Dienstag, 29. Januar 2013

Seltener Troll-Typ


Es ist bereits hier und da deutlich geworden, dass ich Deniz Yücels Kolumnen in der taz meist recht gern lese. Die Kolumnen selbst sind dabei in der Regel nur der halbe Spaß. Die Kommentarspalten sind mindestens genau so ein Vergnügen, denn hier tobt sich eine Troll-Art aus, die vergleichsweise selten anzutreffen ist (zuletzt bei Mely Kiyak): Es handelt sich um jenen Typus, der es darauf anlegt, eine/n spezielle/n Autoren/in gezielt mit bösen Kommentaren zu überziehen. Wobei Kiyak und Yücel zwei Dinge gemeinsam haben: Beide haben im weitesten Sinne das, was man einen Migrationshintergrund nennt und sie sind ein Mann bzw. eine Frau. So bekommen sie nicht nur Zunder aus der rassistischen, sondern auch aus der misogynen bzw. misandrischen Ecke.

Egal, was die Zielperson schreibt, diese Typen finden immer irgendeinen Aufhänger für ihre Hasstiraden. Das alles erfordert sicher eine Menge an Hingabe und vor allem an Zeit - vermutlich auch massig Tagesfreizeit. Zeit, die durchschnittlichere Menschen, also die, die auch so etwas wie ein Leben haben, für sinnvolle Dinge verwenden. Was treibt diese Menschen an? Es ist natürlich nur Spekulation, aber es ist gut möglich, dass sie davon träumen, das jeweilige Ziel ihrer Anfeindungen quasi 'wegzuschreiben'. Also, dass die betreffende Person wegen des ganzen verbalen Hasses irgendwann entnervt den Bettel hinwirft. Wobei sie es natürlich geflissentlich ignorieren, dass eine Schließung der jeweiligen Kommentarspalten, wie das die sieche Frankfurter Rundschau im Fall von Frau Kiyak getan hat, weit wahrscheinlicher ist als eine Absetzung des betreffenden Autoren.

Sicher, die Debatte um Sexismus/Brüderle/stern/#aufschrei ist vielschichtig und es verbieten sich Einseitigkeiten und Schnellschüsse, für die auch ich mich kritisieren lassen muss. Weil's so schön ist, daher zwei wunderbare Zitate aus Yücels aktueller Kolumne zum Thema:
"Nur im Zusammenhang mit der Trashpartei FDP kann sich ein Trash- und Tittenblatt wie der Stern zum feministischen Kampforgan aufschwingen, ohne dass alle in schallendes Gelächter ausbrechen. Und nur so kann sich die Reporterin als Opfer präsentieren, ohne dass jemand groß fragen würde, warum sie diesem schmierigen Typen nicht einfach die Meinung gegeigt hat – immerhin war sie keine Untergebene, die berufliche Konsequenzen hätte fürchten müssen"

"All diese [im #aufschrei-Hashtag angeführten] Befunde stehen unter dem Vorbehalt, dass sich hier sprachlich mehr oder weniger versierte Menschen auf 140 Zeichen auslassen; natürlich kann jede einzelne Geschichte weit mehr beinhalten, als für Außenstehende aus einem Tweet erkennbar ist. Die Summe der Berichte aber lassen das Fazit zu, dass sich hier lange unterdrückte Wut über skandalöse Vorfälle und patriarchale Verhältnisse mit fröhlichem Denunziantentum, bequemer Selbstviktimisierung und bloßer Wichtigtuerei vermischen"

Kommentare :

  1. Eigentlich ... hab ich das nicht als Kritik gesehen. Und auch nicht so geschrieben. Ganz im Gegenteil eigentlich. Das mit den Interpretationen ist so eine Sache .. ich weiß ;-)

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    1. Ist mir bei neuerlichem Nachlesen auch aufgefallen, sorry - war wohl mein schlechtes Gewissen, weil ich meinen Artikel im Nachhinein selbst ein wenig einseitig finde. Das muss wohl daran liegen, dass das Sozialverhalten von Typen wie Brüderle mich regelmäßig auf die Palme bringt...

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  2. Ich sehe dass ähnlich wie Du und habe es auch schon mal an anderer Stelle in die unendlichen Weiten des Internets geworfen: Yücel ist klasse, weil er gegen etablierte Meinungsnormen anschreibt, aber die größten Knaller sind die Reaktionen darauf - gleich einem Stier, der gegen das flatternde rote Tuch des Toreros anrennt.
    Ich selbst glaube, das sich Y. durch die Reaktionen eher in seiner Kolumne bestätigt fühlt, ich glaube er will das, weil die Reaktionen die Larve des verbreiteten, meist noch unterschwelligem Rassismus entreißt und somit die hässliche Fratze zum Vorschein bringt. Aber das ist natürlich nur Spekulation.
    Ich scheiße auf die FDP, ich scheiße auf Brüderle und ich scheiße auf Sexismus. Aber hier wird meiner Meinung nach eine traurige Gestalt medial vorgeführt, der betrunken um so weniger realisiert, wie lächerlich sein Gebaren ist.
    Wenn man die FDP nicht anders bekämpfen kann als auf diese Weise, dann lässt das auch ziemlich angst-einflößende Rückschlüsse zu.

