Dienstag, 31. Dezember 2013

Dinner For None


Vielleicht habe ich damals ja zu früh angefangen damit. Meine verstorbene Großtante, die des Englischen überhaupt nicht mächtig war und auch sonst, durchaus generationentypisch, angelsächischem Idiom gegenüber eher misstrauisch war, liebte es, und die ganze Familie, ich als Grundschulkind eingeschlossen, musste mitgucken. Möglicherweise war es auch falsch, das Ding damals als eine der ersten Übungen in den neuen Videorecorder zu programmieren und danach mehrmals anzuschauen. Vielleicht habe ich den entscheidenden Fehler gemacht, mir vor zirka zwanzig Jahren das Transkript des Drehbuchs in Buchform zugelegt zu haben. Ich kann jedenfalls nicht mehr darüber lachen. Keine Chance. Ein müdes Lächeln hier und da ist alles, was ich mir noch abzuringen vermag.

Montag, 30. Dezember 2013

Sozialschmarotzer



"Dumm sein und Arbeit haben, das ist das Glück." (Gottfried Benn)

Was ist eigentlich ein Sozialschmarotzer? Versuchen wir es mit der folgenden, bewusst einfach gehaltenen Definition, der vermutlich viele zustimmen würden: Ein Sozialschmarotzer ist jemand, der ganz oder teilweise auf Kosten der Allgemeinheit lebt, zum Beispiel in Form von Transferleistungen, ohne jedoch seinerseits einen Beitrag dazu zu leisten. Beispielsweise jene von der Fama zum Massenphänomen hochstilisierten Langzeitarbeitslosen, die Jobangebote ablehnen und lieber weiter vom Amt leben. Bei arbeitsscheuem Gesindel ist also recht einfach Konsens herzustellen. Bei Steuerhinterziehung wird das schon schwieriger. Nicht bei tricksenden Kleingewerbetreibenden, versteht sich, sondern bei den großen Nummern. Sie leisten doch schon so viel! Und dann will man ihnen die paar Brosamen, die ihnen bleiben, auch noch nehmen. Stellt man es richtig an, dann bringt man mit so was eine ganze Halle dazu, in Jubelstürme und Mitleidstränen auszubrechen.

Freitag, 27. Dezember 2013

Keine dämlichen Vorsätze


Na, schon gute Vorsätze gemacht fürs neue Jahr? Man kann viele Silvesterbräuche kritisch sehen: Knallerei ist laut, stinkt und macht die Straße dreckig, lustige Hüte sind niemals lustig, Bleigießen ist allenfalls für Kinder interessant und Fondue liegt zu schwer im Magen. Der zweifellos blödeste, weil sinnloseste Brauch aber ist der, so genannte gute Vorsätze zu machen und vor allem, anderen Anwesenden davon zu erzählen. Bei den üblichen Vorsätzen (Sport treiben, abnehmen, auf Süßes verzichten, Rauchen und/oder Trinken einstellen etc.) ist das Scheitern nämlich mit hoher Wahrscheinlichkeit vorprogrammiert und damit auch jede Menge Stress und das Gefühl, versagt zu haben.

Montag, 23. Dezember 2013

Wünsche schöne Feiertage


Klar, es gäbe noch so vieles zu schreiben, aber im Augenblick ist einfach, wie beim einen oder anderen Kollegen auch, ein wenig die Luft raus. Was soll man sich also unnütz herumquälen als nicht kommerzieller Hobbyblogger? Also gibt es bis nach Weihnachten nur einen musikalischen Feiertagsgruß.

Mittwoch, 18. Dezember 2013

Der große Coup der Angela M.


Kulturpessimisten klagen ja gern über die Verlotterung der Sprache und haben dabei meist die üblichen Verdächtigen im Blick: Jugendliche, Unterschichtler und andere Minderbemittelte verhunzen das schöne Kulturgut deutsche Sprache durch den falschen Gebrauch des Plusquamperfekts, mit ihren Angliszismen, ihrem "LOL!!!", "fett krass ey!" und anderen Modeerscheinungen. Leicht geht dabei unter, dass, wenn man schon über den ständigen Sprachverfall klagen muss, auch die, deren professionelles Handwerkszeug die Sprache ist bzw. sein sollte, eifrig daran mitstricken. "Ist es nicht immer wieder erstaunlich, mit welchem Weihrauch im Ton Journalisten das Ausfüllenkönnen von Bewirtungsquittungen schon für Schreiben ausgeben?", fragte Wiglaf Droste letztes Jahr rhetorisch. Um zu ermessen, wie recht er damit hat, braucht man sich nur die mediale Begleitung einer Personalie im Rahmen der jüngsten Regierungsbildung näher anzusehen.

Sonntag, 15. Dezember 2013

Der Unerschrockene schlägt wieder zu


(zum Glück aber erst im Februar)

Hui, ich bin schon ganz wuschig. Vor Vorfreude natürlich, was haben Sie denn wieder gedacht? Thilo Sarrazin hat nämlich ein neues Buch fertig, das im Februar erscheinen wird. 'Der neue Tugendterror – Über die Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland', so wird das Werk heißen (unter 'Terror' macht's ja keiner mehr in diesen Zeiten). Man ahnt, was kommt. Sein Verlag DVA kündigt an, der unerschrockene Thilo werde den "grassierenden Meinungskonformismus" analysieren (unter 'grassierend' geht ja gar nichts mehr heutzutage) und die "14 vorherrschenden Denk- und Redeverbote" unserer Zeit gnadenlos beim Namen nennen. Da werden die zehn Gebote aber einpacken können.

Samstag, 14. Dezember 2013

Wenn Poeten träumen


Wir leben in Zeiten, in denen man nicht oft genug Kästner zitieren kann: Leben ist immer lebensgefährlich. Egal, wie sehr wir auf uns achten, egal, wie bewusst und gesund wir leben, egal, wie wir verzichten und vorsorgen, wenn der Schnitter kommt, dann kommt er und hundertprozentige Sicherheit kann es niemals geben. Für zahllose Generationen zuvor war das eine Selbstverständlichkeit. Für unsere offenbar nicht mehr. Wir leben in einer Zeit des Übergangs. Das bürgerliche Zeitalter scheint sich dem Ende zu neigen und wir wissen nicht, was danach kommt. Das lässt alte Sicherheiten erodieren und schafft Zukunftsängste. Einige der Folgen fasste Wilhelm Heitmeyer zusammen unter dem Begriff der 'Verrohten Bürgerlichkeit'.

Dienstag, 10. Dezember 2013

Alles muss raus!


Die Stadt Detroit verbinden die meisten mit Autoindustrie, Motown und eventuell noch mit Eishockey. Vor allem aber ist die Stadt seit diesem Jahr als erste Kommune der USA offiziell pleite und steht unter Kuratel eines Insolvenzverwalters. Weniger bekannt ist, dass das Detroit Institute Of Arts (DIA) mit zirka 65.000 Exponaten aus allen Epochen und aus aller Welt eine der größten Kunstsammlungen Nordamerikas beherbergt, die so manche europäische Hauptstadt vor Neid erblassen lässt. Der Gesamtwert der Sammlungen wird auf zirka 20 Milliarden Dollar taxiert. In Zeiten wie diesen weckt das Begehrlichkeiten von Aasgeiern und anderen Gewinnlern. "Dedicated by the People of Detroit to the knowledge and enjoyment of art", steht oben auf dem Portikus des Museums. Wie altmodisch!

Samstag, 7. Dezember 2013

Ismen damals und heute


"Diese Wirtschaft tötet!" (José Mario Bergoglio alias Der Papst)
Der Militarismus der deutschen Kaiserzeit war ein vornehmlich bourgeoises Minderheitenphänomen. Den Bauern, Handwerkern und Arbeitern, die damals die große Mehrheit der Bevölkerung bildeten, waren die Herrlichen Zeiten nationaler Glorie, die der schneidigdumme Wilhelm Zwo propagiert hatte, herzlich egal. Neuere Arbeiten haben gezeigt, dass die Annahme, eine allgemeine Kriegsbegeisterung habe das deutsche Volk 1914 ergriffen, wohl auf einer optischen Täuschung beruht. Es handelt sich um ein Phänomen, das vor allem auf die größeren Städte beschränkt war, wo es eine konservativ und monarchistisch eingestellte, bürgerliche Mittel und Oberschicht aus Beamten, Unternehmern, Kaufleuten und Lehrern gab. Und eine akademische Jugend, der man so gewaltig ins Hirn geschissen hatte, dass sie sich freiwillig ins große Schlachten warf. Den meisten Bauern dürfte eine Mobilmachung ausgerechnet Anfang August, mitten in der Erntesaison, sehr ungelegen gekommen sein. Die Arbeiterschaft, damals noch durch die SPD vertreten (und verraten), war höchst gespalten.

Mittwoch, 4. Dezember 2013

Hell is 57 varieties


"Alles so schön bunt hier! Ich kann mich gar nicht entscheiden!", sang Nina Hagen einst. Man kann nur spekulieren, ob sie sich ihrerzeit bewusst war, wie genau sie mit diesen Versen die zweifelhaften Segnungen der heutigen Konsumgesellschaft vorweg genommen hat.

Der hier schon einmal erwähnte britische Autojournalist, Top Gear-Moderator, Sunday Times-Kolumnist und bekennende Deutschenhasser Jeremy Clarkson ist ein Erzkapitalist. Aus seiner Sicht ist das sogar verständlich, denn er hat exakt während der Thatcher- und Major-Jahre eine glänzende Karriere hingelegt, die ihn zum Multimillionär gemacht hat. Klar, wieso sollte er ein Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell infrage stellen, dessen Rahmenbedingungen ihn stinkreich werden ließen? Aber sogar diesen ehernen Verfechter der freiestmöglichen Marktwirtschaft vermag selbige an seine Grenzen zu führen. Vor ein paar Jahren testete er eines seiner Lieblingsautos, den damals aktuellen BMW M5 - Clarkson mag zwar die Deutschen nicht, findet aber, dass sie gute Autos bauen und ansonsten nach Möglichkeit die Klappe halten sollten - und die Karre brachte ihn schier zur Verzweiflung. Alles und jedes ließ sich einstellen, von der Fahrwerksabstimmung über Getriebeübersetzung, Härte der Sitze bis zu der Frage, wie lang die Innenbeleuchtung nach Verlassen des Autos an bleiben soll. Sein Fazit: Die Wahl zu haben ist ja schön und gut, aber was zu viel ist, ist zu viel. Geht es nicht auch ein klein wenig sozialistischer?

Dienstag, 3. Dezember 2013

Der schwarze Spiegel


"If technology is a drug – and it does feel like a drug – then what, precisely, are the side-effects?" (Charlie Brooker)
Da ich im Moment einiges um die Ohren habe und nicht sonderlich viel Zusammenhängendes auf die Reihe bekomme, will ich wenigstens einen Tipp loswerden. Wer mit schrägem, gut gemachtem britischem Fernsehschaffen etwas anfangen kann und noch etwas als Geschenk oder zum selbst zuführen für die dräuenden Feiertage Ende des Monats sucht, sollte sich, so noch nicht bekannt, für die britische Science-Fiction-Miniserie Black Mirror interessieren.

Dass der von mir bekanntlich sehr geschätzte Satiriker Charlie Brooker seine wöchentliche Kolumne im Guardian vorläufig eingestellt hat, fand ich schade. Obwohl sich zum Schluss schon Zeichen der Ermüdung zeigten. Aber untätig ist er zum Glück nicht. Wir dürfen uns nicht nur auf seinen Jahresrückblick 2013 freuen, er ist Coautor und -produzent der Miniserie Black Mirror. Aus unterschiedlichen Blickwinkeln setzt sich Black Mirror in bislang sechs Folgen mit den Auswirkungen der zunehmenden Digitalisierung und Vernetzung der Welt auseinander. 'Black Mirror' steht dabei für das Display eines der allgegenwärtigen Pads oder Smartphones.

Samstag, 30. November 2013

Den Unverzichtbaren zum zehnten


Dieser 30. November 2013 soll nicht verstreichen ohne einen herzlichen Glückwunsch an die NachDenkSeiten, die auf den Tag genau vor zehn Jahren zum ersten Mal online gingen.

Genau weiß ich nicht mehr, wann ich mit den NachDenkSeiten zuerst in Berührung gekommen bin. Ich weiß nur, dass Schröder nicht mehr Kanzler war und wie es passierte. Vor einigen Jahren stolperte ich in der Stadtbibliothek meines Vertrauens über Albrecht Müllers Bücher 'Die Reform-Lüge' und 'Machtwahn'. Mir ging es so weit gut. Ich hatte einen Job, konnte meine Rechnungen bezahlen und hatte prinzipiell Vertrauen in Politik und Medien. Klar, mir war schon bewusst, dass nicht alles zum Besten lief, ich wusste, dass Politiker Versprechen brechen und dass Medien versuchen, uns zu manipulieren, nicht zuletzt, weil ich schon damals ein großer Fan von Volker Pispers war. Die neoliberalen Zumutungen der Schröder- und der Post-Schröder-Ära fand ich schon irgendwie ärgerlich, aber ich fand, sie waren nötig. Man könnte sagen, ich war ein perfekt angepasster, schön eingelullter, braver Staatsbürger.

