Mittwoch, 19. Dezember 2012

Mein Unwort 2012


Machen wir einmal eine kleine Rechnung auf: Angenommen, ein heute Sechundzwanzigjähriger hat etwas geschafft, das immer weniger Menschen hierzulande gelingt: Er befindet sich in einem unbefristeten Vollzeit-Beschäftigungsverhältnis. Nehmen wir weiter großzügigerweise an, er verdient dort zehn Euro die Stunde, also deutlich mehr als die vorgeschlagenen gesetzlichen Mindestlöhne. Bei einer tariflichen monatlichen Arbeitszeit von, sagen wir, 160-165 Stunden macht das am Monatsende 1.600-1.650 € brutto. Bei Steuerklasse 1 bleiben davon nach Abzug von Steuern und Sozialabgaben etwa 1.100-1.160 € netto übrig.

Nehmen wir weiter an, es gelönge dem braven Mann, diesen oder einen genau so bezahlten Job bis zu seinem 67. Lebensjahr zu behalten, ohne länger arbeitslos zu sein – was ebenfalls unwahrscheinlich ist heutzutage. Dann bekäme er, nach heutiger Kaufkraft, 43 Prozent seines Nettoeinkommens als monatliche Rente ausgezahlt. Das macht bei 1.100 € netto exakt 473 € im Monat (bei 1.160 € sind es ein paar Euros mehr). Nehmen wir ferner an, unser braver Arbeitnehmer ist des Rechnens mächtig und so schlau gewesen, beizeiten eine private Vorsorge abzuschließen. Um seine Rentenlücke zu schließen, hat er sich eine Riesterrente verkaufen lassen, für die er von seinem eh schon knappen Einkommen noch einmal zirka 50 Euro abzweigt. Dann käme er im Alter auf den alten Rentensatz von 60 Prozent des letzten Nettoeinkommens, was immerhin 660 Euro im Monat entspräche.

Nun ist diese Rechnung natürlich eine Milchmädchenrechnung, denn viele wären mittlerweile froh und dankbar, wenn sie finanziell so gut gestellt wären wie unser fleißiger Arbeitnehmer und können daher von einer Rente von 473 bzw. 660 € im Monat nur träumen. Daher muss man sich schon fragen, wie heftig Menschen wie Dorothea Siems, die neoliberale Gutelaunetröte der WELT, eigentlich mit dem Klammerbeutel gepudert sein müssen, um unhinterfragt Subjekte zu zitieren wie Achim Wambach, den Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats des Bundeswirtschaftsministeriums und Axel Börsch-Supan, der die vom Ministerium in Auftrag gegebene Studie zur Altersarmut federführend betreute.

Börsch-Supan hält die Angst vor Altersarmut nämlich für völlig überzogen, vielmehr habe die andauernde Debatte darüber "diesen extremen Pessimismus ausgelöst […], der im krassen Gegensatz zur Wirklichkeit" stünde. Aha. Nur: Wenn der oben konstruierte Fall nicht Altersamut ist, was ist es bitteschön dann? Achim Wambach legt dann noch einen drauf, indem er meint, nicht etwa die Absenkung des Rentenniveaus sei Ursache von Altersarmut, sondern – Achtung, jetzt kommt’s! – "unzureichende Erwerbsbiografien". Respekt, Herr Wambach! Mit diesem an Perfidie schwer zu toppenden Knaller haben Sie, spät, aber immerhin, mein persönliches Unwort des Jahres 2012 geliefert. Was auch nicht weiter überrascht, wenn man einen Chef hat wie den Chef der notorischen Lieferantenpartei. Der fand ja auch, so war zu hören, der von Kollegin von der Leyen (CDU) in Auftrag gegebene Armutsbericht enthielte "Linksrhetorik pur".

Es ist natürlich nur Spekulation, aber als nächstes lässt dieses Ministerium, das sich die Welt gern so macht, wie sie ihm gefällt, vermutlich verlauten, dass es zu solch 'unzureichenden Biografien' käme, liege nur an viel zu hohen Löhnen. Wie gesagt, reine Spekulation, aber überraschen würde auch das nicht mehr wirklich.

Apropos Pippi Langstrumpf: Was muss man da von Familien-Krissi hören? Wenn die ihrer Tocher Lotte als Kinderbuchklassikern von Lindgren oder Ende vorliest, dann spielen sich, wie der SPIEGEL aufdeckte, geradezu unglaubliche Szenen ab:
"Wenn etwa Pippi Langstrumpfs Vater Efraim als "Negerkönig" bezeichnet werde oder Jim Knopf als "Negerbaby", dann werde sie dies bei ihrer Tochter Lotte "synchron übersetzen, um mein Kind davor zu bewahren, solche Ausdrücke zu übernehmen. Auch ohne böse Absicht können Worte ja Schaden anrichten", sagte sie der Wochenzeitung "Die Zeit". Wenn das Kind älter sei, würde sie erklären, "was das Wort 'Neger' für eine Geschichte hat und dass es verletzend ist, das Wort zu verwenden". 
Wie bitte? So viel Multikulti-Political-Correctness-Gutmenschen-Geschmuse mitten im Herzen des deutschen Konservativismus? Und was muss man da noch lesen? Statt 'Der liebe Gott' könne man auch 'Das liebe Gott' sagen? Feministischer Sprachfrevel auch noch! Sofort feuern, die Frau! Am Ende kommt dieses latent linksgrüne Weibsstück noch auf die Idee, die Verfassungstreueprüfung für Initiativen gegen rechts wieder abzuschaffen. Nicht auszudenken!


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