Samstag, 15. Dezember 2012

Politik per Panikmache


Eine alte Weisheit der Machtpolitik geht in etwa so: Will man ein Volk wirklich beherrschen, dann muss man ihm Angst machen, ihm das Gefühl geben, bedroht zu sein. Dann lassen sich auch die absurdesten Präventions- und Überwachungsmaßnahmen als leider, leider notwendiges Übel verkaufen. Und viele machen inzwischen brav mit. Wir sind geradezu besessen von Prävention. Um unserer biologischen Uhr um jeden Preis ein paar zusätzliche Jahre abzuringen, sind wir bereit, auch noch die absurdesten Dinge widerspruchslos zu schlucken. Das muss nicht auf Politik beschränkt sein.

Apropos schlucken: Ein schönes, wenn auch noch vergleichsweise harmloses Beispiel ist der meist unwidersprochen nachgeplapperte Imperativ, jeden Tag mehrere Liter Wasser in sich hineinzugießen. Naive Zeitgenossen mögen immer gedacht haben, Gott der Dicke habe uns einst den Schaltkreis mit dem Durstgefühl ins zentrale Nervensystem gelötet, eben damit wir nicht dehydrieren. Und siehe da, die Menschheit hat bis zum heutigen Tage hervorragend überlebt, indem alle dann etwas getrunken haben, wenn sie Durst hatten. Neinnein, ganz falsch!, wedeln die schlauen Forscher da mit ihren Studien. Wer nicht mindestens zwei Liter täglich trönke, egal ob er nun durstig sei oder nicht, dem haue weit vor dem letzten Stündlein Gevatter Hein die Eieruhr um die Ohren wegen anhaltender Dürre. Ich will als medizinischer Laie auch gar nicht bestreiten, dass es Indikationen gibt, die die Zufuhr mehrerer Liter Flüssigkeit pro Tag nötig machen. Ich glaube aber auch, dass Otto Normalbürger, wie in den Jahrtausenden zuvor, immer noch wunderbar damit fährt, einfach auf die Signale seines Körpers zu hören.

Es könnte ja was passieren! Was da alles passieren kann! Nicht auszudenken, was passiert, wenn da was passiert! Muss denn erst etwas passieren? - So tönt es vorauseilend vonseiten jener, die ihre Profession darin sehen, um den Preis einer winzigen, theoretischen Risikominimierung mithilfe teils erschreckend vorläufiger Studien den Menschen in ihr Alltagsleben hineinzuregieren. Das Wassertrinkgebot jedenfalls dürfte in erster Linie den Erzeugern kohlensäurefreier Flaschenwasser nebst ihren Komplizen von der Zunft der PET-Flaschenfabrikanten genützt haben. Davon, dass es unter bestimmten Umständen sogar gefährlich sein kann, zu viel Wasser zu trinken, redet jedenfalls kaum jemand.

Ferner gibt es Mietnomaden in diesem Land. Das sind Leute, die sich in Wohnungen einmieten, diese verwahrlosen lassen, niemals Miete zahlen und irgendwann, nach der soundsovielten Mahnung, auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Das ist zweifellos nicht schön, und wer je als Vermieter unter ihnen zu leiden hatte, wird verständlicherweise jegliche Maßnahme begrüßen, die solchen Leuten das Leben schwer macht. Nur: Sind Mietnomaden wirklich ein solches Massenphänomen, dass der Bundestag das Mietrecht verschärfen muss, um das Problem in den Griff zu bekommen? Ist es nicht vielmehr so, dass Vermietung eine Art Investment ist und somit prinzipiell mit einem Risiko verbunden? Ist es nicht mehr zumutbar, dass es, neben einem unternehmerischen Risiko und dem, dass ein Kredit oder sonst eine Geldanlage auch platzen kann, auch eines gibt, mit Mietern Pech zu haben?

Die Beispiele häufen sich in erschreckender Weise: So siedeln in deutschen Fußballstadien so genannte Ultras. Die sind ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite sorgen sie für ordentlich Stimmung in der Bude, auf der anderen Seite benehmen sie sich manchmal eben nicht. Eine ihrer schlimmsten Angewohnheiten ist die Verwendung so genannter Begalos. Jener pyrotechnischen Gerätschaften, mit denen sich in den Visionen der Panikmacher ein unschuldiges Fußballstadion in einen lodernden Höllenpfuhl verwandeln lässt, in dem massenhaft Unschuldige einen jämmerlichen Feuertod finden können.

