Mittwoch, 31. Oktober 2012

Rückkehr des Großen Kürbis


Es ist wieder so weit: Das Fest des großen Kürbis ist da. Von bizarr bis gruselig herausgeputzte Kinder erpressen von den Nachbarn Süßigkeiten und nicht minder zurecht gemachte Erwachsene strömen in Scharen zu Halloween-Partys, auf denen sie die Nacht zum Tage werden lassen, um den folgenden Morgen des stillen Allerheiligen-Tages in gebührender Wortkargheit zu begehen. Schließlich sind auch die Supermärkte seit einiger Zeit nicht nur voller Weihnachtsgebäck, sondern auch voller Horror-Zubehör. Das gefällt nicht allen. So bezieht zum Beispiel in Polen die katholische Kirche mutig Stellung gegen das satanische Fest, an dem Okkultismus und Zauberei gehuldigt werde. Auch hierzulande ist man auf der Hut: Weil gewisse, sehr deutsche Dödel sich nicht nur in jeder freien Minute auf Traditionen besinnen, sondern auch sonst voll kritisch durchblicken, ist man in diesen Kreisen schwer um die einheimische Kultur besorgt. Von amerikanischem Kulturimperialismus wird da gern gemoppert. Müssen wir denn wirklich immer alles mitmachen, was von dort kommt? Und überhaupt sei das doch alles eh nur Kommerz und jappjappjapp.

Samstag, 27. Oktober 2012

Unser langer Lauf von uns weg


Vieles wäre wohl einfacher, wenn die wackeren Athener, die einst den persischen Invasoren eins auf die Mütze verpasst haben, eine Brieftaube zur Hand gehabt hätten. Oder ein Pferd. Aber nein, der Überlieferung zufolge mussten sie ja unbedingt einen antiken Urahnen von Dieter Baumann, Haile Gebrselassie und Achim Achilles per pedes losjagen, die freudige Nachricht in der Hauptstadt zu verkünden. Ein stinknormaler Soldat wäre das vermutlich in aller Ruhe angegangen, hätte nichts überstürzt und sich unterwegs, sobald er außer Sichtweite gewesen wäre, vielleicht ein paar Mezedes und einen Schoppen Retsina gegönnt. Irgendwann am Abend wäre er ganz entspannt beim Bürgermeister aufgeschlagen, hätte ausführlich Bericht erstattet, einen Orden dafür bekommen und sich auf der Siegesfeier noch schön einen hinter die Binde gekippt. Weil sich der athenische Oberstratege aber zielsicher einen hyperaktiven Sportfanatiker für den Job ausgeguckt hat, wäre die Sache beinahe schief gegangen: Der Typ hatte nichts besseres zu tun, als unvernünftigerweise die ganze Strecke ohne Pause in der prallen Sonne im Dauerlauf herunterzuprügeln. Das ist ihm bekanntlich nicht gut bekommen: Am Ziel brach er entkräftet zusammen. "Gewonnen!", das war sein letztes Wort und aus war's mit ihm. Die Schlacht überlebt und sich hinterher ohne Not zu Tode gerannt - geht es noch dümmer? Seine vorletzten Worte werden wohl gelautet haben: "Muss... mich... noch... besser... motivieren... motivieren!" Oder so ähnlich.

Donnerstag, 25. Oktober 2012

Bezahlstudium durchgefallen


Mit Studiengebühren ist es ein wenig wie mit dem Falschparken: Die mit den dicken Autos schmerzt ein Knöllchen kaum, während es beim geringverdienenden Parksünder sehr wohl ein Loch ins Monatsbudget zu reißen vermag. Berücksichtigt man die soziale Herkunft der Studierenden in Deutschland, dann dürften 500 Euro Studiengebühren pro Semester, was gut 83 Euro pro Monat entspricht, für die Mehrheit nichts Unzumutbares gewesen sein. Sie denen zu erlassen, die sich das wirklich nicht hätten leisten können, wäre kein Problem gewesen. Die hätten ein sehr genaues Instrument in der Hand gehabt, ihre Bedürftigkeit zu unter Beweis zu stellen: Ihren BAFöG-Bescheid. Denn mit dem weisen angehende Akademiker eine Prüfung darüber nach, dass die Familie finanziell nicht in der Lage ist, das Studium des Sohnes oder der Tochter adäquat zu stemmen.