Donnerstag, 28. November 2013

Guten Morgen in der schwarz-roten Demokratur


Die große Koalition als Symptom eines gefährlichen Demokratiedefizits

Dass Angela Merkel alles dafür getan hat, die große Koalition zu bekommen, passt zu ihrer Art, Politik zu machen. Geht man davon aus, dass offene, zähe politische Auseinandersetzung nicht so ihr Ding ist und sie das reibungslose Durchregieren bevorzugt, kann man ihr nur gratulieren, denn sie hat erreicht, was sie wollte. Die zahllosen roten Kröten, die die Union angeblich so heldenhaft schlucken musste, sind entweder keine oder sie sind so geschickt terminiert, dass massig Zeit bleibt, sie wieder zu zerreden. Frohe Kunde, der Mindestlohn kommt!, tönen die Sozen. Ja, aber erst 2017, kichern die Schwatten. Schon mal gerechnet? Das ist in ziemlich genau vier Jahren. Interessant aber, dass, von wenigen Ausnahmen abgesehen, fast alle nur über den Inhalt des Heiligen Vertrages diskutieren bzw. darüber, was das alles wieder kosten soll, nicht aber darüber, was die neuen Machtverhältnisse mit dem politischen System dieses Landes anrichten können.

Mittwoch, 27. November 2013

Grund für vorsichtigen Optimismus?


In den 1980ern verdienten Vorstände von DAX-Konzernen im Schnitt 500.000 DM pro Jahr, also zirka 250.000 Euro. Zwanzig Jahre später haben ihre Bezüge sich um den Faktor 24 auf durchschnittlich sechs Millionen Euro (ca. 12 Mio. DM) vervielfacht. Es ist nicht bekannt, dass ein DAX-Vorstand vor zwanzig Jahren verhungert oder verelendet unter einer Brücke geendet wäre. Für die meisten Nicht-DAX-Vorstände wird es schwierig, da noch irgendeinen Zusammenhang zwischen Leistung und Entlohnung herzustellen, vor allem, wenn das eigene Einkommen stagniert oder sogar sinkt. Hinzu kommt noch, dass viele Vorstände noch Betriebsrenten im zweistelligen Millionenbereich kassieren, wenn sie aus dem Job ausscheiden. Und das alles nur, damit Spitzenkräfte, die sich hier eh schon für eine Handvoll Erdnüsse abrackern,  sich auch weiterhin unserer erbarmen und nicht morgen ihre Koffer packen, um eines der zahllosen Angebote in aller Welt annehmen.

Sonntag, 24. November 2013

Thanksgiving, kontrafaktisch


Die traditionelle amerikanische Sitte der Völlerei an Thanksgiving, das jedes Jahr am letzten Donnerstag im November gefeiert wird, ist Europäern vor allem aus diversen Filmen bekannt, in denen es um misslungene Truthähne und damit einhergehende Familienstreitigkeiten geht. Weiterhin gilt das lange Thanksgiving-Wochenende als Startschuss zum alljährlichen Weihnachtskonsumterror. Das Fest selbst geht auf die Pilgerväter zurück. Einer unbelegten Legende zufolge, sollen Siedler in Plymouth Rock in Massachusetts 1621 mit den örtlichen Wampanoag-Indianern ein Erntedankfest gefeiert haben. Das Danke sagen bezog sich auf die Eingeborenen, ohne deren Hilfe, so heißt es, die Siedler den Winter wohl nicht überlebt hätten. Das Verhältnis zwischen europäischen Kolonisten und Ureinwohnern gestaltete sich in den folgenden Jahrhunderten immer weniger harmonisch als in der frommen Legende. Ruben Bolling alias Tom The Dancing Bug hat den Spieß in seinem aktuellen Cartoon einmal umgedreht:

Freitag, 22. November 2013

Das Fundstück: Ups, falscher Mozart!


Nicht nur in der populären Musik, auch im so genannten klassischen Konzertbetrieb ist es nichts ungewöhnliches, dass ein Konzert vorher lediglich telefonisch oder sonstwie abgesprochen wird, vor allem, wenn es um oft gespielte Repertoirestücke geht. Das Orchester bereitet sich vor, der Solist tut das gleiche, man reist an, spielt die Nummer einmal zusammen in einer Generalprobe durch und fertig ist der Lack. Keine große Sache. Auch in der oft so erhaben sich gebenden Welt der E-Musik herrschen hinter der befrackten Fassade viel grauer Alltag und Routine. Unangenehm, aber auch sehr interessant kann es werden, wenn die akribisch geplanten Abläufe plötzlich aus der Spur geraten. Zum Beispiel, wenn sich bei der Generalprobe herausstellt, dass das Orchester ein anderes Stück einstudiert hat als der Solist. So ist es 1998 der Pianistin Maria João Pires und dem Dirigenten Riccardo Chailly bei einer öffentlichen Generalprobe mit dem Concertgebouw Orchestra Amsterdam passiert. Das Orchester hatte Mozarts Klavierkonzert d-Moll KV 466 einstudiert, Pires aber offensichtlich ein anderes.

Mittwoch, 20. November 2013

Der nie aufgab


Dieter Hildebrandt (1927-2013)
"Ein Mensch, der von Berufs wegen zum Widerspruch verpflichtet ist, muss sich auch gegen ärztliche Diagnosen wehren. So hofften wir, es wäre nur eine Pause, die er einlegt, eine Pause nach der ersten Hälfte des Abends und dass er wiederkäme zur zweiten Hälfte. Und unausgesprochen war doch klar, dass die Pause vielleicht etwas länger und die zweite Hälfte mit Sicherheit etwas kürzer sein würde." (Frank Markus-Barwasser alias Erwin Pelzig)
Wortreichere Nachrufe sind bereits zu Hauf von anderen geschrieben worden und werden noch folgen. Was soll man sagen angesichts der doch plötzlichen Nachricht vom Tode Dieter Hildebrandts? Soll man sich in detaillierten stilistischen Analysen ergehen oder akribisch sein Werk ausbreiten? Können andere besser. Nein, mir ging spontan durch den Kopf, dass es Zeiten gab in diesem Land, in denen Dieter Hildebrandt so ziemlich der einzige war, der im Fernsehen regelmäßig echtes politisches Kabarett machte. Im Sendebereich des WDR gab es vor dem Start der 'Mitternachtsspitzen' fast nur 'Klimbim', Otto, Insterburg & Co, 'Nonstop Nonsens' und 'Mainz bleibt Mainz' im biederen BRD-Pantoffelkino. Teils nett, aber Kabarett geht anders. Wo wäre die nächste Generation Kabarettisten ohne ihn? Sie, die alle dazu beitragen, dass es etwas weniger untertänig zugeht hierzulande? Die Roglers, die Schmicklers, die Schramms, Pispers, Priols und Pelzigs? Schwer vorstellbar ohne sein Vorbild, seine Energie und auch seine Fürsprache.

Dienstag, 19. November 2013

Willkommen im Neandertal


"Alle die mit uns auf Kaperfahrt fahren, / das müssen Männer mit Bärten sein [...] / Jan und Hein und Claas und Pit, / die haben Bärte, die fahren mit" (Gottfried Wolters)
Kein Zweifel, Bart tragen ist wieder in. Nach Jahrzehnten, in denen nur als gepflegter Mann galt, der einen glatt rasierten Babypopo um die kantige Macherfresse hatte, scheint so eine Gesichtsmatratze vor allem für Großstädter seit einiger Zeit das Mittel der Wahl zu sein, der Welt zu zeigen, dass ihnen mehr Testosteron als Östrogen durch die Arterien schwappt. Mir ist übrigens ziemlich egal, ob das gerade in ist oder nicht. Ich trage seit zirka 20 Jahren einen Bart, den ich alle paar Tage stutze. Das maskuline Morgenritual des Nassrasierens, so erfrischend es sein mag, war mir damals doch recht bald lästig geworden. Vor allem, weil ich als ausgemachter Morgenmuffel dazu neigte, mich andauernd zu schneiden. Nicht schön, die nächsten paar Stunden rumlaufen zu müssen, als sei man in eine Messerstecherei geraten. Dass es sich im übrigen tatsächlich um einen echten Trend handelt, lässt sich daran erkennen, dass inzwischen sogar Weichmacher feilgeboten werden, damit die Wolle nicht gar so kratzt beim Knutschen.

Sonntag, 17. November 2013

Der Präsident, der Bischof und die Medien


Man hat es tatsächlich geschafft, etwas zu finden, mit dem man Ex-Bundespräsident Christian Wulff juristisch am Zeug flicken kann. Vorteilsannahme im Wert von 753,90 Euro, so heißt es in der Klageschrift. Jede kleinere Hochzeitsfeier ist deutlich teurer. Wenn Wulff ein Rückgrat hätte, ein gewisse Souveränität, dann würde er sagen: Leute, das ist mir echt zu dämlich hier. Er würde einen Scheck über diese Summe plus der Kosten des Verfahrens auf den Tisch legen und den Saal verlassen. Noch Fragen? Danke. Es sagt einiges aus über ihn, dass er diese Bagatelle allen Ernstes als Podium dafür zu nutzen gedenkt, seine Ehre wieder herzustellen. Unentspannte Kleinbürger neigen dazu, es zwanghaft immer allen zeigen zu wollen. Aber wenn's ihm hilft, bittesehr. Das Verfahren gegen Wulff lenkt auch den Blick auf den momentan beurlaubten Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst, denn es offenbaren sich bei näherer Betrachtung durchaus Parallelen zwischen beiden, vor allem im Hinblick auf die Rolle, die die Medien gespielt haben.

Donnerstag, 14. November 2013

Nolympia - sauber!


Frechheit aber auch! Da haben es die Münchner und die Bewohner dreier weiterer gallischer Dörfer in Bayern sich tatsächlich erdreistet, gegen die Bewerbung für die Olympischen Winterspiele 2022 zu stimmen. Ein paar störrische Landeier in Lederhosen wagen es, sich den ambitionierten Plänen weiser Landesfürsten in den Weg zu stellen, und schon jaulen die Untergangspropheten los. Wahrlich, es steht mal wieder schlimm um Deutschland. Die ermatteten deutschen Weicheier hätten ihre Gestaltungskraft verloren, heißt es (warum nicht gleich ihr Mojo?). Ludwig Hartmann, Fraktionsvorsitzender der Grünen im bayerischen Landtag, verstieg sich gar zu der These, von nun an werde es niemals wieder eine deutsche Olympia-Bewerbung geben. Ups, waren die Grünen nicht mal irgendwann die Partei der Basisdemokratie? Heißt Sportsgeist nicht auch, mal verlieren zu können? Und überhaupt: Geht es vielleicht auch eine Nummer kleiner?

Sonntag, 10. November 2013

Keine freie Fahrt für unfreie Bürger


Eine Autobahnmaut für Pkw wäre mir ziemlich egal, denn ich habe das Glück, für den Weg zur Arbeit nicht darauf angewiesen zu sein und nutze die Bahnen ansonsten nur wenig. Ich bin eh alles andere als ein Anhänger der Autolobby, ein allgemeines Tempolimit auf Autobahnen ginge in Ordnung für mich und ich könnte mich auch mit einer Maut anfreunden. Vorausgesetzt, die Einnahmen würden für sinnvolle Dinge verwendet. Für den Ausbau des Schienennetzes und des öffentlichen Nahverkehrs zum Beispiel. Dem scheint aber nicht so zu sein, denn die zu erwartenden Einnahmen fielen kaum ins Gewicht, wenn Inländer die Maut mit der Kfz-Steuer verrechnen können. Dass das Ganze nicht doch irgendwann teuer wird, kann nur jemand mit der Lebenserfahrung eines Neugeborenen ernsthaft glauben. Höchstwahrscheinlich wird es bei diesem für Deutsche kostenneutralen Modell, das nur Ausländer treffen soll, nicht bleiben. Wenn ein aufwändiges System erst einmal aufgebaut ist, dann wird es früher oder später auch genutzt werden. Hat damals, als die Mautbrücken begannen die Autobahnen zu zieren, wirklich jemand geglaubt, man würde ein solche milliardenteure Infrastruktur in die Gegend setzen, um es auf Dauer bei einer Lkw-Maut zu belassen?

Samstag, 9. November 2013

Nettes Reality TV


Peter Zwegat und sein Format 'Raus aus den Schulden' gehören zu den weniger unsympathischen Erscheinungen der Fernsehlandschaft, erst recht der privaten. Ein Interview in der taz offenbart, dass Zwegat ein ziemlich anständiger Typ ist, der die Bodenhaftung nicht verloren hat und mit dem man durchaus ein Bier trinken würde. Klar, er ist in einem Alter prominent geworden, in dem die meisten sich oder der Welt nicht mehr großartig was beweisen müssen. Das immunisiert sicher ein wenig gegen die ärgsten Flausen. Man nimmt dem gelernten Sozialarbeiter durchaus ab, dass er seine Klienten nicht bloßstellen, sondern ihnen wirklich helfen will. So verurteilt er Menschen, die in die Schuldenfalle geraten sind, meist auch nicht, sondern zeigt, wie schnell man in so eine Situation geraten kann und wie schnell sie einem über den Kopf wachsen kann. Zudem inszeniert er sich nicht als Superman, der für alles eine Lösung hat, sondern scheut sich nicht, auch seine Grenzen zu zeigen. Gucke ich gelegentlich mal, wenn nichts Interessanteres anliegt.

