Montag, 5. November 2012

Mit Blindheit geschlagen


Eltern, die aus ihren Kindern anständige Menschen machen wollen, versuchen den Kleinen in der Regel auch beizubringen, dass sie Fehler eingestehen sollen. Wer Mist gebaut hat, möge gefälligst das Rückgrat haben, dazu zu stehen und sich zu entschuldigen. Weil alle Menschen früher oder später einmal daneben greifen im Leben, ist das nur menschlich und man kommt meist glimpflicher davon, als wenn man versucht, das mit einem stetig wachsenden Lügengebäude zu vertuschen. Das erweist sich auch im späteren Leben nicht nur als anständiges, sondern meist auch als kluges Vorgehen, auch wenn es oft Mut erfordert.

Ab einer gewissen Besoldungsstufe im Öffentlichen Dienst, einer gewissen Fallhöhe in der Politik und ab einer gewissen Gehaltsklasse in der Privatwirtschaft gilt das offenbar nicht mehr. In diesen Sphären ist es wohl ein allgemein akzeptiertes Verhalten, Fehler, die, wenn man sie schon nicht selbst begangen, so aber doch zu verantworten hat, zu vertuschen und zu leugnen. Immer schön an den Pensionsanspruch denken. Verantwortung? Nein, das kann mir nicht zugemutet werden! Man kann schließlich nicht immer wissen, was jeder einzelne in dem Laden, dem ich vorstehe, den ganzen Tag so treibt. Es gab mal weniger politisch korrekte Zeiten, da nannte man so was schlicht Feigheit. Diese sauberen Eliten ahnen vermutlich gar nicht, wie schlagartig sie im Ansehen steigen würden, wenn auch nur einer der Großkopferten ein Mal ganz gerade heraus, ohne Wenn und Aber eingestehen würde, gewaltigen Schlamassel angerichtet zu haben, zu erklären, wie sehr er sich dafür schäme und sich bei allen, die unter den Folgen seiner Fehler zu leiden haben, aufrichtig entschuldigte.

Man weiß nicht, worüber man verärgerter und beschämter sein soll, angesichts des kompletten Versagens der Behörden beim Umgang mit der NSU-Mordserie: Über das kollektive Wegsehen von Politik und Behörden. Über die jämmerlichen Ausreden derer, die sich Verantwortliche nennen. Über den Verfassungsschutz, der zwar zahlreiche V-Leute positioniert hatte, aber mit deren Informationen offenbar nichts anfangen konnte oder wollte. Oder über Innenminister Friedrich, den obersten Dienstherren der Ermittlungsbehörden. Man soll nichts unterstellen, aber seinen Verlautbarungen zufolge scheint ihn das, was das Ausland über eine exportorientierte Nation wie Deutschland denken könnte, weit mehr zu sorgen als die menschliche Seite der neun Tragödien. Der, als die Fragen immer unbequemer wurden, lieber Panik schürte vor der angeblich drohenden Asylbewerberschwemme aus Serbien und Mazedonien, verbunden mit der Idee, denen gleich mal die Kohle zu kürzen. Auch die Medien haben sich nicht mit Ruhm bekleckert: Wenn sie nicht gleich sprachliche Ungeheuerlichkeiten wie 'Döner-Morde' und 'Türken-Mafia' kritiklos übernahmen, so glänzten sie auch sonst nicht eben durch überbordende Neugierde und gaben vielfach lieber die offiziellen Verlautbarungen aus Pressekonferenzen wieder. Oder müsste man sich nicht am meisten erregen über die kalte Gleichgültigkeit so großer Teile der Bevölkerung, die das nicht im geringsten zu stören scheint? Denn Kritik an Staat und Behörden ist sicher angebracht, aber auch gefährlich gemütlich:

"Nach der großen Empörungswelle verfallen wir jetzt in eine Guido Knopp-Bequemlichkeit. Der Fernseh-Historiker hat mit seinen Hitler-Dokumentationen in den vergangenen Jahren viel dafür getan, dass wir heute glauben, eine kleine Gruppe Nazi-Monster sei allein schuld an Massenmord und Zweiten Weltkrieg. Mit uns Deutschen hatte der Holocaust aber nichts zu tun.
Wer die Berichterstattung über den NSU verfolgt, muss auch glauben: Mit uns Deutschen hat der rechte Terror nichts zu tun. Verantwortlich sind allein Polizei und Geheimdienst." (Christian Fuchs)
Man muss nicht andauernd die Leier vom Staat bemühen, der auf dem rechten Auge blind ist, aber wenn irgendwo ein wirrer Soziopath ein paar Autos abfackelt – was nicht schön und erst recht nicht in Ordnung ist! – dann sehen Minister, Polizeipräsidenten und ungezählte brave Bürger die Weltrevolution vor der Tür stehen und schreien nach Durchgreifen. Man stelle sich den hektischen Aktionismus vor, der wohl auf allen Ebenen der Staatsgewalt ausbrechen würde, wenn eine linksgerichtete Terrorzelle Anschläge auf Manager und Politiker verüben würde. Die Erfahrung zeigt, dass bei den zuständigen Behörden kaum ein Stein auf dem anderen geblieben und auch das Geld für riesige Fahndungsaktionen kein Problem wäre. Erst recht mag man sich lieber nicht vorstellen, was los gewesen wäre, wenn eine islamistische Gruppe eine Reihe von Morden verübt hätte. Wenn aber eine durchgeknallte Nazibande jahrelang unbehelligt eine Blutspur durch die Republik zieht wie Bonnie plus zwei Mal Clyde und neun Menschen aufgrund ihrer nichtdeutschen Herkunft einfach abknallt, dann plötzlich ist Ruhe die erste Bürgerpflicht.

