Donnerstag, 27. Dezember 2012

Gewollt, nicht gekonnt


Wie sich an Tobi Baumanns 'Zwei Weihnachtsmänner' (2008) das Elend deutschen Komödienschaffens studieren lässt.

So was kann vorkommen in diesen Tagen: Nach einem guten Essen in froher Runde schlägt jemand vor, noch eine DVD zu schauen. Aus drei Gründen habe ich nicht protestiert, als der 2008 zuerst auf SAT 1 ausgestrahlte Zweiteiler 'Zwei Weihnachtsmänner' eingeschoben wurde: Erstens mochte ich nicht immer nein sagen, zweitens war es länger her, dass ich mir aktuelleres Komisches aus deutschen Landen in Spielfilmlänge angetan habe und drittens hasse ich Vorurteile. Wozu auch das gehört, dass das Buch über deutschen Humor zu den dünnsten der Welt gehöre. Zudem auch sonst einiges für den Film spricht: Die Hauptrollen spielen Christoph Maria Herbst und Bastian Pastewka, die beide was können und sich in der Regel für allzu plumpen Schenkelklopf-Humor zu schade sind. Das Drehbuch ist von Tommy Jaud, dessen Roman 'Millionär' ich zwischendurch zur Seite legen musste, weil ich vor Lachen nicht weiterlesen konnte. Alles in allem keine schlechten Voraussetzungen. Der Film dauert zwei Mal neunzig Minuten. Nach einer halben Stunde musste ich gegen den Schlaf ankämpfen.

Die Handlung ist eng angelehnt an John Hughes' 'Ein Ticket für zwei' (1987) mit Steve Martin und John Candy: Der als Unternehmensberater tätige Anwalt Tilman Dilling (Herbst) und der pummelige Schwimmzubehör-Vertreter Hilmar Kess (Pastewka) – wer denkt sich eigentlich immer diese Namen aus? – fliegen kurz vor Weihnachten von Wien nach Berlin. Dilling ist gerade dabei, eine Wiener Lebensmittelfirma zu sanieren, will heißen: 78 Menschen zu entlassen, und wird von seiner Familie daheim sehnlichst erwartet. Kess will seiner langjährigen Freundin zum Fest endlich einen Heiratsantrag machen. Dummerweise wird der Flug wegen Schneetreibens nach Bratislava umgeleitet, von wo aus die Passagiere dann per Zug nach Berlin kommen müssen. Hilmar weiß nicht, dass seine Freundin dabei ist, sich von ihm zu trennen, weil er sein Leben nicht auf die Reihe bekommt. Das Fass zum überlaufen bringt, dass der Vermieter der gemeinsamen Wohnung die Schlösser ausgetauscht hat, weil Hilmar verbaselt hat, die Miete rechtzeitig zu überweisen. Aber auch Tilman ist nicht klar, dass seine Frau bereits auf dem Sprung ist, die Scheidung einzureichen, weil er als Familienmensch ein Totalausfall ist. Die Zugfahrt verläuft, wie vieles, anders als erwartet und so gerät das ungleiche Paar auf eine mehrtägige turbulente Odyssee durchs verschneite Tschechien.

Nein, es muss im Film genauso wenig immer sentimental, tiefschürfend oder sozialkritisch zugehen. So wie Charaktere nicht immer mehrfach gebrochene Gestalten sein müssen und auch mal eindimensional angelegt sein dürfen. Wer immer nur gehobenen Näschens auf Hochgeistigem besteht, holt sich damit vor allem einen runter auf sein Bildungsbürgerseinwollen und nervt. Schlichtes Ablachen geht völlig in Ordnung. Macht man eh viel zu selten. Auch der Anspruch der Macher, dem weihnachtlichen Gefühlsdusel auf allen Sendern eine Klamotte entgegenzusetzen, ist durchaus sympathisch. Wenn's gut gemacht ist, kein Problem. 'Zwei Weihnachtsmänner' ist das aber leider nicht. Dass das Unterfangen scheitert, liegt nicht an Darstellern und Regie.

Denn man kann nicht sagen, dass alles schlecht ist. Im Gegenteil, der Film hat seine positiven Seiten: Es geht über weite Strecken nicht allzu rührselig zu, zwischendurch sogar makaber, die Drehorte sind schön in Szene gesetzt, die Actionszenen solide gemacht und einige Gags funktionieren durchaus. Die beiden Hauptdarsteller machen das, was sie am besten können, und das gar nicht mal übel: Herbst gibt höchst überzeugend und ohne zu sehr in den Stromberg-Modus zu verfallen das arrogante Leistungsträger-Arschloch, das für alles eine Excel-Tabelle hat und der Meinung ist, alle Welt habe sich gefälligst so zu bewegen, wie er das geplant hat. Pastewka ist wieder einmal das tapsige Riesenbaby, das mit staunenden Augen in die Welt schaut, für die es viel zu gut ist und dem angesichts ihrer Zumutungen schon mal die Tränen kommen. Auch die Nebenrollen sind gut besetzt. Vor allem Armin Rohde legt als heruntergerockter Weihnachtsmann eine sehenswerte Neuauflage seines legendären Debüts als 'Bierchen' in Sönke Wortmanns 'Kleine Haie' hin.