Sonntag, 21. Oktober 2012

Willkommen im Mainstream, Homiez!


HipHop war vielleicht die dominierende Jugendkultur der letzten 15, 20 Jahre. Für Menschen, die qua eigener Sozialisation irgendeine Form von Rockmusik und einigermaßen normal geschnittene Hosen bevorzugen, war diese Zeit eine schwere Prüfung. Jugendliche, die im Englischunterricht keinen einzigen geraden englischen Satz über die Lippen bekamen, fuchtelten mit den Armen, machten unter obskuren Fingerverrenkungen einen auf Ganzböserjunge und parlierten dazu fließend kryptische Fachausdrücke in annähernd jenem Idiom, das ihnen doch eigentlich ein komplettes Rätsel war. Sie waren enttäuscht, wenn der Jugendrichter es wegen Dauerkiffen und/oder Graffittisprüherei bei einer Ermahnung beließ oder ihnen Sozialstunden aufbrummte, anstatt sie, wie ihre US-Vorbilder in den Knast zu stecken. Dazu trugen sie Kleidung, die sie in jedem anderen Jahrhundert vermutlich als Angehörige des fahrenden Volkes der Gaukler ausgewiesen hätte.

Samstag, 20. Oktober 2012

Das deutsche Doktoren-Desaster


Keine Ahnung, was an den Plagiatsvorwürfen gegen Annette Schavans Doktorarbeit im einzelnen dran ist. Man müsste sich im Detail damit befassen. Die Heftigkeit der Ad-Hominem-Anwürfe gegen den unter Pseudonym vorgehenden Plagiatsjäger Robert Schmidt legen jedenfalls den Verdacht nahe, dass da möglicherweise ein wunder Punkt getroffen wurde. Wie alles, so hat auch das Problem ihrer Doktorarbeit zwei Seiten. Annette Schavan, damals 25, schloss ihr Studium in Düsseldorf nicht mit Magister oder Diplom, sondern direkt mit der Promotion ab. Man erinnere sich, wie das damals war, mit der eigenen Abschlussarbeit: Man wollte/musste das Ding endlich fertig kriegen, steckte vielleicht in einer kleinen Sinnkrise und der Erwartungsdruck war hoch. 1980 waren Computer noch etwas für Ingenieure, vom Internet und seinen Möglichkeiten hatte noch niemals jemand gehört. Eine Doktorarbeit war damals, realistisch betrachtet, in den meisten Fällen etwas, das im Zweifelsfall nur ein sehr kleiner Personenkreis jemals zu Gesicht bekommen würde.

Dienstag, 16. Oktober 2012

Stating The Obvious


Die Bundesagentur für Arbeit ist ein sehr großer Laden. Dort gibt es viele Abteilungen. Eine davon heißt wahrscheinlich: 'Sonderarbeitsgruppe', nein, 'Task Force' klingt cooler: 'Task Force zum Herausfinden offensichtlicher Dinge' oder so ähnlich. Sollte das so sein, dann hat diese Truppe jetzt einen echten Coup gelandet: Die haben nämlich eine Allensbach-Umfrage in Auftrag gegeben, und die Demoskopiefüchse haben – wahrscheinlich dank der Anschaffung neuer, hypermoderner Computer –  herausgefunden, dass viele Deutsche wenig schöne Vorurteile gegenüber Hartz-IV-Empfängern hegen:

Sonntag, 14. Oktober 2012

Westalgie: Das neue YPS ist da!

