Donnerstag, 31. Januar 2013

Die Aldisierung der Republik


Schwer vorstellbar heute, aber es ist noch nicht so lange her, da galt, wer bei Aldi einkaufte, in in bestimmten Kreisen als quasi mittelloser Hungerleider. In der Schule, wir schrieben die späten Siebziger, hatte ich einen guten Freund, der einem privilegiert zu nennenden Haushalt entstammte: Die Familie bewohnte gegenüber dem Haus meiner Großeltern eine Jugendstilvilla, es standen zwei Autos vor der Tür, im Wohnzimmer gab es ein sündteures Gerät namens Videorecorder und alle spielten Tennis. Anders, als der äußere Anschein hätte vermuten lassen, hielt das Oberhaupt, immerhin ärztlicher Direktor einer Klinik, seinen Anhang finanziell äußerst kurz. Mein Kumpel bekam Zeit unserer Schulzeit weniger Taschengeld als ich und seine Mutter musste wohl gewaltig mit dem Haushaltsgeld knausern. Wenn ich gelegentlich gefragt wurde, ob ich zum Essen bleiben wollte, dann bekam ich dort zu meinem Erstaunen manchmal Nudeln mit Ketchup vorgesetzt. Bei mir zu Hause in der heimischen Mietwohnung gab es so was Simples nie. Der Vorteil an der Sache war, dass in dieser Familie, trotz aller Statussymbole, Arroganz nicht nur in sprachlicher Hinsicht ein Fremdwort war und ich dort immer auf das Herzlichste willkommen war.

Eines Tages, Anfang der Achtziger, erzählte meine Mutter kopfschüttelnd, sie habe die Mutter eben jenes Schulfreundes bei Aldi getroffen. Der sei es außerordentlich unangenehm gewesen, dort gesehen zu werden und sie habe verschämt darum gebeten, das bitte nicht an die große Glocke zu hängen. Denn wenn ihre Freundinnen aus dem Tennisclub erführen, dass sie hier einkaufe, dann sei sie ziemlich untendurch. Ferner achtete sie peinlichst darauf, immer genügend neutrale Einkaufstaschen dabei zu haben, auf dass sie bloß nicht mit einer Alditüte gesehen wurde. So befremdlich das heute scheinen mag, lässt sich daran doch gut der Imagewandel ermessen, den Albrecht-Läden und andere Discounter seither durchgemacht haben.

In der Tat waren die Aldi-Märkte meiner Kindheit keine Orte, an denen man sich gern aufhielt: Schmuddelig wirkend, duster und die unter kaltem Neonlicht präsentierte No-Name-Ware (die auch so aussah) musste man gefälligst selbst von der Palette kramen. Kein Kaufmann, der etwas auf sich hielt, hätte seinen Kunden damals so was zugemutet. Frisches suchte man vergebens, weil das die Logistik überfordert hätte. Im Ruhrgebiet mit seiner hohen Migrantendichte waren Aldi-Märkte die bevorzugten Versorgungsstationen türkischer Großfamilien sowie von Sozialhilfeempfängern und wurden deshalb von braven Bürgern nach Möglichkeit gemieden. Meine Eltern hingegen haben nie ein Problem darin gesehen, dort einzukaufen. Erstens, weil sie es nie wirklich dicke hatten und zweitens weil sie von ihren durch die Nachkriegsjahre geprägten Eltern ein ausgesprochen pragmatisches Verhältnis zum Einkaufen geerbt hatten. Bei Aldi konnte man für kleines Geld eine Menge Grundnahrungsmittel bekommen und fertig. Für den Rest ging man zu Coop, zum Metzger und zum Bäcker. Was die Leute ansonsten reden mochten, war ihnen ziemlich wumpe.

Nicht nur an der Einrichtung, auch am Sortiment hat sich seitdem gewaltig was geändert. Wer als Kind und Jugendlicher Miracolí-Spaghetti für den Gipfel von Exotik und feiner Lebensart hielt, staunte später oft nicht schlecht, wenn er herausfand, in welch diametralem Verhältnis sich das Schachtelzeugs verhielt zu einer selbst gekochten Tomatensauce und frisch geriebenem Parmesan. Dummerweise war der köstliche Knallhartkäse noch in den Neunzigern fast nur im Feinkosthandel zu haben und so teuer, dass man ihn sich mit studentischem Budget nur hin und wieder als besonderen Luxus leisten konnte. Hätte man mir damals gesagt, in nicht allzuferner Zukunft gäbe es echten Parmigiano Reggiano und Grana Padano am Stück bei Aldi und anderen Discountern handlich abgepackt zum halben Preis in der SB-Kühltheke, ich hätte wohl ziemlich blöd aus der Wäsche geguckt.