Dienstag, 5. November 2013

Kann das gehen?


Der erste 'Asterix' neuer Zeitrechnung - das Verdikt

Mit 'Asterix' ist das Medium Comic in Europa erwachsen geworden und hat es speziell in Deutschland, wo Comics lange als amerikanischer Schund galten, sogar geschafft, vom Bildungsbürgertum ernst genommen, teilweise geliebt zu werden. Viele, die irgendwann mit den Abenteuern der Gallier in Berührung gekommen sind, können noch Jahrzehnte später ihre Lieblingsstellen auswendig. Als alter Fan, dem die letzten Versuche beinahe körperliche Schmerzen bereiteten, habe ich das neue Album mit ein wenig gemischten Gefühlen gekauft. 'Asterix bei den Pikten', erschienen am 24. Oktober, ist das 35. Heft der Reihe und das erste, das nicht von Albert Uderzo gezeichnet wurde. Als Zeichner wurde der erfahrene Didier Conrad verpflichtet, als Texter der preisgekrönte Jean-Yves Ferri. Beides Vollprofis, die nicht nur ihr Handwerk verstehen, sondern auch gewusst haben mussten, worauf sie sich da einlassen. Es gibt schlechtere Voraussetzungen.

Wie 'Tim und Struppi' mit Hergé, schien Asterix immer untrennbar verbunden mit René Goscinny und Albert Uderzo. Die Reihe mit einem neuen Team wieder aufleben zu lassen, ist natürlich ein Risiko, aber machbar. Denn das Potenzial ist nach wie vor groß, außerdem gibt es durchaus Beispiele, bei denen so etwas gelungen ist. Die von André Franquin ('Gaston') begründete Reihe 'Spirou und Fantasio' wird inzwischen vom sechsten Autoren-/Zeichner-Team betreut und es scheint so weit zu funktionieren. Es spricht für den 86jährigen Lordsiegelbewahrer Uderzo, dass es über sich gebracht hat, das Ruder an ein jüngeres Team zu übergeben, anstatt Asterix vermutlich mit noch einem Album, einer weiteren Neuauflage oder zusammengestückelten Geschichtchen aus dem Archiv endgültig zu Grabe zu tragen.

Diesmal verschlägt es die Gallier nach Kaledonien, also ins heutige Schottland, wo die Pikten leben. Streng genommen, ist das historisch nicht ganz korrekt. Die Pikten waren ein Stamm in der Gegend des heutigen Schottland, der aber erst zum Ende der Römerzeit anfing, eine Rolle zu spielen. Streng genommen, müsste der Band daher 'Asterix in Kaledonien' bzw. 'bei den Kaledoniern' heißen, aber dann wäre der Gag mit der Vorliebe der Pikten für Piktogramme perdu gewesen. Außerdem ist auch René Goscinny immer großzügig mit so was umgegangen, wenn sich gute Gags daraus stricken ließen. Die Deutschen waren auch nicht deckungsgleich mit den Goten, hätten aber sonst nicht gotische Fraktur geredet. Man sollte da also nicht zu kleinlich sein. Beruhigend aber, dass die Neuen gleich an die Phase anknüpfen, in denen Asterix und Obelix in fremde Länder aufbrachen und die Konfrontation mit den diversen Spleens der Bewohner einen Großteil des Spaßes ausmachte.

Also, wie ist das neue Heft nach einer ersten Durchsicht? Worum geht es? Was ist gut, was weniger und was geht gar nicht? Wer eh wild entschlossen ist, sich das Album noch zu kaufen und sich selbst ein Bild machen möchte, sollte - Spoiler voraus!!! - jetzt tunlichst nicht weiter lesen.

Sonntag, 3. November 2013

Der Heilige der Kulturmasochisten


"Als Mario Barth als kleiner Junge gesagt hat: "Ich werde Komiker.", haben alle gelacht. Heute lacht keiner mehr." (stupidedia)

"Rether löst in mir spontane Aversionen aus, die zum Teil bestimmt durch seine Haarfrisur bedingt sind, aber zum größeren Teil durch seine passiv-aggressive Art: dieses Geklimper am Klavier! So machen Kinder mit ADS auf sich aufmerksam. Diese leise Stimme, die einen zwingt, ganz genau zuzuhören! Dieser völlige Witzverzicht, der die Bedeutsamkeit seiner Moralpredigten noch steigern soll! Daß Leute bereit sind, sich solche Vorträge zur Unterhaltung und für Geld anzuhören, ist mir absolut rätselhaft." (Oliver Nagel)
Mario Barth nicht zu mögen, ist weniger Geschmackssache, sondern eine Frage des Anstands. So angebracht es ist, sich über ihn zu mokieren, so einfach ist es aber auch. Das Wirken dieses Mannes vereint alles, was am deutschen Mittelmaß-Spießer hassenswert ist: Eine Schnauze, deren Größe sich antiproportional zu der des Geistes verhält, völlige Ironiefreiheit, latente Brutalität, Hinterhältigkeit, und vor allem, sich in einer Tour auf Kosten von Menschen, die sich nicht wehren können, gewaltig einen runterholen. Wie gesagt, für alle, die den Glauben an so etwas wie Zivilisation noch nicht völlig aufgegeben haben, ist es geradezu eine Pflicht, diesen frauenfeindlichen, zappelnden Stadionvollmacher mit dem Sprung in der Platte zutiefst abzulehnen. Dass er sagenhaft erfolgreich ist mit dem, was er von sich gibt, ist im Übrigen kein Gegenargument, sondern, wie jede SPIEGEL-Bestsellerliste, lediglich ein handfester Beweis dafür, dass Erfolg absolut nichts zu tun haben muss mit der Qualität des Gebotenen. Schwieriger kann es hingegen werden, in gewissen Kreisen zu bekennen, dass einem zum Beispiel Hagen Rether gewaltig auf die Eier geht. Denn der Hagen, der ist doch einer von den Guten, der ist doch einer von uns. Der hat doch immer so recht.

Donnerstag, 31. Oktober 2013

Neues vom Protestantismus


Vermischte Nachrichten von der schmuckloseren Seite des Christentums

Der Waliser Karl Jenkins ist den meisten, wenn auch vielleicht nicht namentlich, bekannt als Initiator, Komponist und Kopf des Fahrstuhlmusik-Projekts Adiemus. Mit diesem bombastisch-süßlichen Gesäusel, die Älteren werden sich schmerzvoll erinnern, wurden in den 1990ern viele öffentliche und private Räume akustisch zugekleistert. Weniger bekannt ist, dass er früher Keyboarder der Jazzrock-Band Soft Machine war und dass er eine Messe für den Frieden mit Namen The Armed Man komponiert hat, die er den Opfern des Kosovo-Krieges widmete. Das im Jahr 2000 uraufgeführte und durchaus beliebte Stück folgt formell dem Aufbau der katholischen Messe, verknüpft sie aber im Sinne eines völkerverbindenden, pazifistischen Grundgedankens mit musikalischen und textlichen Elementen aus verschiedenen anderen Kulturen und Religionen.

Montag, 28. Oktober 2013

Danke, Dönermann!


In Fatih Akins Film 'Solino' von 2002 versucht Rosa Amato (Antonia Attili) auf dem kümmerlichen Markt ihrer Neu-Heimat Duisburg ein paar Zutaten für ein ordentliches Essen zusammen zu bekommen, wie sie es von zu Hause gewohnt ist. Das jammervolle Angebot aus Kohl, Kartoffeln und ein paar schrumpeligen Möhren beleidigt das Auge der italienischen Mamma und man fühlt mit ihr. Sicher ist die Szene überspitzt, doch gar so weit hergeholt ist sie auch wieder nicht. Gegen Ende desselben Jahrzehnts, in denen der Film spielt, besuchte meine Mutter zwecks Ehevorbereitung einen Kochkurs, wie es damals noch üblich war. Die Lehrerin war mit einem Spanier verheiratet und brachte eines Tages ein exotisches Gemüse mit, das noch keine der anwesenden angehenden Haus- und Ehefrauen jemals im Leben gesehen, geschweige denn probiert hatte. Es handelte sich um gewöhnliche Paprikaschoten.

Sonntag, 27. Oktober 2013

Ein Männerding, immer noch


Ron Howards Film 'Rush - Alles für den Sieg', Formel 1 und der ganze Rest

Es ist schwer zu bestreiten, dass es auf der Welt eine ganze Reihe vernünftigere und sinnvollere Dinge gibt als Motorsport. Kann sein, dass Motorsport wirklich eines der dümmsten und unvernünftigsten Dinge der Welt ist. Trotzdem kann und will ich nicht leugnen, dass Autorennen mich von jeher fasziniert haben. Vielleicht, weil ich mir ein Leben so ganz ohne jede Verrücktheit nicht vorstellen kann. Ferner mag ich nicht darüber diskutieren, ob das ein Sport ist oder nicht. Auch wenn es allen Kritikern, die sicher mit vielem recht haben, nicht passt: Ein derart groteskes Geschoss auf Rädern wie einen Formel 1-Wagen knapp zwei Stunden lang permanent im Grenzbereich zu bewegen oder in einem noch groteskeres Geschoss auf Rädern ein Langstreckenrennen wie das in Le Mans durchzustehen, ist körperlich und mental sehr wohl großer Sport. Ein Bleifuß und ein Pkw-Führerschein reichen lange nicht aus dafür.

Freitag, 25. Oktober 2013

Heiliger Sankt Florian...


... verschon' mein Haus, zünd' andere an!

Man kann mit einigem Recht fragen, warum Angela Merkel sich eigentlich so aufregt darüber, dass die Verbündeten von der NSA ihr Handy ausspioniert haben sollen. Hat sie am Ende gar etwa was zu verbergen? Wenn nicht, dann hat sie doch auch nichts zu befürchten, oder? Die kleine Episode illustriert sehr schön, wie viele reagieren würden, wenn sie erkennen, in welchem Ausmaß ihre eigentlich privat gedachte Kommunikation ausgespäht wird. Normalerweise zucken die meisten gleichgültig die Schultern, wenn Datenschützer und andere Bedenkenträger warnen. Sollen halt besser aufpassen. Aber wenn auf einmal die eigenen Kreditkartendaten in Gefahr sind, dann ist das ein Skandal. Willkommen in St. Florian, wo Empathie etwas für sentimentale Weicheier ist und Werte nur etwas wert sind, solange sie dem eigenen Vorteil dienen.

Dienstag, 22. Oktober 2013

Alles bio oder was?


Letztens hatte der Bioladen meines Vertrauens vakuumierte Bratwürstchen im Angebot. Weil die sonst ziemlich teuer sind, griff ich bei der heruntergesetzten Ware, die am nächsten Tag ablief, gern zu. Weil sie weg mussten, haute ich gleich alle in die Pfanne, die Hälfte wollte ich am nächsten Tag wieder aufwärmen. Was soll ich sagen? Die Dinger schmeckten exakt nach dem, was drin war: Gutes Hackfleisch, Salz und ein paar dezente Gewürze. Sie waren einfach verboten lecker und wären auch zum regulären Preis jeden einzelnen Cent wert gewesen. Heavens!, dachte ich, so großartig kann also eine schnöde Bratwurst schmecken. So ungefähr muss es früher gewesen sein, als noch selbst gewurstet wurde und jeder Bauer für den Eigenbedarf ein Extraschweinderl hielt, das nur bestes Futter bekam. Alle Hersteller jener Massenware, die in den Kühltheken der Discounter herumliegt, waren schlagartig als Panscher und Giftmischer entlarvt. Ich musste mich schwerst zusammenreißen, um nicht alle auf einmal wegzufuttern und mir dadurch das Mittagessen des nächsten Tages zu versauen. Bio? Aber gerne doch!

Samstag, 19. Oktober 2013

Der schizoide Michel und sein Wille


Herbert Wehner hat es einmal ziemlich genau getroffen. Sein berühmter Ausspruch "Dieser Herr badet gern lau!", war eigentlich auf Willy Brandt gemünzt. In Wahrheit war das eine perfekte Charakterisierung des wahlberechtigten deutschen Durchschnittsdödels. Wie richtig der alte Bollerkopp gelegen hat, wird sehr schön deutlich, wenn man sich einmal das anschaut, was seit der Bundestagswahl als 'Wählerwille' gehandelt wird. Das ist natürlich Kokolores, denn so etwas wie ein Wählerwille ist in der Verfassung überhaupt nicht vorgesehen. Das ist eine Erfindung von Politikern, die gern vorgeben, die Wahrheit gepachtet zu haben, und sie wird willfährig nachgeplappert von Journalisten, die panische Angst haben, irgendwen intellektuell zu überfordern und deswegen vorgeben, die Menschen da abzuholen, wo sie stehen (wobei sie verschweigen, dass sie damit sich selbst meinen). Praktiziert man das ein paar Jahrzehnte lang konsequent genug, dann können die Ergebnisse mitunter verheerend sein.