 
Meine Eltern hatten den Kampf irgendwann aufgegeben. Man muss sagen, dass sie schon damals keine mehr von denen waren, die Comics per se für jugendgefährdenden Schund gehalten haben. Sie selbst lasen hin und wieder gern Asterix und da fiel es natürlich schwer, das ganze Genre in Bausch und Bogen zu verteufeln. Die Sechziger waren schließlich vorbei. Außerdem pflegte sogar unser konservativer, aber schrulliger Lateinlehrer manchmal, lateinische Asterixhefte in seinen Unterricht einzubauen. Wer konnte da also kategorisch nein sagen? Mit einem Phänomen hatten sie dagegen fast immer ein Problem: YPS. Das Blatt war für sie Schund, weil es Arbeit machte. Das Zimmer eines Kindes, das sich jede Woche eines dieser Hefte kaufte, wies dank des beiliegenden Gimmicks bald einen Bestand an kleinteiligem, nicht funktionierendem, halb zusammen gebastelten Krimskrams auf, an den kein Flohmarkt der Welt so leicht herankam. YPS war ihnen ein schreibuntes Billigheft mit Kinderköder als Zugabe. Oder umgekehrt.

Mittwoch, 10. Oktober 2012

Fragen, en passant


Wenn man vom Kinderkriegen einmal absieht, braucht man in diesem Land für so ziemlich alles irgendeine Bescheinigung (mit Stempel!), die belegt, dass man auch qualifiziert ist. Wer per Kfz, Krad oder Brummi die Gegend unsicher machen will, braucht dazu, klar, einen Führerschein. Das eine oder andere wiwawichtige Staatsexamen muss vorweisen, wer beruflich als Doc, Pillendreher, Rechtsverdreher oder Kinderverdreher, a.k.a. Lehrer, sein Unwesen treiben will. Will man seine Mitmenschen durch das Führen eines potenziell bissigen Vierbeiners behelligen, dann müssen Herrchen und Brutus zuerst eine entsprechende Prüfung ablegen. Erst recht dürfen Träger von Knarren, Wummen, Ballermännern etc. nicht unexaminiert in die Weltgeschichte entlassen werden. Sogar wer eine leitende Position im Universum eines bekannten amerikanischen Bullettenbräters anstrebt, tut gut daran, an der einschlägigen Uni brav seine Scheine gemacht zu haben. Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen, aber es sollte klar geworden sein, wovon die Rede ist.

Dienstag, 9. Oktober 2012

Wir Sparweltmeister


Der Deutsche spart gern. Notfalls auch sich und andere, wenn schon nicht zu Tode, dann wenigstens krank. Am Beispiel der Magen- und Darmerkrankungen wegen des nicht einwandfreien Schulessens, das der Massenabfütterer, pardon: Caterer Sodexo geliefert hatte, lässt sich sehr schön studieren, was für Billigheimer und Schnäppchenjäger die Deutschen mehrheitlich sind und in welchem Maße Essen bei uns als notwendiges Übel zum Bauchvollmachen gilt und daher als lästiger Kostenfaktor begriffen wird, der unbedingt zu optimieren ist. Das wirtschaftlichste Angebot sei zu wählen, heißt es bei öffentlichen Ausschreibungen immer. Da geht dann schon mal unter, dass im Fall Sodexo die Kosten, die die medizinische Behandlung der mehreren tausend betroffenen Kinder verursacht, alle vermeintlichen Spareffekte an anderer Stelle locker wieder zunichte machen. Auch ob es vielleicht keine Frage der Wirtschaftlichkeit ist, Kindern anständiges Essen vorzusetzen, sondern eine Frage der Selbstachtung einer Gesellschaft, die sich so gern für zivilisiert hält, wird nicht so gern diskutiert.