Weil die meisten Opfer durch Kopfschüsse oder Schüsse ins Gesicht ermordet wurden, glaubten Polizei, BKA und LKAs viel zu lange, die Taten könnten nur von Angehörigen derselben ethnischen Gruppe kommen. Dass nicht nur Türkischstämmige erschossen wurden, sondern eines der Opfer aus Griechenland stammte, war für die Meisterdetektive offenbar nicht so wichtig. Ist ja eh alles Rotlichtmilieu und Balkan-Mafia. Angeblich sollen es amerikanische Ermittler gewesen sein, die ihren im Dunkeln tappenden deutschen Kollegen am Rande eines Kongresses den heißen Tipp gaben, zur Abwechslung auch unter Deutschen zu fahnden, die erklärtermaßen etwas gegen Ausländer haben.

Deutschland hat in der Tat ein Rassismusproblem. Dabei ist der offene Rassismus der 15-20 Prozent Betonköpfe im Lande noch nicht einmal das größte Problem – diese Pfosten sind mit ihren schlichten Parolen wenigstens irgendwie berechenbar, könnte man zynisch sagen. Mindestens genau so schlimm, wenn nicht gar schlimmer, sind jene Millionen, die sich selbst für gebildet, weltoffen, sozial und liberal halten, es aber keineswegs sind. Alltagsrassismus fällt für sie unter Meinungsfreiheit und jeder, der es nicht zu dem Lebensstandard gebracht hat wie sie, ist eben selbst schuld, es hat doch schließlich jeder eine Chance bei uns. In diesen Kreisen wird gern über 'Gutmenschen' und 'Multikulti-Spinner' schwadroniert, wie man dort überhaupt unsensibles, menschenverachtendes und asoziales Gerede für ein Zeichen abgeklärter Intelligenz hält. Die Rassismusdebatte in Deutschland erscheint ihnen heillos überzogen, denn in anderen Ländern sei das alles noch viel schlimmer. Wer so denkt, kommt auch schon mal auf die Idee, Thilo Sarrazin für einen bedeutenden Denker zu halten, der doch nur Wahrheiten ausspricht.

Was das auch sonst für Blüten treibt, kann man unter anderem ermessen, wenn man zum Beispiel Jutta Allmendingers 'Schulaufgaben' liest: Darin beschreibt sie unter anderem, wie ein bayerischer Grundschullehrer einem türkischstämmigen Schüler mit guten Noten die Gymnasialempfehlung verweigert, den mittelmäßigen, aber 'urdeutschen' hingegen durchwinkt mit der Begründung, bei seinem Elternhaus werde das schon klappen. Der freundliche Lehrer, der es gewiss nicht böse meint, wird kein Einzelfall sein. In so einem Klima blüht dann eben auch jene Borniertheit, die die Behörden jahrelang blind sein ließ für die Möglichkeit, die Morde könnten auch rassistisch motiviert gewesen sein.

Böhnhardt, Mundlos, Zschäpe – das geht halt leichter von den Lippen als Özüdoğru, Taşköprü, Kιlιç, Turgut, Yaşar, Boulgarides, Kubaşik und Yozgat.

Vergessen wir nicht, dass es türkische Kulturvereine und Gemeinden waren, die im April und Juni 2006 mit Schweigemärschen in Kassel und Dortmund der Toten gedachten und an die Behörden appellierten, es nicht zu einem zehnten Mordopfer kommen zu lassen. Damit haben sie das Thema erstmals in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Seien wir ihnen dankbar für diese zivilgesellschaftliche Tat. Und ringen wir uns endlich zu der Erkenntnis durch, dass nicht acht Türken und ein Grieche ums Leben kamen, sondern neun unserer Mitmenschen und Mitbürger ermordet wurden. Das wäre ein kleiner, ein allererster Schritt.



Kommentare :

  1. Vielen Dank für diesen Artikel. Ich finde es genial, wie Du solche Sachen immer auf den Punkt bringst. Weiter so!

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    1. Danke sehr! Und klar habe ich vor, so weiter zu machen. Was denn sonst...?

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  2. Deutschland hat in der Tat ein Rassismusproblem.
    Dem ist nichts hinzuzufügen. Danke dir.

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  3. All die Werte, die wir bei einer angemessenen und ausgewogenen Erziehung, unseren Kindern beibringen - Fairness, Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit, Anstand, Rücksichtnahme, Verständnis und so weiter - werden von unseren sog. Leistungsträgern belächelt. Wer erwachsen ist und immer noch an diese Werte glaubt, wird als hängengeblieben und rückständig bewertet. Im Berufsleben gilt ab sofort: Leistung, Wettbewerb, Eigennutz, Egoismus, moralische Flexibilität, Konkurrenzdenken und so weiter - genau das Gegenteil von dem, was uns unsere Eltern jahrelang beibringen wollten.

    Kein Wunder, dass wir eine seelisch kranke Gesellschaft sind.

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