Donnerstag, 17. Oktober 2013

Spendenaufruf


Eine Partei ist keine Einzelperson und eine Parteispende ist kein Honorar, über das eine Einzelperson nach Belieben verfügen kann. Parteispenden sind etwas Legales, das in entsprechenden Gesetzten geregelt ist. Nicht jede Spende, nicht jedes Honorar ist gleich ein strafbarer Versuch der Einflussnahme. Andererseits ist Politik auch nicht die Caritas. Es geht um Einfluss und vor allem um Geld. Viel Geld. Wenn Peer Steinbrück fünfstellige Vortragshonorare kassiert, dann muss er sich natürlich die Frage gefallen lassen, inwieweit das seine politischen Entscheidungen beeinflussen könnte. Kann ein Politiker, der als kommender Kanzlerkandidat gehandelt wird, 25.000 Euro für 90 Minuten reden überwiesen bekommt, noch so unbefangen reden und entscheiden, als wenn das nicht passiert wäre? Das ist natürlich nicht ausgeschlossen, aber die Frage liegt nahe und muss erlaubt sein.

Montag, 14. Oktober 2013

Kleiner Hinweis in eigener Sache


Interessant ist es zuweilen, durch die Statistiken seines Blogs zu stöbern. Man kann unter anderem sehen, wie oft die Seite zu welcher Tageszeit genau aufgerufen wurde, wo das Publikum so sitzt (erstaunlicherweise auch in den USA – Honi soit qui mal y pense...) und noch einige andere, mehr oder minder wichtige Informationen abrufen. Ganz nett kann es auch sein, sich die Zugriffsquellen anzusehen, also von welchen Seiten aus der Blog wie oft angeklickt wurde. Und da sah ich jetzt etwas, das mich stutzen ließ:

Samstag, 12. Oktober 2013

Stoppt die Kommies vom Roten Kreuz!


Die Briten sind wirklich zu beneiden. Dort gibt es nämlich Politiker, die ihre Versprechen auch halten. David Cameron zum Beispiel. Der ist 2010 angetreten, die Armen ärmer und die Reichen reicher zu machen. Weil das gut ist für alle, auch für die Armen (deren Pech, wenn sie das nicht verstehen). Jetzt endlich, nach dreieinhalb quälenden Jahren, in denen Cameron sich wie einst der Heilige Georg, das britische Nationalmaskottchen, heldenhaft gegen jede Anwandlung von Sozialismus ins Zeug gelegt hat, sind erste manifeste Erfolge zu verzeichnen. Zum ersten Mal nach dem zweiten Weltkrieg will das Rote Kreuz in diesem Winter auf der Insel Lebensmittel sammeln und an Bedürftige verteilen. Na also! Im erfolgreichen Outsourcing zeigt sich eben, aus welchem Holz ein Manager geschnitzt ist.

Donnerstag, 10. Oktober 2013

Aus der Zeit gefallen


Dass Timing alles sei im Leben, ist keine allzu neue Erkenntnis. Von Napoleons Außenminister Talleyrand ist die Sottise überliefert, Verrat sei eine Frage des Zeitpunkts. Bestimmt hat auch der eine oder andere alte Römer etwas darüber zum Besten gegeben, aber da bin ich zu faul zum Recherchieren. Es gab Zeiten, in denen Bischöfe im Heiligen Römischen Reich zu den Reichsfürsten gehörten, regierten wie die Fürsten und auch ihre Hofhaltung einer fürstlichen in nichts nachstand. Sehr schön studieren lässt sich das an älteren bischöflichen Residenzen, wie etwa dem Münsteraner Schloss, das heute die Verwaltung der Universität beherbergt und dem Land gehört. Dass Franz-Peter Tebartz-van Elst, noch amtierender Bischof von Limburg, also möglicherweise im falschen Jahrhundert geboren wurde, dafür kann er weiß Gott nichts. Sehr wohl kann er hingegen etwas dafür, dass ihm das bislang noch nicht wirklich aufgefallen zu sein scheint. Auch kann er etwas dafür, dass er möglicherweise auch alle, die ihm das eventuell gesagt haben, konsequent zu ignorieren scheint. Nicht sein erster Fehler.

Montag, 7. Oktober 2013

Zu volle Boote


Nein, in Deutschland hat man kein prinzipielles Problem mit Flüchtlingen. Man muss gar nicht lang zurückblicken, um das zu verdeutlichen. Da gab es einmal zwei deutsche Staaten. Die Älteren werden sich erinnern: Der kleinere von beiden hatte sich eingemauert und versuchte seine Bewohner mit allerlei technischem Aufwand von der Ausreise in den größeren abzuhalten. Die Grenze war hermetisch abgeriegelt und wer erwischt wurde, durfte nicht damit rechnen zu überleben. Die es aber schafften, der DDR und deren Apparatschiks zu entrinnen, oft unter Einsatz ihres Lebens, wurden von den westlichen Medien wie Helden gefeiert. Und die ihnen dabei halfen, oft ebenfalls mit beträchtlichem Risiko, wurden nicht als kriminelle Schleuser denunziert, sondern hießen Fluchthelfer und bekamen Bundesverdienstkreuze für ihren Mut. Die auf der Strecke blieben, wurden betrauert und es wird ihrer bis heute gedacht.

Donnerstag, 3. Oktober 2013

Am Ende des Regenbogens


... und des guten Geschmacks 

"Mein Oppa hatte ja überhaupt keinen Respekt vor großen Namen. Meine Omma schon. Wenn sie zum Beispiel von Vico Torriani schwärmte, dann meinte Oppa nur: Na und? Der geht auch nur kacken." (Frank Goosen)

(via topfvollgold.de)
Zu Beginn eine hypothetische Frage: Angenommen, Ihnen geriete, wie und warum auch immer, eine bunte Zeitschrift wie die links abgebildete in die Finger. Nehmen wir an, dass auf dem Titel zwei fröhlich lächelnde Leute namens Helene Fischer (29, Sängerin) und Henning Baum (41, Schauspieler) abgebildet sind (wie man sehen kann, handelt es sich um zwei einzelne Portraitaufnahmen, die per Layout zusammen geflanscht wurden). Nehmen wir weiterhin an, als Schlagzeile prangte auf eben jenem Titel: "Baby-Geflüster! Jetzt lüften sie alle Geheimnisse" - in welche Richtung ginge Ihre erste, spontane Assoziation?

Mittwoch, 2. Oktober 2013

Die Tussi kehrt zurück


Liebe Geschlechtsgenossen, wir müssen jetzt sehr tapfer sein. Wir können aber nicht behaupten, nicht gewarnt gewesen zu sein: Die gendermäßig höchst asymmetrisch erfolgreiche Filmreihe Bridget Jones geht in die dritte Runde. Ein verfilmter Mädelsabend, die auf Zelluloid gebannte Rache für unzählige Fußballspiele und Actionfilme, die frau im Leben gezwungen war, mitzugucken. Es ist wichtig, für den Fall, dass mann mit weiblicher List dazu gebracht wird, sich das anzutun, ein wenig vorbereitet zu sein. Daher für alle, die das Glück hatten, sich im Gegensatz zu mir den ersten zwei Teilen nicht aussetzen zu müssen, eine kurze Einführung in den Kosmos dieser schillernden Ikone unserer Zeit:

Sonntag, 29. September 2013

Weh dem, der Steuern erhöht!


Sind wir nicht alle ein bisschen Mittelschicht?

Keinen Gedanken haben und ihn ausdrücken können – das macht den Journalisten, so meinte einst Karl Kraus. Lang ist's her, da galten Journalisten als vierte Gewalt, als außerparlamentarisches Korrektiv, einigen gar als fünfte Kolonne Moskaus. Zahllose junge Menschen wollten einmal Journalisten werden, weil sie sich mit den herrschenden Zuständen nicht abfinden wollten. Sie waren entschlossen, die Ränke und Machenschaften der Herrschenden in Politik und Wirtschaft zu enttarnen und das Volk aufzuklären. Sicher gibt es hie und da noch Vertreter der Zunft, die das immer noch so halten, doch wird man das Gefühl nicht los, es werden stetig weniger. Wie sehr der gemeine Qualitätsjournalist mittlerweile zur bloßen Sockenpuppe der Mächtigen degeneriert ist, lässt sich an vielen Stellen beobachten. Am deutlichsten aber an der Schamlosigkeit, in der momentan gegen geplante Steuererhöhungen agitiert wird und mit welch düsteren Farben deren desaströse Folgen ausgemalt werden.

Freitag, 27. September 2013

Wundert sich noch wer?


Diverse Umfragen zeigen es jedes Mal aufs Neue: Zwischen 70 und 90 Prozent der Deutschen (und, man vernimmt es mit Erstaunen, sogar eine Mehrheit der Manager!) halten einen flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohn für eine gute Sache. Nun dürfte kaum jemand so naiv sein, zu glauben, dass ein Mindestlohn alle Probleme lösen würde. Wenn mehr bezahlt werden muss, dann wird eben anders getrickst werden. Zum Beispiel würden unbezahlte Überstunden sich häufen. Wie das laufen könnte, war letztens in einer Dokumentation über die Gepflogenheiten in der Hotelbranche zu sehen. Zwar bekommen die Zimmermädchen vom Subunternehmer den für die Gebäudereinigungsbranche vorgeschriebenen Mindestlohn, allerdings sind die zu erfüllenden Vorgaben so utopisch, dass die meisten ein paar Stunden mehr am Tag arbeiten müssen, um sie zu schaffen, was dann wiederum den Lohn drückt. Die Möglichkeiten, irgendeine Sauerei anzustellen, bleiben zahlreich.

Mittwoch, 25. September 2013

Aus gegebenem Anlass


Viel Spott und Häme ergoss sich vielerorts über die aus dem Bundestag abgewickelte FDP. Aber ich finde, ein entsprechender Anlass erfordert auch ein paar warme Worte in Form eines würdigen Nachrufs. Das hat Max Uthoff freundlicherweise in angemessener Weise übernommen:

Montag, 23. September 2013

Gemischter Senf zum Sonntag


Natürlich kann man die CDU und ihre Anhänger verstehen, wenn sie gestern eine Riesenparty haben steigen lassen. Ein solches Wahlergebnis, knapp an der absoluten Mehrheit vorbei, trägt fast schon Adenauersche Züge. Oder Bayerische. Als kleinlicher Kritikaster kommt sich leicht vor, wer da in die Suppe spucken will. Dennoch: Wenn der champagnerinduzierte Kater auskuriert ist, dann müsste der Union klar werden, dass das Wahlvolk ihr da ein ziemlich vergiftetes Geschenk gemacht hat. Es spricht nämlich so einiges dafür, dass das Regieren für Angela Merkel trotz der satten Mehrheit längst nicht so einfach werden könnte, wie es auf den ersten Blick aussieht. Der Wahlkampf hat gezeigt, dass die gestrige Wahl beinahe eine reine Personenwahl war und die Union in erster Linie von den traumhaften Beliebtheitswerten der Kanzlerin profitiert hat. Sieht man sich an, was die Partei personell außer Merkel so zu bieten hat, dann müsste ihr bei allem Jubel eigentlich angst und bange werden, denn ohne ihre bleierne Kanzlerin mit der Teflonbeschichtung würde sie vermutlich irgendwo auf Augenhöhe mit der SPD landen.

Donnerstag, 19. September 2013

Der nicht langweilte


Marcel Reich-Ranicki (1920-2013)

Der Mann hatte komisches Talent. Und war, mit Verlaub, verdammt cool. Einmal wurde 'Das literarische Quartett' aus dem gläsernen Studio des ORF am Gaisberg oberhalb von Salzburg übertragen. Den ganzen Abend schon hatte sich über der Stadt ein heftiges Gewitter zusammengebraut. Als letztes Buch des Abends sollte das jüngste Werk des von Marcel Reich-Ranicki notorisch nicht gemochten Martin Walser besprochen werden. Und siehe, exakt in dem Moment, in dem Reich-Ranicki den Zeigefinger hob und tief einatmete, um zu einer vernichtenden Suada anzusetzen, passierte es: Rrrumms, Blitz und Donner. Er schaltete blitzschnell, hob Blick und Hände gen Himmel und ranzte: "Also bitte, man wird doch wohl noch was gegen Walser sagen dürfen!" Großes Kino. Alles live. Mit weit über siebzig. So was lässt sich nicht proben oder einstudieren.

Montag, 16. September 2013

Splitter und Balken


Alternativ: Ein Finger gegen drei

Es heißt, wer für alles offen sei, der sei meistens nicht ganz dicht. Es gibt keinen Zweifel, dass Teile der Grünen bis in die 1980er hinein aus einem falsch verstandenen Toleranzbegriff heraus organisierten Pädophilengruppen eine politische Heimat geboten haben. Ferner kann es keinen Zweifel geben, dass die Grünen sich längst davon distanziert haben und heute so ziemlich alle ihre Mitglieder diese peinliche Episode gern ungeschehen machen würden. Auf die Gefahr hin, Offensichtliches auszusprechen, sei es, um Missverständnissen vorzubeugen, dennoch gleich zu Beginn klar gestellt: Es ist nicht verhandelbar, dass gelebte Pädophilie, sprich Kindesmissbrauch, gleich von wem und an wem, eines der schlimmsten Verbrechen ist, das zu recht verfolgt und bestraft wird. Komme mir keiner mit den alten Griechen! Etwas anderes ist es aber, das Thema aus vordergründigen wahlkampftaktischen Motiven auszuschlachten.

Samstag, 14. September 2013

Hiiilfeee, ein Finger!