Montag, 8. Oktober 2012

Frau Gouvernante erklärt den Arbeitsmarkt


Wer das schon einmal versucht hat, weiß, dass es in der Tat frustrierend sein kann, im Rahmen von Berufsberatung und Bewerbungstraining mit Menschen konfrontiert zu sein, die dem Arbeitsleben in herziger Naivität gegenüber stehen. Vor allem im akademischen Umfeld sind sie zu finden. Schmerzhaft kann es zuweilen sein, solche Menschen auf den Boden gewisser Realitäten zurückzuholen und ihnen zu begreiflich zu machen, dass ihre beruflichen Vorstellungen in der gegenwärtigen politisch-gesellschaftlich-wirtschaftlichen Großwetterlage bestenfalls für einen Minijob oder ein nettes Taschengeld reichen werden. Ein Paradebeispiel sind jene, die angeben 'was mit Medien' oder 'was mit Menschen' machen zu wollen, ohne sich weitere Gedanken zu machen, wie das konkret aussehen soll.

Mittwoch, 3. Oktober 2012

Grenzerfahrungen in der Konsumgesellschaft


Als einigermaßen erfahrener, geradezu abgestumpfter Angehöriger der Konsumgesellschaft meint man ja leicht, nur noch schwer zu schocken zu sein. Manchmal aber, da kommt man auch mit einigen Jahren auf dem Buckel in Situationen, die einen in ein vertracktes Dilemma bringen oder einem gar echte Grenzerfahrungen bereiten können.

Irgendwann im Herbst letzten Jahres kam mir ein Artikel in die Quere über ein bis dahin so gut wie unbekanntes Duo zweier junger Frauen. Die machten, so hieß es, unter dem Namen Boy handgemachte, wundervoll zwischen Melancholie und Beschwingtheit aufgehängte Popmusik. Normalerweise ist Gute-Laune-Mädchenpop nicht wirklich mein Fall, aber ich war neugierig geworden. Ein Klick auf das Video zur Single Little Numbers ließ die Sonne aufgehen: Dreieinhalb Minuten ansteckende Ausgelassenheit und Sorglosigkeit. Nicht eine Sekunde der puren Lebensfreude, die Valeska Steiner und Sonja Glass, durch das sonnige Barcelona tollend, da verbreiteten, wirkte aufgesetzt, bemüht oder künstlich. Kitsch? Meinetwegen! Text banal? Drauf geschissen! Das hatte Charme, brachte Erinnerungen zum Klingen an längst vergangene Sommer, in denen die Welt einem offen zu stehen schien und nur der Moment zählte. Ausnahmsweise schien es einmal angebracht, das oft so schnöde verheizte Attribut reizend.

Ein freier Tag


Der dritte Oktober ist ein freier Tag für mich, weiter nichts. Dieses Jahr angenehmerweise als Halbzeitpause der Woche. Als Feiertag lässt dieser Tag mich ebenso kalt, wie es zuvor schon der 17. Juni getan hat. An dem hätten wir eigentlich der geknechteten Landsleute im anderen Teil Deutschlands gedenken müssen. Tatsächlich haben wir meist im Freibad herum gehangen oder Radtouren gemacht. Auf jeden Fall war Ausschlafen angesagt.

Undankbarkeit? Seien wir doch mal ehrlich. Der Wunsch nach Wiedervereinigung war im alten Westdeutschland ein Minderheitenprogramm. Wer sich im Westen in den Achtzigern öffentlich zum Ziel der Wiedervereinigung bekannte, lief Gefahr, sich lächerlich zu machen und stand schnell in der reaktionären Ecke. Auch die Praxis des Springer-Verlags, die DDR in Gänsefüßchen zu setzen, galt nicht als konsequentes und visionäres Statement, sondern wurde vielerorts eher belächelt. Die deutsche Zweistaatlichkeit wurde von vielen nicht als himmelschreiendes Unrecht empfunden, als widernatürlicher Zustand, sondern war täglich gelebte Realität. Wer Verwandte 'drüben' hatte, redete und dachte sicher anders, keine Frage.