    Abgesehen von der Causa Brüderle: Männer sollten lernen ein Nein zu akzeptieren, gerade die, die mit Einfluss, Macht und Vermögen ausgestattet sind.

    Mit großem (oft vergifteten Vergnügen) lese ich immer die BILD-Titelseite, die einem ja an jeder Ecke in's Bewusstsein vergewaltigt wird.
    Heute kolportierte das Schmierblatt eine 'neue Liebe' zwischen Desiree Nosbuch und Dieter Zetsche. Mann, wie romantisch. Die Hübsche wird wohl auf seinen sprichwörtlichen Charme und Charisma abfahren - sein Geld und sein Einfluss spielt da sicherlich eine absolut untergeordnete Rolle...

    Einfluss, Geld und Macht wirken auf viele Frauen sehr erotisch. Dass Brüderle sich Chancen ausrechnet ist sicherlich zum Teil auch dem Paarungsverhalten von Frauen geschuldet. Womit ich Brüderle keine Absolution erteilen will.

    http://www.heise.de/tp/artikel/38/38453/1.html

    http://www.der-postillon.com/2013/01/ratgeber-alles-was-sie-uber-die.html?utm_source=feedburner&utm_medium=feed&utm_campaign=Feed%3A+blogspot%2FrkEL+%28Der+Postillon%29

    Grüße vom
    Duderich

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  3. Dein Beitrag gab mir die Inspiration zu meinem aktuellen Post.
    Hat weniger mit Yücel (eigentlich gar nix) zu tun, sondern viel mehr mit der Causa Brüderle.
    Danke dafür!
    Gruß,
    Dude

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    1. Nicht dafür, Dude. So ähnlich sehe ich das auch. In solchen Vorkommnissen manifestieren sich immer auch Machtverhältnisse. Hervorragend, weil so ganz anders als vieles fand ich den von eb verlinkten Artikel von Frau Meike:
      http://www.fraumeike.de/2013/das-schreien-der-laemmer/

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  4. mal abgesehn von seinem aktuellen Artikel —

    ich kann nicht gerade behaupten, ein "versierter Kenner" Deniz Yücels Ergüssen zu sein, aber nach dem, was ich bis jetzt von ihm gelesen hab, bin ich ziemlich verwundert, daß er unter Leuten, mit denen ich eigtl halbwegs "auf Linie" bin, so viele Fans zu haben scheint...

    als Beispiel mal dieser Kommentar hier. Viel Gerede, nix gesagt.
    Unterm Strich les ich da nur "alles Nazis außer Mutti", und "Gleichschaltung" gibt's in deutschen Medien natürlich nicht...

    seine andern Texte (zumindest die ich kenne) haben ungefähr die gleiche Qualität und Richtung... eine Mischung aus Bild, PI und Jungle World.

    Zum Thema "Migrationshintergrund" — möglich, daß der bei verschiedenen Anfeindungen eine Rolle spielt.
    Daß man jmd andererseits auch nicht mehr "cool" finden muß, nur weil Ausländer — zumindest dieses Mindestmaß an Normalisierung sollte die Gesellschaft mittlerweile aber schon erreicht haben...

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    1. Ich kann nicht sagen, dass ich mit allem einverstanden bin bzw. alles toll finde, was der schreibt. Wenn er aber richtig liegt, dann meistens im Schwarzen. Wie Duderich schon anmerkte: Wenn der eine ganze Horde aufrechter Deutscher gegen sich aufbringt, wie bei den Kolumnen zur Fußball-WM und -EM, dann ergibt das ein Gesamtkunstwerk, das man im deutschsprachigen Journalismus nur sehr selten findet. Nicht zuletzt, weil da in sehr entlarvender Weise jede Menge Rassismus und braune Soße nach oben blubbern...

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  5. naja... MMN ist der Typ vor Allem ein narzißtischer Selbstdarsteller. Talent zur Polemik auf jeden Fall, aber das hat auch Brüderle im gewissen Maß.
    Wie auch immer, über Geschmack läßt sich bekanntlich nicht streiten.

    Gesamtkunstwerk, das auf jeden Fall... viele klicken vermutlich schon auf "Kommentare", bevor sie überhaupt den Text gelesen haben

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