Montag, 3. Dezember 2012

Sex nervs!


Mit Ausnahme des mit Kunstanspruch aufgeplusterten Pirelli-Kalenders, waren Erotik-Kalender mit mehr oder minder leicht bekleideten jungen Frauen traditionell eher etwas für die Innenseiten von Spindtüren und die Wände von Autowerkstätten. Seit Nigel Coles Filmkomödie Kalender Girls von 2003 ist hingegen nichts mehr so wie es einmal war. In dem Film sagt sich bekanntlich eine Runde gereifter Damen aus einer englischen Kleinstadt: Was Pirelli kann, das können wir auch. Die Ladys beschließen daraufhin, sich für einen Kalender in erotischen Posen fotografieren zu lassen und den Verkaufserlös einem guten Zweck zukommen zu lassen. Das war zweifellos eine witzige Idee. Hartnäckig hält sich das Gerücht, die Werbeindustrie sei eine kreative Branche. Dass das offensichtlich ein Gerücht, ist, lässt sich leicht daran erkennen, dass  der größte Teil der Branche ist den lieben langen Tag mit nichts anderem beschäftigt scheint, als erfolgreiche Ideen irgendwo abzukupfern.

Seitdem sind nämlich quer durch die Republik alle möglichen Vereine auf die Idee gekommen: Was die Kalender Girls können, das können wir auch und zogen massenhaft blank. Männlein wie Weiblein aller möglichen Profession, von A wie angehenden Akademikern über J wie Jungbauern, V wie Verkäuferinnen bis zu Z wie Zahnarzthelferinnen, brachten auf einmal erotische Kalender heraus. Nur ein gnädiges Schicksal hat es wohl bislang verhindert, dass sich nicht auch die keuschen Damen vom Karmelitinnenstift in Knödlingen für karitative Zwecke nackig gemacht haben. Mochten die ersten dieser Kalender noch originell gewesen sein, dann war es der Hundertste garantiert nicht mehr.

Einem weiteren Gerücht zufolge, handelt es sich bei Aachener Printen um ein zum sofortigen Verzehr bestimmtes Lebensmittel. Generationen von Zahnärzten haben sich wegen dieses zählebigen Irrglaubens schon goldene Nasen mit Kronen und Inlays verdient. Kenner der Materie wissen, dass die Aachener Printe in ihrer an Panzerplatten gemahnenden Urversion ihre wahre Bestimmung vor allem bei der Zubereitung des weltbesten Sauerbratens findet. Ein paar von den glasharten Prengeln zerkleinert (eine Hydraulikpresse leistet da eventuell gute Dienste) zum Schluss an die Sauce gegeben und zehn Minuten verkochen gelassen, derweil man das Fleisch tranchiert, verleiht der Sache nicht nur die nötige Bindung sondern auch ein unnachahmliches, süßlich-würziges Aromenbukett. Vorausgesetzt, man verwendet Qualitätsware ohne Süßstoffe, künstliche Aromen und andere Ferkeleien. Ist kein Witz, probieren Sie's aus.

Würde man mich nun aber fragen, welche zehn Produkte ich spontan mit Begriffen wie 'sexy' oder  'knisternde Erotik' verbinde, dann würden Aachener Printen mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht unter den Top Ten landen. Im Gegenteil: Printen sind eine traditionelle, auf angenehme Weise betuliche, saisonale Spezialität, die ein wenig vom Muff der juten alten Zeit umweht ist. Manchmal hat man so was nicht ungern. Beim Aachener Printenmagnaten Lambertz, so etwas wie das Microsoft seiner Zunft, fand man diesen Gedanken offenbar so unerträglich, dass man daran ging, das verstaubte Image seiner Produkte ein wenig aufzupeppen. Dabei herausgekommen, ist – naaa? – richtig! Ein Erotik-Kalender! Und so posiert nun unter anderem Model Eva Padberg mit wenig an, um auch dem brettharten Backwerk ein erotisches aufgeladenes Image zu verleihen. Grundgütiger!

Sex sells! Sex sells!, quaken die Werbefritzen bei so was gern unreflektiert: Der mächtigste Urtrieb des Menschen sei eben eine unschlagbare Verkaufshilfe. Man verpasse einem beliebigen Produkt ein sexy Image und es werde weggehen wie warme Semmeln. Das mag gestimmt haben, so lange so etwas noch einen Hauch von Ausnahmecharakter, von Grenzüberschreitung hatte und für Aufsehen sorgte. Seitdem das aber alle machen, kräht kein Hahn mehr nach sowas und es verkehrt sich leicht ins Gegenteil: Haben sich diese unkreativen Fuzzis in ihrer Phantasielosigkeit schon einmal überlegt, dass Erotik zwar wirklich etwas Schönes ist, aber definitiv aufhört, etwas Schönes zu sein, wenn sie einem durchschnittlich 300 Mal pro Tag in allen erdenklichen Formen, Größen, Farben und Varianten mitten ins Gesicht geklatscht wird? Im Gegenteil: Wenn ich auf so was zunehmend genervt reagiere, dann bestimmt nicht, weil ich verklemmt wäre oder so was skandalös fände. Nein, ich fühle mich als Mann langsam beleidigt, dass Leute zu denken scheinen: Halten wir den schwanzgesteuerten Kerlen halt ein paar Nackerte vor die Nase, und wenn das nicht hilft, irgendwas mit fickificki, dann schalten die ihr Großhirn aus und kaufen das schon.

Die glücklicherweise wieder gelegentlich für den Guardian schreibende Julie Burchill hat es einmal sehr gut getroffen: Wenn Leute offensiv mit Sexualität hausieren gehen, dann sollte man sich davon nicht beeindrucken lassen und erst recht nicht neidisch werden. Vielmehr kann man davon ausgehen, dass etwas gewaltig nicht stimmt. Wenn das Paar von nebenan es für alle sichtbar quer durch Haus und Garten miteinander treibt, dann soll das wohl bedeuten: Hey, wir sind zwei ganz Wilde, die es ordentlich krachen lassen. In Wahrheit bedeutet das aber nur: Wir können so wenig miteinander anfangen, dass wir solch peinliche Indezenz nötig haben, damit sich überhaupt noch was tut.



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