Eine schöne Einzelleistung in diesem Zusammenhang lieferte Johannes B. Kerner. Der hielt in einer  Sendung einem Kleiderständer einen brennenden Bengalo an die Klamotten und plädierte angesichts des erschröcklichen Resultats für ein totales Verbot. Hätte er einer niedlichen Babypuppe einen handelsüblichen Chinaböller an die Glommse geklebt und gezündet, dann hätte sich damit genauso gut ein völliges Verkaufsverbot von Feuerwerksartikeln zu Silvester begründen lassen.

Man kann wirklich sagen, dass DFB und DFL in den letzten Jahren vieles richtig gemacht haben. Dank des fortlaufenden Dialogs der Ligafunktionäre mit Polizei und Fans ist ein Stadionbesuch in einem Erst- oder Zweitligastadion in der Regel eine friedliche und sichere Sache, und das auch noch zu meist sehr sozialverträglichen Preisen. Die Wahrscheinlichkeit, von lärmenden Ultras behelligt oder gar von ihrer Pyrotechnik versengt zu werden, geht für die, die sich nicht im selben Block aufhalten, fast gegen Null. Hinzu kommt, dass es normalerweise so gut wie unmöglich ist, Karten für einen dieser Blöcke zu bekommen. Es ist bislang nichts passiert, und das ist gut so. Es ist in Ordnung, sich Gedanken zu machen über Verbesserungen bestehender Sicherheitskonzepte, aber das ist etwas anderes, als ohne Not Bestimmungen aufs Geratewohl zu verschärfen, damit ja keine theoretische Möglichkeit ausgeschlossen bleibt.

Und schließlich: Bombenterror in Bonn. Sicher, die Vorstellung, was die Folgen gewesen sein könnten, wenn das Ding hochgegangen wäre, sind alles andere als schön. Man würde dann auch nicht in der Haut der Verantwortlichen für die Sicherheit stecken mögen. Die könnten nur  ihrer Betroffenheit Ausdruck  verleihen und darüber reflektieren, dass öffentliche Ordnung eben immer eine Gratwanderung sei zwischen verständlichem Sicherheitsbedürfnis einerseits und persönlicher Bewegungsfreiheit des Einzelnen andererseits.

Sicher, man kann sagen, jaja, ich hätte fein reden und könne mir über den Lachs streichen, aber wenn mir einmal etwas passieren würde, dann sähe ich das sicher anders. Richtig, ich kann nicht sagen, wie es mir gehen würde, wenn ein Mensch, der mir nahe steht, schwer verletzt oder gar zu Tode kommen würde wegen so einer Bombe. Aber eines müsste ich bei allem Schmerz letztlich eingestehen: Leben ist lebensgefährlich und eine über 80 Millionen zählende Bevölkerung vor jedweder Gefahr beschützen zu wollen, ist ein illusorischer, nicht einzulösender Anspruch. Anders gesagt: Shit happens. Das Beispiel England zeigt, dass auch ein flächendeckender Einsatz von Überwachungskameras in einem Ausmaß, wie er bei uns (noch) unvorstellbar scheint, kaum ein Verbrechen verhindert. Unter dem Strich trägt eine Hysterie, wie um die Bonner Bombe entfacht wurde, nur dazu bei, dass rassistische Stereotype sich vertiefen. Wenn jener elfte September uns eine Lektion gelehrt haben sollte, dann dass es gaga ist, in Schockstarre auf rauschebärtige Turban- und Kaftanträger zu starren, weil die wahren Verbrechen von unauffälligen, perfekt angepassten, höflichen jungen Männern begangen werden, die immer ihre GEZ-Gebühren pünktlich gezahlt haben.

Man muss gelegentlich daran erinnern, dass die Zahl der auf dem Boden der Bundesrepublik Deutschland durch islamistischen Terror ums Leben gekommenen Menschen bislang exakt null beträgt. Und die Wahrscheinlichkeit, dass es einen trifft, ist weit geringer als die, in einem Krankenhaus an einer Infektion durch resistente Keime zu sterben oder an einem ärztlichen Kunstfehler. Oder leider auch, dass Kinder von einem weißen, christlichen Durchgeknallten im Schutzraum Grundschule hingemetzelt werden.



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