Samstag, 12. Januar 2013

Monstermuttis


Die Amerikanerin Janell Hofmann hat ihrem 13jährigen Sohn Gregory ein Smartphone geschenkt. Das wäre nicht weiter der Rede wert, hätte sie ihr Geschenk nicht an eine Reihe von Bedingungen genknüpft. Der Junge musste einen Vertrag unterschreiben, der eine Reihe von Klauseln enthält. Die wichtigsten sind folgende:
  • Es ist mein Telefon. Ich habe es gekauft. Ich zahle dafür. Ich leihe es dir. Bin ich nicht die Größte? 
  • Ich werde immer das Passwort kennen. 
  • Wenn es klingelt, geh ran. Es ist ein Telefon. Sag Hallo, gebrauche deine Manieren. Ignoriere nie einen Anruf, wenn auf dem Display "Mum" oder "Dad" steht. Nie.
  • Es kommt nicht mit in die Schule. Sprich persönlich mit den Menschen, denen du Mitteilungen schreibst. Das ist eine Fertigkeit fürs Leben. 
  • Wenn es in die Toilette fällt, auf den Boden kracht oder sich in Luft auflöst, trägst du die Kosten für den Ersatz oder die Reparatur. Mähe Rasen, geh Babysitten, spar dein Geburtstagsgeld. Es wird passieren, also solltest du vorbereitet sein. 
  • Schreibe, maile und sage nichts durch dieses Gerät, was du nicht auch persönlich sagen würdest. 
  • Lass dein Telefon manchmal zuhause und fühle dich sicher mit dieser Entscheidung. Es ist nicht lebendig oder ein Fortsatz von dir. Lerne, ohne es zu leben. Sei größer und stärker als die Angst, etwas zu verpassen. 
  • Halte deine Augen offen. Schau, was um dich herum passiert. Starre aus einem Fenster. Hör den Vögeln zu. Geh spazieren. Sprich mit einem Fremden. Wundere dich, ohne zu googeln.
Die komplette Liste von Mutters Vorschriften, die man hier nachlesen kann, enthält noch eine Reihe weiterer Zumutungen. Zum Beispiel das übergriffige Bekenntnis, wie wahnsinnig sie ihn liebe und dass sie ein Team seien. Die Lady gibt vor, ihren Sohnemann damit zu einem verantwortungsvollen Umgang mit Technik erziehen zu wollen. Unheimlicher noch als die Aktion selbst sind die Horden von Monstereltern, meist Mütter, die der alten Schnepfe auch noch frenetisch Beifall klatschen. Juhu, endlich sagts mal eine!, jubeln sie ihr auf twitter zu und erinnern damit an die, die die diktatorischen Methoden der berüchtigten Tiger Mom für der Weisheit letzten Schluss hielten. Anlass genug, dem armen Jungen ein wenig zur Seite zu stehen:


