Dienstag, 9. Oktober 2012

Wir Sparweltmeister


Der Deutsche spart gern. Notfalls auch sich und andere, wenn schon nicht zu Tode, dann wenigstens krank. Am Beispiel der Magen- und Darmerkrankungen wegen des nicht einwandfreien Schulessens, das der Massenabfütterer, pardon: Caterer Sodexo geliefert hatte, lässt sich sehr schön studieren, was für Billigheimer und Schnäppchenjäger die Deutschen mehrheitlich sind und in welchem Maße Essen bei uns als notwendiges Übel zum Bauchvollmachen gilt und daher als lästiger Kostenfaktor begriffen wird, der unbedingt zu optimieren ist. Das wirtschaftlichste Angebot sei zu wählen, heißt es bei öffentlichen Ausschreibungen immer. Da geht dann schon mal unter, dass im Fall Sodexo die Kosten, die die medizinische Behandlung der mehreren tausend betroffenen Kinder verursacht, alle vermeintlichen Spareffekte an anderer Stelle locker wieder zunichte machen. Auch ob es vielleicht keine Frage der Wirtschaftlichkeit ist, Kindern anständiges Essen vorzusetzen, sondern eine Frage der Selbstachtung einer Gesellschaft, die sich so gern für zivilisiert hält, wird nicht so gern diskutiert.

Genuss im Hier und Jetzt vielen Deutschen eh zutiefst suspekt. Wenn der Weltspartag überhaupt noch irgendwo zelebriert wird, dann nirgends ehrfürchtiger als hierzulande. Kinder bekommen vom Sparkassenonkel Sparbüchsen geschenkt und eingetrichtert, dass Taschengeld zum Sparen da ist und man gefälligst möglichst viel davon zur Bank zu tragen hat. Für später. Dass eine Bank aber kein überdimensionales Sparschwein ist und ein Sparbuch eine Geldanlage, mit dem zu einem für den Anleger lachhaften Zins weiteres Geld generiert wird, verschweigt man dem Sparernachwuchs in der Regel. Zu meiner Grundschulzeit wurden an diesem Tag übrigens noch die Sparerfolge und -misserfolge der Klasse öffentlich gemacht und die, die wenig oder nichts gespart hatten, der allgemeinen Lächerlichkeit preisgegeben. Auch so lassen sich Kinder verbiegen.

Nicht zufällig ist Deutschland das Mutterland der Bausparkassen. Einfach so einen Hypothekenkredit aufnehmen? Gott bewahre! Erst einmal muss jahrzehntelang gespart werden! Das höchste der Gefühle, das der Deutsche sich gestattet, ist eine Art geschäftliches Verhältnis zum Genuss: So kehren nicht wenige Wanderer und Trekker in Ausflugsgaststätten ein mit den Worten, das Stück Kuchen, die halbe Bier hätten sie sich jetzt aber ehrlich erwandert. Denn es mal krachen lassen darf nur, wer sich das erst einmal erarbeitet hat, gnattert der Deutsche gern schmallippig. Also sparen, sparen, wo es geht. Ist nichts mehr da zum sparen, ist's auch egal, es wird trotzdem gespart. Für später. Man kann schließlich nie wissen.

Für später. Das ist der Killersatz, mit dem immer noch alle Kritiker zum Verstummen gebracht werden können. Mit dem Versprechen auf die leuchtende Zukunft, die als Lohn ihm winkt für das Kargen in der Gegenwart lässt der Deutsche sich jede Zumutung unterjubeln und sich dankbar über jeden Leisten ziehen. Die Mächtigen wissen das natürlich genau. Arbeitgebervertreter, die zum Maßhalten und zu Lohnverzicht aufrufen, ernten damit nicht etwa Protest, sondern stoßen weithin auf Verständnis – sie wollen doch nur sparen, die Ärmsten, das ist doch nichts Schlechtes! Wegfall von Sozialleistungen und öffentlichen Dienstleistungen funktioniert wunderbar, sofern man es dem Michel nur überzeugend genug erklärt. Und überzeugend geht in der Regel so: Ja, das sei sicherlich nicht schön vorübergehend, aber wenn dann, später einmal, alle wieder Arbeit hätten dank dieser gewiss schmerzhaften Einschnitte, dann, ja dann bräche das Paradies an. Wer da widerspricht, gilt als maßlos. Und undankbar.

