Freitag, 21. Dezember 2012

Endlich wird durchgegriffen


Endlich, endlich greift mal jemand durch. Endlich macht jemand mal ernst damit, den Sumpf der Korruption in diesem Land trocken zu legen. Einer muss ja schließlich damit anfangen. Dieser Lorbeerkranz gebührt der Hamburger Stadtreinigung. Die hat nämlich jetzt in einer internen Broschüre klar gestellt, dass Müllfahrer nur Geschenke von Kunden annehmen dürften, wenn diese eindeutig als Werbeartikel erkennbar seien bzw. sie einen Wert von zwei Euro nicht überstiegen. Das gilt ausnahmslos. Nur zu Weihnachten – man ist ja kein Unmensch, nicht wahr? – wurde das Limit auf einen Wert von zehn Euro angehoben. Aber nur dann, "wenn das Zurückweisen der Zuwendung als Unhöflichkeit anzusehen ist.", heißt es weiter.

Damit das auch ja nicht missverstanden wird, bekommen die Fahrer in der Vorweihnachtszeit Karten mit auf den Weg, die sie bestechungswilligen Kunden überreichen sollen. Auf denen ist ein lächelndes Strichmännchen abgebildet mit den Worten: "Trinkgeld? Da nich' für!" Weiter: "Ihre Zufriedenheit mit unserer Dienstleistung freut uns sehr! Ihr Lob und Ihr Dank zählt jedoch mehr als ein Trinkgeld." Und schließlich: "Als Mitarbeiter des Öffentlichen Dienstes wollen und dürfen wir keine Geldgeschenke annehmen." Recht so! War es nicht Geldgier, die die Welt maßgeblich in die Finanzkrise gestürzt hat? Da ist es doch ein schönes Zeichen, dass gestandene Männer, die jeden Monat fürstliche 1.500 bis 1.700 Euro netto für ein bisschen Tonnenschieben kassieren, freiwillig mit gutem Beispiel voran gehen.

Klar, Müllfahrer bekommen solch fürstliche Saläre bekanntlich eh nur dafür überwiesen, dass sie den ganzen Tag faul auf dem Bock rumsitzen. Überhaupt: Man male sich einmal aus, was für Millionenvorteile sich kriminelle Subjekte über all die Jahre erschlichen haben müssen, indem sie die Müllwerker mit absurd teuren Geschenken für, sagen wir – nur als Beispiel jetzt – elf Euro bestochen haben. Das konnte wirklich nicht so weitergehen. Würde sich nämlich einer der Müllmänner wegen finanzieller Zuwendung erweichen lassen, neben der Tonne auch noch einen Müllsack mitzunehmen, so das Dezernat Interne Ermittlungen (DIH) der Stadt Hamburg zur Begründung, dann entstünde der Stadt schließlich ein Schaden, weil die Entsorgung des Sacks kostenpflichtig sei und der Stadt so Einnahmen entgingen. Weiterhin sei der Grundsatz der Gleichbehandlung der Amtsträger zu berücksichtigen, denn städtische Kanalarbeiter bekämen auch kein Trinkgeld. Glücklich das Land, das noch Stadtverwaltungen hat, die die Augen offenhalten!

Bei Ärzten zum Beispiel sieht die Sache naturgemäß ganz anders aus: Die stehen bekanntlich nicht auf der finanziellen Sonnenseite des Lebens und nähren sich seit Jahrzehnten mühsam von den kärglichen Brosamen, die sie bei den Krankenversicherungen abrechnen. Wenn da nicht mal ein großzügiger Pharmareferent mit einer kleinen Aufmerksamkeit einspringen würde, dann wüssten die womöglich überhaupt nicht mehr, wie sie ab der Hälfte des Monats über die Runden kommen sollen. Gut, dass die Richter am BGH gezeigt haben, dass sie noch ein Herz haben und ihnen nicht auch noch diesen bescheidenen Zuverdienst genommen haben.

Natürlich ist das nicht öffentlicher Dienst, aber es sollte doch möglich sein, das Trinkgeldverbot bitte auch auf Hotels, Gastronomie und Friseursalons auszuweiten. Eine Verkäuferin, die den ganzen Tag im Laden steht, bekommt schließlich auch kein Trinkgeld dafür, dass sie ihren Job macht, oder? Kann man bitte nicht wenigstens Briefträger und Zeitungsboten dazu verdonnern, die Trinkgelder, die sie Ende des Jahres kassieren, wenigstens zu versteuern? Das ist doch voll unfair.

Jetzt mal ernsthaft: Hat sich in Hamburg irgendjemand je beschwert darüber, dass die Müllfahrer zum Jahresende ein wenig zusätzlich bekommen? Jeder, der sich noch nicht alle Mitmenschlichkeit hat abtrainieren lassen, sieht, welchen Job die Müllabfuhr, die Postzusteller und Zeitungsboten Tag für Tag bei jedem Wetter machen und dürfte ihnen, wenn er schon selbst nichts gibt bzw. geben kann, das kleine Zubrot von Herzen gönnen. Um das Problem mit der Ungleichbehandlung zu lösen, hätte man beispielsweise eine Trinkgeldkasse einrichten können, aus der auch Kanalarbeiter und Friedhofsgärtner etwas bekommen hätten. Jede Wette, die Müllfahrer hätten aus Solidarität mitgemacht.

Maßnahmen wie die der Hamburger Stadtreinigung mögen formaljuristisch ja völlig rechtens sein, doch offenbart sich darin wieder einmal die Fratze einer Gesellschaft, in der millionenschwere Arbeitsplatzvernichter fette Abfindungen kassieren, in der Milliarden an Steuergeldern in absurden Bauprojekten versenkt werden, aber keinem Geringverdiener mehr auch nur die Butter auf dem Brot gegönnt wird.

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