Lieber Gregory,

was ich jetzt sage, wird dir vielleicht hart vorkommen. Leider spricht einiges dafür, dass deine Mutter nicht die Größte ist, sondern eine eitle, selbstherrliche, kontrollsüchtige und autoritäre Sumpfohreule. Ich weiß, das ist nicht schön, aber glaube mir, je schneller du dich auf diesen Gedanken einlässt, desto gesünder wirst du bleiben. Deine Mutter erzählt dir vermutlich dauernd, wie sehr sie dich liebe und dass sie diesen Quatsch nur deswegen veranstaltet. Bullshit! Früher hat man auch ernsthaft behauptet, es sei ein Ausdruck elterlicher Liebe, seine Kinder zu verdreschen. Ich finde auch nicht alles hirnrissig, was deine Mutter schreibt. Gerade die letzten drei der oben genannten Punkte sind alles andere als dumm und es wäre wirklich gut, wenn du sie beherzigen würdest. Was den anderen Kram angeht, nehme ich mir hingegen die Freiheit, dir ungefragt einige Tipps zu geben. Ich denke zwar, dass es sehr sinnvoll ist, für bestimmte Dinge im Leben Regeln zu vereinbaren und halte es für normal, wenn Eltern versuchen, ihre Kinder davon abzuhalten, allzu große Dummheiten zu machen. Ich finde aber auch, deine Mutter geht entschieden zu weit.
  • Man kann natürlich streiten, ob ein 13jähriger ein Smartphone haben sollte, aber Geschenke sind Geschenke. Wenn deine Mutter nun behauptet, das Smartphone, das sie dir geschenkt hat, sei in Wahrheit ihres und sie leihe es dir nur, dann hat sie den Knall nicht gehört.
  • Deine Mutter hat recht: Mähe Rasen, gehe Babysitten, spare dein Geburtstagsgeld – damit du so schnell wie möglich selbst die monatliche Rechnung zahlen kannst und unabhängig von ihr wirst.
  • Du wirst das Handy natürlich weder kaputt machen noch verlieren. Erstens, weil du schon groß bist und zweitens, weil deine Mutter dich für ein Kleinkind hält und nur darauf wartet, dass so was passiert. Mache ihr diese Freude also nicht.
  • Selbstverständlich wirst du nicht immer für alle erreichbar sein, auch nicht für 'Mum' und 'Dad'. Wenn sie deshalb Stress machen, dann mach ihnen Stress, indem du dich völlig gleichgültig zeigst. Das ist ein altbewährtes Mittel unter Teenagern.
  • Natürlich werden deine Eltern nicht immer das Passwort kennen. Was bilden die sich ein? Durchsuchen sie auch regelmäßig dein Zimmer? Du hast ein Recht auf deine Privatsphäre und auf deine Geheimnisse, auch mit 13. Wenn du nicht weißt, wie du das Gerät bzw. bestimmte Daten gegen den Zugriff deiner Alten schützen kannst, dann informiere dich im Netz, wie man das anstellt oder frag einen der Computerfreaks aus deiner Klasse. 
  • Wenn es dir peinlich ist und du nicht willst, dass deine Mutter gegen deinen Willen und ohne dich zu fragen private Dinge über die Familie und dich in die Öffentlichkeit trägt, damit sie sich auf ihr Autorinnensein ein Ei kloppen kann, dann wehre dich dagegen. So etwas tut man nicht, auch wenn sie tausendmal deine Mutter ist.
  • Wenn sie dir das Handy wieder wegnimmt, dann sei nicht traurig. Es ist ein vergiftetes Geschenk. Spare lieber auf ein eigenes, auch wenn es länger dauert und du dir eventuell nicht das neueste Modell leisten kannst.
  • Ein altes Sprichwort lautet: Aus jungen Huren werden alte Betschwestern. Ich kenne deine Familie zwar nicht, aber ich könnte wetten, deine Mutter hat in ihrer Jugend auch das eine oder andere angestellt, an das sie heute nicht mehr gern erinnert wird. Finde es heraus. Rede mit Verwandten, Freunden der Familie oder alten Schulfreundinnen. Was du hören wirst, wird dich vielleicht schockieren, aber so was ist normal. Denk immer daran: Wissen ist Macht. Und je mehr du weißt, desto bessere Karten wirst du bei der nächsten Gardinenpredigt haben. 
  • Regeln und Autoritäten sind dazu da, infrage gestellt zu werden. Teste deine Grenzen aus. Finde heraus, wie weit sich Vorschriften dehnen lassen. So lange du dich nicht ernsthaft verletzt oder im Knast landest, ist das für einen Jugendlichen völlig okay. Nur: Bleib bitte ehrlich, füge anderen keinen Schaden zu und versuche auch sonst, kein Arschloch zu sein.
  • Treibe deine Mutter gelegentlich zur Weißglut. Keine Sorge, sie hat das verdient. Außerdem ist es gesund. Wenn sie dich deswegen bestraft, dann trag' es wie ein Mann. Jammere nicht, bettele nicht um Gnade, sondern beschäme sie durch deinen aufrechten Gang.
  • Mädchen sind wundervolle Wesen und Liebe macht großen Spaß. Man muss auch nicht gleich heiraten. Aber bitte mit Gummi. Solltest du Jungs interessanter finden, dann ist auch das okay, denn wir leben im 21. Jahrhundert. 
  • Sobald du alt genug bist, zieh' zu Hause aus und lauf! Lauf so schnell und so weit du kannst. Deine Eltern holen sich wahrscheinlich jeden Tag einen darauf runter, wie sehr sie dich lieben. Sie irren sich, denn sie verwechseln Liebe mit Kontrolle. Was würdest du davon halten, wenn deine Freundin dich auf Schritt und Tritt kontrollieren würde, weil sie dich doch so lieb hat? Du wärst nach kurzer Zeit schwer genervt und würdest möglicherweise Schluss machen, weil sie dir nicht vertraut. Denn was ist Liebe, wenn nicht Vertrauen? Und das lässt sich nicht vertraglich regeln.
Ich wünsche dir eine schöne, aufregende und turbulente Pubertät.

Es grüßt dich solidarisch

S. R.


Kommentare :

  1. Engagiert , zornig , gut.

    Übergriffigkeit von Frauen ist Mutterliebe ,denn Frauen tun nichts Negatives , und wenn , dann werden sie nur dazu getrieben.

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  2. Frau Hofmann widerspricht sich selbst. Einerseits sagt sie ihrem Sohn, er sei jetzt stolzer Besitzer/Eigentümer eines iPhones, aber die Vereinbarungen fängt sie an mit "Das Telefon gehört mir". Jetzt könnte man hübsch mit dem Unterschied zwischen Besitz und Eigentum argumentieren. Aber erstens sind das juristische Spitzfindigkeiten, die im Familienleben und bei Geschenken eigentlich nicht angebracht sind. Und zweitens ist es grenzwertig, jemandem etwas zu schenken und es gleichzeitig behalten bzw. bis ins Letzte kontrollieren zu wollen. "Vergiftetes Gechenk" trifft es sehr gut.

    Den Kommentar von @motherofason finde ich ganz gut. Es ist grundsätzlich zu begrüßen, dass das Thema Jugendliche und (Kommunikations-)Technik im Kontext Familie und Erziehung zur Sprache gebracht und diskutiert wird. Dass eine derart durchwachsene Lösung wie die von Frau Hofmann dabei herauskommt, ist bedauerlich. Aber immerhin hat sie ja auch ein paar sehr gute Punkte in ihrer Liste. Und den Rest wird das Leben schon regeln.

    Am meisten stört mich an dem ganzen, dass die Frau das ganze offenbar unter Klarnamen veröffentlicht hat. Ich an Stelle ihres Sohnes hätte das als massiven Übergriff empfunden, sowas geht gar nicht. Aber nach dem, was man so hört, scheinen die meisten Amerikaner da sowieso anders zu ticken als wir Geheimniskrämer.

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  3. Zusätzlicher Vorschlag:

    Denk Dir schon mal eine Packung ähnlicher Regeln aus für die Zeit, wenn Du ihren Platz im Altenheim finanzierst.

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    1. damit sollte man vorsichtig sein, kann auch passieren, das Mami das Söhnchen finanzieren muss, wenn dieser keinen Job findet, also mal immer sachlich bleiben und BTW: Was soll dieses ständige Anti-Familien Gefasel, Familie ist wichtig, nur scheinen es die meisten nicht mehr zu raffen. Auch wenn Mami oder Papi nicht immer das Richtige tun, Sohnemann und Co tun's auch nicht.

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