Irgendwie hegt man ja immer noch diesen seltsamen, irrationalen Optimismus in Bezug auf gesellschaftlichen Fortschritt. Man ist geneigt zu glauben, wenn die Alten langsam ausstürben und weniger würden, dann würde das Leben besser, freier und ein Stück weniger verkrampft. Dann käme ein wenig Schwung in die Bude, würde es nicht mehr so verknöchert zugehen, den verbiesterten Spießern endlich der Staub aus der Jacke geschüttelt. Irgendwann muss doch mal Schluss sein, denkt man, mit diesem oberflächlichen, gouvernantenhaften Gemaßregel a'la: Zieh die die gute Hose an, was sollen die Nachbarn denken? Gib dem Onkel das schöne Händchen. Geh mal zum Friseur, wie siehst du überhaupt aus? Ihh, so ein schlechtes Vorbild! Und wie der Vorgarten von denen wieder aussieht! Immer wieder glaubt man, nein hofft man, so was müsse doch irgendwann mal erledigt sein im 21. Jahrhundert. Und immer wieder freut man sich zu früh.

Mittwoch, 11. September 2013

Keine einfache Antwort, nirgends


Die Frage, ob man Krieg als Mittel der Politik prinzipiell ablehnt, sollte im 21. Jahrhundert nach den Erfahrungen des 20. eigentlich keine mehr sein. Sicher hatte Helmut Schmidt Recht, wenn er sagte, es sei in jedem Fall besser, hundert Stunden zu verhandeln, als eine Stunde zu schießen. Allein, es gibt nicht immer eine richtige Antwort, eine einfache schon gar nicht. Seit dem Westfälischen Frieden galt in Europa das Gebot der Nichteinmischung in die Angelegenheiten anderer Staaten, zu denen auch Bürgerkriege gehören. Wer diesen an sich ehrenwerten Grundsatz strikt befolgt, muss in Kauf nehmen, schlimmstenfalls tatenlos zuzusehen, wenn in einem Bürgerkrieg Abertausende Menschen abgeschlachtet werden. Andererseits sind Bürgerkriege immer auch Propagandakriege, in denen Gut und Böse meist nicht eindeutig zuzuordnen sind und im Zweifel schnell wechseln können.

Sonntag, 8. September 2013

Blätter, die die Welt nicht braucht


"Formen sind kein leerer Wahn." (Heinrich Mann, der Untertan)

Vor ein paar Jahren war ich zu einer Hochzeit eingeladen, bei der im Vorfeld um Abendgarderobe gebeten worden war. Dummerweise besitze ich so etwas nicht. Nur zwei, drei Jacketts, die ich mit irgendwas kombiniere, wenn es denn gar nicht anders geht sowie drei Krawatten. Ich hasse solchen Zinnober. Offizielle Kleidung ist etwas, das ich zu vermeiden suche, wo immer es geht. So hatte ich in meiner nur als grenzenlos zu bezeichnenden Naivität gedacht, ich sei auf der sicheren Seite, wenn ich mir einen einfarbigen, mittelgrauen Dreiteiler ausleihe, mein einziges weißes Hemd anziehe und mir eine meiner Krawatten dazu umbinde. Narr, der ich war! Während der Feierlichkeiten raunte mir jemand dezent zu, was ich da trüge, sei aber keine Abendgarderobe. Die bestünde entweder aus einem schwarzen, sehr dunkelgrauen oder allenfalls einem dunkelblauen Anzug. Paff, da hatte ich es!

Donnerstag, 5. September 2013

Zitat des Tages


" [...] Zufriedenheit in Deutschland bedeute, daß man jemanden habe, auf den man herabsehen könne, dem es schlechter gehe als einem selbst und daß man etwas zu meckern habe, und zwar in ausreichender Menge. Auch die Bedürfnisse nach Einordnen, Buckeln, Brown-Nosing und Kriechen müßten befriedigt werden können, sonst fühle sich der deutsche Vollindividualist nicht wohl in seiner Kollektivhaut.

Dienstag, 3. September 2013

Kuschelmutti und der Metzger


Ein paar lose Gedanken zum TV-Duell vom Sonntag

Also schön, gut, ja. Ich gebs zu. Meine Neugier hatte gesiegt. Ich habe mir am Sonntagabend die zweite Hälfte des TV-Duells angesehen. Oder besser angehört, denn es lief eher im Hintergrund. Viel Erhellendes darf man sich von diesem Format eh nicht erhoffen. Allzu klare Ansagen gibt das – übrigens immer noch verfassungswidrige – deutsche Wahlrecht eh nicht her. Anders als in den USA, wo die Präsidentenwahl eine Personenwahl ist, wird hierzulande der Bundestag gewählt, nicht der nächste Kanzler. Außerdem sind Koalitionsregierungen, die Kompromisse nötig machen, die Regel. Ein Kanzlerkandidat bzw. eine amtierende Kanzlerin wäre also schön blöd, sich in so einer Sendung allzusehr festzulegen. Dass es Steinbrück gelungen ist, Merkel ein klares Nein zu einer PKW-Maut abzunötigen, ist vor diesem Hintergrund keine Kleinigkeit und dürfte zwischen der CDU und ihrem bayerischen Ableger für Unstimmigkeiten sorgen.

Sonntag, 1. September 2013

Mittelschichtsnobismus a'la Oliver


Es ist wichtig zu bedenken, dass Jamie Oliver nicht in erster Linie Koch ist, sondern ein erfolgreicher Geschäftsmann und Selbstdarsteller, der auch passabel kochen kann. Sein Geschäftsmodell basiert schon längst nicht mehr auf dem Verkauf von Kochbüchern und dem Moderieren von Kochsendungen, sondern auf der öffentlich zelebrierten Bekehrung des angeblich minderwertig futternden Pöbels zu gesunder Ernährung. Denn er verkauft seinen Fans vor allem die Illusion, dass jemand, der besser isst, auch ein besserer Mensch ist. Das funktioniert hervorragend und hat ihn zu einem steinreichen Mann gemacht. Damit das ohnehin schon recht stattliche Vermögen der Firma Jamie Oliver sich aber auch weiterhin mehrt, ist es nötig, dass der Mann sich von Zeit zu Zeit ins Gerede bringt, um nicht in Vergessenheit zu geraten.

Sonntag, 25. August 2013

Kurze Pause


Hier herrscht ab sofort bis zum nächsten Wochenende eine kurze Sommerpause!


Wir lesen uns.


Donnerstag, 22. August 2013

Pressefreiheit, the English way


Manchmal kann man es nicht fassen. Das Hirn sträubt sich bei der Vorstellung und man mag ums Verrecken nicht glauben, wie kleinfritzchenmäßig simpel Politik zuweilen funktioniert. Immer, wenn man denkt: So doof kann einfach keiner sein, das sind doch Profis, mit allen Tricks und Winkelzügen vertraut, die haben so was doch gar nicht nötig - dann kommt einer daher, der einen vom Gegenteil überzeugt.

Nehmen wir zum Beispiel David Cameron. Der verdingt sich bekanntlich als Premierminister des Vereinigten Königreiches. Cameron macht den Job übrigens nicht des Geldes wegen, denn er kommt aus piekreichem Hause und verfügt auch selbst über ein ansehnliches Vermögen in zweistelliger Millionenhöhe. Warum also sonst? Um seinem Land zu dienen? Das könnte sein. Dazu muss man aber die Millionen von Menschen außen vor lassen, die er mit seinen, unter dem aufblasbaren Tarnnamen Big Society verkauften Asozialreformen in Armut und Elend schubst. Cameron entstammt dem Geldadel, macht konsequent Politik für den Geldadel, tritt die Armen in die Tonne und tischt ohne rot zu werden das Märchen auf, davon würden alle profitieren. So weit, so neoliberal. Aber ich schweife ab.

Dienstag, 20. August 2013

Sommerlochfüllmasse: Hörtipp


Von FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher kann man so einiges halten. Man kann ihn für einen eitlen Salonintellektuellen halten, der glaubt, zu allem und jedem Maßgebliches zu sagen zu haben. Man kann ihm vorwerfen, seinerzeit einer Scientology-Charmeoffensive volles Rohr auf den Leim gegangen zu sein und nicht unproblematisches Fernsehschaffen a'la Nico Hoffmann allzu unreflektiert zu feiern. Das alles kann man tun und man liegt auch nicht ganz falsch. Ein paar Dinge muss man ihm aber unbedingt zugute halten: Er stellt sich Fragen, denen die meisten Feuilletonisten lieber nonchalant aus dem Weg gehen. Und er hat in der Vergangenheit mehrfach dafür gesorgt, dass im Feuilleton der FAZ so etwas wie Meinungsvielfalt herrscht.

Sonntag, 18. August 2013

Polonäse Johnnymeese


Was Jonathan Meese angeht, habe ich drei Probleme: Erstens vermag ich nicht zu beurteilen, ob das, was er so macht und treibt, Kunst ist oder nicht. Keine Ahnung. Mir fehlen auch die nötigen Kenntnisse, um das zu beurteilen. Und die, die sie mehr oder weniger haben sollten, wie etwa Feuilletonisten oder Kunsthistoriker, halten sich mit Antworten auf die Frage: "Wie, und das soll jetzt Kunst sein oder was?", in der Regel vornehm zurück. Mein zweites Problem ist, dass ich nicht qualifiziert bin zu sagen, ob Meese einen Knick in der Kappe hat oder nicht. Dazu müsste ich Psychiater sein und er mein Patient. Dann dürfte ich aber meine Erkenntnisse ohne sein Einverständnis nicht öffentlich mitteilen, wollte ich es nicht mit der Justiz zu tun bekommen kriegen. Mein drittes Problem ist, dass ich nicht sagen kann, ob der gute Mann ein Nazi ist oder entsprechende Tendenzen zeigt. Dazu wäre ich qua Ausbildung zwar noch am ehesten in der Lage, doch müsste ich mich dafür näher mit ihm und seinem Schaffen befassen. Dazu fehlen mir Zeit, Lust und Interesse.

Freitag, 16. August 2013

Ohrenpein beim Reitverein


Die Betreiber des nahe gelegenen Reiterhofs mit angeschlossener Gastronomie verstehen ihr Handwerk. Im schön gelegenen Biergarten lässt sich gutes Gebräu zu unschlagbaren Preisen genießen, auf Bestellung wird einem etwas Gutes auf den Grill gelegt, das nicht aus dem Großmarkt kommt, sondern von einem Metzger und ebenfalls zum schwer schlagbaren Preis verkauft. Im Hintergrund hält vornehmlich weibliches Jungvolk die Zossen auf Trab. Wenn der Wind günstig steht, bemerkt man auch den Geruch der hundert Meter entfernten Kläranlage kaum. Was soll's, die Emscher will schließlich gereinigt werden. H. ist nach einem mehr als ein Jahr währenden Dating-Marathon wieder in einer Beziehung angekommen und kennt kaum ein anderes Thema als seine neue Flamme. Man ordert noch ein Weißbier und lässt den lieben Gott einen jolly old fellow sein. Idyllen wie diese machen langmütig. Doch auch das hat Grenzen.

Mittwoch, 14. August 2013

Der Beweis: Privat ist besser


Gleich an mehreren Stellen auf einmal kann man sich dieser Tage von der Effizienz und der Überlegenheit privatwirtschaftlicher Strukturen überzeugen, die uns bekanntlich dem Idealzustand der Menschheit nahebringen werden: Bei den privaten Pflegediensten und der privatisierten Bahn.

Die Geschichte des Gesundheitssektors in der Bundesrepublik Deutschland in den letzten Jahrzehnten ist eine der fortschreitenden Privatisierung und eine fortlaufender Kürzungen. Vor allem zu Lasten der Patienten, versteht sich. Denn die Zahl derer, die vom Gesundheitswesen teils erheblich profitieren, scheint von Jahr zu Jahr größer zu werden. Und wenn jetzt, wie in einer Studie von Transparency International herauskommt, dass die privaten Pflegedienste in Deutschland ein ziemlich korrupter Sumpf sind, in dem die Pflegebedürftigen, um die es doch eigentlich gehen sollte, an allerletzter Stelle kommen, geht wieder das große Überraschtsein der Verantwortlichen los. Nein, das konnte ja wohl niemand ahnen. Also wirklich, erschreckend, so was. Wir versprechen brutalstmögliche Aufklärung.

Sonntag, 11. August 2013

Die nächste feine Idee


Dass Arbeit eine Gnade ist, für die man gefälligst dankbar zu sein hat und dass das Schaffen von ArbeitsplätzenTM so ziemlich jede unmenschliche Zumutung rechtfertigt, ist bekannt. Aus Großbritannien kommt jetzt eine neue Idee zur weiteren Auslagerung jeglichen unternehmerischen Risikos an die Arbeitnehmer. Es handelt sich um so genannte Zero-hour contracts. Das sind Arbeitsverträge, in denen keine Stundenzahl mehr festgelegt ist. Man hat sich auf Abruf zu halten und wird nach Bedarf eingesetzt. Oder auch nicht. Wenn man Pech hat, verdient man überhaupt nichts. Weil sie fürchten, in ein schlechtes Licht zu geraten, garantieren einige Kaffeebarketten ihren Baristas - man ist ja kein Unmensch - jetzt immerhin acht volle Mindeststunden pro Woche. Das wären bei einem Stundenlohn von 8,50 Pfund immerhin satte 68 Pfund Sterling. Beim momentanen Wechselkurs entspricht das 78,95 Euro.