Natürlich ist es sinnvoll, Maß zu halten. Sich jeden Tag mittels Alk die Birne wegzubrezeln zum Beispiel, hat nichts mehr mit Genuss zu tun. Das macht auf lange Sicht nicht nur süchtig und doof, sondern auch die Leber platt. Und weil Transplantate nicht in der Apotheke auf Halde liegen, erweist vorübergehender Verzicht sich meist als segensreich. So wie auch gegen eine gewisse, zweckgerichtete Sparsamkeit im Privathaushalt weiß Gott nichts einzuwenden ist. Die beste Waschmaschine, das solideste Auto pflegt irgendwann den Löffel abzugeben und da ist es geradezu ein Gebot der Vernunft, beizeiten etwas an die Seite zu legen, sofern man sich das leisten kann. Man wäre schön blöd, wenn man anders verführe. Etwas völlig anderes ist es jedoch, wenn Sparsamkeit bis hin zum Geiz zum Selbstzweck wird, zum ausgewachsenen und alleinigen Lebensinhalt. Nicht zufällig ist Deutschland auch das Mutterland der Discounter, in dem Blätter wie 'Aldi informiert' Auflagen erzielen, von denen selbst der Springer-Konzern nur träumen kann. Nur hier konnte eine Werbekampagne mit der Überschrift 'Geiz ist geil!' Kultstatus erlangen. Billig ist zum unhinterfragten Wert an sich geworden. In kaum einem anderen Land dürfte es mehr Menschen geben, die, anstatt Sinnvolles mit ihrem Leben anzufangen, genüsslich die Prospekte, mit denen ihnen ungefragt der Briefkasten zugemüllt wird, nach dem billigsten Sonderangebot durchstöbern.

Sicher, es ist die freie Entscheidung jedes einzelnen, freiwillig auf dem Lebensstandard eines buddhistischen Bettelmönchs zu existieren. Problematisch ist nur, dass wer bei sich selbst verkrampft auf jeden Cent schielt, dazu neigt, das auch bei anderen zu tun. In einer Atmosphäre allgemeiner Sparsamkeit gedeihen daher Missgunst, Kleinlichkeit und Denunziantentum aufs Schönste. Warum soll ein anderer sich gönnen, was ich selbst mir so heldenhaft verkneife? Was ich nicht brauche, das braucht der erst recht nicht! Wehe dem Migranten, egal welcher Generation, der es wagt, im BMW auf dicke Hose zu machen und Deutschland nicht für das großartigste Land der Welt zu halten! Und Schande über die allein erziehende, von Hartz IV lebende Mutter von nebenan, wenn sie es wagt, sich - von unserem Geld! - etwa einen Lippenstift zu kaufen.

Jämmerlich und nichtswürdig ist in ihren Augen, wer irgendwofür unnütz Geld ausgibt. Erst recht, wenn's um Lebensmittel geht. Es ist ihnen nicht begreiflich zu machen, dass zum Beispiel der Konsum einheimischer Bio-Ware weniger mit Luxus oder einer Art Reinheitswahn zu tun hat (Pestizide sind auch im Bio-Landbau in Maßen erlaubt), sondern vor allem mit Wertigkeit und fairen Preisen für Erzeuger. Wer das lachhaft findet, sieht auch kein Problem darin, Schulessen für Kinder mit zirka zwei Euro pro Steppke und Tag zu kalkulieren, im Gegenteil: Was, zwei Euro für Schulessen? Ravioli und Erbsensuppe aus der Dose für 79 Cent machen doch schließlich auch satt! Meist sind dann Hartz-IV-Empfänger gut genug, um als Totschlagargument herzuhalten: Die könnten sich solch dekadenten Bio-Luxuskram schließlich nicht leisten, die Armen. Ob man die etwa dazu zwingen wolle?

