Mittwoch, 9. Januar 2013

Parallele Realitäten


Es fing vergleichsweise harmlos an. Das Projekt von Ute Diehl, den Alltag einer Kölner Arbeiterfamilie ohne Skript mit der Kamera zu dokumentieren, ab 1989 unter dem Namen 'Die Fussbroichs' in diversen dritten Programmen ausgestrahlt, war eine Schnurre, von der man nicht meinen sollte, welche Folgen sie haben sollte. Das altkluge Gekölsche von Fred und Annemie Fussbroich nebst den Eskapaden ihres verzogenen, kleinkriminellen Sohnes war lange nur der 'kultige' Spaß einer vergleichsweise kleinen Fangemeinde. Was damals noch nicht zu ahnen war: Inzwischen kommt kein Sender mehr aus ohne ein oder mehrere Doku- oder Reality-Soaps..

Nun ist gegen so was grundsätzlich nichts zu sagen, denn es hat da schon durchaus Ambitioniertes gegeben. 'Schwarzwaldhaus 1902' zum Beispiel dürfte bei vielen die nostalgische Vorstellungen über das Leben auf einem Bauernhof in der juten alten Zeit nachhaltig korrigiert haben. Auch Experimente, in denen zum Beispiel getestet wird, ob es etwa möglich ist, einem Dachdecker innerhalb von drei Wochen so viel über das Friseurhandwerk beizubringen, dass er vor einem IHK-Prüfungsausschuss bestehen würde, waren anregend. Nicht zuletzt, weil solche Einblicke hinter die Kulissen verschiedener Branchen den Respekt vor oft mies bezahlten Dienstleistungsberufen beträchtlich erhöhen können. Im besten Fall wird deutlich, wie viel an Wissen und Kenntnis für so genannte 'einfache' Tätigkeiten vonnöten ist. Das ist allerdings etwas anderes als vieles von dem, was inzwischen so die Sender flutet. Wobei noch nicht einmal die Rede ist von sozial-normativen Bootcamps im Fernsehshowformat, in denen schlechte Eltern, schlechte Mieter und schlechte Kinder supernannymäßig wieder in Façon gecoacht werden.

Der Doku-/Reality-Kram hat ein solches Ausmaß angenommen, dass man das Gefühl hat, die Programmentwickler vornehmlich der Privatsender überlegten sich nur noch, welchem B-, C- oder D-Promi sie als nächstes mit der Kamera auf die Pelle rücken. Man nenne mich meinethalben arrogant, aber: Was außer einen ins Wachkoma soll es bringen, andauernd einer Extremblondine beim Platitüden babbeln zuzusehen, einem exaltierten Stutzer beim Herumkaspern oder einer Familie absurd reicher Monsterprolls, wie sie sich im Ausland in einer Tour daneben benimmt? Den Beteiligten kann man noch nicht mal einen Vorwurf machen: Die Gefilmten bekommen neben einem Honorar eine ordentliche Portion Publicity und der Sender macht dank Quote guten Umsatz.

Jetzt ist man bei RTL II auf den Trichter gekommen, den zauseligen Superbestsellerautor Wolfgang Hohlbein beim einkaufen, quasseln und schreiben abzufilmen. Schön, es ist Geschmackssache, dass ich Hohlbeins Fantasywelten weniger als gar nichts abgewinnen kann. Ich denke auch, dass es durchaus spannend sein kann, beispielsweise mit einem Autoren länger über seine Arbeit zu reden. Aber einfach nur den Alltag filmen? Ein Schriftsteller beim Schreiben dürfte sich auf der Liste der spannendsten Dinge in der Nähe trocknender Wandfarbe bewegen.

Was soll das alles? Haben diese Leute alle kein eigenes Leben? Ist Voyeurismus in unserer Gesellschaft inzwischen so akzeptiert, dass sich allein daraus abendfüllende Veranstaltungen stricken lassen? Wer so was guckt, kann das natürlich tun, sollte sich aber nach Möglichkeit nicht mehr über den zunehmenden Verlust an Privatsphäre beklagen. Und erst recht sollte niemand den Fehler machen, sich Phänomenen wie Katzenberger/Glööckler/Geissen irgendwie überlegen zu fühlen. Denn diese Leute mögen schmerzfrei sein, vielleicht auch wenig gebildet im bürgerlichen Sinne, dumm sind sie hingegen nicht, denn dafür sind sie viel zu geschäftstüchtig.

Wenn Privatlebenfilmen als televisionär letzter Schrei gilt, dann stellt sich die Frage, mit welchen kreativen Glanzleistungen die Programmentwickler der Privaten als nächstes aufwarten. Feuer machen? Dem Rad? Aufrecht gehen? Und noch was: Wie zum Teufel haben Menschen, die sich so einen Kram allabendlich stundenlang reinziehen, sich einen schönen Abend gemacht in den Zeiten, als es solche Sendeformate noch nicht gegeben hat? Sich einen Hammer vor die Rübe gedonnert? Um die Wette gefurzt? Bauklötzchen gestapelt?



Kommentare :

  1. Ich glaube, das Publikum musste an das Niveau der heutigen Reality-Soaps erst allmählich herangeführt werden. Der typische Vielfernsehkucker von 1972 hätte das gar nicht verkraftet. Damals hat man, unterstelle ich mal, aber mangels geeignetem Fernsehprogrammangebot auch eher abendelang am Stammtisch schwadroniert und ist abends mit dem letzten Bier vor dem Testbild eingeschlafen.

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  2. Beim Hohlbein, verstehe ich dieses Private-Viewing tatsächlich nicht. Klar, - mit endlos Charity-Action gegen Riesenkäfer, mitunter auch im Kölner Dom, - bis hin zu Barbie Superstar, - passt er ausgezeichnet bei RTL-II rein. Trotzdem war er eigentlich derjenige, der auch immer vollkommen frei von jedem eitlen Niveaugehampel, keine Scheu hatte, sich selber als Trash-SF und reiner Unterhaltungs-Autor ohne jeden Anspruch zu sehen. Betraf auch jede Form von Publicity. Diesbezüglich, eine echte Rarität dunnemals. Ich hab zwar nicht sein Zeugs-, aber ihn selber immer gerade wegen seiner Ehrlichkeit und Unbekümmertheit gegenübers Establishment gemocht. Warum er sich jetzt auf so was einlässt, versteh ich wirklich nicht. Nötig, - hadders bestimmt nich. Es sei denn, - Töchterchen will zeitgemäßes PR-Pushing. Hat schon bei Ozzy Osbourne's Wonneproppen funktioniert.

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    1. @gnaddrig: In der Tat. Man sehe sich einmal die Hysterie um frühe Reality-Formate an wie Wolfgang Menges 'Millionenspiel' (übrigens mit einem grandiosen Dieter Hallervorden als Killer) - die Öffentlichkeit schien damals tatsächlich noch nicht schmerzfrei genug für modernes TV...
      @eb: Das wäre natürlich eine plausible Erklärung.

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  3. Die meisten Doku-Soap-Zuschauer haben 1989 wirklich noch Bauklötzchen gestapelt...

    SCNR

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