Freitag, 9. August 2013

Noch mehr Druck


Ein weiterer Nebeneffekt des Popanz vom Fachkräftemangel

Der vornehmlich von Wirtschaftsverbänden und ihren medialen Büchsenspannern propagierte Fachkräftemangel dient unter anderem dazu, es als Notwendigkeit zu verkaufen, Arbeitskräfte aus den so genannten Krisenländern zu importieren, die ihrerseits dankbar für deutsche Hungerlöhne sind. So wird die Mär vom Fachkräftemangel zu einem Mittel, die Löhne und Gehälter auf dem deutschen Arbeitsmarkt weiter unter Druck und die Reservearmee groß genug zu halten. Außerdem können solche Panikmeldungen in bestimmten Branchen, zum Beispiel bei Ingenieurberufen, den Schweinezyklus in Gang setzen und zu Fachkräfteschwemmen führen, die die Arbeitgeber in eine günstige Position setzt. Das dürfte sich so weit herum gesprochen haben, dass das keine sonderlich originelle Erkenntnis mehr ist.

Donnerstag, 8. August 2013

Wie, keine Wurst heute?


Hätte man mich vor zehn, oder besser: fünfzehn Jahren gefragt, ob zu einer täglichen Mahlzeit in jedem Fall ein Stück Fleisch oder eine Wurst gehört, dann wäre meine Antwort ein aus der Pistole geschossenes Ja gewesen. Das CMA-Diktum vom Stück Lebenskraft war von klein auf ein ehernes Mantra meines Speiseplans. Wie so viele, bin ich mir da inzwischen längst nicht mehr so sicher. Mittlerweile esse ich zwischendurch gern fleischlos. Nicht vegan allerdings. Ein Leben ohne Milchprodukte und Käse dünkt mir machbar, aber sinnlos. Meine langsame Mutation zum Flexitarier, wie das die jungen Leute heute nennen, hat mehrere Gründe. Zum einen bin ich mit den Auswüchsen moderner Massentierhaltung alles andere als einverstanden, auch wenn es teilweise unangebracht ist, sie pauschal zu verteufeln. Weiterhin probiere ich gern Neues aus und bin zunehmend angetan, was sich fleischlos so alles Leckeres und Nahrhaftes bereiten lässt.

Sonntag, 4. August 2013

Wieder rausgekramt: Der Philip Marlowe von Essen


Man könnte doch mal wieder 'Steeler Straße' lesen, so fuhr es mir die Tage durchs Hirn und ich tat wie befohlen. Drei Tage später hatte ich alle Bände durch und das sichere Gefühl, diese treuen Begleiter meiner Essener Studienjahre nicht zum letzten Male wieder hervorgekramt zu haben. 'Steeler Straße' ist eine aus sechs Bänden bestehende Serie von in Essen spielenden Detektivromanen des ehemaligen IT-Angestellten Friedrich Hitzbleck alias Conny Lens. Lens hat den Traum vieler wahrgemacht und sich vom Hobbyschriftsteller zum gefragten Roman- und Drehbuchautor gemausert. 'Steeler Straße' gehörte zu seinen ersten Gehversuchen.

Mittwoch, 31. Juli 2013

Symptom, nicht Ursache


Inge Hannemann verdient allen Respekt für ihren Mut und ihr Rückgrat. Seit 2009 legt sie in ihrem Blog dankenswerterweise offen, wie man in dem Jobcenter, bei dem sie (noch) angestellt ist, mit Menschen umzugehen pflegt. Dafür bekommt sie zu Recht eine Menge Aufmerksamkeit und Beifall. Heute wurde ihre Suspendierung vom Arbeitsgericht Hamburg für rechtens erklärt. Es steht ihr allerdings noch der weitere Instanzenweg bis hin zum Europäischen Gerichtshof offen.

Sonntag, 28. Juli 2013

Sei mal tolerant, du Arsch!


Die momentan herrschende Bullenhitze hat nicht für alle Vorteile. Zum Beispiel für Menschen wie mich. Dass ich Hitze nicht gut vertrage und es lieber etliche Grade kühler hätte, mag ich hier nicht noch einmal groß ausbreiten. An den Temperaturen lässt sich eh nix ändern, man muss sich halt irgendwie arrangieren und Wege finden, damit umzugehen. Übel ist es aber, wenn man zu denen gehört, die sich als körperlichen Ausgleich Schwimmen gewählt haben. Es ist wirklich schön, in einer Stadt zu siedeln, die dankenswerterweise noch nicht dem Spaß- und Wellnessbadvirus anheim gefallen ist und mehrere klassische Schwimmbäder vorhält, in denen sich nicht nur Bahnen ziehen lassen, sondern auch der Eintritt bzw. eine Jahreskarte noch gut bezahlbar ist.

Mittwoch, 24. Juli 2013

Wo der freie Markt waltet


Die Privatisierung der Telekommunikation würde vieles im Leben der vom staatseigenen Monopolisten geknebelten Telefonierer einfacher machen, hieß es damals. In der Tat kommt man sich schnell vor wie Opa, der vom Krieg erzählt, wenn man etwa Menschen, die deutlich jünger als dreißig sind, klarmachen möchte, dass es mal Zeiten gab, in denen die Deutsche Bundespost ("Opa, was hat die Post mit telefonieren zu tun?") Standardtelefone in drei bis vier Farben (mausgrau, schleimocker, popelgrün, signalorange) mit maximal drei Metern Schnur ("Opa, wozu braucht ein Telefon eine Schnur?") erlaubte und man auf einen Telefonanschluss schon mal mehrere Monate warten musste ("Und warum habt ihr euch dann nicht einen anderen Anbieter gesucht, Opa?").

Montag, 22. Juli 2013

Die fröhlichen Hartzer von Pinneberg


Es muss kein Zeichen von zwanghaftem Geiz sein, seine Flocken ein wenig zusammen zu halten. Man kann es auch verantwortlichen Umgang mit Ressourcen nennen. Warum teures Super bleifrei verballern, wenn man in der glücklichen Situation ist, auch mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren zu können? Warum mittags Imbissbuden und Stehbistros reich machen, wenn man sich auch was von zu Hause mitbringen kann? Warum stilles Wasser immer neu kaufen, wenn die Flaschen sich auch ein paar Mal mit Leitungswasser neu befüllen lassen? Kühlt man das gut, bemerkt keiner einen Unterschied. Alles schön, kann man machen. Man spart nicht nur Geld dabei, sondern tut teilweise sogar etwas für Umwelt und Gesundheit.

Problematisch wird es, wenn man sich nicht freiwillig für so was entscheidet, sondern dazu gezwungen ist und sich dann noch von Leuten, die das nicht nötig haben, schlaue Ratschläge anhören darf.

Freitag, 19. Juli 2013

Was macht eigentlich...


... die FDP so?

Nein, ernsthaft. Wenn man bedenkt, dass die Liberalen nicht müde werden, sich als die einzig wahre Partei der Freiheit und der Bürgerrechte abzufeiern und andauernd vorgeben, sich als einzige mutig staatlicher Willkür in den Weg zu stellen, dann müsste der Verein momentan doch förmlich im Achteck springen. Nähmen sie ihr eigenes programmatisches Gerede auch nur ansatzweise ernst, dann müsste gerade mindestens eine heftige überparteiliche Debatte stattfinden über Privatsphäre und bürgerliche Freiheiten in Zeiten totaler Überwachung. Angesichts der, höflich ausgedrückt, windelweichen Reaktion der Kanzlerin und ihres Innenfiffis auf NSA und Prism müsste eine Partei, die sich dergestalt als tapferes Häuflein liberaler Idealisten inszeniert, doch mit Koalitionsbruch drohen. Sollte man jedenfalls meinen.

Mittwoch, 17. Juli 2013

Deutschland, uneinig Egoland


Seit ihrer Gründung arbeitet die Bertelsmann Stiftung unermüdlich daran, dieses Land ein bisschen weniger solidarisch zu machen. So wenig Staat wie möglich lautete das schlichte Credo des erzkonservativen Gütersloher Bücherpaten Reinhard Mohn, der eine kleine Verlagsklitsche  zu einem der größten Medienhäuser Europas und später der Welt aufbaute. Mohn mag seinem Anspruch daran, wie ein Firmenchef zu sein hat, durchaus gerecht geworden sein. Für seine Mitarbeiter wird er tatsächlich so etwas gewesen sein, wie ein Patriarch – streng zwar, aber auch väterlich, großzügig, vor allem aber loyal. Unter seiner Ägide (und den Bedingungen des Wirtschaftswunders) musste vielleicht niemand Angst haben, entlassen zu werden.

Zwei bis drei Denkfehler aber muss man Mohn postum attestieren. Erstens: Ostwestfalen ist nicht die Welt. Zweitens: Unternehmer wie er und Unternehmen wie seins sind die Ausnahme, nicht die Regel. Drittens: Ein erfolgreicher Unternehmer ist zunächst einmal nicht mehr und nicht weniger als ein erfolgreicher Unternehmer und deswegen noch lange kein universell begnadeter Visionär, der in allen Fragen und allen Bereichen des menschlichen Daseins kompetent ist. Noch zu Lebzeiten, meinte er, Eigentum verpflichte. Unter anderem dazu, der Gesellschaft etwas zurück zu geben. Dieses an sich edel und altruistisch sich ausnehmende Motiv ist in Wahrheit nicht selten ein egoistisches: Es geht darum, die Gesellschaft im eigenen Sinne zu verändern.

Montag, 15. Juli 2013

Feine Idee!


Es ist eine Binse, dass in den USA in vieler Hinsicht andere Sitten und Gebräuche herrschen als bei uns. So auch bei der Art und Weise, wie Firmen ihre Angestellten bezahlen. Während es bei uns die Regel ist, den Lohn der Mühen monatlich aufs Girokonto geschaufelt zu bekommen, beherrscht in Amiland vielerorts noch immer der gute alte Gehaltsscheck (paycheck) die Szene. Wer sich noch erinnert: Im Gegensatz zu einer Überweisung verursacht so ein Scheck ein wenig Arbeit: Wer ihn bekommt, muss ihn persönlich bei einer Bankfiliale einlösen. Die Bank muss den Betrag dann dem Konto gutschreiben bzw. das Scheckformular einscannen und sich vom Scheckaussteller das Geld zurückholen.

Freitag, 12. Juli 2013

20 Prozent - auf nichts mehr


Am härtesten trifft die Insolvenz der aufdringlich werbenden Baumarkt-Kette Praktiker zweifellos die ca. 20.000 Mitarbeiter. Sollten die blaugelben Märkte demnächst alle dicht machen, dann werden Konkurrenten, wie schon im Fall Schlecker, sich bald darauf einige gut gehende Filialen unter den Nagel reißen. Daher werden einige ehemalige Praktiker-Mitarbeiter sich sicher bald in der Montur eines anderen Anbieters wiederfinden. Nur eben längst nicht alle. Und auch die, die das Glück haben, woanders unterzukommen, werden höchstwahrscheinlich Nachteile in Kauf nehmen müssen. Niedrigere Löhne, befristete Verträge, prekäre Arbeitsverhältnisse und möglicherweise längere Anfahrtswege, um nur drei zu nennen. Ein paar wenige werden sich vielleicht sogar besser stellen als zuvor. Das ist ihnen nur zu wünschen.

Dienstag, 9. Juli 2013

Selig, die verzichten


„Wer niemals einen Rausch gehabt, / der ist kein braver Mann.“ (Joachim Perinet, 1765-1816)
Na auch immer geglaubt, kleine Sünden seien die Würze des Lebens? Dass ein paar nette kleine Exzesse dem Dasein erst den richtigen Pep verleihen? Zum Beispiel der eine oder andere komplett durchgammelte Tag, ein gelegentliches üppiges, herrlich ungesundes Essen, vielleicht sogar fettes Fast Food, ein gepflegtes Besäufnis, ein Stück Kuchen hier und da oder ein paar Süßigkeiten, vielleicht auch eine komplett unsinnige Anschaffung? Tja, dumm gelaufen. Denn jetzt haben amerikanische Wissenschaftler herausgefunden, dass die Selbstdisziplinierten, die sich dauerhaft jegliche solcher Ausschweifungen konsequent abklemmen, statistisch die größte Chance hätten, auf lange Sicht wirklich glücklich zu sein. Die wahre Seligkeit liege also im permanenten Entsagen.

Sonntag, 7. Juli 2013

Heute rundum positiv


Letztens meinte jemand zu mir, wenn man meinen Blog lese, könnte man meinen, ich sei verbittert. Leider führte er nicht aus, wie er das genau meinte, aber ich muss gestehen, es beschäftigte mich schon ein wenig. Sicher wird in der Bloggerszene mehr gemosert als anderswo. Das liegt unter anderem daran, dass die Grenzen zwischen PR und Journalismus immer mehr verschwimmen und viele kommerzielle Medien in ihren Netzauftritten zunehmend Belangloses oder Hofberichterstattung liefern. Daraus aber, dass ich mich regelmäßig über so was auslasse, zu schließen, ich liefe den ganzen Tag mit einem Gesicht herum wie sechs Wochen Regenwetter und hätte quasi schon den Strick um den Hals, ist schlicht Quatsch. Daher gibt es heute einen ernst gemeinten, positiven, beinahe völlig kritikfreien Beitrag über etwas, das bei mir fast in jedem Jahr für gute Stimmung sorgt.

