben die Verdienste von YPS für die Entstehung einer eigenständigen deutschen Comicszene, die Mitte der Siebziger nicht existierte, abgesehen von den teils unsäglichen Versuchen eines Rolf Kauka. Die brillanten Disney-Übersetzungen einer Erika Fuchs und die hervorragende Asterix-Übersetzung Gudrun Penndorfs waren zwar in literarischer Hinsicht bedeutend, doch basierten sie eben auf Importware. YPS setzte nicht nur von Anfang an größtenteils auf Europäisches ('Pif', 'Percy Pickwick'), sondern bot auch Zeichnern und Autoren wie Heinz Körner und Peter Wiechmann Raum. Körner zeichnete alle 1.235 Folgen der Serie 'Yinni & Yan', die vom ersten bis zum letzten Heft kontinuierlich erschien. Auch wenn das hinterher meist in liebloses Gekritzel ausartete, bleibt das ein in Deutschland wohl unerreichtes Output. Und Peter Wiechmanns Versuche, mit spanischen Zeichnern unter anderem deutsche Geschichte im Medium Comic zu verarbeiten, waren echte Pioniertaten. Dass Druckqualität, Lettering und Colorierung teils unter aller Kritik waren, störte uns damals nicht.

YPS-Leserkarrieren waren zeitlich befristet. Wer ab einem gewissen Alter mit einen Gimmick wie dem 'schießenden Agenten-Wörterbuch' in der Schule gesichtet wurde, outete sich als infantiler Pubertätsverweigerer. So wurde das Blatt irgendwann uncool und eine neue Lesergeneration trat an. Für die Redaktion hatte das den Vorteil, dass man irgendwann keine neuen Gimmick-Ideen mehr brauchte, sondern einfach alles im Abstand von etwa vier Jahren recyceln konnte. 2000 schließlich war endgültig Schluss. Die Konkurrenz war zu stark geworden und alles schrillbunte Anbiedern an wechselnde Moden hatte nichts geholfen.

Nun wird YPS also als Lifestyle-Magazin für ein erwachsenes Publikum neu aufgelegt. Das ganze 100 Seiten stark, davon 25 Seiten Comics, auf Hochglanzpapier und natürlich mit Gimmick. Ich kann mir nicht helfen, aber solchen Revival-Versuchen haftet etwas miefig Generationgolfiges an. Hach, wisst ihr noch, damals, als unsere Eltern für uns dachten, es nur drei Programme gab, sich am Samstag nach dem Baden die Familie vor dem Fernsehen versammelte, als das Gras grüner, die Welt noch in Ordnung war, sich und man als Höhepunkt der Woche sein Taschengeld zum Zeitschriftenhändler trug, um sich das neue Heft zu besorgen? Weil die Macher das wissen, heißt es so konsequent wie selbstironisch auf dem Titel: "Eigentlich sind wir doch schon erwachsen". Als Gimmick gibt es, klar doch, Urzeit-Krebse. Dieses Mal ist das Futter aber schon dabei.

Entschuldigung, aber wer braucht das? Wahre Nostalgiker und Sammler haben auf Comic-Börsen oder via Ebay längst ihre alten Sammlungen vervollständigt bzw. wieder beschafft. Und wer als Comicfan YPS' Verdiensten um die deutsche Comic-Kultur huldigen möchte, kann das auch anders tun: Die alten Wiechmann-Comics zum Beispiel, gibt es längst als solide gearbeitete Neuausgaben ohne die nervige Colorierung.

Das Ganze ist eine dieser Schnurren, für die sich ernsthaft eigentlich nur Leute begeistern können, die desto unreflektierter ihre Kindheit und Jugend idealisieren, je älter sie werden. Und die deutlich zu viel Geld haben. Die westliche Variante der Ostalgie eben. Nicht allzu schlecht, dass das Blatt schon am Veröffentlichungstag vergriffen war. So bin ich gar nicht erst in Versuchung gekommen.


Kommentare :

  1. Ich selbst bin auch mit YPS groß geworden - und die Neugierde trieb auch mich in den Kiosk. Ausverkauft - überall. Das war sogar dem Spiegel einen Bericht wert (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/yps-neues-heft-fast-ausverkauft-a-861213.html).

    Als ich aber erfahren habe, dass da dann diese vermalledeiten Urzeitkrebse drin sind, habe ich meine Kaufabsichten aber aufgegeben.

    Fällt denen echt nix Neues ein? Nach all den Jahren? Und, was will ein Mit-Vierziger mit Urzeitkrebsen?

    Billig! Bis auf den Preis.

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    1. In der Tat, könnte sein, dass ich bei was Originellem zum Basteln a.ä. auch schwach geworden wäre, aber, wie gesagt, der Preis...

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    2. Ein fluoreszierendes Kondom (habe ich mal in dem Film Skin Deep gesehen) bspw. wäre doch mal was gewesen! :P

      Ist ja schließlich für Erwachsene.

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    3. Gabs doch auch schon mehrfach - wenn auch unter irreführendem Namen (war ja schließlich für Kinder):
      http://www.ypsfanpage.de/hefte/gross/yps0109.jpg

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  2. Antworten
    1. Keine Ahnung, ich vermute demnächst als Gimmick...

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    2. Da hätte ich vorher lieber noch das Periskop zum um die Ecke Schauen. Das war nämlich mein erstes Gimmick, aber der eine Spiegel war wellig, man konnte mit dem Ding also nichts sehen, es war alles total verschwommen.

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