ishopfair.net via konsumpf.de
Aldi, Penny, Lidl, Netto und Co. haben sich längst von Basisversorgern für Einkommensschwache zu Vollversorgern für Jedermann gemausert. Dazu beigetragen haben nicht nur Bestseller wie 'Aldidente', die Kochen ausschließlich mit Aldi-Handelsmarken als cooles Kontrastprogramm zum Markenwahn etabliert haben. Auch eine in Deutschland verbreitete Schnäppchenmentalität, vor allem aber die Tatsache, dass untere und mittlere Einkommensgruppen seit mehr als zehn Jahren Reallohnverluste zu bewältigen haben, dürften da eine Rolle spielen. Auch ich bin kein Heiliger. Liebend gern würde ich Lebensmittel ausschließlich im Bioladen, auf dem Wochenmarkt und in den Hofläden regionaler Erzeuger kaufen. Wie ich am liebsten auch nur Kleidung von Ökolabels tragen würde. Leider klappt das nur zum Teil, weil hauptberufliche Kontobelaster wie Vermieter, Strom- und Gasversorger, Tankstellen und andere gern ihren stetig steigenden Anteil an meinem verfügbaren Einkommen hätten, das dummerweise konstant bleibt. Discounter haben den deutschen Lebensmittel- und Verbrauchsgütermarkt inzwischen so im Griff, dass sogar ein notorischer Preisdumper und Sklaventreiber wie WalMart nach ein paar erfolglosen Jahren entnervt aufgeben musste. Nebenbei erfüllen sie, vermutlich unbeabsichtigt, eine wichtige gesellschaftliche Funktion.

Sicher ist es alles in allem keine schlechte Entwicklung, dass immer mehr Leute gutes Essen schätzen und sich nach frischen Zutaten, am liebsten Bioware, auf die Suche machen, um diese dann höchstselbst in der heimischen Küche zu verarbeiten. Und viele tun das ganz auch selbstverständlich, ohne dass sie großes Bohei darum machten. Für andere dagegen ist essen in den letzten Jahren mehr und mehr zum Statussymbol, zum Mittel sozialer Abgrenzung nach unten geworden. Oben auf der Leiter sind die, die es sich leisten können, regelmäßig in teuren Lokalen essen zu gehen, am besten besternt. Die Mittelschicht grenzt sich gern nach unten ab, indem sie sich etwas darauf einbildet, nicht so billig wie möglich zu essen, keine Dosen aufzumachen oder Fertiges in die Mikrowelle zu schieben, sondern aus frischen Zutaten selbst zu kochen und dabei, wenn möglich, Bioprodukte zu verwenden. Nicht zufällig gilt es in vielen Haushalten nicht mehr als Zeichen eines gewissen Wohlstandes, irgendwo ein Segelbötchen liegen zu haben, sondern sich eine teure Küche einbauen zu lassen.

Die großen Discounter können allein über die Mengen, die sie ordern, solchen Druck auf Produzenten bzw. Lieferanten ausüben, dass sie in der Lage sind, Produkte, für die man noch vor Jahren im Delikatessengeschäft stattliche Sümmchen hat hinlegen müssen, zu einigermaßen ottonormalbürgerkompatiblen Preisen ins Regal zu legen. Außerdem sind die Praktiken, mit denen sie ihre Personalkosten drücken, berüchtigt. Das ermöglicht es denjenigen, die sich der Mittelschicht zugehörig fühlen und mit Einkommenseinbußen klarkommen müssen, weiterhin über den symbolischen Konsum als exklusiv angesehener 'Premium'-Produkte nach außen hin eine bourgeoise Fassade aufrecht zu erhalten. Wer in einem der tipptopp runderneuerten, hellen und weitläufigen Aldi-Nord-Märkte einkauft, bekommt unterschwellig gesagt: Mitnichten ist dies hier ein Billigheimer! Sieh doch, was es alles gibt: Focaccia, Culatello, Barolo, Champagner, Paté und Räucherlachs. Alles zu Preisen, die auch du bezahlen kannst.

Man kann das Demokratisierung von Luxus nennen und verdienstvoll finden. Man kann es aber auch beunruhigend finden, welche Rolle Aldi und Co. bei der Sedierung einer in Teilen langsam verarmenden Gesellschaft spielen. Wer das Gefühl hat, sich noch etwas Nettes leisten zu können, neigt dazu, sein Glas als halbvoll zu empfinden und muckt weniger auf. Vermutlich verfolgt man in den Vorstandsetagen der Discounter keine ausgearbeitete politische Agenda, sondern versucht lediglich, im Namen der Gewinnmaximierung die Nachfrage der bestehenden und der potenziellen Kundschaft zu verstehen und entsprechend zu bedienen. Und einer zahlt immer für niedrige Preise. Im Falle der Discounter sind das Produzenten, Lieferanten und Mitarbeiter.

Und die Mittellosen? Die können ja zur Tafel gehen.


P.S.: Sarah Burrini hat einen sehr schönen Cartoon zum Thema Sexismus/Brüderle/#aufschrei abgeliefert.

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