Dass mithilfe der chemischen Industrie zusammengepanschter Billigfraß aber auf Dauer krank macht und das so schlau beim Lebensmitteleinkauf gesparte Geld somit woanders wieder drauf geht, das will den sich so gewitzt dünkenden Sparfüchsen nicht einleuchten. Die einfache Rechnung, dass alles seinen Preis hat und dass immer jemand zahlen muss für ihre Sparerei, ist ihnen ein komplettes Rätsel. Entweder zahlen sie selbst, weil Ramschware meist schneller kaputt geht oder andere, die mit Hungerlöhnen und menschenunwürdigen Lebensbedingungen die niedrigen Preise erst möglich machen. Der Gipfel der Verlogenheit ist erreicht, wenn solche Sparweltmeister auch noch kulturpessimistisch herumjammern, es stehe schlimm um Deutschland, denn es gäbe ja heutzutage immer weniger kleine Bäckereien, Metzgereien und keine braven Handwerker mehr, um im nächsten Satz von den sensationellen Preisen in den SB-Theken der Discounter zu schwärmen.

Auch Diäten übrigens erfreuen sich ungebrochener Popularität, egal wie oft und schlüssig Ernährungswissenschaftler erklären, dass die allermeisten davon komplett sinnlos sind, wenn nicht gar kontraproduktiv. Man fragt sich, ob es wirklich nur Eitelkeit ist, die dahinter steckt, die Sehnsucht nach einem schlanken, attraktiven Körper oder ob da nicht auch klammheimliche Freude an der Selbstkasteiung eine Rolle spielt. Auch bei den Kalorien lässt sich schließlich sparen. Vater, vergib mir, denn ich habe geprasst! Ich habe mich gehen lassen, hatte gar Freude am üppigen Essen! Der masochistisch anmutende Spaß, den viele dabei zu finden scheinen, sich von gussstahldrahtigen Ernährungs- und Lebensberatern zusammenfalten und sich die traurige Bilanz ihres verpfuschten Lebens um die Ohren hauen zu lassen bzw. sich das im Fernsehen anzuschauen, legt diesen Schluss jedenfalls nahe.

Die Lust der Deutschen am Knausern und daran, sie anderen aufzuzwingen, erklärt wohl auch die nach wie vor hohe Popularität neoliberalen Gedankenguts und am Ende auch die Umfragewerte einer Angela Merkel. Allenthalben wird auf sie geschimpft und an ihr herumgemeckert, aber für den Spruch von der schwäbischen Hausfrau wird sie insgeheim geliebt. Dass echte Auseinandersetzung im Sinne von Kontroverse, also lästiges Denken, in der politischen Klasse weitgehend abgeschafft wurde, ist nicht so wichtig, denn der Deutsche hat es nicht nur gern sparsam, sondern ebenso gern gemütlich. Aber das mit der schwäbischen Hausfrau, das versteht der deutsche Schnäppchenjäger sofort. Kohorten von Volkswirten können ihm mit Engelsgeduld und -zungen erklären, dass Sparen in der Krise nichts bringt, er stampft mit dem Fuß auf und bleibt dabei, dass man keinesfalls mehr ausgeben dürfe, als man einnimmt, das sei doch völlig logisch.

Eines ist gewiss: Bräche morgen der dritte Weltkrieg aus oder hätte die Wissenschaft bewiesen, dass die ollen Maya recht hatten und am 21.12. uns allen definitiv das letzte Stündlein schlägt, egal ob wir brav waren oder nicht, dann würden nicht wenige Deutsche trotzdem noch einen Sparvertrag abschließen, eine Diät anfangen, mit dem Rauchen aufhören oder mit dem Sporttreiben anfangen. Damit sie es später einmal besser haben.


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