Dienstag, 15. Januar 2013

Kratzer an einem Denkmal, das keines ist


So schlimm das klingen mag, aber ich kann nicht behaupten, dass die Nachricht, die Schauspielerin Pola Kinski werfe ihrem 1991 verstorbenen Vater vor, sie jahrelang sexuell missbraucht zu haben, mich vor lauter Überraschung aus den Socken gehauen hätte. So im Sinne von: "Was denn? Der? Niemals!" Die Anwürfe gegen Frau Kinski, sie habe ihr demnächst erscheinendes Buch Kindermund, in dem sie über den Missbrauch berichtet, aus purer Eitelkeit oder Ruhmsucht geschrieben, sind lächerlich. Die Dame lebt, so ist zu lesen, in geordneten Verhältnissen und ist in ihren inzwischen sechzig Lebensjahren, im Gegensatz zu ihrer prominenteren Halbschwester Nastassja, kaum groß aufgefallen und hat auch nie mit Gewalt das Licht der Öffentlichkeit gesucht. Wieso sollte sie jetzt noch damit anfangen? Überhaupt: Was für eine Art Ruhm soll das sein, den man angeblich bekommt, wenn man sich über den eigenen Vater derartige Ungeheuerlichkeiten aus den Fingern saugte?

Nein, ihr Motiv ist gut nachvollziehbar: Es war der Kult um ihren Vater, der ihr unerträglich wurde und sich nach ihrem Empfinden von Jahr zu Jahr gesteigert hat. In der Tat ist es beinahe Konsens, Klaus Kinski trotz oder gerade wegen seiner zahlreichen Marotten für einen der größten deutschsprachigen Schauspieler aller Zeiten zu halten. Als Schüler mussten wir uns im Deutschunterricht Werner Herzogs Woyzeck ansehen. Ein paar Mädels waren hin und weg, aber auch ich und ein paar andere, die Büchners Stück nicht kalt gelassen hatte, fanden das nicht übel. Es folgten Videoabende mit Nosferatu, Aguirre, Fitzcarraldo und noch einmal Woyzeck. Nach seinem Tod 1991 kam dann schnell und für lange Zeit nichts mehr. Vor ein paar Jahren habe ich mir noch einmal Aguirre angesehen und fand die Musik von Popol Vuh in Verbindung mit Herzogs Bildern weit interessanter als Kinskis irre Blicke. So ändern sich die Zeiten.

Kinski galt und gilt noch heute vielen als Genie, weil er exakt dem Bild entsprach, das viele sich gern von einem Genie machen: An der Grenze zur Klapse balancierend, unangepasst, rüpelig, nur das tuend und lassend, was er für richtig hielt. Als aufsässiger Achtzehnjähriger, dem irgendwie alles spießig erschien, grinste man sich schadenfroh eins, wenn man die Aufzeichnung von 1977 sah, in der er eine der ersten Talkshows im deutschen Fernsehen in eine One-Man-Show verwandelte und die hilflosen Moderatoren zu Zuschauern degradierte. Wen immer er spielte, er brachte keine Figur zum Leben, sondern gab immer Kinski im Kostüm. Leute, denen mit zwanzig ein Motto wie I hope I die before I get old im Kopf herumspukt, pflegen auf so etwas zu stehen.

Wer - auch altersbedingt - leicht mitzureißen und zu begeistern ist, denkt bei so was: Wow, diese Kraft, diese Energie! Das muss einfach ganz große Kunst sein. Nüchtern betrachtet jedoch, handelte es sich meist um egomanisches Gehabe, Gepluster und kunsthandwerkliches Pulverballern. Die Rolle des besessenen Opernliebhabers Fitzcarraldo gilt vielen als größte Leistung Kinskis. Kein Wunder, denn in der Rolle musste er sich am wenigsten verstellen, weil sie ihm wohl selbst am ähnlichsten war. Dass er sein Handwerk durchaus beherrschte, ging bei seiner ganzen Chargiererei leider oft unter. Nur eine einzige seiner großen Rollen schien zumindest zeitweise stärker zu sein als sein zugspitzengroßes Ego. Obwohl er streng genommen schon viel zu alt war, ist in eben jener Darstellung des geschurigelten Soldaten Franz Woyzeck manchmal auch so etwas wie Mitgefühl für jemand anderen als sich selbst zu spüren. Es ist ja nicht so, dass der Mann keine Ausstrahlung gehabt hätte, im Gegenteil.

Wie die meisten Soziopathen, war Kinski hoch manipulativ und konnte eine geradezu magische Wirkung auf Menschen ausüben. Sein größenwahnsinniges Projekt Jesus Christus Erlöser ist dafür ein gutes Beispiel (es lohnt sich, das Video anzusehen). Ein von ihm geschriebener Monolog, in dem die Geschichte Jesu Christi auf Grundlage der neutestamentarischen Überlieferung aktualisiert und neu erzählt wird. Sein provokanter Vortrag führt bald zu Diskussionen mit dem Publikum, was ihn wiederum veranlasst, sich in eine Publikumsbeschimpfung hineinzusteigern. Irgendwann muss der Saal wegen Tumult geräumt werden. Dann wird es interessant. Kinski sitzt fast im  Dunkeln inmitten einer Runde von Leuten, die ausgeharrt haben, und trägt das Stück noch einmal vor. Leise, suggestiv, intim, verletzt, geradezu zärtlich. Die Blicke der an seinen Lippen hängenden Anwesenden geben Zeugnis, wie dieser Mann Menschen an den Haken nehmen konnte. Brecht, übernehmen Sie!