Daran liegt es also nicht. Das Problem ist vielmehr, dass die ganze Chose unendlich langweilig ist. Für bestimmte Filmgenres gibt es ja so etwas wie eiserne Regeln: In Weihnachtsfilmen sitzen zum Schluss alle nach diversen Irrungen und Wirrungen beim Festschmaus in der festlich erleuchteten Stube beieinander und alles ist gut. Im so genannten Buddy Movie sind zwei gegensätzliche Typen, die sich nicht ausstehen können, gezwungen, ein Team zu sein und lernen nach anfänglicher Feindseligkeit die Vorzüge des Anderen nach und nach schätzen. Im Roadmovie schließlich steht die Reise der Figuren auch für deren innere Entwicklung. Am Ende der Fahrt sind sie andere geworden, oft Geläuterte.

'Zwei Weihnachtsmänner' ist keines von dreien, sondern alles auf einmal. Das ginge ja noch, wenn die Konflikte, in denen die Figuren stecken, nicht schon nach zehn Minuten fest stehen würden, anstatt sich nach und nach zu entfalten. Das spart zwar lästiges Konzentrieren, macht die Angelegenheit aber so vorhersehbar, dass in keinem Moment auch nur ein Fünkchen Spannung aufkommt. Spätestens mit dem Beginn des Schlamassels auf dem Bahnhof in Bratislava ist sonnenklar, wie die Sache hinterher ausgehen wird. Herbst und Pastewka können sich noch so sehr ins Zeug legen, Kamera und Regie Gas geben wie sonstwas, das Drehbuch kann das Duo in eine aberwitzige Situation nach der anderen stolpern lassen, man weiß genau: Am Ende wird Tilman den sorgenden Familienvater in sich entdeckt haben und die österreichischen Arbeiter natürlich nicht entlassen, Hilmar wird seine Freundin doch noch kriegen und alle werden miteinander Weihnachten feiern. Und ein Blick zur Uhr verrät, dass man sich dafür noch zweieinhalb Stunden wird gedulden müssen.

Exakt so kommt es: Der linkische Softie lernt, seine Komfortzone, wie Dilling das nennt, auch mal zu verlassen und für sich zu kämpfen. Dilling erkennt, dass Hilmar zwar manchmal nervt, aber durchaus seine Qualitäten hat und dass etwas von seiner Spontaneität, Menschenliebe und Herzlichkeit auch ihm guttun würde. So rauscht dann schließlich der zum Weihnachtsmann mutierte Schlipsträger in das Krankenhaus, in dem Hilmars frisch gebackene Ex Dienst schiebt und hält ein flammendes Plädoyer für den Verstoßenen. Umgekehrt preist Hilmar im Schneemannskostüm Dilling bei dessen Familie als famosen Ehemann und Vater an, der's halt nur nicht immer so zeigen kann. Weil Mutti Dilling leiderleider keinen Gänsebraten vorbereitet hat, wird halt sechs mal Pizza Gans bestellt (haha), bevor dann, ganz ausgelassen und spontan, zur Schneeballschlacht geschritten wird. Nicht aber, bevor die beiden Weihnachtsmänner noch ihre künftige geschäftliche Zusammenarbeit besiegelt haben. War's das schon oder kommt noch ein Sahnehäubchen oben drauf?

Vermutlich, um mehr Werbespots unterbringen zu können, hat die Produktionsfirma Brainpool diese Posse auf zwei mal neunzig Minuten aufgeblasen. So gerät 'Zwei Weihnachtsmänner' zur echten Geduldsprobe. Weil der Stoff für drei Stunden nicht reicht, verliert die die Handlung sich oft in Witzchen über rachsüchtige Osteuropäer, tschechische Straßenstriche und unfreiwilliges Rumgeschwule. Die, für die eine Komödie nichts weiter ist als eine lose Aneinanderreihung von Gags, werden das vielleicht voll witzig finden. Denjenigen, die bei einer Komödie, wie bei jedem Film, gern einen Spannungsbogen hätten, offenbart sich das ganze Elend deutschen humoristischen Filmschaffens: Potenzial ist da. Man hat gute Darsteller, leidlich gute Gags, gute Ideen und man hat Leute, die so was professionell stemmen können. Leider will man aber zu viel von allem, vor allem will man zu viel Sendezeit voll machen, und daran scheitert's dann.

Nein, früher war nicht alles besser, aber in Loriots Halbstünder 'Weihnachten bei Hoppenstedts' steckt in gut dreißig Minuten mehr an Witz, Anarchie und Bosheit als in einhundertachtzig Minuten dieses Brimboriums.


Kommentare :

  1. Den Plot von "Ein Ticket für zwei" hat übrigens auch Paul Harather bereits 1997 für seinen Film "Weihnachtsfieber" adaptiert. Auch hier ist der Ausgang der Story von vornherein vorhersehbar, Inszenierung und Darsteller machen aber was durchaus recht witziges draus.

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    1. Das mag sein, nur dauert 'Weihnachtsfieber' eben auch nur 96 Minuten und nicht 180 wie das Weihnachtsmann-Opus von SAT 1. Da ist die Wahrscheinlichkeit geringer, dass Langeweile aufkommt.

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