Freitag, 5. Juli 2013

Seltsame Gedanken eines Ärztemuffels


Weil ich das Glück habe, über eine recht robuste Gesundheit zu verfügen und ich nur sehr selten ernsthaft krank werde, waren meine Begegnungen mit dem Gesundheitswesen, abgesehen von meinem Zivildienst und der Zahnmedizin, bislang eher spärlich. Trotzdem lässt sich nicht ignorieren, dass auch ich langsam in ein Alter zu kommen scheine, in dem erste Abnutzungserscheinungen an der Karkasse sich bemerkbar machen. Und da kann es vorkommen, dass man sich nolens, volens doch in die hoffentlich kundigen Hände der weißen Zunft begeben muss. Für jemanden wie mich ist das wie eine Landung auf einem fremden Planeten.

Mittwoch, 3. Juli 2013

Demokratien ohne Demokraten?


Bis heute gilt die Watergate-Affäre nicht nur in den USA als Meilenstein des investigativen Journalismus, als Beweis, dass demokratische Kontrolle funktioniert und als Zeichen der Macht einer aufgeklärten, mündigen Öffentlichkeit. Die Fakten sind weitgehend bekannt: Präsident Nixon missbrauchte zum Zwecke des Machterhaltes zahlreiche seiner ohnehin weitgehenden Kompetenzen und wurde erwischt. Um einem  Amtsenthebungsverfahren zuvor zu kommen, trat er 1974 als erster amerikanischer Präsident vom Amt zurück. Die Reporter Carl Bernstein und Bob Woodward von der Washington Post und ihr Informant Deep Throat wurden beinahe zu Ikonen der Popkultur. Sie konnten nachweisen, dass der Versuch, das Hauptquartier der Demokratischen Partei zu verwanzen, von Auftraggebern aus dem Weißen Haus veranlasst worden war und der Präsident davon gewusst haben musste.

Montag, 1. Juli 2013

Wir bau'n uns ein Schloss


Vorab ein Geständnis: Als Kind bin ich meinen Eltern einige Zeit lang zwei mal pro Jahr (vor Weihnachten und vor meinem Geburtstag) damit auf die Nerven gegangen, unbedingt eine Playmobil-Ritterburg haben zu wollen. Meine Nerverei dauerte so lang wie ich mich nicht zu alt fühlte für Playmobil. Also etwa das Grundschulalter hindurch und noch ein wenig länger. Ich hatte da nämlich eine Vision: Die mächtige Burg, die sich in immer neuen Konstellationen zusammenstecken ließ, würde der unverzichtbare Mittelpunkt meines Kinderzimmers sein, malte ich mir aus. Es würde Leben sein in der Bude: Belagerungen würde sie ehern stand halten, prachtvolle Turniere würden veranstaltet werden, in denen edle Ritter um die Gunst keuscher Burgfräuleins stritten. Alles Kompetenzen, die im späteren Leben für einen Kavalier alter Schule sehr sinnvoll sein konnten, fand ich. Überhaupt, ein echter Junge ohne Ritterburg, das ginge eigentlich gar nicht.

Freitag, 28. Juni 2013

Michael Kohlhaas reloaded


Ob Geheimdienste unverzichtbar sind oder nicht, sei dahingestellt. Es scheint aber eine historische Konstante zu sein, dass Regierungen von Staaten gern informiert sind darüber, was der böse Nachbar, was tatsächliche und potenzielle Tunichtgute so treiben bzw. was sie eventuell vorhaben könnten. So weit, so gut. Lange war es aber üblich, möglichst zu unterscheiden zwischen In- und Auslandsgeheimdiensten und diese auch institutionell voneinander getrennt zu halten. Weil die Arbeit der Geheimdienste - daher der Name - geheim ist, wird die Öffentlichkeit traditionell nicht allzu umfassend darüber informiert. Besonders Inlandsgeheimdienste waren immer verdächtig, Staaten im Staate zu sein. Kritisch droht es immer dann zu werden, wenn eine Staatsführung von kollektiver Paranoia befallen ist und den Feind im Innern vermutet.

Mittwoch, 26. Juni 2013

Juhu, wir sind wettbewerbsfähig!


In den letzten Tagen wurden im Fernsehen zwei Sendungen ausgestrahlt, die einen Blick hinter die Kulissen zweier Branchen hierzulande geworfen haben. Da war einmal Michael Niebergs vom NDR produzierte Dokumentation aus der Reihe 'Die Story im Ersten' über Arbeitsbedingungen in der deutschen Fleischindustrie. Dann kam auf RTL - ja, auf dem RTL - aus der Reihe 'Team Wallraff' ein überraschend guter Beitrag über die Arbeit von Zimmermädchen in deutschen Hotels. Zwar sind Wallraffs Verkleidungskünste legendär, aber eine Frau von Anfang zwanzig bekäme nicht mal er überzeugend hin. Daher wurde eine Redakteurin, die sich sonst beim Banalitäten-Magazin 'extra' verdingt, unter der Ägide Wallraffs undercover und mit versteckter Kamera ausgestattet als Zimmermädchen losgeschickt.

Sonntag, 23. Juni 2013

Die ihr Essen fotografieren


Irgendwas mache ich falsch. Ich mache mir oft einen Kopf, über was sich so bloggen lässt. Weil das hier nie ein reines Polit-Blog sein sollte, sehe ich zu, eine gewisse Balance hinzubekommen aus Politischem, Gesellschaftlichem und jenen netten Banalitäten am Wegesrand, die das Leben so farbig machen. Ich drechsele Sätze, lese sie mir laut vor, um zu hören, ob sie auch einen schönen Rhythmus haben. Regt mich etwas richtig auf, dann gelingt es mir manchmal, einen Beitrag in einer halben Stunde fertig zu haben und nur noch ein paar kleine Korrekturen vornehmen zu müssen. Meistens breche ich mir aber länger einen ab. Vor allem aber schmeiße ich eine Menge weg. Nur gut die Hälfte dessen, was ich im Monat so verzapfe, erscheint hier auch. Der Rest gammelt als angefangenes Fragment auf der Festplatte rum. Ich beklage mich nicht, denn ich finde das ziemlich normal. Wie alle kreativen Tätigkeiten, ist Schreiben nun einmal, entgegen einem verbreiteten Vorurteil, kein reiner Spaß, sondern vor allem Arbeit. Eine schöne Arbeit zwar, die meist Freude bringt und sehr befriedigen, gelegentlich aber auch frustrieren kann.

Freitag, 21. Juni 2013

Deutsches Kinderelend


Kristina Schröder hat's manchmal auch nicht leicht. Weil bekanntlich das Damoklesschwert des demographischen Wandels über uns allen hängt, die Deutschen somit auszusterben drohen wie einst die Dinosaurier und die Neandertaler, gilt es als vordringliche Aufgabe einer Familienministerin, dafür zu sorgen, dass die zwar rammelfreudigen, aber vermehrungsmüden Deutschen diesen Trend gefälligst wieder umkehren. Das Elend der deutschen Politik liegt auch hier darin, dass man meint, alles sei im Zweifel nur eine Frage des Geldes.

Dienstag, 18. Juni 2013

Fremde Freunde


Kein Zweifel, Amerika war einmal cool. Vor allem die Populärkultur. Für viele in der Nachkriegszeit Sozialisierte hatten Jeans, Rock 'n Roll und auch das unkomplizierte Fastfood im Mief der Adenauerära etwas Befreiendes. Amerika, das stand für Freiheit, ein gewisses Rebellentum, dafür, es dem Establishment zeigen. Auch der amerikanische Traum hatte eine gewisse Faszination: Egal, wer du bist oder wo du herkommst, egal wie du heißt und welchen Namen du trägst, du bekommst deine Chance. Dass das streng genommen kaum jemals so war und es auch in den USA, die keinen Adel kannten, sehr wohl eine Rolle spielen konnte, wer man so war und aus welchem Stall man stammte, störte zunächst nicht weiter. Die Amerikaner waren schlau genug um zu sehen, dass es im Nach-Nazideutschland eine jüngere Generation geben würde, die nach so etwas dürstete und gaben den wohlwollenden Hegemon. Viele Deutsche dankten ihnen das.

Samstag, 15. Juni 2013

Ein Augapfel am Tag bringt den Doktor auf Zack


Gar schmackhaft kann ein Apfel sein. Vorausgesetzt, es handelt sich um keinen turbogezüchteten Wassersack und der brave Erzeuger hat nicht zu tief in den Giftschrank gegriffen. Darüber hinaus sind Äpfel gesund, stecken voller Vitamine und haben wenig Kalorien, sodass die Branche der Ernährungsberatung sich gar nicht mehr einkriegt ob der segensreichen Effekte des Kernobstes. Dass einige Leute, nebenbei bemerkt, Äpfel überhaupt nicht vertragen, ist etwas anderes und würde hier den Rahmen sprengen. Japanische Jugendliche scheinen da offenbar etwas falsch verstanden zu haben. Denn die lecken sich seit Neuestem, so ist zu hören, gegenseitig die Augäpfel ab zum Zwecke sexueller Stimulation. Lecker! (Schön, das Wortspiel funktioniert wohl nur im deutschen Sprachraum, weil der Augapfel vermutlich nur hier Augapfel heißt. Wie der ungelenke Reim im Titel, bloß ein schamloser Versuch meinerseits, ums Verrecken einen originellen Einstieg zu finden und Aufmerksamkeit zu generieren.)

Donnerstag, 13. Juni 2013

Die fünf Stadien...


... zur Akzeptanz des Gedankens, dass Barack Obama vielleicht doch nicht gar so anders ist:

(Tom Tomorrow via Daily Kos)


Dienstag, 11. Juni 2013

Genderama


"Girls will be boys and boys will be girls / It’s a mixed up, muddled up, shook up world / Except for Lola." (Ray Davies)
Die um ihre Männlichkeit fürchtenden Männer an der Universität Leipzig können aufatmen: Die Klöten bleiben dran und im Uni-Chor wird auch weiterhin Tenor und Bass gesungen werden. Kein honoriger Professor muss fürchten, in Zukunft mit "Frau Professorin", "Frau Professor", "Klaus-Bärbel" oder "Loretta" angeredet zu werden. Auslöser der Panik war ein Bericht auf Spiegel online, in dem es sinngemäß hieß, die Leipziger Alma Mater habe ihre Sprachregelungen dahingehend geändert, dass sich von nun an alle Männer mit weiblichen Titeln anreden lassen müssten. Im Teaser heißt es:

Freitag, 7. Juni 2013

Ursuppe


"Wenn Menschen aufhören, an Gott zu glauben, dann glauben sie nicht an nichts, sondern an alles Mögliche. Das ist die Chance der Propheten – und sie kommen in Scharen." (Gilbert Keith Chesterton)
Man sagt, des Menschen Wille sei sein Himmelreich. Wenn also jemand glauben möchte, der liebe Gott sei ein rauschebärtiger alter Mann und habe die uns bekannte Erde binnen sechs Tagen plus einem Ruhetag mit etwas Simsalabim aus Knetmasse und Spucke zusammengeleimt, dann soll er das eben tun. Wer par tout glauben möchte, man würde 120 Jahre alt und garantiert niemals krank, wenn man sich ausschließlich von Rohkost und ungewaschenen Wildkräutern ernährt, dazu täglich skurrile Gymnastik betreibt und Volkslieder zu ungelenk umgedichteten Texten zum Besten gibt, soll das meinethalben auch tun. Problematisch wird es genau dann, wenn Leute, die so was tun, alle, die das nicht tun mögen oder schlicht für Mumpitz halten, für minderwertige, unerleuchtete, ignorante und böse Menschen halten.

Ich bin in meinem bisherigen Leben weiß Gott einer ganzen Menge Schwachsinn in allen Farben, Formen und Größen begegnet. Seitdem ich mich seinerzeit daran gemacht habe, in die unendlichen Welten des Netzes vorzudringen, scheint mir das Ausmaß noch einmal deutlich angestiegen zu sein. Auch ist man aus der Esoterik-Szene wirklich einiges Schräge gewohnt. Doch spielt das, auf das am letzten Wochenende auf mein entzündetes Auge fiel, noch einmal in einer eigenen Liga.

Donnerstag, 6. Juni 2013

Verklemmte überall


Wie landet man als Comedian fast immer einen sicheren Lacher? Ganz einfach. Man braucht nur einen Satz anzufangen wie: „Greift ein Priester einem Messdiener unter den Rock...“, und dabei verschwiemelt zu grinsen. Ta-täää! Grölendes Gelächter ist fast garantiert. Die normalerweise durchaus witzige und angenehm versaute Kölner (ja, ich weiß, sie ist in der Klumstadt Bergisch Gladbach geboren) Komödiantin Carolin Kebekus hat für ihre vom WDR produzierte und auf EinsFestival ausgestrahlte Fernsehshow einen Clip gedreht, in der sie als tanzende Nonne inmitten einer Schar von Messdienern, denen wiederum Priester nachstellen, in einer Kirche Hiphoppiges zum Besten gibt. Irgendwann lupft sie das Gewand vor einem Kruzifix und leckt auch eines ab. Haha. Wer im Gegensatz zu mir auf HipHop steht, wird dem vielleicht sogar etwas abgewinnen können.