Kindesmissbrauch ist vielleicht am furchtbarsten, wenn er in der Familie geschieht. Kinski hat zu Lebzeiten ziemlich offen eingeräumt, seinen Töchtern nicht in allen Belangen nur Vater gewesen zu sein. Er kam damit durch, niemand fragte weiter nach. Die 1990er waren das Jahrzehnt der Missbrauchshysterie. Die Justiz war mit aberwitzigen Anklagen, zum Beispiel in den Wormser Prozessen, heillos überfordert. Unschuldige wurden verdächtigt, Betroffenenorganisationen wie Zartbitter oder Wildwasser pfuschten herum und richteten, allen edlen Absichten zum Trotz, mehr Schaden an als sie der Sache nützten. Ein Gutes aber hatte das alles: Ein Klaus Kinski würde heute, lebte er noch, wohl nicht mehr so leicht davonkommen. Großer Künstler hin oder her, das ist gut so.



Kommentare :

  1. Ich bin dem Klaus auch auf den Leim gegangen, die Villon-CD hat mich anno als Dötzchen umgehauen. Faszination des Bösen ? Schon. Mich hat diese Offenbarung auch nicht überrascht. Meine größte Sympathie hatten, laut Herzog, die Indigenen bei den Dreharbeiten bei Fitz, als sie anboten den Choleriker den Skalp zu nehmen.

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  2. Vielleicht kein Zufall , daß die unbekannteste Schwester jetzt den Mund auf.

    Ich denke , es ist ein sehr häufiges Phänomen in "Erfolgsfamilien" , daß die Einen nur berühmt sein können , weil sie Eine/n in der Familie ausgucken , der den emotionalen Müll abkriegt , der als Abfallhaufen fungiert.

    Das gilt für Prominente - es fällt stark auf , wieviele Kinder berühmter Eltern scheitern - es gilt aber auch für "herkömmliche" Karrieristen , also Wirtschaft und Co.

    Karriere erfordert nicht immer , aber häufig Selbstüberforderung und das Klarkommen mit Leuten , die man eigentlich nicht abkann.

    Der daraus entstehende Druck muß irgendwohin.

    Außerdem sind bei vielen Karrieristen Drogen im Spiel , auch das befördert Übergriffe.

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    1. @piet: Ja, das mit den Indios ist mir auch in Erinnerung geblieben...
      @Art: Gut möglich, dass das kein Zufall ist. Klingt jedenfalls plausibel. Solche Typen haben natürlich auch einen magischen Blick für schwache, bedürftige, die manipulierbar sind. Hat ja auch geklappt, das kleine, dreckige Geheimnis hat jahrzehntelang gehalten...

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    2. "Der daraus entstehende Druck muß irgendwohin."


      Aufpassen, dass man so nicht dieses Verhalten legitimiert. Ganz offensichtlich war Kinski ein ausgeprägter und exzentrischer Egmane. Solche Menschen denken, sie könnten sich alles nehmen, was sie wollen. Befeuert wird das sicher noch dadurch, dass sie, obwohl sies selber schon tun, auch noch von ihrem Umfeld auf einen Sockel gehoben werden. Performance ist eben alles. Das hat Kinski zu seinen Lebzeiten zur Perfektion getrieben. Ich hab mich immer gefragt, ob sein Auftreten nicht generell nur Inszenierung ist und ob er Leben und Inszenierung überhaupt noch trennen konnte oder wollte.

      Solchen ich-fixierten Karrieristen - das ist anzunehmen - kann doch ein "normales" Familienleben gar nicht gelingen. Nur der Schein, der muss natürlich gewahrt werden.

      Generell muss ich aber sagen, dass ich nicht allzuviel davon halte, so lange nach dem Tod des Vaters diesen Missbrauch öffentlich zu machen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass da materielle Erwägungen nicht doch eine Rolle gespielt haben könnten, auch wenn ich die Tatsache des Missbrauchs an sich auch nicht anzweifeln möchte.

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  3. @ Stefan Rose

    "Solche Typen haben natürlich auch einen magischen Blick für schwache, bedürftige, die manipulierbar sind. "

    So ist es.

    @ Frau Lehmann

    Selbstverständlich habe ich mit der "Druck"-Aussage nichts legitimieren wollen, das ist eher zynisch gemeint.
    Druck entsteht immer wieder , bei jedem , und es gibt mittlerweile gute Möglichkeiten , mit einem solchen gut umzugehen.

    Extreme Musik , Sport , irgendwas kaputtschlagen , um nur einige zu nennen.

    Der beschriebene Typus sucht aber keine Möglichkeit , längerfristig nach der Ursache des Drucks zu suchen ,sondern benutzt dieses Hin-und Her zwischen Druckaufbau und Ableitung bewußt , um eine Krriere machen zu können , die er ohne Ventil - also ohne Opfer - nicht machen könnte.

    "so spät nach dem Tod des Vaters"

    Ein wesentliches Merkmal des Mißbrauch ist , daß die Opfer oft jahrzehntelang brauchen , um überhaupt in die Lage zu kommen , das Ding ansprechen zu können , Viele schaffen es nie.

    Der späte Zeitpunkt ist daher legitim.


    Vom egozentrischen Irrsinn Kinskis würde ich übrigens nicht auf den eventuellen Mißbrauch rückschließen - die allermeisten Täter sind die braven Eltern von nebenan , nicht immer , aber auch nicht selten von der Außenwelt als besonders freundlich und harmlos eingeschätzt , eine klassische Methode der Blendung und Ablenkung.

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