Dienstag, 4. Juni 2013

Auftakt zum heißen Sommer?


Wird dieser Frühsommer 2013 einmal in die Geschichte eingehen als der Zeitpunkt, dem es für die Mächtigen Europas langsam ungemütlich zu werden begann? Keine Ahnung. Aber die momentane Häufung von Unruhen, Protesten und Krawallen auch in jenen Ecken Europas, in denen die Bevölkerung noch nicht einmal die schlimmsten Folgen der Finanzkrise zu spüren bekommen haben, zeigt, dass sich. Wer die Backen aufbläst über spinnerte linke Randalierer, den sollte man gelegentlich daran erinnern, dass wir Europa mittels Austeritätspolitik seit einiger Zeit dabei sind, den größten sozialen Sprengsatz der jüngeren Geschichte anzurühren.

Donnerstag, 30. Mai 2013

Sie sind unter uns (3)


Heute: Pink Radar - der Homophobe Oberchecker

Wer erinnert sich nicht an die legendären Terminator-Filme? Legendär die Szenen, in denen der staunende Zuschauer die Welt durch die Augen des Maschinenmannes wahrnahm. Wer hätte sich so was in bestimmten Situationen noch nie gewünscht? Entfernungen, Größenverhältnisse, freie Parkplätze, Temperaturen und vor allem Identitäten automatisch ins Sichtfeld eingeblendet zu bekommen. Zwar gibt es solche Geräte schon länger, aber dummerweise würde man damit aussehen wie eine dieser Borg-Drohnen aus Star Trek. Aber jetzt festhalten: Menschen mit eingebauten Scannern wie beim Terminator scheint es wirklich zu geben. Auch das muss ich wissen, denn ich bin auch so einem schon begegnet. Es war Pink Radar, der Homophobe Oberchecker.

Dienstag, 28. Mai 2013

Der Goldene Heißluftballon 2013 geht an...


... Foodwatch!

Grundsätzlich sind Organisationen wie Foodwatch mir sympathisch, weil sie Verbraucher an den Stellen aufklären, an denen Werbung und Selbstdarstellung von Nahrungsmittelkonzernen eher schweigsam zu werden pflegen. Einmal im Jahr verleiht Foodwatch den Goldenen Windbeutel für die dreisteste Werbelüge der Lebensmittelindustrie. Nun ist auch das mir sympathisch, denn ich bin für größtmögliche Transparenz, weil ich finde, dass auf einem freien Markt die Kunden die Möglichkeit haben müssen, auch fundiert entscheiden zu können. So halte ich es für wünschenswert, Hersteller dazu zu verpflichten, Nährstoffangaben auf ihre Produkte zu drucken, die kein aufwändiges Kopfrechnen verlangen. Und obwohl selbst kein Vegetarier und auch kein Veganer, will es mir nicht in den Kopf, warum in Deutschland immer noch keine  Kennzeichnungspflicht für vegetarische oder vegane Produkte existiert, wie das in anderen Ländern längst üblich ist. Das wäre nichts weiter als ein Gebot der Fairness. Man sollte nur nicht übers Ziel hinausschießen oder bei seinen Attacken jedes Maß verlieren.

Sonntag, 26. Mai 2013

Sie sind unter uns (2)


Heute (aus aktuellem Anlass): Gelbe Leuchte – das Superhirn

Hoppala, da hatte man für die zweite Folge über Superhelden in unserem Alltag eigentlich etwas anderes geplant, und schon enttarnt sich überraschend noch einer. Einige Kollegen waren zwar aufmerksam geworden, haben jedoch nicht die Möglichkeit in Betracht gezogen, es könne sich um einen Menschen mit übernatürlichen Fähigkeiten handeln. Das ist normalerweise auch nicht so einfach, denn wie Superman sich als linkischer Reporter Clark Kent tarnt, macht Gelbe Leuchte im Alltag auf Politiker (hier übrigens eines der wenigen Fotos, die ihn in seinem Superheldenkostüm zeigen). Er versteckt sich hinter dem Decknamen Philipp Rösler und übt angeblich den den Beruf des Wirtschaftsministers aus. Ehrenamtlich schafft er noch als Parteivorsitzender.

Samstag, 25. Mai 2013

Oh selige Burschenherrlichkeit!


Grundsätzlich steht es jedem Verein frei, zu entscheiden, wer als Mitglied aufgenommen wird und wer nicht. Wenn der gesellschaftliche Mainstream sich dreht, kann es schon einmal schwierig werden. Dann stehen sich verfassungsmäßig verankerte Grundsätze („Niemand darf aufgrund … benachteiligt werden.“) und vereinsrechtliche Statuten entgegen („Der Verein für bekloppte Barttrachten Botzenburg e.V. von 1951 steht jedem männlichen Bartträger offen, der...“). Die Wiener Philharmoniker zum Beispiel, die kein öffentlich-rechtliches Orchester sind, sondern ein privater Verein, haben sich bis 1997 geweigert, Frauen aufzunehmen. Letztlich war das nicht mehr zu halten. Festzuhalten bleibt, dass es nicht zwingend Diskriminierung sein muss, wenn ein Verein einem die Mitgliedschaft verwehrt.

Mittwoch, 22. Mai 2013

Sie sind unter uns (1)


Heute: The Eye - der ICE-Hypnotiseur

Wer immer geglaubt hat, Superhelden mit ihren übermenschlichen Fähigkeiten seien bloß eine Erfindung der amerikanischen Populärkultur und somit reine Fiktion, möge sich nicht täuschen. Auch in unserem Alltag tummeln sich entsprechend begabte Menschen. Nur sieht man es ihnen nicht auf den ersten Blick an. Daher muss man sie zu erkennen wissen. Nehmen wir zum Beispiel The Eye, den ICE-Hypnotiseur (das Schöne an der Sache ist ja, dass man als Entdecker den Namen auswählen darf). Um gleich einem Missverständnis vorzubeugen: Ein ICE-Hypnotiseur ist nicht etwa in der Lage, einem ICE-Triebzug seinen Willen aufzuzwingen. Zwar gibt es Menschen, die das können, doch sind die allgemein bekannt unter dem Namen Lokführer. Nein, ein ICE-Hypnotiseur sieht im Prinzip aus wie ein ganz normaler Fahrgast, doch vermag er allein mit der Kraft seines Blickes, ohne ein Wort und ohne erkennbaren Einsatz technischer Apparaturen, jeden beliebigen Mitreisenden in einen zuckenden, willenlosen, amorphen Zellhaufen zu verwandeln. Ich muss es wissen, denn ich bin einem begegnet.

Freitag, 17. Mai 2013

Unterm Vordach qualmt's


„Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich im wohlhabenden Bildungsbürgertum eine neue Bewegung, die gesunde Ernährung mit Lebensstil und Naturromantik verband, die Bewegung der Lebensreform. Man konnte es sich leisten, Natur als etwas grundsätzlich Gutes anzusehen und Lebensbedingungen einzufordern, die man als natürlichen Lebensstil definierte. Die Losung lautete: Zurück zur Natur. Es entstanden durchaus positive gesellschaftliche Neuerungen wie weniger steife Umgangsformen, bequemere Kleidung und ein entspannteres Verhältnis zum eigenen Körper. Aber wie immer, wenn sich Gruppenmoral bildet, setzen sich wirklichkeitsfremde Ideologien durch, zum Beispiel, wie die Naturvölker zu essen, nämlich angeblich vegetarisch und roh.“ (Gunter Frank)

„Eigentlich bin ich Kettenraucher, und dazu stehe ich. Wenn Sie mir einen Gefallen tun wollen: Kommen Sie zu meiner Beerdigung und schmeißen Sie eine Schachtel Marlboro ins Grab.“ (Peter Zwegat)
Gestern Nachmittag war ich einkaufen. Selbstredend ist das eigentlich nicht der Rede wert, weil ich das jede Woche mache, wie Millionen andere auch. Eines war aber anders als sonst. Als ich bepackt die Niederlassung des Discounters meines Vertrauens verlassen wollte, kam gerade der heftigste Gewitterschauer des Jahres herunter. Das veranlasste mich und einige andere Kunden dazu, ein paar Minuten unter dem Vordach zu warten, bis der ärgste Regen nachließ, auf dass man nicht nass bis auf die Knochen beim Auto ankam. So weit, so normal. Doch dann zündete sich einer der Wartenden eine Zigarette an und dezentes Tabakaroma erfüllte bald den Zufluchtsort. Glaubt man offiziösen Verlautbarungen zum Nichtraucherschutz, dann handelte es sich dabei um nichts weniger als den Einsatz einer Massenvernichtungswaffe gegen Unschuldige. Und weil angeblich eine überwältigende Mehrheit dafür ist, dass in ihrer Gegenwart nirgends mehr geraucht wird, war zu befürchten, dass sogleich ein aufgebrachter Lynchmob sich formieren würde, den Mörder seiner gerechten Strafe zuzuführen. Vor Gericht wären dann später alle freigesprochen worden. Es war schließlich Notwehr! Und wir waren in Nordrhein-Westfalen, wo doch jetzt seit dem ersten Mai so gesund gelebt wird.

Dienstag, 14. Mai 2013

Fröhliches Filmeraten


Eines muss man den Wahlkampfstrategen der Union lassen: Sie verstehen es wirklich, Mutti Merkel im Wahljahr in Szene zu setzen. Kaum hatte unser aller Kanzlerin kürzlich dem Polit- und Justizfachblatt Brigitte ein Interview so ganz von Frau zu Frau gegeben, folgte schon der Charmeoffensive nächster Streich. Im Rahmen der Reihe 'Mein Film', die die Deutsche Filmakademie seit 2011 ausrichtet, wird einmal im Jahr eine prominente Person aus Politik, Kultur oder Showgeschäft eingeladen, die gebeten wird, ihren Lieblingsfilm zu nennen. Der wird dann in dessen und in Anwesenheit von weiteren Personen gezeigt, die etwas Schlaues zu dem Streifen zu sagen wissen. Hinterher wird noch ein wenig über das Gesehene und das Verhältnis der betreffenden Person zu dem Film geplaudert. Prima PR-Plattform, das. Wer den Lieblingsfilm eines Menschen kennt, kann einen kleinen Blick in sein Herz erhaschen, so oder so ähnlich das Kalkül dahinter.

Montag, 13. Mai 2013

Hinter den Fassaden


Allen Jubelmeldungen über Jobwunder und allen Horromeldungen über Fachkräftemangel zum Trotze ist Arbeit ein knappes Gut. Immer, wenn die Nachfrage das Angebot übersteigt, kann das für die Nachfrageseite übel enden. Wie es Tucholsky schon sagte: Es ist wie im Krieg – wer die Butter hat, wird frech. Daher gilt für den, der sich Arbeit suchen muss, erst einmal an sich zu arbeiten. Da bieten dann so genannte Bewerbungsberater, -coaches oder -trainer ihre Dienste an. Oder so genannte Karriereberater. Die Seminarangebote sind so zahlreich wie die Buchhandlungen voll sind mit entsprechender Lektüre.

Das Problem vieler solcher Bewerbungs- oder Karriereratgeber ist, dass sie oft, gewollt oder nicht, dem ratsuchenden Leser das Gefühl vermitteln, er sei im Zweifel nichts, die Firmen, bei denen er sich bewirbt, hingegen alles. Sie predigen Eigenmarketing, Selbstoptimierung und Anpassung an teils absurde Standards, nach dem Motto: Sie wollen schließlich was von denen. So stricken sie an der Legende mit, nach der ein bezahlter Job nicht etwa ein Geschäft zu beiderseitigem Nutzen ist, sondern eine Wohltat, eine Gnade, für die man sich den lächerlichsten Ritualen unterwerfen muss und für die man, wird sie einem denn zuteil, die Gnade, dankbar zu sein hat.

Freitag, 10. Mai 2013

Drecksklamotten


„Es ist ein Märchen moderner Wirtschaftstheorie, dass Kapital dorthin fließt, wo man besonders effizient arbeitet. Tatsächlich fließt es dorthin, wo es die meisten Gewinne bringt. Wo man plündern kann, ohne zur Rechenschaft gezogen zu werden.“ (Lalon Sander)
Im Zusammenhang mit Lebensmitteln hieß es hier bereits des Öfteren, es liege letztlich an der Kaufentscheidung jedes Einzelnen, womit Hersteller bestimmter Waren durchkommen und womit eben nicht mehr. Wenn mir das Geschäftsgebaren zum Beispiel der Fleischindustrie zuwider ist, dann habe ich als Verbraucher prinzipiell die Möglichkeit, dort einzukaufen, wo ich mir Halte- und Schlachtbedingungen anschauen kann. Ist mir das zu teuer, dann kann ich meinen Fleischkonsum reduzieren, sodass ich mir am Sonntag guten Gewissens etwas richtig Gutes leisten kann oder ich kann gleich ganz auf Fleisch verzichten. Möchte ich mich nicht gemein machen mit Erzeugern von Discountgemüse, die illegale Einwanderer unter menschenunwürdigen Bedingungen ausbeuten, kann ich auf dem Wochenmarkt oder im Bioladen einkaufen. Oder einfach beim Discounter auf die Herkunftsangabe achten und entsprechende Ware liegen lassen.